cigDie Zeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART ( CIG ) brachte in ihrer Ausgabe 36/2014 nachstehenden Artikel von Michael Schromm. CIG sammelt Beiträge unter bestimmten Themen. Hier ein Beitrag aus "Islam, Terror, Orient".

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Papa, ich erklär dir den Islam

Von Michael Schrom

Was macht den Salafismus so anziehend für junge Leute - und was kann man ihm entgegensetzen? Eine Spurensuche in Bonn.

Das Collegium Leoninum in Bonn ist eine feine Adresse. In dem riesigen neugotischen Gebäudekomplex aus Backsteinziegeln wurden bis 1999 Priester ausgebildet. Jetzt wohnen Senioren hier. Die Seminarkirche dient als Tagungsort. Junge Männer, die sich für Gott begeistern, findet man hier nicht mehr. In religiöser Hinsicht gleicht das Collegium einem erloschenen Vulkan.

Dagegen brodelt das religiöse Leben in den Moscheen der Stadt, vor allem wenn Gastprediger wie Abu Nagie, Abu Abdullah oder der jüngste Star der Salafisten-Szene, Izzudin Jakupovic, ihre Auftritte haben. Die ehemalige Bundeshauptstadt ist zur deutschen Hauptstadt der Salafisten geworden, nicht nur, weil der bekannteste deutsche Salafist, Pierre Vogel, hier eine Wohnung hat. Auf salafistischen Websites, so berichtet der „Bonner Generalanzeiger“, werden immer wieder die Vorzüge der Stadt gelobt, weil man hier „wie in keiner anderen deutschen Stadt“, noch den „wahren, den unverfälschten, sprich den salafistischen Islam“ lernen könne. „Wenn du gehindert bist, in ein arabisches Land auszuwandern, dann ist Bonn eine gute Möglichkeit“, heißt es in einem Chat.

Als vor einigen Monaten der WDR aufdeckte, dass sogar der Sprecher des örtlichen „Rates der Muslime“, eigentlich ein Gremium zur Integration, Werbung für salafistische Seminare machte, wurde die Integrationsbeauftragte der Stadt, Coletta Manemann, deutlich: „Mir wäre wichtig, dass das Signal der Muslime, die gegen Salafismus sind, noch lauter und eindeutiger wird“, sagte sie im Kölner „Domradio“.

Puristen und Dschihadisten

Jeder dritte Einwohner Bonns hat einen sogenannten Migrationshintergrund. „Wenn wir ein paar Jahre weiterdenken und unsere kleinsten Einwohner anschauen, wissen wir, dass in etwa zwanzig Jahren die Hälfte der Bonnerinnen und Bonner Wurzeln in einem anderen Land haben wird“, erklärt Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch. Im Rathaus wisse man sehr wohl, dass die allermeisten Muslime den Terror von gewaltbereiten Salafisten verabscheuen. „Aber wir wissen auch: Ein Dutzend potenziell gewaltbereiter Menschen reicht aus, eine Radikalisierung voranzutreiben, auch wenn dies unter dem Deckmantel eines angeblich harmlosen Grillfestes geschieht. Wir sind wachsam geworden.“

Zweimal hielt man in Bonn den Atem an. Im Mai 2012 lösten Demonstranten der rechtsradikalen Splitterpartei Pro-NRW mit Mohammed-Karikaturen vor Moscheen Krawalle aus. Es kam zu Straßenschlachten, bei denen Salafisten auch die Polizei angegriffen haben. 29 Beamte wurden verletzt, zwei davon schwer. Im Dezember desselben Jahres entdeckte ein Passant am Hauptbahnhof eine herrenlose Tasche, in der eine Bombe versteckt war. Die mutmaßlichen Täter, vier junge Männer, stammen allesamt aus dem salafistischen Milieu. Drei von ihnen sind Christen, die zum Islam übertraten.

Was ist so faszinierend am Salafismus? Wie kann man sich erklären, dass diese Gruppe - obwohl eine kleine Minderheit unter den hier lebenden vier Millionen Muslimen - die höchsten Zuwachsraten innerhalb der islamischen Gemeinde verzeichnen? Wie gelingt es ihr, die Moscheevereine so vor sich herzutreiben und ihnen die Jugend abspenstig zu machen?

Vor ein paar Wochen lud die Bundeszentrale für politische Bildung ins Collegium Leoninum, um aus verschiedenen Perspektiven einen Blick in das brodelnde Innere jener Strömung zu werfen, die sich kometenhaft ins öffentliche Bewusstsein katapuliert hat - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Der selbsternannte Kalif im Irak und in Groß-Syrien mit seinen grausamen Kämpfern hält nicht nur die zivilisierte Welt in Atem, sondern erhebt einen Führungsanspruch über alle Muslime.

Der rasante militärische Siegeszug des „Islamischen Staats“ überdeckt bisweilen, dass es sich - theologisch gesehen - beim Salafismus eigentlich um eine islamische Reformbewegung des 18. Jahrhunderts handelt, die auch einen streng apolitischen Zweig hat, die sogenannten „Puristen“. Sie lehnen jegliche politische Betätigung ab. Die friedlichen Puristen und die militanten Dschihadisten berufen sich auf die Lehren ihres Gründer Muhammad Ibn Al-Wahhab. Daher kommt auch der Name „Wahhabiten“. Viele Wahhabiten bezeichnen sich selbst lieber als ahl al-tauhid (Leute des Einheitsbekenntnisses), als al-muwahhidun (Bekenner der Einheit Gottes) oder als al salafiyyun (Salafisten, Leute, die der Lebensweise der frommen Altvorderen folgen), wodurch es manchmal zu Begriffsverwirrungen kommt.

Muhammad Ibn Al-Wahhab wurde 1703 in einem kleinen Ort in Zentralarabien geboren. Er studierte in Mekka, Medina und Basra, kehrte anschließend in seine Heimat zurück, wurde dort aber vertrieben und wäre vermutlich irgendwo ein unbedeutender Wanderprediger oder ein Dorfrichter geworden, wenn er nicht in der Kleinstadt Diriyya vor den Toren Riads Muhammed bin Saud (1710-1765) begegnet wäre. Bin Saud, Stammvater der saudischen Herrscherfamilie und damals Stadtkönig von Diriyya, erkannte die Sprengkraft von Al-Wahhabs Koran-Lehre und schloss ein folgenschweres Bündnis mit dem Theologen. Er verpflichtete sich, überall in seinem Herrschaftsgebiet Al-Wahhabs Islaminterpretation durchzusetzen - und Al-Wahhab schwor, sich dauerhaft an Ibn-Saud und seine Familie zu binden und das Herrscherhaus religiös zu rechtfertigen. So wurde Al-Wahhab in dem neu entstehenden Staat Saudi-Arabien zur obersten religiösen Autorität, zugleich Richter, Prediger und Politiker.

Modernisierung führt in die Hölle

Al-Wahhabs Lehre besteht in der rigorosen Unterteilung zwischen einer Innengruppe, der man Gehorsam und Freundschaft schuldet, und einer Außengruppe, von der man sich fernhalten soll. Im Arabischen heißt dieses Prinzip al-wala'wa-l-bara, am besten zu übersetzen mit: Loyalität und Lossagung. Es wird von allen Salafisten geteilt und ist eine Grundausrichtung ihres Denkens.

Schon in frühislamischer Zeit diente der Ausdruck wala' dazu, ein Patronatsverhältnis zu markieren, während das Wörtchen bara' „den Ausschluss eines aufsässigen Mitglieds aus dem Stamm bezeichnete“, wie der niederländische Islamkundler Joas Wagemakers erklärt. Geschichtlich besonders wirkmächtig erwies sich Sure 5,51: „Oh ihr, die ihr glaubt. Nehmt euch die Juden und die Christen nicht zu Freunden. Sie sind untereinander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen.“

Hinzu kommen ein radikaler Monotheismus, ein tiefsitzender Hass auf die Schiiten und die Verklärung der Gründerzeit als Maßstab für ein gottgefälliges Leben. „Jede Modernisierung ist eine unerlaubte religiöse Neuerung, jede unerlaubte Neuerung ist ein religiöser Irrweg, und jeder Irrweg führt ins Höllenfeuer“, heißt es in der Hadith-Sammlung Sunan al-Nasaì (Nr. 1578).

Al-Wahhab verbot den damals üblichen Gräberkult, die Verehrung von Heiligen, einschließlich des Religionsgründers Mohammed, ebenso wie Musik, Tabak und seidene Kleidung und verpflichtete alle zum fünfmaligen Gebet. So entstand schon zu seinen Lebzeiten eine „puristische Tugendrepublik, in der das öffentliche Leben in vielen Aspekten dem Leben in Genf zur Zeit des Schweizer Reformators Johannes Calvin (1509-1564) glich“, schreibt der Berliner Islamwissenschaftler Guido Steinberg in dem Buch „Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam“ (Herder 2014). Auch Pierre Vogel vergleicht den Salafismus mit der Reformation. Beiden Strömungen gehe es darum, die wahre Religion aus einem jahrhundertealten verstockten Religionsverständnis zu befreien, die Deutungshoheit des etablierten Klerus zu brechen und die menschlichen Strukturen, in die die Religion unglücklicherweise eingebettet wurde, niederzureißen.

Weltpolitisch gesehen war das militärisch-religiöse Bündnis in der arabischen Wüste völlig bedeutungslos und ohne jede Strahlkraft, solange man im Grunde nur mit Kamelen und Datteln handelte. Das änderte sich dramatisch, als 1940 riesige Erdölvorkommen in Saudi-Arabien gefunden wurden. Um das Öl fördern zu können, musste das Herrscherhaus das Land modernisieren und den Einfluss der Religionsgelehrten begrenzen. Durch Geld, das es nun im Überfluss gab, sollte die religiöse Energie umgeleitet werden. Die Gelehrten sollten sich als weltweite Missionare begreifen und sich weniger um die Angelegenheiten vor Ort kümmern. Die dazu notwendige Infrastruktur baute das Herrscherhaus systematisch auf. 1961 wurde die Islamische Weltliga gegründet, 1962 als wahabbitsches Missionszentrum die Universität von Medina. Erst seit dieser Zeit wurde der Wahhabismus zu einem internationalen religiösen Exportartikel. Im Unterschied zum Christentum mangelt es auch nicht an Nachwuchs. Vierzig Prozent (!) aller Hochschulabsolventen in Saudi-Arabien sind Theologen.

In Deutschland dauerte es relativ lange, bis die ersten Muslime zum Salafismus fanden. Den überwiegend türkisch-stämmigen Muslimen galt der Salafismus als arabischer Fremdkörper, der der eigenen Kultur widerspricht. Bis 2001, so beobachtet Steinberg, gab es in der Bundesrepublik nur ausländische Salafisten-Prediger. Ihre Ansprachen mussten mühsam übersetzt werden. Konvertiten gab es keine. Die öffentliche Wahrnehmung war gleich null. Einer der einflussreichsten Prediger, Sheik Mohammed Al Fazizi, an dessen Lehren in der Hamburger Al-Quds-Moschee sich die Attentäter des 11. September 2001 berauschten, stammte beispielsweise aus Marokko.

Ab 2001 wurde zunehmend wahhabitisches Gedankengut ins Deutsche übersetzt. Seminare mit dem Titel „Lerne den Islam“ wurden auf Deutsch angeboten, und Bonn entwickelte sich zu einem wichtigen Umschlagplatz. Mittlerweile erleben wir, so Steinberg, die vierte Generation der Prediger. Sie sind charismatische Persönlichkeiten, die zum Teil hier sozialisiert wurden, weit in das Einzugsgebiet der Moscheegemeinden hineinwirken und vor allem das Internet als wirkmächtiges Propaganda-Instrument zu nutzen wissen. Von 600 untersuchten jugendgefährdenden Online-Angeboten (mit Ausnahme von Pornografie-Seiten) hatten 490, also 82 Prozent, salafistische Urheber, berichtete Ingrid Hofmann von „Jugendschutz.net“, einer staatlichen Kontrollstelle der Jugendministerien. Der mit Abstand häufigste Straftatbestand ist die Kriegsverherrlichung. Dann folgen die Verwendung von Kennzeichen verbotener Organisationen, volksverhetzende und antisemitische Propaganda sowie abscheuliche, an Brutalität kaum zu überbietende Exekutionsvideos.

Salafistische Propaganda gibt es aber nicht nur im Netz. „In jeder zehnten Berliner Moschee kann ein Jugendlicher in Kontakt mit salafistischem Gedankengut kommen“, schätzt Claudia Dantschke, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der „Gesellschaft für Demokratische Kultur“ und gefragte Ansprechpartnerin für muslimische Eltern, deren Söhne sich radikalisiert haben. Die studierte Arabistin und ehemalige Journalistin hat schon Angehörige von rechtsextremen Jugendlichen betreut. Sie kennt die psychologischen Gruppenmechanismen ebenso gut wie die nagende Unzufriedenheit im Lebensgefühl vieler junger Muslime, die sich von der Mehrheitsgesellschaft nicht genug wertgeschätzt fühlen. „Viele erleben, dass zwar in ihrem Elternhaus ständig über die Ungläubigen geschimpft wird - steht aber ein Vertreter einer Behörde oder der Schule vor der Tür, wird demütig gekuscht.“ In den Augen dieser Jugendlichen sind es einzig die selbstbewussten Salafisten, die etwas gegen die wachsende Islamfeindlichkeit tun. Darüber hinaus zeigen sie sich solidarisch mit den muslimischen Opfern „westlicher Aggression“, angefangen im Irak bis nach Palästina. Diese Eindeutigkeit, verbunden mit der Opferbereitschaft, hat etwas Faszinierendes, zumal in der Phase der Pubertät, in der sich lebensgeschichtlich romantische Ideale von Gerechtigkeit mit rebellischem Potenzial gegenüber traditionellen Autoritäten paaren. „Salafist zu sein ist der maximale Gegenentwurf zum überwiegend religionsfernen Lebensentwurf der Eltern, der maximale Protest gegen den Vater und gegen den Staat mitsamt seinen Vertretern von Schule und Gesetz, und es garantiert die höchste Aufmerksamkeit, nicht nur in der Gruppe der Gleichaltrigen, sondern auch im gesamten Lebensumfeld. So wie es im Osten cool ist, Neonazi zu sein, so ist es im Westen cool, Salafist zu werden“, sagt Claudia Dantschke.

Dass man die gegenüber dem Elternhaus weitaus hierarchischeren Strukturen der Salafisten fraglos akzeptiert, stört diese Jugendlichen wenig. Im Gegenteil. Klare Grenzen faszinieren besonders jene, die aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen und nichts so sehr verachten wie eine scheinbar liberale Erziehung, hinter der sich nur Gleichgültigkeit verbirgt.

Relative Emanzipation

Beispielhaft hat Claudia Dantschke den Fall des achtzehnjährigen Isa, der mit bürgerlichem Namen Harry M. heißt, anhand seiner Botschaften auf den Internet-Plattformen „YouTube“ und „Facebook“ nachgezeichnet. Im Herbst 2010 erklärte er dort, warum er zum Islam übergetreten ist. Aufgewachsen bei seiner alleinerziehenden Mutter mit mehreren Schwestern, Kinder verschiedener Väter, sei er mit vierzehn Jahren in eine tiefe Identitätskrise gerutscht. „Da habe ich dann angefangen, wie viele angefangen haben: mit der Zigarette, dann mit Alkohol, dann wurde es schlimmer, dann der Joint, dann andere Drogen noch… Entweder war ich nicht in der Schule oder ich hab nur geschlafen oder hab den Unterricht gestört. Ich hatte nichts mit Religion zu tun, denn meine Mutter hatte mich nicht taufen lassen. Das ist auch sehr gut gewesen, denn sie hat gesagt, dass wir selber entscheiden können, wenn wir alt genug sind, in welche Religion wir gehen. Und al-hamdu-li-llah, Allah hat mich in diese Religion gebracht, in die einzig wahre Religion, wo man nur dem einen allmächtigen Gott dient. Ich hab mir um mein Leben auch Gedanken gemacht, wie jeder Mensch eigentlich… Was nehme ich mit ins Grab? Ich nehme kein Geld mit, keine Freunde, keinen Schmuck - ich nehme gar nichts mit, sogar meinen eigenen Körper lasse ich hier. Und da kam ich dann auf den Gedanken an Gott.“

In weiteren Videos dankt M. seinem libanesischen Schwager, der mit ihm über Allah gesprochen hat. Er besucht eine salafistische Moschee, genießt die Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, findet im Internet Predigten von Pierre Vogel, stößt auf das radikale Netzwerk „Die wahre Religion“, stellt Bilder von getöteten Muslimen auf seine Homepage, zieht neues Selbstbewusstsein aus seiner Mission. Denn er gehört jetzt im Unterschied zur Masse der Muslime zu jenen, die genau wissen, was Allahs Willen ist. Im März 2012 wird er zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wegen Unterstützung der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

Sein Werdegang ist auch deshalb typisch, weil er als religiöser Analphabet auf die Salafisten stößt. „Es sind die, salopp gesagt, Weihnachtschristen und Ramadan-Muslime, in deren Familien nicht über Religion gesprochen wird und die dann auf einmal staunend einen religiösen Kosmos erleben, aber nicht in der Lage sind, diesen kritisch zu hinterfragen, weil ihnen jegliche religiöse Bildung fehlt“, erläutert Claudia Dantschke.

Doch Salafisten sprechen nicht nur religiös Neu-Erweckte an. Als der erfahrene Hamburger Pädagoge und heutige Leiter des „Referats Gesellschaft“ am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung der Hansestadt, Kurt Edler, zum ersten Mal die Schrift „Wegzeichen“ von Sayyid Qutb (1906-1966), eines der einflussreichsten islamistischen Denker, las, hatte er ein Aha-Erlebnis. In dieser Kampfschrift „fand ich genau jene Abrechnung mit dem Westen und dem Kapitalismus, die mich als junger Mensch vor vierzig Jahren aus ganz anderen Quellen so begeisterte“. Mit dem Unterschied, dass Sayyid Qutb nicht nur den Kapitalismus, sondern auch Sozialismus und Marxismus verdammt. Nur in einem Gottesstaat sieht er die Möglichkeit eines gerechten Miteinanders verwirklicht.

Selbst für Mädchen kann der Salafismus anziehend sein, weil er trotz seiner archaischen Geschlechterrollen und des Verschleierungszwangs eine „emanzipatorische“ Facette enthält. Anders kann man sich nicht erklären, dass der Frauenanteil unter den Aktivisten rund zehn Prozent beträgt. In vielen traditionell konservativen islamischen Familien, so Dantschke, gibt es eine Ungleichbehandlung zwischen Töchtern und Söhnen. Die Brüder passen auf die Schwestern auf, dass diese die Ehre der Familie nicht gefährden, keine zu engen oder gar sexuellen Freundschaften mit Andersgläubigen eingehen, während umgekehrt niemand daran Anstoß nimmt, wenn die Jungs abends mit ihren Freunden um die Häuser ziehen oder sexuelle Erfahrungen vor der Ehe machen, oft mit Mädchen aus nichtmuslimischen Häusern. Gerechtfertigt wird dieses patriarchale Paschatum gerne mit „dem Islam“. Theologisch begründet wird es nicht. Es ist eben so.

Im Salafismus dagegen gelten nicht nur strenge Sittenregeln ausnahmslos für beide Geschlechter. Es wird auch fast jedes Verhalten auf Mohammed zurückgeführt oder mit seinen Sprüchen begründet. Man kann sich vorstellen, welcher Sprengstoff für das Gefüge einer Familie darin steckt, wenn die Tochter beginnt, das Unhinterfragbare zu hinterfragen beziehungsweise zu korrigieren: „Papa, ich erklär, dir den Islam.

Jetzt rächt es sich, dass viele Moscheevereine sich lange Zeit nur auf Kulturpflege und Lobbyarbeit konzentriert haben, statt eine innovative Theologie voranzutreiben und in Europa sozialisierte Imame für den religiösen Nachwuchs aufzubauen. Entsprechend hilflos wirken die Verbände. Sie müssen mit ansehen, wie eine radikale Minderheit zunehmend die Definitionshoheit über zentrale religiöse Begriffe gewinnt und wie es den Salafisten gelingt, auch unter den gemäßigten Muslimen Respekt zu gewinnen. Welcher fromme Moslem kann etwas dagegen haben, wenn in Fußgängerzonen kostenlos der Koran verteilt wird? Ebenso wenig wird sich ein Christ daran stören, wenn Bibeln verteilt werden oder in Hotelzimmern liegen.

Doppelte Strategie

Doch die Strategie hinter dieser Geschenk­aktion, die von dem Verein „Die wahre Religion“ durchgeführt wird, ist perfide. Denn während man einerseits mit dem missionarischen Einsatz Anerkennung in der Breite der Muslime gewinnt, radikalisiert man gleichzeitig in den Hinterzimmern religiös unbedarfte Jugendliche. Das ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie hart der Kampf um den „wahren Islam“ mittlerweile auch hierzulande geführt wird. Betrachtet man die Selbstzeugnisse junger Salafisten auf Facebook und YouTube, stößt man immer wieder auf das emotionale Motiv: Die Wärme, die Freundschaft, das Gemeinschaftsgefühl seien einzigartig. Aus diesem Grund ist es auch so schwer, einen jungen Menschen, der sich radikalisiert hat, wieder zurückzuholen. Mit religiös-philosophischen Debatten kann man ihn nicht locken. Die geschlossene Ideologie stärkt die sich nach Anerkennung und Bestätigung sehnende Psyche allemal besser als rationale Kritik und das Eingeständnis des Zweifelns, was als Schwäche verstanden wird. Und welche Gemeinschaft könnte man ihm als Ersatz für den Verlust jener brüderlichen Geborgenheit unter den Auserwählten anbieten? Eine freiheitlich-liberale Demokratie ist gerade keine wirkmächtige „Gegenideologie“ zum Salafismus. Sie kann weder theoretisch noch praktisch auch nur annähernd eine ähnliche Selbstbestätigung oder ein vergleichbares Gemeinschaftsgefühl erzeugen.

Auf der Tagung behandelt wurde auch das Phänomen der „Pop-Dschihadisten“, deren Auftreten in vielen Punkten der heutigen Jugendkultur ähnelt: Hasspredigten, eingebettet in Rap und Hiphop, ein eigener Dresscode, gekaperte Symbole und in den Werbe-Videos die Verwendung exakt jener Bildsprache der Gewalt, die Jugendliche heute in Action-Filmen begeistert. Um eine gutgemeinte Phrase aus der kirchlichen Jugendarbeit zu verfremden: Die Dschihadisten holen die Jugendlichen genau da ab, wo sie stehen.

Doch im Unterschied zum Kino zeigen viele Clips reale Gewalt- und Vernichtungsbilder aus Syrien, via Internet von kämpfenden Gesinnungsgenossen vermittelt, die in der Szene als Helden verehrt werden. Das bewirkt nicht nur eine weitere Verrohung der Konsumenten, sondern spricht noch eine ganz andere, eigentlich religionsfremde Gruppe für den Dschihad an: die Mordlustigen, die Hemmungslosen, die endlich einmal ihren Gewaltphantasien freien Lauf lassen und die Macht auskosten wollen, Herr über Leben und Tod zu sein. „Wir haben es nicht nur mit gescheiterten, traurigen und schüchternen Jugendlichen zu tun, sondern mit knallharten Kadern“, bestätigt der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Wie viele andere Verfassungsschützer, Pädagogen und Präventionsfachleute ist auch Kiefer skeptisch, was die Zukunft betrifft. Der militärische Erfolg der Isis-Leute dürfte einen riesigen Motivationsschub auslösen.

Dagegen wirken die oft sogar nur zeitlich befristeten Vorbeugungsprojekte wie ein Pfeifen im Walde. Doch inmitten der allgemeinen Not und Ratlosigkeit wächst auf allen Ebenen die Entschlossenheit, dagegenzuhalten. Fachleute nutzen die Erfahrungen aus der Rechtsextremismus-Forschung. In Schulen werden Lehrerinnen und Lehrer sensibilisiert. Besorgte Eltern greifen zum Telefon und suchen den Kontakt zu Aussteigerprojekten oder sogar zu den Sicherheitsbehörden, etwa über die Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Der mühsame Kampf, einen einzelnen Gotteskrieger wieder zurückzuholen, ist zugleich ein Kampf um das Ansehen des Islam. Er hat gerade erst begonnen.

CIG 36/2014