wess2007 120Furche Zeitung 120Franziskus schreibt in Evangelii gaudium:  »Die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen« erforderten es, »dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt«. »Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht«. »Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko« (Nr. 41).

Im Spannungsfeld zwischen Schrift und Tradition üben namhafte Theologen Krtik an der neuen Übersetzung und begründen diese auch. Paul Weß schreibt in der Wochenschrift "Die Furche", Nr. 5 vom 2. Februar 2017, auf Seite 15, nachstehenden Artikel. Mit überzeugenden Argumenten wendet sich Weß gegen die Gleichsetzung von Gott und Jesus. Er stellt die Frage: Ist die Bibel oder das Dogma der Maßstab?

Ist die Bibel oder das Dogma der Maßstab?

Auch die neue Einheitsübersetzung der Bibel richtet sich an vielen für das Verständnis Jesu Christi wichtigen Stellen – etwa im Johannesevangelium – nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der kirchlichen Lehre. Ein theologischer Gastkommentar.

Von Paul Weß

Am 20. September 2016 wurde die neue Einheitsübersetzung der Bibel in der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich präsentiert, und seit Dezember letzten Jahres ist sie im Buchhandel erhältlich. Diese für die katholische Kirche im gesamten deutschen Sprachraum maßgebende Version des Alten und den Neuen Testaments wird auch die Grundlage für die Wiedergabe der biblischen Texte in den vorgesehenen neuen Ausgaben der liturgischen Bücher bilden.


In einer Aussendung des Katholischen Bibelwerks Stuttgart, das die Verantwortung für diese Neuausgabe trug, heißt es unter der Überschrift „Nah am griechischen Text“: „An vielen Stellen folgt die neue Einheitsübersetzung dem griechischen Urtext genauer“. Dieses Anliegen ist wichtig, weil im Trienter Konzil die sogenannte „Vulgata“ – eine lateinische Version, um 400 entstanden durch eine Überarbeitung altlateinischer Texte durch Hieronymus, die gerade in den Aussagen über Jesus Christus bereits unter dem Blickwinkel der nachbiblischen dogmatischen Lehre erfolgt war – für „authentisch“ erklärt wurde. Die neue Überarbeitung musste die Vorschrift der römischen Instruktion „Liturgiam authenticam“ aus dem Jahr 2001 befolgen, bei Übersetzungen der Heiligen Schrift für den liturgischen Gebrauch die inzwischen überarbeitete Version der Vulgata, die „Nova Vulgata“, heranzuziehen, und wurde anschließend noch von Rom überprüft. Deshalb hatten sich die evangelischen Kirchen aus der Mitarbeit an diesem Projekt zurückgezogen. Dabei spielte allerdings auch eine Rolle, dass auf protestantischer Seite an der „Neuen Lutherbibel“ gearbeitet wurde, die dann fast gleichzeitig erschien.

„… und göttlich war das Wort“

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war zu Gott hin, und göttlich war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott.“ So beginnt das Johannesevangelium im sogenannten Prolog in wortgetreuer Übersetzung. Dieser gilt als wichtiger Beleg für die kirchlich-dogmatische Lehre über Jesus Christus und wird am Christtag als Evangelium verlesen. In der neuen Einheitsübersetzung heißt es aber wieder wie bisher: „… und das Wort war Gott“, als ob dieses „Wort“ ein eigenes – zweites - göttliches Wesen wäre. [gestrichen: (Das Wort – der „Logos“ – wurde in der griechischen Philosophie verstanden, als eigenes Mittlerwesen zwischen Gott und Welt. Das wurde dann in der späteren dogmatischen Christologie maßgebend)]. Im Urtext steht das Wort „Gott“ jedoch ohne Artikel, und das bedeutet nach den Regeln der griechischen Grammatik, dass es mit „göttlich“ wiederzugeben ist. Es handelt sich also hier nicht um ein eigenes göttliches Wesen bei Gott, das dann Mensch geworden wäre, sondern um das wirkmächtige Sprechen Gottes; vgl. im Bericht von der Berufung des Propheten Jeremias: „Das Wort des HERRN erging an mich“ (Jer 1,4). Und im Buch des Propheten Jesaja sagt Gott über das „Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will“ (Jes 55,11). Dieses Wort gehört zu Gott.


Von diesem „Wort“ – der griechische Begriff „Logos“ ist männlich – ist im Prolog weiterhin die Rede, auch nach seiner Beschreibung als Ort des Lebens und damit des Lichtes der Menschen sowie nach dem folgenden späteren Einschub (Verse 6–8) über Johannes als den Zeugen dieses Lichts. [von der Redaktion wurde der folgende Satz gestrichen: In der ersten Einheitsübersetzung stand eine Anmerkung zu Vers 9, die als „andere Übersetzungsmöglichkeit“ auf „Es (das Wort)“ als Subjekt – statt „das Licht“ – bereits in diesem Vers hinwies; diese Bemerkung wurde nun weggelassen. – Diese Streichung ist irreführend, weil im Vers 9 noch sowohl das Licht als auch das Wort Subjekt sein kann; erst ab Vers 10 kann es nur mehr das Wort sein.] Auf jeden Fall ist von diesem „Wort“ aber in den folgenden Versen die Rede, weil dort nicht mehr „das Licht“ gemeint sein kann, das im Griechischen sächlich ist. In der Vulgata wurde jedoch im Vers 10 für „das Wort“ ein „Er“ eingesetzt, und damit war schon Jesus Christus gemeint, der auf diese Weise für identisch mit dem göttlichen Wort erklärt wurde, obwohl von ihm noch keine Rede war.

„… wurde gegenwärtig in Menschen“

„Und das Wort wurde gegenwärtig in Menschen und nahm Wohnung in uns, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit gleichsam eines Einzigartigen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ – So lautet der zentrale Satz des Prologs in einer gut begründbaren Übersetzung. Diese Aussage wird schon in den Versen 12 f. vorbereitet, wo davon die Rede ist, dass alle, die „das Wort“ aufnahmen, Kinder – Töchter und Söhne – Gottes werden konnten. [von der Redaktion gestrichen: Es sind „alle, die auf seinen Namen hin glauben“, die „nicht aus dem Willen des Fleisches (d.h. der Menschen; siehe unten), nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ und sich so erfahren.] Was hier als bei den Aufnahmebereiten schon realisierte Möglichkeit beschrieben wurde, hat sich nun laut Vers 14 auch bei den Jüngerinnen und Jüngern der Johannesgemeinde – „in uns“ – erfüllt.

Mit „Fleisch“ ist in der Bibel nicht ein einzelner Mensch, hier also nicht Jesus Christus, gemeint, sondern es steht generell für „Menschen“. Auch in der neuen Einheitsübersetzung heißt es in Lk 3,6: „Und alle Menschen werden das Heil Gottes sehen“, wo im griechischen und lateinischen Text steht: „Alles Fleisch wird schauen Gottes Heil“; [gestrichen: ; ebenso wird Joh 17,2: „Denn du hast ihm Macht über alles Fleisch gegeben“ im Deutschen mit „… über alle Menschen“ übersetzt]. In Joh 1,14 sind mit „Fleisch“ aber nicht alle Menschen gemeint, sondern jene, in denen das Wort erschienen ist. Wie bei Justin und bei anderen frühchristlichen Autoren wie jenem des Barnabasbriefs und Tatian bedeutet „werden“ hier so viel wie „erscheinen in …“ oder „gegenwärtig werden in …“, ohne das zu werden, in dem es gegenwärtig wurde; etwa bei Aussagen über die Erscheinung des göttlichen Logos im brennenden Dornbusch (nach Ex 3). [gestrichen: Daher heißt es dann nach dem griechischen Urtext „nahm Wohnung in uns“, ebenso noch im lateinischen Text, das muss also nicht als „nahm Wohnung unter uns“ ausgelegt werden.] Und die Herrlichkeit des Wortes ist die „eines Einzigartigen vom Vater“, nicht die „des Einziggeborenen“, wie in der Vulgata unrichtig übersetzt wurde, und damit auch nicht die „des einzigen Sohnes“, wie es im Deutschen steht. Mit dem griechischen Wort für „einzigartig“ wird im Alten Testament auch Isaak bezeichnet (Gen 22,2.12.16), der nicht der einzige Sohn Abrahams war, sondern einer von insgesamt acht Söhnen, aber er war der Sohn der Verheißung, insofern der einzigartige.


Im darauf folgenden nachträglichen Einschub (Vers 15), der Jesus aus der Sicht von Johannes dem Täufer beschreibt, ist bereits von Jesus Christus die Rede, in dem das Wort erschien. Aber in den nächsten Versen wird wieder an Vers 14 angeschlossen: „Denn aus seiner [des Wortes] Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus.“ Christus wird hier mit Mose verglichen, der entscheidende Unterschied besteht darin, dass durch ihn nicht das Gesetz gegeben wurde, sondern die Gnade und Wahrheit – des Wortes, vgl. Vers 14 – kamen. Auch im Vers 18 ist vom „göttlichen Einzigartigen“ die Rede, vom Wort, das „auf den Schoß des Vaters hin ist“ (vgl. Vers 1), also zu Gott, dem Vater, gehört und von ihm, den niemand je gesehen hat, Kunde brachte.

Vom einzigen wahren Gott gesandt

In Joh 17,3 wird diese Unterscheidung zwischen dem einzigen wahren Gott und seinem Sohn Jesus Christus, dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern und Schwestern (vgl. Röm 8,29), bestätigt: „Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und [den,] den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Wichtig ist auch die Aussage Jesu: „Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28). Als Argument für die Göttlichkeit Jesu Christi wird dagegen oft der Ruf des Thomas „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28) angeführt. Doch dieser ist in einem funktionalen Sinn zu verstehen: Thomas begegnet Gott durch Jesus, dieser ist deshalb „sein Herr und sein Gott“, aber nicht „der Herr und Gott“ schlechthin, das ist und bleibt der eine Gott. [gestrichen: vgl. Ps 110,1: „So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten.“] Bereits im Buch Exodus ist davon die Rede, dass Mose für seinen Bruder Aaron (4,16) und für den Pharao (7,1) „Gott sein“ werde. Das gilt natürlich erst recht für Jesus, durch den „die Gnade und Wahrheit“ des göttlichen Wortes kamen: Er ist „unser/mein Herr“ oder einfach „Herr“, aber nicht „der Herr“, das ist Gott.


Diese Belege sollten genügen, um aufzuzeigen, dass Jesus Christus auch im Johannesevangelium nicht als eine zweite göttliche Person verstanden wird, sondern als der von Gott auserwählte und gesandte Messias, durch den die Gnade und die Wahrheit des göttlichen Wortes und Wirkens in der Welt erfahrbar wurden. Aus den synoptischen Evangelien sei hier nur die Reaktion Jesu auf die Anrede des reichen Mannes, der ihn „guter Meister“ genannt hatte, zitiert: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott“ (Mk 10,18). Die Kirche müsste sich in ihrer Lehre an diese biblischen Texten halten, anstatt die Bibel dem Dogma anzugleichen.


Literaturhinweis: Paul Weß, Wahrer Mensch vom wahren Gott. Für eine Revision der dogmatischen Christologie. In: Salzburger Theologische Zeitschrift 14 (2010) 268–296.


Zum Autor:

Paul Weß, wurde 1936 in Wien geboren. Er studierte Philosophie und Theologie u. a. bei Karl Rahner an der Universität Innsbruck und machte 1961 das Doktorat in Philosophie. 1962 wurde er von Erzbischof Franz Kardinal König in Wien zum Priester geweiht. Er war von 1966 bis 1996 in der Pfarrgemeinde Machstraße in Wien tätig.

Weß promovierte 1968 in Theologie an der Universität Innsbruck. 1989 habilitierte er sich bei Hermann Stenger für Pastoraltheologie ebenfalls an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Von 1996 bis 2000 war er Dozent und Gastprofessor für Pastoraltheologie in Graz, Innsbruck und Würzburg. Seit 2000 ist er Dozent am Institut für Praktische Theologie in Innsbruck.

In Praxis und Theorie stieß Paul Weß im kleinen Rahmen einer Gemeinde auf all die Fragen, die heute in der gesamten Kirche virulent sind: wie sich Communio und Hierarchie, Kollegialität und Leitungsautorität, gemeinsames und amtliches Priestertum zueinander verhalten. Zusammen mit jenen, die sich auf die Suche nach einer erneuerten Gestalt von Kirche begaben, erarbeitete er weiterführende Antworten. Dabei wurde die Einmütigkeit als das biblische Grundprinzip der Entscheidungsfindung in einer Kirche von Brüdern und Schwestern (vgl. Mt 23,8f) wieder entdeckt. In seinem Buch „Einmütig“ legt Weß die entsprechenden Erfahrungen und Überlegungen in systematischer und theologisch fundierter Weise vor. All die Fragen, die sich in der Praxis stellten und auf die in den Gemeinden in der Machstraße Antworten gesucht wurden, reflektierte Weß in zahlreichen Publikationen.

Der Autor ist gegenwärtig Pastoraltheologe in Innsbruck.