Furche Zeitung 120Aigner  Josef Christian 120In seinem Beitrag "Wider die grenzenlose Hybris des Machbaren" in der Zeitschrift "Die FURCHE" Nr. 12 vom 19. März 2015, nimmt der Innsbrucker Professor für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Josef Christian Aigner, zu Auswirkungen des neuen Fortpflanzungsmedizingesetzt Stellung.

mueller renate klDie Kinderärztin, Dr. Renate Müller, fügt ihre Meinung aus medizinischer Sicht hinzu. Ihr Beitrag ist eine sehr verständliche Ergänzung. Sie schreibt:

Ich bin dankbar, dass der Psychotherapeut Josef Christian Aigner scheinbare Omnipotenz der modernen Fortpflanzungsmedizin kritisch beleuchtet hat.

Für mich ist die Praeimplantationsdiagnostik unter strengen Voraussetzungen sinnvoll. Sie ist eine genetische Untersuchung eines Embryos im Sechs- bis Zehnzellstadium im Reagenzglas, bevor dieser wenige Tage alte Embryo in die Gebärmutter eingesetzt wird.

Bei Diagnose von Erbkrankheiten, die so schwer sind, dass sie mit dem Leben nicht vereinbar sind, wird der Mutter eine „Schwangerschaft auf Probe“ erspart.
Faktum ist, dass im Rahmen der Praenataldiagnostik in der 8. Schwangerschaftswoche durch die Chorionzottenbiopsie oder einige Wochen später durch die Fruchtwasserpunktion bei entsprechender Diagnose die Abtreibung legal erfolgen kann-und bei schwerer Behinderung des Kindes ist diese laut österreichischem Gesetz bis zum Geburtstermin möglich.

Ich bin gegen die Eizellspende. Voraussetzung ist eine Hormonstimulation der potentiellen Spenderin. Wie soll eine Entschädigung dieser Frau erfolgen?
Aus der Begleitung von Eltern, die eine Eizellspende im Ausland in Anspruch genommen haben, weiß man, dass die Belastung bei Keimzellspenden besonders groß ist. Die meisten Eltern hüten die Herkunft ihrer Kinder als Familiengeheimnis und das kann eine Belastung in den familiären Beziehungen zur Folge haben. Aus der entwicklungspsychologischen und psychotherapeutischen Forschung wissen wir, dass Bindung über konstante Bezugspersonen erfolgt und das müssen nicht die Eltern sein. Aber für die Identitätsfindung Jugendlicher ist eine Auseinandersetzung mit den biologischen Eltern möglicherweise wichtig.

Aus langer Beobachtung von Kinderärzten wissen wir, dass Kinder, die mit Hilfe der Reproduktionsmedizin geboren werden mehr Krankheitrisken ausgesetzt sind. Die Frühgeburtenrate in Österreich beträgt 11,1%, bei assistierter Reproduktion liegt sie bei 23%. Außerdem haben die Kinder ein niedrigeres Geburtsgewicht.

Meine Sorge ist, dass der gesetzliche Weg von der legalisierten Keimzellspende bis zur Leihmutterschaft ein kleiner ist. Schon im Dezember 2011 erschien in GEO ein Artikel zur Leihmutterschaft unter dem Titel „Der gekaufte Bauch“. Berichtet wird über einen „Fruchtbarkeitstourismus“ nach Südafrika. Im Leihmuttervertrag wird festgelegt, dass Alkohol und Nikotin verboten seien, eine Abtreibung nur in Notfällen erfolgen darf und dass die Leihmutter keine persönlichen Gefühle für das Baby empfinden darf.

Durch Praenatalforschung wissen wir, dass die Kommunikation zwischen werdenden Eltern und Baby lange vor der Geburt beginnt. Durch diese Interaktion von Mutter, Vater und Kind werden nach der Geburt die Signale des
Babys besser verstanden.

Wenn der Partner der werdenden Mutter den Bauch sanft massiert, fühlt sich die Schwangere wohl und überträgt das auf ihr Kind.
Dagegen sehen Forscher den Einfluss von negativem Stress der Mutter auf das Ungeborene. Belastungen bei Schwangeren hebt den Stresshormonspiegel beim ungeborenen Kind mit all‘ seinen negativen Folgen.

Wenn eine Mutter entspannende Musik hört, schüttet sie Glückshormone aus und das beeinflusst auch ihr Kind positiv.
Wo bleiben all‘ diese Aspekte bei einer Leihmutterschaft?

Beim Thema Einfrieren von Eizellen in den 20 ern, um sich dann in den späten 30 ern oder frühen 40 ern endlich den Traum vom Wunschkind zu erfüllen, bin ich sehr skeptisch. Wo bleibt das Wohl des Kindes? Geht es nicht nur um den Egoismus der Frau? Ein Kind zu bekommen wird immer mehr zu einem Projekt, bei dem Voraussetzungen wie der bestmögliche Partner, erfolgte Karriere und Berufsoptimierung, Finanz- und Wohnsituation, Kinderbetreuungsmöglichkeit geschaffen sein müssen. Der Anspruch auf das einzige Kind, an das natürlich die größten Anforderungen gestellt werden,ist selbstverständlich. Wie gehen späte Eltern mit einem Kind um, das nicht ihren Traumvorstellungen entspricht, vielleicht sogar behindert ist?

Wenn Gynäkologen meinen, die Fitness einer 60 jährigen Frau sei die alleinige Voraussetzung für eine späte Mutterschaft, so kann ich Josef Christian Aigner nur zustimmen, dass es um eine Hybris der medizinischen Omnipotenz geht.

Unsere Kinder sind Langzeitinvestition ins Glück!!!!!!

Dr. Renate Müller FA für Kinder und Jugendmedizin