boff l klPro Konzil veröffentlicht am 11. März 2013 nachstehende Analyse des Brasilianischen Theologen und Philosophen Leonardo Boff zum Rücktritt von Benedikt XVI. Boff kennt Joseph Ratzinger aus seiner Studienzeit.

Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz

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Der Kollaps seiner Theologie – eigentlicher Grund seines Rücktritts?

von Leonardo Boff, Theologe und Philosoph

Es ist immer riskant, einen Theologen zum Papst zu machen. Er kann seine persönliche Theologie zur Theologie der Welt-Kirche machen und sie weltweit durchsetzen. Ich vermute, dies ist der Fall bei Benedikt XVI, zunächst als Kardinal und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre (ex-Inquisition) und später als Papst. Ein solches Vorgehen ist illegitim und verursacht ungerechte Verurteilungen. In der Tat hat Josef Ratzinger mehr als hundert Theologen und Theologinnen verurteilt, weil sie nicht in seine theologische Deutung von Kirche und Welt passten.

Gesundheitliche Gründe und das Gefühl der Ohnmacht angesichts der tiefen Krise in der Kirche veranlassten ihn zum Rücktritt. Aber das waren nicht die einzigen Gründe. In seiner Rücktritts-Erklärung sagt er, „dass sowohl die Kraft des Körpers als auch die des Geistes ... derart... abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen." Ich glaube, hinter diesen Worten verbirgt sich ein tieferer Grund für seinen Rücktritt: Er nimmt wahr, dass seine Theologie zusammengebrochen und das Kirchenmodell, das er verwirklichen wollte, gescheitert ist. Eine absolutistische Monarchie ist nicht so absolut, dass sie auch das Beharrungsvermögen altgewordener kurialer Strukturen überwältigen könnte.

Die Haupt-Thesen seiner Theologie waren für die Kommunität der Theologen und Theologinnen seit jeher problematisch. Drei dieser Thesen sind schließlich von den Fakten widerlegt worden: dass die Kirche "eine kleine versöhnte Welt" darstelle; dass die „Stadt des Menschen" nur Wert hat vor Gott durch die Vermittlung der „Stadt Gottes", und dass das berühmte „subsistit" bedeutet, dass nur in der katholischen Kirche die wahre Kirche Christi „subsistiere", alle anderen Kirchen aber nicht als Kirchen bezeichnet werden können. Diese enge Sicht einer scharfen Intelligenz, die zugleich Gefangene ihrer selbst bleibt, hatte weder genügend innere Kraft noch gewann sie die erforderliche Zustimmung für die Verwirklichung. Könnte Benedikt dieses Scheitern anerkannt haben und aus Gründen der Integrität zurückgetreten sein? Für diese Hypothese gibt es Gründe.

Der emeritierte Papst ließ sich von Augustinus inspirieren und belehren. Darüber habe ich in der Tat einige persönliche Gespräche mit ihm geführt. Von Augustinus übernahm er die grundlegende Perspektive, angefangen mit seiner drittrangigen Erbsündenlehre (die behauptet, die Erbsünde würde durch den Zeugungsakt übermittelt). Diese Lehre macht aus der gesamten Menschheit eine „massa damnata". Aber in ihr hat Gott durch Christus eine erlösende Zelle ausgespart, die durch die Kirche vertreten wird. Sie ist „die kleine versöhnte Welt", die den verlorenen Rest der Menschheit vertritt. Sie muss nicht viele Mitglieder haben. Einige wenige genügen, wenn sie nur rein und heilig sind. Ratzinger hat diese Vision verkörpert. Und sie durch folgende Überlegung ergänzt: Christus und die zwölf Apostel haben die Kirche konstituiert. Deshalb ist sie apostolisch. Nur diese kleine Gruppe entscheidet darüber. Alle Jünger, Frauen und die Menge des Volkes, die Jesus gefolgt sind, schließt Ratzinger aus. Sie zählen für ihn nicht. Sie werden durch die Vertretung, die von „der kleinen versöhnten Welt" übernommen wird, erreicht. Ein solches ekklesiologisches Modell ignoriert die weite, globalisierte Welt. Er wollte also Europa zu „der versöhnten Welt" machen, um von hier aus die Menschheit zu erobern. Er scheiterte, weil das Projekt von niemandem angenommen und kaum ernstgenommen wurde.

Die zweite These stammt auch von Augustinus und seiner Lesart der Geschichte: die Konfrontation zwischen der „Stadt Gottes" und der „Stadt der Menschen". In der Stadt Gottes gibt es Gnade und Erlösung: sie ist der einzige Weg zum Heil. Die Stadt der Menschen wird durch menschliche Anstrengung erbaut. Aber weil ihr ganzer Humanismus und all ihre anderen Werte kontaminiert sind, können die Menschen nicht gerettet werden, da sie nicht durch die Vermittlung der Stadt Gottes (die Kirche) hindurchgegangen sind. Die Stadt der Menschen bleibt vom Relativismus geplagt. Folglich hat Kardinal Ratzinger die Befreiungstheologie hart verurteilt, weil es ihr Anliegen ist, dass sich die Armen selbst befreien, dass sie selbst Subjekte ihrer Geschichte werden. Aber weil die Befreiungstheologie sich nicht mit der Stadt Gottes und ihrer Zelle, der Kirche, koordiniert, ist sie minderwertig und sinnlos.

Die dritte Hauptthese stellt eine sehr persönliche Interpretation dessen dar, was das II. Vatikanische Konzil über die Kirche Christi sagt. Der erste Entwurf der Kirchenkonstitution sagte, die katholische Kirche ist die Kirche Christi. Die am Ökumenismus orientierten Diskussionen führten dazu, dass das „est" durch „subsistit" ersetzt wird, um Raum dafür zu lassen, dass auch die anderen christlichen Kirchen auf ihre eigene Weise die Kirche Christi verwirklichen. Diese Interpretation, die ich durch meine eigene Promotion gestützt habe, wurde von Kardinal Ratzinger durch sein berühmtes Dokument „Dominus Jesus" (2000) ausdrücklich verurteilt. Darin behauptet er, dass das „subsistit" von „subsistentia" her stamme, die nur eine einzige sein könne und die es nur in der katholischen Kirche gebe. Die anderen "Kirchen" verfügen "nur" über kirchliche Elemente. Dieses "nur" ist eine willkürliche Hinzufügung zum offiziellen Text des Konzils. Sowohl einige bekannte Theologen wie auch ich selbst haben bewiesen, dass es diese essentialistische Bedeutung in der lateinischen Sprache nicht gibt. Die Bedeutung ist immer konkret im Sinne von "Gestalt annehmen", „sich objektiv verwirklichen". Dies war der "sensus Patrum", das, was die Konzilsväter im Sinne hatten.

Diese drei Hauptthesen Ratzingers sind von den Tatsachen widerlegt worden: in der „kleinen versöhnten Welt" gibt es zu viele Pädophile, selbst unter den Kardinälen, und zu viele Geldräuber in der Vatikan-Bank. Die zweite These, dass die Stadt der Menschen keine heilswirksame Kraft vor Gott habe, stützt sich auf die irrige Annahme, dass die Wirkung der Stadt Gottes sich nur auf den Bereich der Kirche beschränke. Auch in der Stadt der Menschen stößt man auf die Stadt Gottes, zwar nicht in der Gestalt des religiösen Bewusstseins, sondern in der Gestalt von ethischen und humanitären Werten. Das Zweite Vatikanische Konzil garantierte die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten (ein anderer Name für die Säkularisierung), die unabhängig von der Kirche bedeutungsvoll sind. Sie zählen vor Gott. Die Stadt Gottes (die Kirche) verwirklicht sich durch ausdrücklichen Glauben, durch Gottesdienst und Sakramente. Die Stadt der Menschen verwirklicht sich durch Ethik und Politik.

Die dritte Hauptthese, dass nur die katholische Kirche einzig und ausschließlich die Kirche Christi sei und, mehr noch, dass es ohne sie kein Heil gebe, diese von Kardinal Ratzinger wiederbelebte mittelalterliche These wurde einfach als Beleidigung für andere Kirchen ignoriert. Anstelle von „außerhalb der Kirche kein Heil" wurde in den Diskurs der Päpste und Theologen „die universelle Heilszusage für alle Menschen und für die Welt" eingeführt.

Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz; Quelle:


Das spanische Original finden Sie hier.