Im Köllner Stadtanzeiger vom 21. Jänner 2015 meint dessen Chefkorrespondent, Joachim Frank, nach dem Karnickel-Sager von Franziskus bei der Pressekonferenz auf seiner Rückreise aus Manila, dass Franziskus den Schritt zur Revision der Lehre scheue und verweist auf seine beiden Aufgaben, nämlich die des obersten Hirten, die er verständnisvoll ausführe und die des obersten Lehrers, wo er Defizite aufweise.

Trotzdem, unsere Kirche braucht eine Revision der Lehraussagen, will sie den Menschen hilfreich sein. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Wissen und Erfahrungen der Menschen sowie die in diesem Zusammenhang stattgefundenen gesellschaftlichen Veränderungen machen es erforderlich auch Lehrsätze in verständlicher Form neu zu fassen. Das stürzt nicht alle Inhalte, überholte aber schon. Das wollen die Menschen, die auf Reformen drängen.

Karnickel-Kommentar von Franziskus:  Der Papst scheut den Schritt zur Revision der Lehre

Ein Kommentar Von Joachim Frank

Sein Karnickel-Kommentar kam bei vielen nicht gut an: Eigentlich ist Franziskus dafür bekannt, gern so einiges an der Kirche neu zu justieren. Da mag sein Kommentar zur Geburtenkontrolle so gar nicht passen. Er zeigt: Der Papst wagt sich nicht an die Änderung der Lehre.

Im Flug bringt Papst Franziskus die Kirche in Turbulenzen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie sie in der römischen Zentrale nach Luft schnappen, sobald der Chef nach Auslandsreisen die Maschine besteigt und mit den Presseleuten plaudert. Mal justiert er dann kurzerhand den Umgang der Kirche mit Schwulen und Lesben neu („Wer bin ich, dass ich verurteile?“). Mal räsoniert er über Neuanfänge nach dem Scheitern einer Ehe. Jetzt erklärt Franziskus Geburtenkontrolle zur natürlichsten Sache der Welt.

Denn das ist schließlich der Clou seines Worts von der Fortpflanzung nach Art der Kaninchen. Es ist dem Papst herausgerutscht, weil ihm das, was er damit sagen wollte, so selbstverständlich vorkommt – und es übrigens nach geltender Lehre auch ist: Familienplanung ist das gute Recht katholischer Paare. Die Kinderzahl korrespondiert nicht mit der Glaubensstärke der Eltern.

Bedenkt man, dass die Kirche bis ins 20. Jahrhundert ihre Sexualmoral vom biblischen Imperativ „Seid fruchtbar und mehret euch!“ ableitete, dann wird klar, dass der Papst auf dem Rückflug von den Philippinen nicht bloß eine „unkorrekte“ Flapsigkeit von sich gab. Vielmehr entsorgte er eine Moral, mit der die Kirche die Menschen einst traktiert und viel Unheil angerichtet hatte. Die Folgen eines verklemmten, angstbesetzten, mit Schuld und Sünde assoziierten Verständnisses der Sexualität sind bis heute nicht ausgestanden.

Der Papst sollte zu Ende denken

Umso mehr käme es darauf an, dass der Papst zu Ende denkt oder die Theologen zu Ende denken lässt, was er da auf unerhörte Weise von sich gibt: Wenn die Kirche „verantwortete Elternschaft“ nicht bloß als ein ihr abgerungenes Zugeständnis begreift, sondern sie den Gläubigen damit tatsächlich einen Freiheitsraum eröffnen will, dann sollte sie sich auch bei der Frage nach der Verhütung heraushalten. Das wäre der vielleicht entscheidende, weil symbolträchtigste Schritt weg von Allmachtsfantasien und klerikaler Regelungswut, die sich bezeichnenderweise auf dem Feld der Sexualität ausgetobt hat.

Aber genau an diesem Punkt, beim Sprung von der Neuorientierung kirchlicher Praxis zur Revision der Lehre, scheut der Papst regelmäßig – wie das Turnierpferd am doppelten Oxer, nachdem es noch eben den Wassergraben übersprungen hat. Auch jetzt hat Franziskus mit dem „Ja“ zur Familienplanung mentale Hürden genommen, um danach sofort das Nein zu Pille und Kondom einzuschärfen.

Was wäre das für ein Gewinn an Souveränität, wenn sich Bischöfe, Priester und Theologen, die zumindest nominell der geschlechtlichen Praxis und der Gründung einer Familie entsagt haben, in all diesen Fragen zurücknähmen und aus Mangel an Erfahrung für „nur bedingt kompetent“ erklärten! Zumal die Unterscheidung erlaubter „natürlicher“ Methoden der Verhütung und verbotener „künstlicher“ Mittel selbst künstlich und theologisch fragwürdig ist.

Möglich, dass Franziskus heimlich Anleihen beim marxistischen Credo „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ macht und sich sagt: Ändert die Kirche ihr Verhalten; geht sie anders – zugewandter, realitätsnäher, erfahrungsgesättigter – mit den Menschen und ihren Problemen um, dann muss sich das über kurz oder lang auch auf die Lehre auswirken.


Franziskus muss zwei Rollen annehmen

Nun sei Franziskus eben weniger Gelehrter als Seelsorger, heißt es über ihn. Seine Anhänger mögen das entschuldigend meinen. Man kann es aber auch als Versuch hören, den Papst als pastoralen Plapperer hinzustellen: „Der predigt viel, wenn die Messe lang ist.“ Wenn Franziskus sich diesen Angriff auf seine Autorität nicht gefallen lassen will (und er darf es nicht, wenn die Kirche sich durch ihn wirklich verändern soll), dann muss er beide Rollen annehmen, die seines Amtes sind: oberster Hirt und oberster Lehrer. Viel Zeit dafür bleibt ihm nicht.