cigIn der Wochenschrift "Christ in der Gegenwart" in der Nummer 47 / 2010 vom 21. November 2010 berichtete Andreas Bernheim über die in Deutschland erstellte Studie der Universität Münster über "Die ausländischenPriester bei uns". Da die SituationinÖsterreich sehr ähnlich zu sein scheint haben wir diesen Beitrag auf die Homepage gestellt.

Die ausländischen Priester bei uns

Eine Studie belegt, dass der Einsatz ausländischer Priester hierzulande keine Lösung für den Seelsorgenotstand sein kann.

Aus CIG Nr 47 /2010 von Andreas Bernheim

Ein indischer Priester schreitet langsam und unsicher zum Lesepult, um das Evangelium zu verkündigen. Feierlich hebt er die Stimme, doch ganz anders als in seinem Heimatland mag der Funke nicht recht überspringen. Seine Haltung verrät, dass er sich seiner Rolle als ,,Repräsentant Christi" zwar gewiss ist, seiner Rolle als Seelsorger in einer deutschen Gemeinde aber keineswegs. Vorbereitet wurde er auf den Einsatz in Deutschland kaum. Der Bischof hat ihn ,,auf dem kurzen Dienstweg" gesendet. ,,Er bemüht sich ja sehr", lautet im Anschluss an den Gottesdienst ein wiederholt zu hörendes Urteil der Gläubigen, ,,nur verstanden haben wir kaum ein Wort".

Was bisher höchstens geahnt oder als Klischee über ausländische Priester von den Bistumsleitungen heruntergespielt wird, hat eine sozialwissenschaftliche Studie mit deutlichen Ergebnissen bestätigt: Die Kluft zwischen den ,,importierten" Priestern und der - auch religiösen - Lebenswirklichkeit hierzulande ist weitaus größer als bisher angenommen. Das zeigt sich nicht nur an fehlenden deutschen Sprachkenntnissen. Auch das priesterliche Selbstverständnis, der Umgang mit den Laien und die fehlende Kenntnis der hiesigen Kultur - der ,,Kulturschock" der fremden Priester - verschärfen das Problem. Die brisante Untersuchung hatte die Bischofskonferenz vor drei Jahren selbst beim Institut für Christliche Sozialwissenschaften der lJniversität Münster in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Aus Indien und Polen

Alle 1312 seinerzeit in Deutschland tätigen ausländischen Priester wurden angeschrieben. 606 von ihnen haben den Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt - eine erstaunlich hohe Rücklaufquote von 46 Prozent. Ergänzt wurde die Befragung durch zehn besondere Fallstudien in ausgewählten Kirchengemeinden. Dazu gab es eine Befragung der in den Bistümern für Personalfragen zuständigen Fachleute. Über die Ergebnisse ist soeben in der Zeitschrift "Forum Weltkirche" (612010) berichtet worden. Auffällig ist vor allem die gewaltige Kluft, wie der Priester sich selbst einschätzt und wie ihn die Gemeindemitglieder sehen. Selbst- und Fremdwahrnehmung stimmen selten überein.

Ein großes Problem ist die Fähigkeit, sich in der neuen Sprache auszudrücken. Die Mehrzahl der Priester konnte bei der Einreise kaum oder noch gar kein Deutsch sprechen. Dennoch meinten 87 Prozent der Priester, heute gut oder sehr gut die Sprache zu beherrschen. Der Eindruck vieler Gläubigen ist ein ganz anderer. Und auch die Personalverantwortlichen der Diözesen geben an, dass Sprachprobleme an vorderster Stelle stehen. Ob in der Predigt, in persönlichen seelsorglichen Gesprächen oder beim Spenden der Sakramente:Wo in einer Gemeinde die Kommunikation über längere Zeit nicht zustande kommt, wendet sich ein großer Teil der Gläubigen ab, wie die Fallstudien belegen.

Als ausländische Priester bezeichnen die Autoren der Studie, Karl Gabriel, Rainer Achtermann und Stefan Leibold von der Universität Münster, alle katholischen Priester, die in der Seelsorge einer deutschen Diözese arbeiten, aber nicht in einem deutschen Bistum eingegliedert, also – wie der Fachausdruck heißt - ,,inkardiniert" sind. Mehr als die Hälfte aller ausländischen Priester stammt aus zwei Ländern, Indien (29,2 Prozent) und Polen (25,9 Prozent). Aus Afrika, konzentriert auf Nigerianer und Kongolesen, stammen 11,8 Prozent. Eingesetzt sind sie, oft über Jahre, mehrheitlich in den süddeutschen, vor allem den bayerischen Diözesen sowie im Erzbistum Köln. In Augsburg stellen sie unter den Priestern des Bistums sogar einen Anteil von 15 Prozent. Liegt bei den deutschen Priestern - derzeit sind fast 10.200 aktiv in der Seelsorge eingesetzt - der Anteil der Ordenspriester mit seelsorglichen Aufgaben bei nur 13 Prozent, gehört mehr als jeder zweite ausländische Priester einer Ordensgemeinschaft an.

Das Auserwähltsein

Was genau motivierte die Priester, nach Deutschland zu kommen? Während zum Beispiel unter ausländischen Arbeitnehmern Auslandsaufenthalte oft damit begründet werden, den eigenen Horizont zu erweitern und neue Erfahrungen zu sammeln, sagt das nicht einmal jeder fünfte ausländische Priester. Sieben von zehn antworteten schlicht: ,,Mein Bischof oder Ordensoberer hat mich geschickt." An zweiter Stelle folgt mit 33,5 Prozent ein missionarischer Grund: ,,mithelfen, den Glauben in Deutschland wieder neu zu entfachen".

Die moderne Lebensweise in Deutschland wird vornehmlich als problematisch wahrgenommen. Umso erstaunlicher ist, dass sich eine große Mehrheit der ausländischen Priester nach eigener Aussage in Deutschland dennoch wohlfühlt. In der schriftlichen Befragung der Priester zeichnet sich ein Bild von ,,überwiegend positiven Entwicklungen und harmonischen Beziehungen in den Gemeinden" ab. Doch die Ergebnisse der Fallstudien, in denen auch die Gemeindemitglieder befragt wurden, stehen dazu in einem deutlichen Gegensatz. Bringen ausländische Priester nicht kulturelles Einfühlungsvermögen, eine hohe Fähigkeit zur Kommunikation und eine hervorragende theologische Bildung mit, kommt es leicht zu Konflikten, zum Beispiel über die wichtigsten Aufgaben in der Seelsorge oder über liturgische Feierformen.

Viele der befragten Priester sehen in Deutschland die Gefahr, dass sich die Kirche,,der modernen Welt zu stark" anpasst. Doch nicht die Kirche, vor allem der Einzelne wird für die Glaubenskrise, den Glaubensabfall verantwortlich gemacht' Das geht mit einem hohen Selbstwertgefühl der ausländischen Priester einher, dem Bewusstsein eines besonderen Auserwähltseins. Zwar verstehen fast achtzig Prozent der Priester ihr Amt als Dienst an der Gemeinde, sehen sich selbst jedoch weniger in der Gemeinde, sondern vielmehr gegenüber der Gemeinde verortet. ,,Die herausgehobene Stellung des Priesteramts zu betonen, ist für viele Priester offenbar ein besonderes Anliegen. Insgesamt wird ein sehr traditionelles, die Differenz zu Laien betonendes Priesterbild" sichtbar.

An der Heimatkirche orientiert, fehlt weitgehend die Fähigkeit oder die Bereitschaft, sich auf die anderen Verhältnisse einzulassen, zum Beispiel, dass patriarchalisch autoritätshörige Denkmuster in der deutschen Gesellschaft auch innerkirchlich kaum noch funktionieren. ,,Mit aktiven Laien, insbesondere wenn sie ,aufmüpfig" in Konflikten ihre Interessen vertreten, tun sie sich schwer. Handelt es sich um Frauen, erschwert sich das Verständnis noch weiter"' Bei dieser Beurteilung mag es kaum beruhigen, dass zumindest die Personaldezernenten der Bistümer inzwischen eine realistische Sichtweise auf die teils dramatischen Ergebnisse haben' Neben

den sprachlichen Mängeln sehen sie in der theologischen Ausbildung wie in religionspädagogischen Fähigkeiten dringenden Handlungsbedarf insgesamt seien ausländische Priester nur bedingt in der Lage, ,,sich auf unsere Verhältnisse einzustellen". Gäbe es die Seelsorgenot und den Priestermangel nicht, ,,käme wohl nur der kleinste Teil auf die Idee, sich auf dem globalen Markt von Priestern nach geeigneten Kandidaten umzuschauen", heißt es der „Herder Korrespondenz" (9/ 2010).

Doch auch die gelungenen Beispiele von Integration und Inkulturation gibt es. Drei der zehn Fallstudien zeigen hohe Sprachkompetenz, Anpassungsfähigkeit und lange Erfahrung im Ausland. Einzelne Priester haben Zusatzqualifikationen, zum Beispiel ein abgeschlossenes Psychologiestudium. Sie sind offen für die hiesige Kultur und stehen auch modernen Entwicklungen positiv, zumindest nicht ablehnend, gegenüber. ,,Doch für alle übrigen von uns identifizierten Typen von Priestern ist das Risiko des Scheiterns hoch."

Mangelnde Anpassungsfähigkeit, fehlende Sprachkenntnis, unzureichende theologische Ausbildung und ein überhöhtes Selbstverständnis als Priester – für die Autoren der Studie steht fest: ,,Geht man von Mindestanforderungen für Priester in der heutigen Seelsorge und Pastoral aus, so sind die Risiken, dass sie von ausländischen Priestern unterschritten werden, hoch."

Wenn wir im weltlichen Bereich der Zuwanderung Parallelgesellschaften und schwere Integrationsplobleme feststellen, so gilt dies durchaus ähnlich in der Kirche. Die Globalisierung ist hier längst nicht so weit, wie es das Reden von der „Weltkirche" etwas propagandistisch schönfärbt. Zwar erscheint das Argument nachvollziehbar, mit ausländischen priestern zumindest ein wenig das globale Kirchesein vor Ort aufleben lassen zu können. Aber faktisch konnte die Studie nirgends gezielte Bemühungen belegen, mit dem Einsatz ausländischer Priester das weltkirchliche Bewusstsein der Gemeinden zu stärken. Mit Priester-Importen ist der Seelsorgenotstand nicht zu lösen. Der Priestermangel bei uns jedenfalls braucht einheimische Lösungen.