2017 06 01 Manfred Scheuer und Michael Buenker mit Preistr gerInnen 20170601 174821 Lutter Team Bischoefe Web 150Der Ökumenepreis 2017 der katholischen und evangelischen Kirche wurde heuer erstmals vergeben. Im Rahmen eines Festaktes an der Universität Salzburg wurde er am 1. Juni 2017 von den Bischöfen Manfred Scheuer und Michael Bünker der „Vernetzung Ökumene Wien West“ übergeben.

Beim ausgezeichneten Siegerprojekt handelt es sich um einen "Leitfaden für eine gemeinsame christlich-jüdische Gedenkstunde zur Einstimmung auf den "Tag des Judentums", der jedes Jahr am 17. Jänner begangen wird.

Den Preis nahmen Elisabeth und Joachim Lutter, Kristin Hübner sowie Heinrich Bica im Namen der Ökumene-Vernetzung entgegen. Die Laudation hielt die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak. Der Festvortrag wurde vom Münchner Soziologen Armin Nassehi zum Thema: „Permanente Reformation. Politik, Religion, Kultur und Wissenschaft in komplexen Gesellschaften“ gehalten.

Kathpress berichtete dazu:

Salzburg, 01.06.2017 (KAP) An der Universität Salzburg ist am Donnerstagnachmittag erstmals der Ökumene-Preis der katholischen und evangelischen Kirchen in Österreich verliehen worden. Der Preis ging an die Initiative "Vernetzte Ökumene Wien West", die sich u.a. um den christlich-jüdischen Dialog bemüht. Beim ausgezeichneten Siegerprojekt handelt es sich um einen Leitfaden für eine gemeinsame christlich-jüdische Gedenkstunde bzw. Einstimmung auf den "Tag des Judentums", der jedes Jahr am 17. Jänner begangen wird.

Hinter dem Ökumene-Preis stehen die Österreichische Bischofskonferenz, der Evangelische Oberkirchenrat A. und H.B. und die Evangelisch-methodistische Kirche. Der Linzer Bischof Manfred Scheuer und der lutherische Bischof Michael Bünker überreichten den Preis an die Leiterin der "Vernetzten Ökumene", Elisabeth Lutter, und ihr Team. Der Jury gehörten die Leiterin der Religionsabteilung im ORF-Hörfunk, Doris Appel, der evangelische Pfarrer Michael Simmer und die Pastoraltheologin Prof. Regina Polak an.

Polak hielt auch die Laudatio und würdigte das innovative Projekt. Der Leitfaden diene zur Förderung von Frieden und geistlicher Ökumene, besonders durch das Gespräch und die Vertrauensbildung zwischen Christen und Juden; nach der Katastrophe der Shoa eine bleibende Aufgabe für die christlichen Kirchen, so Polak.

Ökumene bedeutet neben dem Ringen um Wiederherstellung der getrennten Kirchen immer auch "Heilung, Versöhnung und Wiederherstellung verletzter Einheit", betonte Polak. Zu dieser verletzten Einheit der einen Kirche Jesu Christi gehöre aus christlicher Sicht von Anbeginn an - "und tragischerweise auch" - die gewaltbehaftete Trennung bzw. Abspaltung vom Judentum. Deutlich sei, "dass diese Geschichte auf Seite der Christen von Anfang an mit abgründiger Verachtung, ja sogar Hass verbunden ist - einem fundamentalen Antijudaismus".

Konfessionsübergreifender Judenhass habe aber den geistigen Nährboden zubereitet, auf dem das rassistische Gedankengut des Antisemitismus wachsen konnte, so die Theologin. Die Katastrophe der Ermordung von sechs Millionen Juden habe die christlichen Kirchen gezwungen, sich dieser Mitschuld zu stellen. Polak: "Heute wissen jene Katholiken und Evangelische, die sich seither im christlich-jüdischen Dialog engagieren, dass Christinnen und Christen ihren eigenen Glauben gar nicht verstehen können ohne Dialog mit dem Judentum in Geschichte und Gegenwart, und zwar so wie es sich selbst versteht." Der christlich-jüdische Dialog sei "das grundlegende Thema für das Selbstverständnis als Christinnen und Christen, er ist elementar für die Identität der Kirchen".

Diese fundamentaltheologische Bedeutung des Judentums für das Christentum betreffe Katholiken und Protestanten gleichermaßen, so Polak: "Die Aufgabe, diese Geschichte zu erinnern und miteinander sowie vom Judentum in seiner Vielgestaltigkeit zu lernen, stellt sich beiden Kirchen - und sie ist noch lange nicht abgeschlossen." Beide Kirchen seien auf dem Weg, den spirituellen und theologischen Reichtum Israels als Fundament des eigenen Glaubens neu zu entdecken.

Polak wies auf den zunehmenden Antisemitismus - "global und in vielerlei Gestalt" - hin, "rechts wie links, demokratisch wie autoritär, muslimisch wie auch nach wie vor innerhalb der Kirchen". In diesem Zusammenhang werde deutlich, "wie notwendig und aktuell ein solches Projekt wie der hier prämierte Leitfaden ist".

Ausgeschrieben wurde der Ökumene-Preis aus Anlass des Jubiläums "500 Jahre Reformation". Mit dem Preis - eine Reise ins Heilige Land für zwei Personen - soll ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Einheit der Kirchen gesetzt werden, wie es in der Einladung zur Preisverleihung heißt. Den Festvortrag hielt der Münchner Soziologe Prof. Armin Nassehi zum Thema "Permanente Reformation. Politik, Religion, Kultur und Wissenschaft in komplexen Gesellschaften".


Verttreterin und Vertreter der „Vernetzung Ökumene Wien West“:Huebner Kristin neu 120Lutter Joachim 120Lutter Elisabeth 120Bica H 120

 

 

 

 


 Die Laudatio hielt die katholische Pastoraltheologin Regina Polak. Das Netzwerk: zeitgemäß glauben dokumentiert sie nachstehend.

Vorstellung des Projektes

Polak Regi 120

Seit 12 Jahren engagieren sich die Ökumene-Beauftragten der Wiener katholischen Dekanate 13-19 – die „Ökumene-Vernetzung“ - dafür, das Anliegen der Ökumene einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen. Zu den Schwerpunkten dieser Vernetzung gehört auch die gemeinsame Einstimmung auf den Tag des Judentums am 17. Jänner jeden Jahres. Seit 2013 haben bisher vier Veranstaltungen nach einem dafür eigenständig entwickelten Konzept stattgefunden, die auf breite Resonanz gestoßen sind – unter anderem in der Presse, im Rahmen eines Empfanges beim Bundespräsidenten, dem Institut für Judaistik, beim Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, mit dem die „Ökumene-Vernetzung“ eng zusammenarbeitet, und auch bei Jüdinnen und Juden.

Mithilfe eines gedruckten Leitfadens zum interkonfessionellen Gebrauch soll dieses Modell nun breiter bekannt gemacht werden. Der Leitfaden soll christliche Gemeinden verschiedener Konfessionen zur Übernahme dieses Modells anregen und auf diese Weise dessen Anliegen unterstützen: die Förderung von Frieden und geistlicher Ökumene, besonders durch das Gespräch und die Vertrauensbildung zwischen Christen und Juden - nach der Katastrophe der Shoa eine bleibende Aufgabe für die christlichen Kirchen.

Das Modell dient der Ergänzung sowie der Vorbereitung auf den ökumenischen Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen Österreichs am Tag des Judentums. Es ersetzt ihn nicht, sondern fördert eine bewusstere – und mit Blick auf Zukunft hoffentlich auch intensivere - Teilnahme. Diese Vorbereitung geschieht in ökumenischer Zusammenarbeit und gemeinsam mit Juden und Jüdinnen, fernab jeglicher Missionierungsabsicht.

Umgesetzt wird das Projekt in einem komplexen dialogischen Prozess – zwischen katholischen und evangelischen Christen, zwischen Christen und Juden, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft.

Der Leitfaden präsentiert Inhalt, Gestaltungsgrundsätze und Praxishinweise zu dieser Einstimmung, die als Gedenkstunde von Christen und Juden konzipiert ist. Die Gedenkveranstaltung findet jeweils in räumlicher Nähe zu einem zerstörten Ort früheren jüdischen Lebens, zumeist am Ort einer zerstörten Synagoge (2017: „Turner Tempel“, Wien 15) statt, wo mithilfe computergestützter Rekonstruktionen die Schönheit und Besonderheit jüdischer Kulturleistungen erlebbar wird. So werden nachvollziehbare Bezugspunkte für das jüdische Totengebet und das christliche Schuldbekenntnis geschaffen. Vertreter aus dem Judentum, der katholischen und evangelischen Kirche rezitieren religiöse Texte aus ihren heiligen Schriften und Traditionen; Zeitzeugen, Historiker und Vertreter der Gesellschaft erschließen multiperspektivisch Zugänge zu Geschichte und Gegenwart von Ort und Thematik. Auf diese Weise wird neben der Erinnerung an die Wurzeln des Christentums im Judentum und die vielfältige Schuld von Christen auch ein Gespräch zwischen Christen und Juden ermöglicht. Als Abschluss gibt es einen kleinen Imbiss, bei der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Veranstaltung, ihre Familiengeschichten, ihre Interessen unterhalten können.

Die Vorbereitung erfolgt in Absprache mit der israelitischen Kultusgemeinde und – so möglich – jüdischen Zeitzeugen und deren Nachkommen. Eingeladen werden über den pfarrlichen Raum hinaus auch Menschen aus der jeweiligen Region, so dass auch sog. „Fernstehende“ erreicht werden können. Dazu wird mit der jeweiligen Bezirksvorstehung kooperiert. Begleitend zu dem Leitfaden, der über vielfältige Medien und die Ökumene-Beauftragten bzw. Ausschüsse verteilt werden soll, bietet das Ökumene-Vernetzungsteam auch Informations- und Beratungsgespräche und konkrete Hilfe bei der Programmgestaltung an. Begleitet wird das Projekt von Öffentlichkeitsarbeit und der Dokumentation der Folgeveranstaltungen, weshalb der Leitfaden auch als ergänzungsfähige Ringmappe hergestellt wird.
Ich zitiere die jüdische Geschäftsführerin des KOA, Sarah Egger: „Die Veranstaltung erfüllt im Lauf von nur zwei Stunden alles, was es an Positivem im christlich-jüdischen Dialog gibt.“

Diese komplexe Form dialogischer Zusammenarbeit zwischen christlicher Ökumene und dem Judentum sowie der Gesellschaft erschien uns, dem Jury-Team (Bischof Michael Bünker, Dr. Doris Appel, Pfarrer Mag. Michael Simmer und mir) den Ökumenepreis 2017 wert zu sein – und freut sich sicherlich über den einen oder anderen Sponsor von offizieller kirchlicher Seite.

Begründung

Nun mag es seltsam erscheinen, dass wir mit diesem innovativen Leitfaden-Modell ein Projekt auszeichnen, dass in seinem ökumenischen Charakter vielleicht ebenso wenig auf den ersten Blick erkennbar sein könnte wie man damit anlässlich des Reformationsgedenkens und einer evangelisch-katholischen Preisvergabe rechnen würde. Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Daher einige Gedanken zur Begründung.

Ökumene bedeutet neben dem Ringen um Wiederherstellung der getrennten Kirchen immer auch Heilung, Versöhnung, Wiederherstellung VERLETZTER Einheit. Zu dieser verletzten Einheit der einen Kirche Jesu Christi gehört aus christlicher Sicht von Anbeginn an und tragischerweise auch die konfliktive Trennung, die gewaltvolle Abspaltung vom Judentum. Die jüngere religionsgeschichtliche Forschung zeigt, wie sich das, was wir heute als die beiden Religionen Judentum und Christentum kennen, im Verlauf der ersten Jahrhunderte durch Ab- und Ausgrenzung entwickelt hat. Sichtbar wird dabei, dass diese Geschichte auf Seite der Christen von Anfang an mit abgründiger Verachtung, ja sogar Hass verbunden ist – einem fundamentalen Antijudaismus, der sich auch im Alterswerk des Martin Luther finden lässt. Konfessionsübergreifender Judenhass aber hat den geistigen Nährboden bereitet, auf dem das rassistische Gedankengut des Antisemitismus wachsen konnte. Die Katastrophe der Ermordung von 6 Millionen Juden hat die christlichen Kirchen gezwungen, sich dieser Mitschuld zu stellen. Heute wissen jene Katholiken und Evangelischen, die sich seither im christlich-jüdischen Dialog engagieren, dass ChristInnen und Christen ihren eigenen Glauben gar nicht verstehen können ohne Dialog mit dem Judentum in Geschichte und Gegenwart, und zwar so wie es sich selbst versteht. Der christlich-jüdische Dialog ist das grundlegende Thema für das Selbstverständnis als Christinnen und Christen, er ist elementar für die Identität der Kirchen. Er ist nicht von außen heran getragen, sondern jede Katechese redet von Juden, jede Predigt interpretiert jüdische Texte.

Diese fundamentaltheologische Bedeutung des Judentums für das Christentum betrifft Katholiken und Protestanten gleichermaßen. Die Aufgabe, diese Geschichte zu erinnern und miteinander sowie vom Judentum in seiner Vielgestaltigkeit zu lernen, stellt sich beiden Kirchen – und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Beide Kirchen sind auf dem Weg, den spirituellen und theologischen Reichtum Israels als Fundament des eigenen Glaubens neu zu entdecken.

Wenn heute zugleich der Antisemitismus global und in vielerlei Gestalt wieder sein Haupt erhebt – rechts wie links, demokratisch wie autoritär, muslimisch wie auch nach wie vor innerhalb der Kirchen –, wird erkennbar, wie notwendig und aktuell ein solches Projekt wie der hier prämierte Leitfaden ist – ist er doch bestrebt, langjähriges Wissen und Erfahrung im konfessionsverbindenden Dialog mit dem Judentum einer breiteren Öffentlichkeit in den Kirchen wie in der Gesellschaft zugänglich zu machen. Dies ist umso wichtiger, als die Kirchen vor der Aufgabe stehen, das Bewusstsein für die nach wie vor anstehenden Aufgaben zu bilden und sie dafür zu gewinnen. Das prämierte Projekt, in dem sich evangelische und katholische Gläubige gemeinsam und auf eine überaus reflektierte wie auch zugleich emotional berührende Weise dieser Aufgabe stellen, wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten.