In der Nürnberger Zeitung vom 27. März 2015 schreibt Josef Dirnbeck zum bevorstehenden 70 Jahrestag der Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer:

Die Mönche beginnen den Tag mit dem Singen der "Laudes", dem Gotteslob am Morgen. In den christlichen Klöstern wird seit eh und je praktiziert, was moderne Therapeuten ihren stressgeplagten Patienten zur Seelenhygiene empfehlen: Nicht einfach in den Tag hinein-leben; sondern am Morgen kurz innehalten und sich daraüf besinnen, wer man ist, was man will und wozu man eigentlich lebt.

Aber man braucht kein spiritueller Marathonläufer zu sein, um so etwas zu schaffen. Den Tag mit einem Morgengebet eröffnen können auch Kinder. Zum Beispiel mit dem kleinen Vers: "Ich weiß schon, was ich heute tu': Ich hab' ein Ziel und geh'drauf zu."

Ähnlich kurz und bündig wird es in folgendem Morgengebet formuliert: "Herr, was dieser Tag auch bringt - dein Name sei gelobt!"

Auf den ersten Blick klingt das freilich wenig aufregend und scheint eher vom Geist einer altbackenen Frömmigkeit geprägt zu sein. Wenn man aber weiß, in welcher Situation so gebetet wurde, dann sehen die Dinge gleich ganz anders aus. Dies ist das Morgengebet, das Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg gebetet hat. Auch an dem Tag, als man den zum Tod verurteilten evangelischen Theologen erhängte.

Wir finden hier die gleiche Haltung wie beim biblischen Hiob, der selbst im größten Leid nicht an Gott irre wurde, sondern sprach: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen - gepriesen werde sein Name!" Allerdings wird bei Bonhoeffer das, was Hiob erst hinterher sagt, bereits im vorhinein bekräftigt: Was auch immer dieser Tag bringen mag - ich weiß, dass es dei Herr ist, der gibt und der nimmt, und ich will nicht vergessen, seinen Namen zu loben!

Dass Bonhoeffer tatsächlich so gestorben ist, wie er sich vorgenommen hatte zu sterben, können wir dem Bericht eines Zeitzeugen entnehmen. Der Lagerarzt berichtete, in seiner fünfzigjährigen ärztlichen Tätigkeit habe er "kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen."

"Widerstand" und "Ergebung" waren denn auch die entscheidenden Stichworte im Leben Bonhoeffers. Rebelliert hat Bonhoeffer nicht gegen Gott, sondern gegen Hitler. Das menschenverachtende NS-Regime hingegen hat er nicht ergeben hingenommen.

Josef Dirnbeck

Der Autor ist Mitglied des Österreichischen PEN-Clubs. Er lebt in Nürnberg.