Takim Abdullah 120In seinem Vortrag am 1. März 2017 zeichnete Abdullah Takim ein Spannungsfelde im Islam. Ein auf Tradition gestützter steht im Widerstreit mit einem auf den Koran gestützen Islam. Takim stellte die auf Süleman Ates zurückzuführende These vor: Aufklärung durch den Koran. Ates lehnt den Aberglauben ab und wirbt für eine Aufklärung durch den Koran.

Den Vortrag veranstaltete das FORUM ZEIT UND GLAUBE. Abdullah Takim ist seit 2016 Professor für klassische und moderne Koranexegese am Institut für Islamisch-theologische Studien an der Unsiversität Wien. Zuvor hatte er eine Professur für Islamische Religion an der Göthe-Universität in Frankfurt.

Nachstehenden Artikel hat Takim 2009 für CIBEDO-BEITRÄGE zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen 2009 geschrieben.

 Eine neue Koranexegese

Der bekannte türkische Koranexeget Süleymqn Ales und sein zeitgenössischer Korankommentar

von Abdullah Takim, Frankfurt am Main

1. Koranexegese im 19. und 20. Jahrhundert als Mittel zur Erneuerung der islamischen Welt

Der Koran hat im Leben der Muslime eine zentrale Stellung. fun Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Korankommentare verfasst. Ziel dieser Kommentare war und ist es, den Koran verständlich zu machen. Der Koranexeget selbst versucht natürlich innerhalb seines Wissenshorizonts, das göttliche Wort seinen potentiellen Lesern zu erklären. Daher besitzt keine Auslegung des Korans einen Absolutheitsanspruch. Das heißt, dass die Interpretation des Koranexegeten nicht identisch ist mit dem \Wort Gottes. Jede Interpretation ist in diesem Sinne relativ und praxisorientiert, denn der Koranexeget intendiert, den Koran gemäß den Bedürfnissen seines Zeitalters zu interpretieren und verständlich zu machen'

Das Gleiche gilt für das 19. und 20. Jahrhundert, welches für die Muslime die Gelegenheit bot, neue Korankommentare zu schreiben, denn die technisch und wissenschaftlich unterlegenen Muslime mussten sich mit den sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften des Westens auseinandersetzen' um erstens mit den neuesten Entwicklungen Schritt zu halten und zweitens zu zeigen, dass kein \Widerspruch zwischen den koranischen Inhalten und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Modenre existierte. Dies war auch eine Art moderner Apologie des Isiams gegenüber denjenigen, die behaupteten, der lslam sei fortschrittsfeindlich und rückständig. Als eines der vielen Produkte dieser Auseinandersetzungen entstanden moderne Korankommentare. Die Koranexegese des 19. und 20. Jahrhunderts zeichnet sich deswegen dadurch aus, dass sie sich mit den modernen Errungenschaften des Westens auseinandergesetzt und so neue Methoden der Korandeutung entwickelt hat. Das heißt mit anderen Worten, dass in den modernen Korankommentaren apologetische Züge vorhanden sind, die die Reaktion der Korankommentatoren auf den Westen widerspiegeln. Kurzum, der Einfluss des Westens auf die modernen Korankommentare ist unverkennbar. Die modernistischen Koranexegeten behaupten, dass die ,,wahre Botschaft des Koran“ nicht verstanden worden ist. Aus diesem Grunde müsse der Koran nach ihrer Meinung rationälistisch ausgelegt werden, wobei erfundenen Prophetenüberlieferungen (z.B. schwachen Haditen) wenig Beachtung geschenkt werden sollte. Die Devise dieser modernen Koranexegeten lautet deswegen; Zurück zu den wahren Quellen: zum Koran und den authentischen Haditen. Durch diese Neuorientierung werden der Koran und der Islam ihrer Ansicht nach vom Aberglauben befreit. Die Adressaten der modernen Korankommentare sind nicht mehr hauptsächlich die Gelehrten wie früher, sondern neben diesen auch die breite Masse' Folglich muss bei der Erklärung des Korans eine einfache Sprache benutzt werden, um die Botschaft des Korans zu vermitteln. Parallel dazu wurden auch Korankommentare in nichtarabischen Sprachen verfasst, die lokalspezifische Probleme der Muslime behandelten und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Schließlich wurden die modernen Korankommentare auch als Mittel benutzt, um reformistisches Gedankengut zu verbreiten (Rippin 1987, 242; RipPin 1998, 87f.; Jansen 1974 ,VIII, 18f.).

Es ist hier natürlich nicht möglich, auf all diese modernen Korankommentare und Ansätze zur Korandeutung einzugehen, jedoch will ich besonders den Korankommentar von Muhammad 'Abduh und Rasid Ridä (Adams 1968, 18-103, 177 -204; Hourani 1962, S, 130-160, 222-244) erwähnen, deten\flerk a1s Protoqyp fur die moderne Koranexegese gilt und die traditionelle Exegese mit der Moderne verbindet (Smith 197 5, 183f., I87).

2. Der aufklärende Koran oder: von Neuem zum Islam

Für viele islamische Modernisten oder Erneuerer ist der Koran ein Buch, das die Menschen aufgeklärt hat und immer noch aufklären soll. So ist ftir den Modernisten $akib Arslän (1869-1946) der Koran, vorausgesetzt man versteht ihn richtig, ,,ein aufgeklärtes Buch" und als Folge davon ,,der Islarn eine aufgeklärte Religion" (Wild 2001, 38).

Nasr Hämid Abü Zaid serzt sich in einem kleinen Artikel ebenfalls für eine Aufklärung durch den Koran ein und zwar mit Hilfe einer neuen Deutungsmethode. Die Überschrift dieses Artikels lautet ,,Koraninterpretationen fir eine islamische Aufklärung". Hier versucht er, mit der traditionellen Sicht- und Deutungsweise des Korans zu brechen und eine Koraninterpreration ,,in universeller Dimension" zu entwickeln (Abu Zaid 200I, 14f.).

Ein anderer Koranexeget, der eine Aufklärung durch den Koran erreichen will, ist Süleyman Ates. Ates ist einer der renommiertesten und zugleich umsrrittensten islamischen Theologen der heutigen Türkei. Er gehört zu den Theologen, die den Islam und den Koran ,,neu verstehen und deuten" wollen. In seinem Korankommenrar in zwölf Bänden mit dem Titel Yüce Kur'än.'in Cagdas Tefsiri: Die zeitgetzössische Interpretation des erhabenen Korans (Istanbul 1988-1992) lehnt Ates den Aberglauben ab und wirbt für eine Aufklärung durch den Koran (4/459 ff) 1). In seinem Buch Yensiden Isläma: Von Neuem zum Islam (Istanbul 1997) hat er viele seiner originellen Gedanken, die er in seinem Kommentar ausführlich dargestellt hat, zusammengefasst. Er sagt, dass er dieses Buch, das den Untertitel ,,Die Universale Botschaft des Erhabenen Korans" (Kur'äne KertmTrz Eurensel Mesajt) trägt, verfasst hat, um ,,die Wahrheiten des Islams, die geistige Einheit der Ofenbarmgsreligionen und den aufgeklärten Weg des Korans ans Tageslicht zu bringen". Wer das umfangreiche Werk Enzyklopädie des Korans (Kur'än Ansiklopedisi, Istanbul 1997-2003) in 30 Bänden von Süleyman Ates schon einmal in der Hand hatte und einige Artikel daraus gelesen hat, die sich mit Erneuerung beschäftigen, weiß, dass Ates auch hier fiir eine Aufklärung durch
den Koran wirbt. Auch an anderen Stellen seiner Schriften äußert sich Süleyman Ates zu seinem Vorhaben. ln einem Gespräch sagte er einmal dazu:

,,Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich festgestellt, dass der Koran nicht ganz verstanden worden ist. Der Koran ist noch unetfotscht. Es gibt zwar eine gelebte Religion, aber im Grunde genommenen ist diese gelebte Religion keine Religion des Korans. Was man unter Religion versteht, ist nicht das, was im Koran als Glaube abgehandelt wird. Ich arbeite, um den Glauben des Korans dem Aberglauben überlegen zu machen und um die reine Religion des Korans, die sich auf den koranischen Glauben stützt, darzulegen" (Selcuk l997 , 68),

3. Der dynamische Geist des Gotteswortes und die universale Botschaft des Korans

Die Intention von Süleyman Ates beim Verfassen seines Korankommentars bestand, vereinfacht ausgedrückt, darin, den Koran von den Hinzufügungen der Koranexegeten zu befreien und so darzustellen, wie er ist (1/59). Dieser Ansatz ist bei vielen anderen modernen islamischen Gelehrten auch zu finden (Jansen 1974, 97; Kermani 1996, 16,23) 2). So äußert sich Annemarie Schimmel zum Anliegen der islamischen Erneuerer wie folgt:

,,Denn die Reformer - beginnend mit Schah Wali Allah - wussten, dass unter den zahllosen Konmtentaren, Supperkommentaren und Scholien, die sich im Laufe der Jahrhunderte um den Text des Korans gelegt hatten, der eigentliche dynamische Geist des Gotteswortes erstickt, versteinert war, so dass der Gläubige keinen direkten Zugang mehr zu ihm hatte" (Schimmel 1989, 81 f.).

Die kritische Haltung zur islamischen Kultur spielt also bei Ates auch eine wichtige Rolle, denn durch sie soll der Islam neu verstanden werden. Dadurch kommt auch die universale Botschaft und Dimension des Korans zum Vorschein, denn der Koran enthält Prinzipien, die jederzeit gültig sind. Der Koran wird somit neu gedeutet, wobei vom Koran aus keine Bedenken bestehen, die Menschenrechte und die Demokratie zu akzeptieren. Mit anderen Worten: Man kann dies alles dadurch erreichen, dass man den Koran richtig versteht. Zuvor muss aber der Weg zur wahren Botschaft des Korans freigeschaufelt werden, den die klassischen Kommentare zugebaut haben. Süleyman Ates kritisiert also den klassischen Diskurs, der unter den Religionsgelehrten geführt wurde und das wahre Licht des Korans nicht durchscheinen lässt. Nur durch die Befreiung aus den Fesseln der Tradition und mit einem neuen Diskursverständnis kann der Koran sein wahres Gesicht erlangen. Deswegen müssen auch die wahren Ziele (amac) und Intentionen des Korans festgestellt werden, denn durch sie soll Richtiges von Falschem geschieden werden. Begriffe wie Erneuerung (tagdid) und persönliche Rechtsfindung (igitihad) stehen für Ates deswegen im Vordergrund, während die blinde Nachahmung (taqlid), die Übertreibung und der Fanatismus in der Religion abgelehnt werden (1/278f.; 3/40f ., 211, 530; 7 /84; 11, 121517 6;vg1. auch Ates 1997 a, 143f .; Ates 1997 -2003, 7 1220-227).

Einer der Gründe, warum die islamische Welt zurückgeblieben ist, stellt also für Ates die falsche Auslegung des Islams durch die Religionsgelehrten dar, die durch ihre engstirnigen, haarspalterischen und dem Koran widersprechenden Auslegungen die Hände und Füße der Muslime gebunden haben. Dadurch wurde praktisch der Geist der Offenbarung erstickt und der Fortschritt gehemmt (4/534; 7/84; vgl. auch Ates 1997a, 140f.). Diesen Standpunkt teilen auch andere islamische Modernisten. Annemarie Schimmel fasst den Ansatz dieser Modernisten wie folgt zusammen:


,Jede Reformbewegung im Islam hat sich gleichfalls am Koran zu orientieren. […] [Die Modernisten] gelangten zu der Überzeugung, dass es die Muslinte seien, die im Laufe der Jahrhunderte um den einfachen Kern des heiligen Buches eine Unmenge aon Literatur zweiter und dritter Hand, Kommentare und Superkommentare, gehäuft und so den lebendigen schöpferischen Atem dieser Schrift fast erstickt hätten. Es sei, so behaupteten Modernisten aller Richtungen, höchste Zeit, auf die koranische Offenbarung als einzige Grundlage des Islam zurückzugehen [...]; richtig interpretiert gebe der Koran Weisung für jeden denkbaren Fall im privaten und politischen, im religiösen und sozialen Bereich" (Koran. Einleitung von Schimmel 1992,21f.).

4. Rückkehr zum Koran und die Aktualisierung der ursprünglich-koranischen Botschaft

Das Vorhaben von Süleyman Ates kann man näher wie foigt beschreiben:

Damit die Muslime sich in allen Bereichen, insbesondere in den Natur- und Geisteswissenschaften entwickeln können, müssen sie zu der reinen koranischen Botschaft zurückkehren. Um aber auf die koranische Botschaft zurückgreifen zu können, muss sie richtig verstanden werden. Dies kann man als ,,Rückkehr zum Koran" (2/425 ; 4/98; 6/243) bezeichnen. Hieraus folgt die Notwendigkeit der Übersetzung des Korans in andere Sprachen und seiner Kommentierung. Diese ,,Rückkehr zum Koran" wurdein der Türkei von Süleyman Ates eingeleitet. Aus diesem Grunde hat er viel Kritik und zugleich auch viel Lob geerntet.

Süleyman Ates stellt sich also die Frage, was die Botschaft des Korans für die Muslime und die ganze Menschheit in unserer heutigen Zeit sein kann. Er geht vom Koran aus und nicht von anderen wissenschaftlichen Maßstäben. Das heißt, dass Ates in den Koran nicht die modernen Errungenschaften hineindeutet oder diese im Koran nicht suchen und finden wiil, wie z.B, einige andere Koranexegeten oder muslimische Ingenieure, Ärzte und Naturwissenschaftler, die im Nachhinein moderne Erfindungen in den Koran hineindeuten. 3) Dieser Ansatz wird von Ates kritisiert, weil er, absolut verstanden, den Muslimen schaden und sie irreführen kann. Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse ändern sich ständig, und dadurch können auch die früheren Deutungen der Verse aufgehoben werden. Ates gibt dazu ein Beispiel: Im Mittelalter haben Muslime durch den Koran zu beweisen versucht, dass die Erde eben ist. Als bewiesen wurde, dass die Erde eine Kugelgestalt besitzt, hat man mit der gleichen Methode im Koran nach Versen gesucht, aus denen hervorgeht, dass die Erde rund ist. Die Menschen versuchen also – beeinflusst durch das Zeitalter, in dem sie leben -, das jeweilige \Wissen im Koran nachzuweisen. Dies ist jedoch nicht richtig. Vielmehr muss man die ursprüngliche Botschaft des Korans verstehen, um
dem modernen Muslim ein Vademekum an die Hand zu geben, mit dem er sich an seine Umwelt anpassen kann. Eine starke muslimische Persönlichkeit soll also helfen, mit einem neuen, doch immer an die ursprüngliche Botschaft des Korans gebundenen Verständnis mit der Anforderungen der Moderne fertig zu werden. Denn der Koran ist für Ates eine Botschaft, die nie ihre Ausstrahlung verlieren wird, weil sie göttlichen Ursprungs ist. Diese göttliche Botschaft sollte deswegen nicht als ein Instrument missbraucht werden, um bestimmte Ziele, seien sie politisch oder wissenschaftlich, zu erreichen (3/448f.; 5/132f.) .

Jahrhundertelang wurde dies aber getan (4/147). Der Sinn und Zweck der Herabsendung des Korans wurde vergessen.'Was für ein Buch ist nun der Koran? Wozu ist er herabgesandt worden? Ist der Koran, wie viele es behaupten, ein Buch, in dem man alles finden kann, was man sucht? Dazu sagt Süleyrnan Ates Folgendes:

,Jeder fand das, was er suchte, im Koran, somit wurde der Koran in den Händen der Philosophen ein Philosophiebuch, in den Händen der ,Lauteren Brüder' (Ihwän aq-$afa') und der Bätiniten ein Rätselbuch, ja ein Buch (voller) Geheimnisse; in den Händen der Süfis ein mystisches Buch, in dem jeder einzelne Vers in sich sieben Bedeutungen trägt, die voneinander verschieden sind; in den Händen der extremen Schiiten ein Buch der Rechtsschule, das die Heiligkeit von 'Ali und seinen Söhnen besingt; in den Händen der Hurüfis und der Bektasis ein Wahrsagerbuch, aus dessen Versen, mit der Onomantie (gafr), die sich auf die Buchstabenberechnung stützt, die wiederum ihre Wurzeln in der jüdischen Kabbala hat, die zukünftigen Ereignisse ablesbar sind; und in den Händen der Modernisten, die im letzten Jahrhundert aufgetaucht sind, ein Astronomie-, Physik-, Chemie- und ein Biologiebuch. [...] Dies alles sind extreme Vorgehensweisen. Das Ziel des Korans ist es nicht, den Menschen Astronomie und Physik zu lehren oder Geschichte nachzuerzählen, sondern den Menschen von dem, was sie selten, und aus der Vergangenheit Beispiele zu geben, um sie damit rechtzuleiten" (1/55; vgl. Auch 5/132f.)'

5. Rückhalt im Eigenen

Der Komrnenter von Ates kann als ein Versuch gewertet werden, die wahre Botschaft des Korans darzulegen und den Islam so in die moderne Zeit zu integrieren oder zum Teil die Moderne durch den Koran zu islamisieren. Jedoch muss man auch anmerken, dass es eine ,,Menge von Islam-Iruterpretationen" (Waardenburg 1974,284) gibt, die beanspruchen, wahr zu sein (Smith 1972, 121-I39 ; Waardenburg 1993, 750b). Der Versuch von Süleyman Ates, den Koran zeitgenössisch zu
deuten und so ein modernes Islam-Bild zu entwerfen mit dem Anspruch, den Ur-Islam zu repräsentieren, kann mit der These von Grunebaums, der den ,,modernen Islam als eine Suche nach kultureller Identität" (Waardenburg 1993, 750a) interpretiert, erklärt und gedeutet werden. Dernnach sucht Ates die „kulturelle Identtität" der Muslime im Koran. Denn durch die wahre Lehre des Korans sollen die Muslime Kraft schöpfen, um eine starke Persönlichkeit zu entwickeln und so die zeitgenössischen Probleme zu lösen (1 /252 f .; 5 /132 f.)'. Walther Braune würde sagen, dass Ates durch den Koran ,,Rückhalt im Eigenen" sucht und deswegen die Grundquellen des Islams richtig verstehen will (Steppat 1983, 24). Diese Rückkehr zu den Grundquellen, also in erster Linie zum Koran, ist keine Rückkehr, die im Zeitalter des Propheten stehenbleibt, also keine „Rückkehr ins Mittelalter" (Steppat 1983,36). Man kann dies auch mit denWorten des indischen Islamgelehrten Asaf A, A. Fyzee veranschaulichen. Fyzee sagt:

„... für mich steht fest, dass wir nicht zum Koran ,zurück' gehen können, sondern mit ihm ,vorwärts' gehen müssen. Den Koran verstehen, wie die Araber zur Zeit des Propheten ihn verstanden, will ich nur, um ihn neu zu interpretieren, ihn auf meine Lebensbedingungen anzuwenden und an ihn zu glauben, insofern er mich als Menschen des 20. Jahrhunderts anspricht" (zitiert nach Wielandt 1971, 159).

6. Koranische Rationalität als Mittel zur Kritik der religiösen Tradition

Süleyman Ates benutzt die traditionelle Methode der Koranexegeten und setzt sich so mit ihnen auseinander. Er will sie mit ihren eigenen Methoden schlagen. Dabei entwickelt Ates eine ,,koranische Rationalität", die er zwar nicht in eine Theorie kleidet, die aber in der Äuseiuandersetzung mit dem Koran von selbst entsteht, weil im Koran keine Widersprüche vorhanden sind. Hayri Kubasoglu, ein bekannter Theologe aus der Türkei, bewertet einen Vortrag von Süleyman Ates über die Gründe, warum man eine neue Koraninterpreration verfassen sollte und sagt dazu, dass Ates in seinem Kommentar eine Rationalität entwickelt hat, die sich auf den Koran stürzt. Er bemerkt des Weiteren, dass Ates in der Türkei in dieser Hinsicht eine Pionierarbeit geleistet habe und für die Theologen deswegen ein Vorbild sei. Diese Methode von Ates müsste man weiterentwickeln, um zu fruchtbaren Ergebnissen in den islamischen Wissenschaften zu gelangen, die nicht der Vernunft widersprechen (Ates 2002,157-161).

Der Koran besitzt also laut Ates eine innere Logik, die von Widersprüchen frei ist. Dies kann man durch eine Analyse des Korans feststellen, und der Koran weist auch selbst darauf hin:

,,Denken sie denn nicht sorgfältig über den Koran nach? Wenn er (der Koran) von einem anderen als Gott wäre, würden sie in ihm viel Widerspruch erfahren" (Koran 4 : 82).

Mit dieser „koraischen Rationalität", die förmlich ein geistiges Netzwerk darstellt, versucht Ates, die Widersprüche in den Kommentaren und den anderen islamischen Wissensgebieten aufzudecken, um sie durch die koranischen Wahrheiten zu ersetzen (1/76; 2/ 329 ; 9/41). Deswegen ist Ates‘s Haltung zur islamischen Tradition zwiespältig. Er bricht mit dieser Tradition, wenn diese Tradition dem Koran widerspricht. Andererseits ist für ihn die Tradition wichtig, um sich dadurch zu definieren und auch zu legitimieren. Der Bruch mit der Tradition und zugleich die Anknüpfung an dieselbe Tradition gehören also zu den Kennzeichen des Kommentars. Stefan Wild sagt, dass es im Islam leicht ist, neue koranexegetische Ansätze mit der Tradition zu verknüpfen, weil die islamische Koranexegese eine Pluralität von Ansätzen in sich birgt (Wild 2001, 33).

Ates will somit das islamische Recht von Lasten befreien, die seit Jahrhunderten die Entwicklung und den Fortschritt der Muslime hemmen. Deswegen wird alles, was fortschrittshemmend ist, von ihm aufgrund des Korans abgelehnt, weil der Koran selbst ein Buch ist, das den Fortschritt will. Die ersten Jahrhunderte in der islamischen Geschichte zeigen, dass die Muslime, die sich an den Koran gehalten haben, große Entwicklungen und Fortschritte auf allen damaligen Wissensgebieten gemacht haben. An diese Tradition und Geisteshaltung muss deswegen angeknüpft werden (5/132f; 11/357-363; vgl. auch Ates 1994, 169f,), was ja Europa getan hat. Schließlich ist das Wissen der Menschheit ein Allgemeingut. Jeder kann davon profitieren. Dabei sollte man aber nicht die religiösen, ethischen und moralischen Werte vernachlässigen, denn sie machen eigentlich eine Zivilisation aus. Ates lehnt also die „Islamisierung des Wissens" ab. Eine solche Position wird jedoch von einigen zeitgenössischen rnuslimischen Gelehrten vertreten (Farschid 2000-2001,100-106).

7 . Die Ziele des Korans und die Voraussetzungen einer wissenschaftlichen Koranexegese

Ates weist auf die Prinzipien oder Grundsätze im Koran hin, von denen die Demokratie, die Meinungs- und Gewissensfreiheit, der Fortschritt und die Menschenrechte abgeleitet werden können. ]m Zentrum der Beziehungen zu den Anhängern der anderen Offenbarungsreligionen und der Menschen überhaupt sollte der Frieden stehen, denn der Koran gebietet, mit den Menschen, die nicht angreifen , in Frieden zu leben. Ates geht davon aus, dass durch diese Neubesinnung und die Anwendung dieser koranischen Werte eine Erneuerung auf allen Gebieten der Gesellschaft möglich ist. (2/127 f.; 4/267-269; 1/1336-376). Die folgenden Ziele des Korans spielen für ihn dabei eine wichtige Rolle:

  1. „Das erste Ziel des Korans ist es, die drei Fundamente der Religion wiederherzustellen. Diese Fundamente sind 1. der Glaube an Gott, 2. der Glaube an das Jenseits und 3. die guten Taten. [ … ]
  2. Das zweite Ziel des Korans ist es, die Institution des Prophetentums den Menschen zu erklären. [ … ]
  3. Das dritte Ziel des Korans ist es, deutlich zu machen, dass der Islam der Konstitution (Schöpfung, Erschaffung, Naturanlage) des Menschen angemessen ist und dass er die einzige Religion ist, die auf Vernunft, Weisheit und Wissenschaft basiert. [ … ]
  4. Das vierte Ziel des Korans ist es, die soziale und politische Einheit und die Gerechtigkeit zu gewährleisten. [ … ]
  5. Das fünfte Ziel des Korans ist es, das Eigentum zu schützen. [… ]
  6. Das sechste Ziel des Koran ist es, im Kriegsfall die Aggressivität zu verhindern. [ … ]
    A) Man kämpft um den Krieg abzuwehren. Diejenigen anzugreifen, die nicht angreifen, ist strengstens verboten. [ … ]
    B) Das Ziel des Krieges ist es, die gewaltsame Unterdrückung zu verhindern, die Sicherheit der Menschen zu garantieren, alle Offenbarungsreligionen zu schützen u7nd einen Zustand zu erreichen, in dem die Glaubensfreiheit garantiert wird. [ … ]
    C )Der Friede ist immer dem Krieg vorzuziehen. [ … ]
    D) Man sollte immer auf den Krieg vorbereitet sein, um sich vor den Angriffen zu schützen und um nicht überrascht zu werden. [ … ]
    E) Man sollte im Krieg gütig und barmherzig sein. [ … ]
    F) Die Vertragsbedingungen sind einzuhalten, der Vertragsbruch ist verboten. [ … ]
    G) Von demjenigen Feind, der im Krieg angegriffen hat und dann eine Niederlage erlitten hat, wird eine Kriegssteuer gefordert, die gizya (Kopfsteuer) heißt. [ … ]
  7. Das siebente Ziel des Korans ist es, den Frauen alle zivilisatorischen und sozialen Rechte zu gewährleisten. [ … ]
  8. Das achte Ziel des Korans ist es, die Menschen aus der Sklaverei zu befreien“ (Ates 1998a, 6-60).

Das heißt, Ates will eine Modernisierung, die mit dem Geist des Korans übereinstimmt. Für ihn steht also fest, dass eine grundlegende Veränderung und Verbesserung im politischen, sozialen und rechtlichen Bereich in islamischen Ländern nur durch eine Erneuerung durch den Koran, also durch ein richtiges Verständnis des Korans, erzielt werden kann (Ates 1994, 169-170). Deswegen zählt Süleyman Ates auch die Bedingungen auf, die ein Koranexeget erfüllen muss, um eine gute Auslegung des Korans schreiben zu können und damit die Absicht Gottes im Koran zu erkennen:

  1. Der Koranexeget muss den Inhalt der Offenbarungsschriften, die vor dem Koran herabgesandt worden sind, kennen (1/233). Damit einhergehend ist es auch gut, wenn er neben dem Arabischen einige weitere semitische Sprachen beherrscht.
  2. Des Weiteren muss der Koranexeget die Zeitumstände und Milieuverhältnisse kennen, die vorherrschten, als der Koran herabgesandt wurde. Das heißt, er muss die Denkart und die Wertsysteme der Menschen kennen, die in dem Zeitalter gelebt haben.
  3. Ferner muss er die Geschichte der Offenbarungsreligionen und der gahiliya (der vorislamischen Zeit) sehr gut kennen, denn dadurch kann er die originären Positionen des Korans feststellen.
  4. Der Koranexeget muss sich auch in einem bestimmten Maße mit den Naturwissenschaften beschäftigen, um diejenigen Koranverse erklären zu können, die sich auf die Naturereignisse beziehen.
  5. Die Hadithwissenschaften muss er kennen (1152-55).
  6. Soziologische Kenntnisse muss er besitzen (2194).
  7. Die Bedingung dafür, dass man den Koran auslegen kann, besteht nach Süleyman Ates schließlich darin, dass man den ganzen Koran auswendig wissen muss, damit man dadurch die Verse in ihrem Offenbarungskontext erklären kann (Ates 1990, 82).

8. Der Koran als Maßstab für den Paradigmenwechsel in der islamischen Theologie

Mit diesem Ansatz ist Ates in der Türkei auf \Widerstand gestoßen, hat aber auch Lob geerntet. Trotz dieses vehementen Widerstandes hält Stileyrnan Ates es für notwendig, das, was seit Jahrhunderten gelehrt wird, mit einer wissenschaftlichen Gesinnung unter der Benutzung des Korans als Maßstab zu hinterfragen und von neuem zu überdenken. Denn wenn man einige Glaubensprinzipien, die von islamischen Gelehrten mit bestimmten religiösen Inhalten gefülllt worden sind, mit dem Koran vergleicht und einer kritischen Prüfung unterzieht, so erkennt man leicht, dass viele dieser Inhalte falsch sind und dem Koran widersprechen. Die religiöse Kultur muss deswegen mit einer wissenschaftlichen Methode durch den koranischen Filter gereinigt werden (4198; 519 f.; vgl. auch Ates 1993, 223-225)'

Die ,,koranische Rationalität" ist also auch hier gefragt. Ates sagt in seiner Koranenzyklopädie, nachdem er Beispiele für das falsche Verständnis des Korans gegeben hat, dass ,,die Muslime keinen wissenschafilichen und gedanklichen Sprang machen können", wenn sie nicht diese falschen Ansichten, Deutungen und Überlieferungen von neuem überdenken und durch den koranischen Filter reinigen. Schließlich gibt er zu erkennen , dass ,,die Muslime mit einer Bevölkerungszahl von mehr als einer Milliarde ein nettes Erwachen und einen wissenschaftlichen Sprung nach vorn, eine Modernisierung, mit anderen Worten eine Renaissance sehr nötig haben". Dazu müssen zuerst die religiösen Institutionen und theologischen Fakultäten reformiert werden, denn in diesen Institutionen (in der Türkei) wird größtenteils ,,die scholastische Gesinnung eingeimpft" und ,,das geschichtliche Kulturerbe kritiklos gelehrt, das Falsche wird als das Richtige dargestellt, und der Student wird nicht zum Koran, sondern wiederum dazu geleitet, zu akzeptieren, dass die Traditionen richtig sind" (Ates 1997-2003, 25/89). Dies bedeutet, dass Ates in der islamischen Theologie für einen Paradigmenwechsel plädiert, so dass der Koran im Zentrum steht. Deswegen sagt er auch, dass der Koran ,,die Grundhypothese unseres Denkgebäudes" darstellen sollte. Er räumt aber ein, dass das Bildungsniveau der Muslime sehr niedrig ist und viele Muslime sich deswegen im ,,Sumpf der Nachahmung" befinden' Hier verlangt Ates von den Muslimen, rnit ihrer islamischen Tradition kritisch umzugehen und nicht alles als wahr zu akzeptieren, was die Gelehrten sagen oder was in den Büchern steht. Dazu müssen sich die Muslime jedoch bilden und auflkIären, um einen kritischen Verstand zu entwickeln und so 'Wahres von Falschem zu trennen. So können sie unvoreingenommenen übel den Koran nachdenken und ihn richtig verstehen, ohne von den falschen Deutungen des Korans abhängig zu sein, die sie von ihrer Umgebung sonst übernehmen würden (Ates 1997-2A03,251487).

9. Wer zur Quelle gelangen will, muss gegen den Strom schwimmen: auf der Suche nach der wahren Botschaft des Korans

Die Muslime sind also laut Ates zurückgeblieben, weil sie sich von der wahren Botschaft des Korans entfernt haben. Nicht der Islam ist für die Rückständigkeit der Muslime verantwortlich, sondern das falsche Verständnis von Koran und Islam. Diese Ansicht vertreten auch die ,,Gründungsväter des islamischen Reformismus" wie Muhammad 'Abduh und Gamäladdin al-Afgäni. Sie lehnen also die Erklärung von Ernest Renan (gest. 1892) für die Rückständigkeit der Muslime ab. Renan hatte nämlich, wie viele Europäer zu seiner Zeit, behauptet, dass ,,die Muslime aufgrund ihrer Religion intellektuell nicht in der Lage seien, Fortschrittsdenken im westlichen Sinne zu entwickeln. Islarn und Wissenschaften sowie Islam und Zivilisation seien prinzipiell miteinander unvereinbar“ (Conerrnann 200 l, 260 f.). Doch Ates unterscheidet zwischen dem ,traditionellen Islam" (vgl. dazu Steppat 1983, 24f.) und ,,dem Islam, den der Koran gebracht hat". Sein Kommentar will somit den ,,Islam des Korans" darstellen. Deswegen ist Ates auf Widerstand gestoßen, hat aber auch Erfolge verzeichnet. Er glaubt, dass sein Werk ,,in der Türkei auf dem religiösen Gebiet eine gedankliche Revolution zustande gebracht hat" (AteS 1997 -2003, 25 /485). Tatsächlich kann man sagen, dass der Ansatz von Ates im Vergleich zu den Ansätzen von Fazlur Rahman, Mohammed Arkoun und Nasr Hämjd Abü Zaid Früchte getragen und in der Türkei dafür gesorgt hat, dass man über das Verständnis des Korans neu nachgedacht hat und als Folge davon neue Ansätze entwickelt wurden. Außerdem zeigen die Diskussionen um den Korankommentar von Ates in der türkischen Öffentlichkeit und die zahlreichen Koransymposien, die nach der Veröffentlichung des Kommentars durchgeführt wurden, dass Ates sich gegen die Hauptströmungen des Islams rechtfertigen musste, um erfolgreich zu sein. Denn wer zur Quelle gelangen will, muss gegen den Strom schwimmen.

Ein Gott der Balmherzigkeit und die geistige Einheit der Offenbarungsreligionen

10. Die zeitgenössische Interpretation des Erhabenen Korans von Süieyman Ates und die Diskussionen in der türkischen Öffentlichkeit

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