2017 Begräbnis Meisner 150Beim feierlichen Requiem für Kardinal Joachim Meisner im Kölner Dom waren 48 Bischöfe und Kardinäle angesagt. Einer von ihnen war der Privatsekretär von Joseph Ratzinger, Georg Gänswein. Dieser verlas ein Grußwort des emeritierten Bischofs von Rom.

Gänswein Meisnerbegräbnis150Das von Gänswein verlesene Grußwort enthielt neben der Würdigung des Verstorbenen deutliche Kritik am Zustand der katholischen Kirche. Der ehemalige Papst Benedikt verglich die Kirche mit einem Boot, das manchmal "fast zum Kentern angefüllt ist". Es brauche dringend "überzeugende Hirten", die der "Diktatur des Zeitgeistes widerstehen". Der Applaus der anwesenden Trauergäste machte es zum kirchenpolitischen Statement.

2017 Franziskus Meisner Benedikt 150Die beiden Passagen haben offensichtlich durch den erst kürzlich und überraschend erfolgten Wechsel an der Spitze der Glaubenskongregation Aufmerksamkeit erregt. Matthias Drobinski schreibt in der Süddeutschen Zeitung, der Adressat der Grußadresse sei Franziskus und die Grußadresse ein „Statement gegen diesen Kurs“.

Schüller Thomas 150Deutliche Kritik an der Grußadresse übt Thomas Schüller. Der Kirchenrechtsprofessor der Universität Münster stößt sich auch an dem nicht vorgesehenen, von Ratzinger selbst gewählten Titel „papa emeritus“ oder die Unterzeichnung mit Benedikt XVI. oder der noch immer von ihm getragenen weißen Soutane. Korrekt ist Joseph Ratzinger emeritierter Bischof von Rom und Kardinal. Ein schwarzer Talar wäre daher angemessen.

Der Inhalt der Grußadresse, der anschließende Applaus der anwesenden, vermutlich überwiegend (sehr) konservativen Trauergäste lässt Ratzingers Grußwort am Sarg seines langjährigen Weggefährten und Gesinnungsgenossens als Warnung für seinen Nachfolger erscheinen. Damit werden er und sein Grußwort instrumentalisiert. Die Trauerfeier wird so zum Kampfplatz zwischen den Veränderern und den Bewahrern.

Ob sich damit die Bewahrer etwas gutes tun? Wird so nicht Ratzingers Statement mit zum letzten Aufgebot?

Nachstehend hat das Netzwerk: zeitgemäß glauben den Kommentar von Matthias Drobinski und den Bericht des Kölner Domradios samt Kritik von Thomas Schüller nachstehend dokumentiert.


Aus der Süddeutschen Zeitung  vom 17. Juli 2017, 18:57 Uhr ein Kommentar von Matthias Drobinski

Katholische Kirche

Benedikt gegen Franziskus

Papst Franziskus l und sein zurueckgetretener Vorgaenger Benedikt XVI r haben bei der Feier d

Der alte Papst entwarf eine wohlkalkulierte Grabrede für Kardinal Meisner. Die Reaktion der Gläubigen zeigt, dass längst nicht alle hinter dem Reformkurs des derzeitigen Oberhaupts stehen.

Es ist doch nur ein Grußwort, könnte man sagen. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und der verstorbene Kardinal Joachim Meisner kannten sich ein halbes Leben lang, sie teilten die Sorge, dass die katholische Kirche dem Zeitgeist Tür und Tor öffnen könnte. Warum also sollte Benedikt nicht aus seiner römischen Klause heraus dem toten Amtsbruder einen letzten Gruß schicken, warmherzig und persönlich formuliert?

Die Worte aber, die Benedikt gewählt hat, zeigen: Dem alten Papst geht es nicht um ein paar warme Sätze am Sarg des Freundes. Das Grußwort ist ein Programm. Benedikt spricht von der "Diktatur des Zeitgeistes", der Kardinal Meisner widerstanden habe; er vergleicht den Zustand der katholischen Kirche mit einem Schiff im Sturm, das "schon fast zum Kentern angefüllt ist".

So hat Joseph Ratzinger schon einmal geredet: im Petersdom, am 18. April 2005, dem Tag, bevor die Kardinäle ihn zum Papst wählten. Es war eine so glänzende wie pessimistische Rede. Im Sturm der Gottlosigkeit und des Relativismus helfe es der katholischen Kirche nur, die Bordwände höher zu ziehen, die Luken zu schließen und die Schotten zu dichten.

Der alte Papst wählte seine Worte für Kardinal Meisner mit Bedacht

2005 glaubten viele Kardinäle, dies sei zukunftsweisend - und wählten Joseph Ratzinger. 2013, nach seinem Rücktritt, befanden viele Kardinäle, dass dieser Weg in die Krise geführt habe - und machten den Argentinier Jorge Mario Bergoglio zu Papst Franziskus.

Der sieht seitdem seine Aufgabe darin, die Luken des Schiffs wieder zu öffnen und die Abschottungen aufzubrechen, auch auf die Gefahr hin, dass mal eine Welle Zeitgeist über die Bordwand schwappt. Benedikts Grabrede ist ein Statement gegen diesen Kurs. Und auch, wenn der Mann 90 Jahre alt ist: Er ist wach und intelligent und hat gewusst, was er seinem Sekretär Georg Gänswein aufschrieb, damit der es in Köln vortrage.

Sein Adressat ist Papst Franziskus, seine Botschaft eine Warnung: Verrate mein Erbe nicht. Gerade erst hat Franziskus Kardinal Gerhard Ludwig Müller ziemlich harsch entlassen, den noch von Benedikt eingesetzten Präfekten der Glaubenskongregation - da klingt diese Warnung besonders laut. Müller und der vom Papst zum Rücktritt gedrängte Limburger Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst saßen unter den Traugergästen; sie dürften innerlich kopfnickend zugehört haben.

Die Gläubigen im Kölner Dom haben Benedikts Worten applaudiert, beim Grußwort des amtierenden Papstes blieben sie stumm - manche sicher, weil der alte Papst sich mehr Mühe gemacht hatte als der neue, dessen Text auffällig nichtssagend blieb. Viele der überwiegend konservativen Katholiken aber, die im Dom Kardinal Meisner die letzte Ehre erwiesen, dürften gedacht haben: Hier redet der richtige Papst - und dann gibt es noch den neuen, den ein Irrtum der Geschichte nach Rom gebracht hat. Wer immer dachte, die Katholiken hielten durchwegs Kirchenreformen für notwendig, der konnte bei Meisners Begräbnis sehen: Er irrt. Die Auseinandersetzung hat gerade erst begonnen.


Kirchenrechtler zu Kritik an Benedikt-Grußwort Kampagne gegen Franziskus?

Quelle ist das Kölner Domradio

Er konnte nicht selber an der Beisetzung von Kardinal Meisner teilnehmen und ließ deshalb von seinem Privatsekretär Georg Gänswein ein Grußwort verlesen. Doch diese Zeilen des eremitierten Papstes Benedikt XVI. stoßen jetzt auf Kritik.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI. wird nach Einschätzung des katholischen Kirchenrechtlers Thomas Schüller von Franziskus-Kritikern instrumentalisiert. Sein Privatsekretär Georg Gänswein und andere aus dem nahen Umfeld "benutzen den ehemaligen Papst, um ihn als Gegenpapst zu Franziskus in Stellung zu bringen", sagte der Professor an der Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die deutlich hörbare Kritik in dem Grußwort, das Gänswein im Namen von Joseph Ratzinger am Samstag bei der Beerdigung von Kardinal Joachim Meisner in Köln verlesen habe, sei eine "Stillosigkeit und ein Kirchenpolitikum", sagte Schüller.

"Frustierte und Enttäuschte"

Dahinter stünden "Frustrierte und Enttäuschte, die davon überzeugt sind, dass der jetzige Papst die kirchliche Lehre verrät", sagte der Direktor des Instituts für kanonisches Recht der katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Münster. Er glaube nicht, dass der ehemalige Papst selbst die treibende Kraft sei. Aber er spiele das Spiel mit. Schon in der Amtszeit Benedikts von 2005 bis 2013 sei erkennbar gewesen, dass der Papst keine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Berater habe und oft nicht merke, was mit ihm öffentlich passiere.

Das im Kölner Dom von Erzbischof Gänswein verlesene Grußwort enthielt neben der Würdigung des Verstorbenen deutliche Kritik am Zustand der katholischen Kirche. Der ehemalige Papst Benedikt verglich die Kirche mit einem Boot, das manchmal "fast zum Kentern angefüllt ist". Es brauche dringend "überzeugende Hirten", die der "Diktatur des Zeitgeistes widerstehen". Gänswein ist auch Präfekt des Päpstlichen Hauses von Franziskus.

Kampagne gegen Franziskus?

Bei seinem Rücktritt habe Benedikt angekündigt, er wolle in Zukunft ausschließlich in der Stille für die Kirche beten, sagte Schüller. Doch genau das Gegenteil passiere: "Öffentlicher als jetzt im Kölner Dom kann man sich nicht positionieren." Und auch wenn der frühere Papst sich nicht offiziell äußere, nutzten seine Anhänger immer wieder Auszüge aus Briefen oder kolportierten Zitate, um sie gegen Papst Franziskus zu wenden.

Für Schüller ist das Teil einer Kampagne gegen Franziskus. So habe Gänswein kürzlich in der Päpstlichen Universität Gregoriana davon gesprochen, dass es derzeit zwei Päpste gebe: einen aktiven Papst und einen kontemplativen, betenden, emeritierten Papst.

"Das ist dogmatisch und kirchenrechtlich Unsinn. Papst Benedikt ist zurückgetreten, und die Amtsbezeichnung emeritierter Papst, papa emeritus, die er für sich erfunden hat, gibt es nicht", betonte Schüller. Aus Papst Benedikt XVI. sei der emeritierte Bischof von Rom geworden oder auch Kardinal Joseph Ratzinger. Dass Ratzinger nach wie vor die weißen päpstlichen Gewänder trage, sei ein Bruch mit der Tradition.