Zulehner  Paul M 120Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner hielt am 21. März 2017 einen Vortrag bei der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV) zur Lage der Kirche mit einem "Seitenblick" - wie er es nannte - auf die Frage der Flüchtlings- und Migrationslage in unserem Land.

Seine Thesen können Sie nachstehend lesen. Den Vortrag können Sie auf seiner Homepage hören.

Die Situation der Kirche heute und die historischen Herausforderungen für die Kirche und die Laienorganisationen durch die Flüchtlingsbewegung.

Wir leben nicht in einer Ära des Wandels,
sondern erleben einen Wandel der Ära.
(Papst Franziskus an die Italienischen Bischöfe)

1. Die Konstantinische Ära in ihrer nachreformatorischen Gestalt ist definitiv zu Ende. Religion ist nicht mehr Schicksal, sondern Wahl (Peter L. Berger). Diese Wahl findet unter den komplexen gesellschaftlichen Bedingungen statt. In Europa ist diese Wahl durch ein vom Christentum selbst verursachten Negativimage belastet. Denn nach der Reformation „führte das Christentum 30 Jahre Krieg gegen das Christentum“. Gott wurde nicht in Kredit, sondern in Misskredit gebracht. In der Folge forderte Voltaire eine Menschheitsreligion ohne Konfessionen (Écrasez l’infâme!). Dann kam in Frankreich der Atheismus auf (Paul-Henri Thiry d’Holbach, Jean-Baptiste le Rond, genannt D’Alembert – GS 19-21)). Weltweit besehen ist nur in Europa das Christentum im Niedergang begriffen. Skandale (Vatikanbank, Kindesmissbrauch, Klerikalismus) haben in den letzten Jahren den Niedergang beschleunigt. Derzeit verschärft auch der Umgang der Kirchenleitungen mit dem zugemuteten Umbau der Kirchengestalt den Niedergang. „Die Kirche entfernt sich von den Menschen“ (Reinhold Stecher), vor allem von den ortsfesten Familien mit kleinen Kindern und pflegebedürftigen Alten. Zudem ist die Überordnung der ehelosen Lebensform der Priester über die Feier der Eucharistie in gläubigen Gemeinden eine schwere Schuld, welche die katholische Kirchenleitung auf sich lädt.

2. Die Kirchen brauchen für ihr Wirken in der Welt von heute nicht zuerst neue Schläuche (Strukturen), sondern zuerst neuen Wein. Das Konzil hat mit dem Keltern solchen neuen Weins längst begonnen (Gaudium et spes, Lumen gentium, Dei Verbum, Dignitatis Humanae). Franziskus treibt diesen Vorgang nach jahrelangen Retardierungen entschlossen voran. Ihm verdankt die Kirche bislang bereits einen bleibenden tiefgreifenden Wandel in der pastoralen Kultur. Das sind die wichtigen Akzentverschiebungen, die alle in Richtung einer Pastoral des Erbarmens gehen (Zulehner): von der Sünde zur Wunde; vom Gerichtssaal zum Feldlazarett; vom Moralisieren zum Heilen (die Kirche ist in der Nachfolge des Heilands Heil-Land); vom Buch zum Gesicht; vom Ideologen zum Hirten, vom Gesetz zur Gnade (Rechtfertigungslehre Röm 7,15-25).

3. Bei dieser Wende zu einer heilenden Seelsorge (Soeren Kierkegaard, Eugen Drewermann, Eugen Biser, Benedikt XVI., Franziskus) spielt die Spannung zwischen Angst und Vertrauen eine wichtige Rolle. Es ist (so die griechischen Kirchenväter) vor allem die Angst vor dem Tod (die Todeswunde), die den Menschen böse macht. Diese Angst tragen alle Menschen (als „Erbschuld“) in sich. Nach der Vertreibung aus dem Paradies des Mutterschoßes (Monika Renz) stellt sich im Neugeborenen Urangst ein. Die große lebenslange Aufgabe ist es, dem Tohuwabohu der Urangst felsenfestes Land des Vertrauens abzugewinnen. Dabei spielen elterliche Menschen in einem familialen Lebensraum geprägt von Stabilität und Liebe (Berger Brigitte und Peter L.) eine entscheidende Rolle. Wer in der Angst verbleibt, greift zu den Selbstsicherungsstrategien Gewalt, Gier und Lüge (Terror, Finanzgier, Korruption). Wer Urvertrauen gewinnt, kann glauben, hoffen und lieben – somit als Menschen zu einem Ebenbild des liebenden Gottes heranreifen. Erschwert wird das Gewinnen von Vertrauen in einer Kultur der Angst, die heute Europa wie Amerika prägt (anders als „Chindia“: hope oder die arabische Welt: humiliation – Dominique Moïsi).

4. Dieses lebenslange Kunstwerk, Angst und Vertrauen so in Balance zu bringen, dass das Vertrauen überwiegt, erlebt in der Flüchtlingszeit einen dramatischen Ernstfall. Wer Angst hat, neigt zu Abwehr (Zäune, Festung Europa, es kommen nur Wirtschaftsflüchtlinge, Kriminelle und Terroristen), manchmal Hass und Gewalt, zum angstbesetzten Festhalten des Reichtums und greift notfalls zu fake-news. Menschen, bei denen das Vertrauen überwiegt, haben die Kraft zu Zuversicht und Einsatz für Integration (Sprache, wohnen, arbeiten). Angst erweist ihre mächtige Wirkung auch mit Blick auf den Islam, der enorme Herausforderungen zu leisten hat (Trennung von Allah und Gewalt, Religionsfreiheit, Pluralismustoleranz, Exegese des Qurans, Geschlechterrollen, Kinderzahl): Menschen mit Angst neigen dazu, den Islam undifferenziert als Bedrohung zu sehen. Menschen mit Zuversicht beten interreligiös, lesen Rumi und Gibran, schreiben gemeinsam über das Erbarmen (wie neuestens Kardinal Kasper und Muhannad Khorchide).

5. Aufgabe der Kirchen in heutigen Angstgesellschaften (unser Land, Europa, USA) ist es, nicht die Ängstlichen zu be- oder zu verurteilen, sondern pontifikal (keine Lagerbildung mit Belagerungen!) zu wirken und vor allem von der Angst zu heilen. „Entängstigt euch!“ ist gesellschaftliches Programm für Kirchen zusammen mit alle Religionen in einer Gesellschaft der Angst (Heinz Bude). Angst ist politisch verheerend („The only thing we have to fear is fear itself!“: Franklin D. Roosevelt 1933; Und jene, die sie ohne staatspolitische Verantwortung schüren?) und menschlich schädlich. Verhindert werden solidarische Liebe, eine Politik der Gerechtigkeit die allein Frieden schafft. Angstheilend sind eine Politik des Vertrauens (Waffenstillstand, Waffenlieferungen, humanitäre Korridore, europäische Solidarität, Marshallplan für Syrien-Afrika), Bildung (persönlich, politisch, interreligiös) und Begegnungen (Gesichter und Geschichten). 366 Mal steht in der Bibel: Habt keine Angst, fürchtet euch nicht.


Literatur:

Berger, Brigitte/Berger, Peter L.: In Verteidigung der bürgerlichen Familie, 1984.
Berger, Peter L.: Altäre der Moderne, Frankfurt am Main 2015
Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst, 2016.
Moïsi, Dominique: Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen München 2009.
Renz, Monika: Erlösung aus Prägungen, Paderborn 2009.
Wodak, Ruth: Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse, Wien 2016.
Zulehner, Paul M.: Verbuntung. Kirchen im weltanschaulichen Pluralismus. Religion im Leben der Österreicher 1970-2010, Ostfildern 2011.
Zulehner, Paul M.: Entängstigt euch. Die Flüchtlinge und das christliche Abendland, Ostfildern 3 2016.
Zulehner, Paul M.: Vom Gesetz zum Gesicht, Ostfildern 2017.
Zulehner, Paul M.: Neue Schläuche für neuen Wein. Der Weg in eine neue Ära der Kirche, Ostfildern 2017 (erscheint im Herbst).


Zur Person:

Paul Michael Zulehner, 1939 in Wien geboren, ist Priester in der Erzdiözese Wien. Er studierte Philosophie und Religionssoziologie in Innsbruck, Konstanz und München. Zulehner ist Schüler von Johannes Schasching und Karl Rahner.

1973 habilitierte sich Zulehner im Fach Pastoraltheologie bei Rolf Zerfaß in Würzburg. Nach Lehrtätigkeiten in Bamberg, Passau, Bonn und Salzburg wurde er – noch unter Kardinal Franz König - auf den weltältersten Lehrstuhl für Pastoraltheologie nach Wien berufen. Von 2000 bis 2007 war er Dekan der römisch-katholischen Fakultät in Wien.

Zulehner ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von 1985 bis 2000 war er Theologischer Berater des jeweiligen Vorsitzenden des Rates der Konferenz der Europäischen Bischofskonferenzen. Außerdem absolvierte er Lehrtätigkeiten im Ausland ua. in China und ist immer wieder Impulsgeber und Begleiter zahlreicher Projekte für eine zeitgemäße Kirche. Mit seinen Forschungen und Wertestudien hat er immer wieder einen Zugang zu einem zeitgemäßen Bild der Gesellschaft und damit zu einer Basis der Kirchenveränderung geschaffen. Zudem ist auf seine umfangreichen Publikationen zu verweisen. Zuletzt sind "Entängstigt euch. Die Flüchtlinge und das christliche Abendland", ( 2016) sowie "Vom Gesetz zum Gesicht" (2017) bei Patmos erschienen.

Sein Wirken ist auch mit einer Reihe von Ehrungen ausgezeichnet worden, ua. mit dem Kuntschakpreis, dem Rennerpreis oder dem Innitzerpreis.