reisenbichler ign klbibel3 kl"Die Bibel ist ein Buch, das immer schöner wird, je mehr man sich mit ihm beschäftigt", sagt die neu von der Österreichischen Bischofskonferenz bestellte Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks in der Linzer Kirchenzeitung.

Ignaz Reisenbichler hat beim Netzwerk: zeitgemäß glauben am 23. März 2017 nachstehend dokumentierten Vortrag gehalten, der mit großem Interesse aufgenommen wurde.

Lust an der Bibel

1. Aspekte der Freude an der Bibel

Um an biblischen Texten persönliche Freude zu erleben, kommt es darauf an, sie mit den Augen des Glaubens und bereitem Herzen aufzunehmen, sie wirken zu lassen, darüber nachzusinnen und sich bei gemeinsamer Bibelarbeit andern mitzuteilen. Einige wichtige Aspekte zur Freude führe ich nun beispielhaft an:

Ankündigung spiritueller Erneuerung

  • Gott bestellt neue Hirten: Der Prophet Ezechiel zeigt in Kapitel 34 den Hirten, die sich selbst weiden, die Rote Karte, begründet das mehrfach und resümiert: „Ich will mich meiner Herde selbst annehmen“ (Vers 11) und „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken … ich will sie weiden, wie es recht ist.“ (Vers 16). .
  • Gott gibt neues Leben: Ezechiel betont in den Kapiteln 36 und 37, dass Gott uns ein neues Herz und neues Leben gibt, wenn er unter anderem sagt: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben …“ (Kapitel 36; 26,27a).
  • Der Christ ist eine neue Kreatur: Das Neue Testament spricht ausdrücklich von einer neuen Qualität des Menschen, der Christ geworden ist: „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korintherbrief 5; 17).

Freude über das Eingreifen Gottes in die Geschichte

  • Persönliche Hilfe durch Gott: Psalm 23 spricht vom Eingreifen und Beschützen des Menschen durch den göttlichen Herrn: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Vers 1) und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Vers 4). Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ (Vers 5).
  • Gott greift in die Weltgeschichte ein: Er benutzt den Perserkönig Kyros als Werkzeug zur Befreiung aus der babylonischen Knechtschaft. Der Prophet Deutero-Jesaja bringt es auf den Punkt: Denn er (Kyros) „soll all meinen Willen vollenden und zu Jerusalem sagen: Werde wieder gebaut! Und zum Tempel: Werde gegründet! So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Kyros, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte“ (Jesaja 44; 28 und 45; 1).
  • Das Eingreifen Gottes hat auch eine eschatologische Dimension: Der Schreiber der Offenbarung spricht vom Wohnen Gottes bei den Menschen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein … und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. ... Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21; 3-5)

Schutz der Würde des Menschen

  • Gott schützt den Brudermörder Kain (1. Buch Mose 4; 15f): „Wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn.“ Auch dem, der sich verfehlt hat, gesteht Gott weiterhin seine Würde zu.
  • Der Mensch hat eine hohe Stellung: Psalm 8 macht ein Kompliment an die Würde des Menschen: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Vers 5 und 6)
  • Die Bergpredigt (Matthäus, Kapitel 5-7) betont ebenfalls die unantastbare Würde des Menschen, wenn sie von Feindesliebe spricht oder dazu auffordert, keine Vergeltung zu üben, andere nicht zu richten und immer wieder Barmherzigkeit zu üben. Die Seligpreisungen sind geradezu ein Manifest für die Würde des Menschen.

Teamarbeit und menschliche Freundschaft

  • Der Sieg über die Amalekiter: Das 2. Buch Mose 17; 8-13 berichtet von Teamarbeit in einer Schlacht gegen die Amalekiter. Mose betet auf einem Hügel mit erhobenen Händen, unten kämpft Josua gegen Amalek. Wenn Mose seine Arme zum Gebet erhebt, siegt Josua. Lässt er sie müde sinken, siegt Amalek. Daher stützen Aaron und Hur die müde gewordenen Arme des Moses, sodass Josua schließlich siegt.
  • Die unverbrüchliche Freundschaft zwischen David und Jonathan, dem Sohn Sauls wird in den Kapiteln 18-20 des 1. Buches Samuel erzählt. David gewinnt Jonathan zum Freund, der ihn immer wieder vor dem Zorn und der Feinschaft seines Vaters Saul schützt.
  • Teamarbeit in der Gemeinde: Paulus verwendet die Kooperation der menschlichen Organe als metaphorische Darstellung der Zusammenarbeit in der Gemeinde mit dem Motto: Kooperation statt Konfrontation (1. Korintherbrief 12; 12-31), um die Streitigkeiten in der Gemeinde von Korinth zu beseitigen. Was für Korinth angebracht war, ist auch bei uns heute hoch aktuell.

Originelles

  • Israels Frauenstreik: Diese ausführliche Darstellung von der Ursache bis zur Lösung findet sich in den Kapiteln 19-21 des Richterbuches. Ein Mann in Gibea aus dem Stamm Benjamin lässt eine Nebenfrau schänden, zerstückelt sie und schickt je einen Teil an die andern Stämme. Wegen dieser Schandtat brennen die andern Stämme ganz Benjamin nieder und töten alle ihre Frauen. Die überlebenden Männer stehen ohne Frauen da, zum Aussterben verurteilt, denn die andern Stämme haben geschworen, Benjamin keine Frauen zu geben.
    Schließlich sagen sie sich aber, wir können doch unsern Bruderstamm nicht untergehen lassen und finden eine Lösung. Beim Weinlese-Reigenfest in Silo tanzen viele unverheiratete junge Mädchen. Man sagt den Männern Benjamins, versteckt euch in den umliegenden Weinbergen. Wenn die Mädchen nach Hause gehen, schnappt euch eine zur Frau. Der Stamm Benjamin ist gerettet.
  • Der tanzende David: Michal lacht über den tanzenden David beim Einzug der Bundeslade in Jerusalem und denkt wohl: Jetzt spinnt er ganz (2 Buch Samuel 6). Aber Michal hat wie ihr Bruder Jonathan David ebenfalls vor Sauls Zorn geschützt.
  • Die Autorenfälschung im 2. Thessalonicher-Brief, Kapitel 2: Der 1. Thessalonicher-Brief ist ein echter Paulusbrief mit der Naherwartung, Jesus komme noch zu seinen Lebzeiten wieder, was jedoch nicht eintritt. Der 2. Thessalonicher-Brief, viel später von einem unbekannten Autor geschrieben, widerspricht daher Thessalonicher 1 bezüglich der Naherwartung, schlüpft in die Rolle des ‚echten‘ Paulus und stellt Thessalonicher 1 als nicht von Paulus geschrieben hin. Bemerkenswert daran ist, dass der unbekannte Autor Paulus davon befreit, sich geirrt zu haben und selbst die Autorität des Paulus in Anspruch nimmt (2. Thessalonicher, Kapitel 2).

2. Richtige Deutung von als hart empfundenen Texten

In der Bibel gibt es Texte, von denen viele behaupten, dass sie ihnen die Lust und Freude an der Bibel nehme. Hier ist die richtige Deutung und Auslegung wichtig, um die auftretenden Irritationen zu beseitigen. Dazu einige oft ins Treffen geführte Texte.

Texte mit Gottes Anspruch auf Anerkennung und Autorität:

Diese Texte fordern, Gott in seiner Majestät, Größe und Hilfe für den Menschen anzuerkennen und ihn von anderen Göttern, Kulten und Lehren abzuhalten.

  • Auftreten unter Lärm, Rauch und Blitz: Die Proklamation und Übergabe der Gesetzestafeln mit den 10 Geboten an Mose unterstreicht die Wichtigkeit dieses Geschehens, indem sie unter Getöse, Donner, Blitz, Feuer und Rauch vor sich geht. Das 2. Buch Mose berichtet in Kapitel 19 von diesem Vorgang am Sinai.
  • Verzagen lassendes Auftreten: Gott jagt dem Jesaja Angst und Schrecken ein, als er ihn im Tempel zum Propheten beruft: Ein hoher und erhabener Thron, ein den Tempel füllender Saum, überdimensionale Serafim mit einem gewaltigen Heilig, heilig; bebende Schwellen, viel Rauch. Jesajas Reaktion: „Weh mir, ich vergehe.“ Doch Gott ermutigt ihn, die Berufung anzunehmen. Das Buch Jesaja beschreibt in Kapitel 6 diesen Vorgang.
  • Machtvolles Auftreten Gottes vor dem prophetischen Schreiber der Offenbarung, anlässlich des Auftrages, den Gemeinden in 7 Sendschreiben die Leviten zu lesen: eine gewaltige Stimme wie Wasserrauschen, Leuchter und Gürtel aus Gold, golderzene Füße, langes Gewand, wie Schnee weiße Haare, feuerflammende Augen, ein scharfes zweischneidiges Schwert, wie die Sonne leuchtendes Angesicht. Das Buch Offenbarung beschreibt in Kapitel 1; 12-17 dieses machtvolle Auftreten.

Texte der Trennung von allem Gott und Jesu Botschaft im Wege Stehenden

Das Volk hat sich stets mit Göttern, Heilslehrern, diversen Wanderpredigern und gnostischen Ideen eingelassen. Daher die Aufforderung: Trennt euch von all dem.

  • Die Bannberichte der Landnahmesagen: Am Bekanntesten ist der Bericht in Josua, Kapitel 7 und 8: Nach dem Fall Jerichos hat Gott verboten, etwas von den Schätzen Jerichos an sich zu nehmen: Achan und die Seinen tun es trotzdem. Die Folge ist die Niederlage vor Ai. Erst nach der Entlarvung des Achan und seiner Bestrafung wird Ai eingenommen und die Landnahme kann erfolgreich fortgeführt werden.
  • Radikale Bestrafung in neutestamentlichen Erzählungen: Die bösen Weingärtner töten die Knechte und den Sohn des Besitzers des Weinberges und werden hart bestraft (Matthäus 21; 33-46, Markus 12; 1-12 und Lukas 20; 9-19). Der ohne hochzeitliches Kleid beim königlichen Hochzeitsmahl Anwesende wird des Saales verwiesen (Matthäus 22; 1-14 und Markus 14; 16-24). Von allem, was Jesu Botschaft im Wege steht, ist Abstand zu nehmen, metaphorisch-gleichnishaft verdeutlicht an bösem Verhalten und an ungenügender Vorbereitung und Einstellung in der Begegnung mit Gott.
  • Radikale neutestamentliche Nachfolgeforderungen: Um der Nachfolge Jesu willen ist Entzweiung auch mit Vater und Mutter in Kauf zu nehmen (Matthäus 10; 16-22, Markus 13; 9-13 und Lukas 21; 12-17). Die Nachfolge hat auch Vorrang vor dem Begräbnis des Vaters (Mt 8; 19-22 und Lukas 9; 57-60). Diese ‚unmenschlich‘ anmutenden Texte sagen in literarischer Weise, dass das Ernstnehmen der Nachfolge erste Priorität hat.

Gottes Rache als Bestätigung seiner Liebe

Gott rächt und straft Verfehlungen an seinen geliebten Menschen. Gott übt Gerechtigkeit, wo Strafe nötig ist und gibt Rettung und Heil, wo das möglich ist. Die Bibel führt zu einer zunehmenden Individualisierung von rächender Strafe und erwiesener Liebe und lehnt Sippenhaftung zunehmend ab.

  • Gottes Freude über Bekehrung und Sinneswandel: Gott richtet jeden nach seinem Tun und fordert zur Umkehr auf. „Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“ (Ezechiel 18,23). Auch Jesu Verhalten und Reden geht immer wieder in diese Richtung.
  • Gott ist barmherziger als der Mensch: Das zeigt die Stauden-Story im Buch Jona. Jona verkündigt den Bewohnern Ninives wegen ihres bösen Verhaltens den Untergang. Doch sie bekehren sich und Gott will Ninive nicht mehr vernichten. Das verdrießt Jona sehr, weil er bereits den Untergang verkündigt hatte. Gott belehrt ihn daher. Er lässt in der glühenden Wüste für Jona eine große Staude zum Schattenspenden wachsen. Als sie am nächsten Morgen von einem Wurm zerstört ist, regt sich Jona fürchterlich auf und Gott weist ihn zurecht: “Dich jammert die Staude … und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ (Jona 4;10,11a)
  • Die menschlichen Rachegelüste: Die Unbarmherzigkeit der Menschen zieht sich durch die ganze Bibel. Psalm 70 bittet Gott um Hilfe, die Übeltäter in die Pfanne zu hauen, Psalm 76 stellt ihn als furchtbaren Richter an Fürsten und Königen dar. Hier ist jedenfalls nachzudenken, was einzelne Kirchenvertreter und Christen andern Menschen im Laufe der Geschichte angetan und mitunter auch des Lebens beraubt haben. Verurteilung und Ausgrenzung, Absprechen der Würde, dogmatische und juristische Lieblosigkeit haben vielen Menschen die Freude am Leben zerstört.

3. Literarische Sprachformen

Zum persönlichen Entdecken der Schönheit der Bibel, zu ihrer Auslegung und Verkündigung ist die Kenntnis ihrer literarischen Sprachform wichtig. Die erzählenden Sprachformen (Mythen, Sagen, Visionen, Gleichnisse, geschichtsbezogene Erzählungen) sind in der Bibel am häufigsten und wichtigsten. Immer ist zu fragen: Wer hat was wann in welcher Absicht, auf welchem historischen Hintergrund zu wem gesagt und in welcher literarischen Sprachform geschieht dies?

Mythische Texte
Einen biblischen Mythos erzählen heißt, durch ein Geschehen außerhalb unserer realen Zeit Ereignisse erklären, begründen und auf göttliche Handlungen zurückführen. Sie sind wichtige Erzählmittel und Sprachformen. Ein paar Beispiele:

  • Schöpfungsgeschichte und Flutberichte im ersten Buch Mose sind die bekanntesten Mythen der biblischen Urgeschichte
  • Mythologisch sind viele Erzählungen von Schuld und Strafe, ebenfalls im 1. Buch Mose. In Kapitel 3 betrifft es das Paradies und den Sündenfall von Adam und Eva, Kapitel 4 dramatisiert den Brudermord des Kain, in Kapitel 6 verkehren Gottessöhne und Menschentöchter miteinander und zeugen die Riesen der Vorzeit, Kapitel 11 bringt den Hochmut Babels mit ihrem gescheiterten Turmbau zu Fall.
  • Mythen sind auch die kurzen Andeutungen vom Engelsturz als Strafe für diejenigen Engel, die ihre Willensfreiheit zur Empörung gegen Gott missbrauchten. Der Engelsturz steht bei Jesaja, Kapitel 14, als Mythos für den Sturz der Weltherrscher, im nur kurzen Judasbrief als Mythos von Gottes Gericht über die Irrlehrer.

Sagenerzählungen
Biblische Sagen erzählen heißt, eine an geschichtliche Ereignisse oder Personen anknüpfende mündliche Überlieferung umzugestalten und zu deuten und sie zu einem im Volksglauben weiterlebenden Geschehen zu machen. Häufig kommen ätiologische Sagen vor. Diese dienen der Erklärung nicht mehr unmittelbar verständlicher Orte und Namen, indem sie als deren Entstehungsursache eine Sagengeschichte erzählen.

  • Die Erklärung der Salzsäule von Lots Frau, 1. Buch Mose 19; 26 führt zur Sagenerzählung vom untergehenden Sodom. Lukas 17; 32 zitiert: „Denkt an Lots Frau“ zur Begründung, dass beim Kommen des Reiches Gottes alles andere nicht mehr wichtig ist, sich danach umzudrehen.
  • Der Altar „Der Herr mein Feldzeichen“ erinnert an den Sieg über Amalek (2. Buch Mose 17; 15) und deutet ihn im Sinne des errungenen Sieges.
  • Sagenerzählungen finden sich mitunter in den Mose-Büchern, wo oft fließende Grenzen zu Mythen zu finden sind. Die Bücher Josua und Richter bieten besonders viele Sagenstoffe.

Visionserzählungen
Biblische Visionen, mitunter auch Schau genannt, sind Erzählungen von der Mitteilung göttlicher Geheimnisse und göttlichen Willens. Sie erfolgen meist durch die Propheten als Seher. Dazu gehören Träume (etwa in den Josefs-Erzählungen), Weissagungen (bei Jeremias), Visionen (vorwiegend bei Amos, Sacharja und in der Offenbarung). Mitunter ist auch von Entzückungen und Erscheinungen die Rede.

  • Ein bekanntes Beispiel sind die Träume des Pharao, des Mundschenks und des Bäckers und ihre Auslegung durch Josef im 1. Buch Mose, Kapitel 40 und 41.
  • Visionserzählungen prägen die gesamte prophetische Literatur. Ein literarisches Meisterwerk sind die sogenannten Nachtvisionen des Sacharja, Kapitel 1-8. Darin schildert der Prophet die Zeit vom Beginn bis zum Ende des Exils als Verlauf einer Nacht vom Abend bis zum Morgen in einer kunstvoll aufgebauten Menora-Struktur, dargelegt in insgesamt 8 Visionen.
  • Die vier mystischen Reiter in Offenbarung 6; 1-8 sind ein Beispiel aus dem prophetischen Buch der Offenbarung. Das weiße Pferd als Sieger im Krieg, das rote als Tod, das schwarze als Hunger und das fahle als Krankheit und Pest sind Teil des Buches mit den 7 Siegeln, die geöffnet werden (Offenbarung, Kapitel 5-9).

Gleichniserzählungen
Biblische Gleichniserzählungen veranschaulichen das Wesen eines Menschen, eines Verhaltens oder eines Geschehens mit Hilfe eines anderen Menschen, Verhaltens oder Geschehens.

  • Die Nathansparabel im 2. Buch Samuel, Kapitel 12 ist ein Klassiker. Mit der Erzählung vom reichen Mann mit seinen vielen Schafen, der einem armen Mann sein einziges Schaf stiehlt, um einen Gast zu bewirten, verweist Nathan auf Davids Verbrechen. Um Batseba heiraten zu können, stellt er ihren Mann Uria in die vorderste Frontlinie, sodass er im Kampf getötet wird. „Du bist der Mann“ (Vers 7) sagt Nathan und David tut Buße. Eine biblische Parabel ist eine gleichnishafte Erzählung zur Verdeutlichung einer zeitlos gültigen Wahrheit.
  • Die Vielzahl der Gleichnisse Jesu, häufig metaphorisch gestaltet, ist allgemein bekannt. Diese Gleichnisse sprechen die Menschen in ihren Lebensbereichen, meist als Bauern, Hirten und einfache Leute aus dem Volk an.
  • Viele Gleichniserzählungen sind allegorisch zu verstehen. Biblische Allegorien sind eine bewusste Darstellung eines theologischen Sinnzusammenhanges in einer bildhaften Darstellung, oft als Personifikation: der gute Hirte (Johannes 10), der wahre Weinstock (Johannes 15), aber auch das Vierfache Ackerfeld (Matthäus 13; 1-23, Markus 4; 1-20 und Lukas 8; 4-15).

Geschichtsbezogene Erzählungen und Berichte

  • Das vorexilische deuteronomistische Geschichtswerk von Josua bis 2. Buch der Könige hat in seiner Endredaktion eine starke nordreichfeindliche Tendenz; im Norden ist fast alles schlecht, im Süden das meiste gut. Der Vielgottglaube ist bis zum Exil in Israel salonfähig. Der Gott Israels hat nur lokale Bedeutung. Die geschichtsbezogenen Ausführungen über die Königszeit stehen im Einklang mit den Botschaften der vorexilischen Propheten und bestätigen ihre historischen Bezüge.
  • Das nachexilische chronistische Geschichtswerk von Esra bis zum 2. Buch der Chronik (im römisch-katholischen Kanon bis zum 2. Buch der Makkabäer) verlangt, dass der Tempel im wörtlichen und geistlichen Sinn wieder aufgebaut und verteidigt werden soll. Neu ist die Etablierung des Eingottglaubens mit universalem Anspruch durch den Propheten Deutero-Jesaja. Die diesbezüglichen Bemühungen von Esra und Nehemia werden von den nachexilischen Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi unterstützt. Die Historizität ist teilweise sehr hoch.
  • Den höchsten historischen Stellenwert im Neuen Testament haben die echten Paulusbriefe und die sich daraus erschließen lassenden Missionsreisen des Paulus.

Gesetzestexte
Sie ziehen sich durch die ganze Bibel. Sie haben die Form von Gesetz, Gebot, Rechtsnorm, Satzung und Verordnung. Psalm 119 (auch Güldenes ABC genannt) setzt sich in seinen 176 Versen mit allen diesen Rechtsformen auseinander. Jesus steht in ständigen Konflikten mit den Hütern und Vertretern der Gesetze (Ehegesetze, Schwören, Tempelsteuer, Steuerpflicht, Bestrafung von Sündern …)

Kultische Texte
Sie betreffen unter anderem den Umgang mit Aussätzigen, die Reinigungsgesetze, Opfervorschriften, den Kult um die Stiftshütte und die Bundeslade, vor allem den Tempelkult. Das 3. Buch Mose (Leviticus) und Teile vom 4. Buch Mose (Numeri) sind voll davon. Auch hier gibt es immer wieder Auseinandersetzungen mit Jesus.

Weisheitliche Texte
Dazu gehören unter anderen das zu alltäglicher Weisheit für das Volk auffordernde Spruchbuch und die Bücher mit spekulativer Weisheit und Ethik, Ijob und Prediger (Kohelet). Das Hohelied greift die Beziehung Mann/Frau im Vorgriff auf Jesus/Kirche und Gott/Volk Gottes als Liebeslied mit erotischen Zügen auf.

Poetische Texte
Die poetischen Sprachformen bringen Niveau und Vielfalt biblischer Literaturkunst zur Geltung. Einige Beispiele dazu:

  • Das Siegeslied am Schilfmeer im 2. Buch Mose, Kapitel 15; 1-18 ist ein Danklied an Gott für die im Auszugsmythos geschilderte Errettung von den Ägyptern.
  • Deboras Siegeslied über Kanaan in Richter 5 lobt und preist Gottes Hilfe beim Sieg, der für 40 Jahre wieder Ruhe herstellt.
  • Davids Klagelied über Saul und Jonathan im 2. Buch Samuel, Kapitel 1; 17-27 ist ein berührender Ausdruck der Verbundenheit Davids mit seinem oftmaligen Gegner Saul und dessen Sohn, seinem innigen Freund Jonathan.
  • Die Psalmen beinhalten Lieder verschiedenen Inhalts, die nicht von ungefähr immer wieder vertont worden sind. Oft sind es Danklieder (9; 18; 30; 65; 66; 107; 116; 118; 138), Lobpreis und Loblieder (29; 33; 104; 105; 108) sowie Lieder der Freude (84; 92; 97).
  • Marias Lobgesang, das Magnifikat bei Lukas 1; 46-55 zählt zu den bekanntesten Texten des Neuen Testaments und hat unverkennbar aktuellen sozialpolitischen Bezug. Die Befreiungstheologie und der derzeitige römische Bischof Franziskus denken und reden im Sinne des Magnifikat.

Hinweise zum praktischen Umgang mit biblischen Texten

1. Für die private Lust an der Bibel ist nicht entscheidend, ob sie jemand wörtlich auslegt oder sie mit Form-, Traditions-, Redaktionsgeschichte etc. vertraut benutzt. Maßgeblich ist, ob jemand die Aussagen der Bibel mit glaubendem Herzen aufnimmt und annimmt, sonst bleiben sie nur Literatur ohne spirituelle Resultate.

2. Nur jene Texte machen Freude für das persönliche Meditieren, die ich verstehe und über die daher ein Gespräch mit andern sinnvoll ist, um das an Ermutigung und Hilfe zu erfahren, was für die aktuelle Situation gerade wichtig ist. Die Bibelwissenschaft spricht von Rezeptionsästhetik, die Bibel formuliert im 2. Timotheusbrief 3; 16 und 17: „Denn alle Schrift … ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“

3. In der Liturgie verwendete Texte sollten in die Verkündigung einbezogen werden und nicht als erratische Blöcke wie Fremdkörper stehen bleiben. Sonst ist es besser, auf solche Texte zu verzichten. Die zwei Lesungen bieten einen gewissen Spielraum. Der Lektorendienst im öffentlichen Raum bei Gottesdienst und kirchlichen Veranstaltungen ist überaus wichtig und verantwortungsvoll. Er macht auf Dauer nur Lust, wenn eine genügende Vorbereitung möglich ist. Ein Stolpern über Aussprache und Betonung biblischer Namen ist meist peinlich, mitunter auch komisch.

4. Für Lehre, Predigt und Verkündigung ist eine umfassende Kenntnis biblischen Denkens und der verwendeten Texte unerlässlich. In Studium und Vorbereitung ist die Basis zu schaffen, in Verkündigung und Predigt biblische Texte und Sprachformen zu erschließen und ihren spirituellen und theologischen Sinn zur Sprache zu bringen. Da dies oft nicht geschieht, verlieren immer mehr Menschen die Lust an der Bibel.


Zum Autor:

Ignaz Reisebichler ist 1943 im niederösterreichischen Plankenstein, bekannt durch seine Burg, geboren, studierte von 1963 - 1969 katholische Theologie in Wien, von 1970 - 1972 Erwachsenenbildung und Predigtlehre in München und war von 1975 - 1978 Universitätsassistent am Institut für Religionspädagogik und Kerygmatik an der Universität Wien.

Von 1967 bis 1978 gehörte Reisenbichler dem Jesuitenorden an. Dort wurde er auch zum Priester geweiht. 1978 trat Reisenbichler aus dem Orden aus und heiratete. Nach seiner Heirat war er 25 Jahre lang in der Mitarbeiterausbildung einer großen Bankengruppe tätig. Er ist Vater zweier Töchter und Opa von zwei Enkelkindern. Nach der Pensionierung studierte er ab 2004 evangelische Theologie an der Universität Wien, die er 2008 abschloss.

Reisenbichler ist Gründungsmitglied des Netzwerkes: zeitgemäß glauben.