Kirchschläger Walte 120Walter Kirchschläger hat an der Neu-Übersetzung der Bibel als Redaktor für das Matthäus-Evangelium mitgearbeitet. Er meint zur neuen Bibel-Übersetzung: "Viele gute Ansätze wurden eingearbeitet und neue Linien für das Verstehen erschlossen, des Öfteren blieb dieses Bemühen auf halber Strecke stecken." Und weiter: "Die Revision der EÜ ist zweifellos ein großer Schritt nach vorne. Schon jetzt ist abzusehen, dass ein weiterer in nicht zu weiter Ferne liegen darf."

In der Zeitschrift "BIBEL UND KIRCHE" 2 | 2017 übt er Kritik vor allem an der Vorgangsweise. Vornehm schreibt er in der Zusammenfassung: "Die Eingrenzung der Vorgangsweise und die Methode der Entscheidungsfindung und der Einzelarbeit am Text lässt Wünschenswertes für eine weitere Überarbeitung offen.""Fehler tilgen, die biblischen Metaphern und sprachliche Eigenheiten der einzelnen biblischen Schriften neu bewusst machen, Zusätze eliminieren – da ist viel geschehen und viel auch unterblieben."

Lesen Sie nachstehend seinen Beitrag.

 Der schwierige Weg zur Übersetzungsrevision
Walter Kirchschläger

Die Revision begann mit einem Gutachten, sie endete mit einer ansehnlichen Bibelausgabe von mehr als 1500 Seiten. Enthalten ist nicht nur der revidierte Text der Einheitsübersetzung (EÜ). Zwischen den Buchrücken verbirgt sich Kirchengeschichte und Kirchenpolitik, Projektstrategie, Bibelwissenschaft und Übersetzungskunst.

Kirchengeschichte und Kirchenpolitik

Im Jahr 1998 erhielt die Pastoralkommission (PK) der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit dem Erfurter Bischof Prof. Dr. Joachim Wanke einen neuen Vorsitzenden. Wanke (geb. 1941), ist als Schüler von Heinz Schürmann (1913–1999) ein Fachmann in Bibelfragen. Im gleichen Jahr beauftragte die Katholische Bibelanstalt Stuttgart Prof. Helmut Merklein (1940–1999), den Vorsitzenden des Katholischen Bibelwerks e.V., mit einem Gutachten zu einer Überarbeitung der Einheitsübersetzung.

Die Gründe für eine Revision werden im Rückblick von den Bischöfen Wanke und Wilhelm Egger ähnlich dargestellt: Sprachempfinden und die Umgangssprache haben sich weiterentwickelt; die Bibelwissenschaft (und insbesondere die Textkritik) hat in den Jahrzehnten nach dem Konzil große Fortschritte gemacht; eine Korrektur der Fehler in der Übersetzung legt sich ebenfalls nahe.

Merklein, Schüler von Rudolf Schnackenburg (1914–2002), war damals Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Katholischen Bibelanstalt. Damit war jene Institution in das neu beginnende Projekt involviert, welche seinerzeit mit einer entsprechenden Denkschrift an die DBK unter der Federführung von Prof. Otto Knoch (1926–1993) die Erstellung der Einheitsübersetzung (EÜ) angestoßen und 1961 von der DBK den entsprechenden Auftrag zur Erarbeitung derselben erhalten hatte. Merklein schlug in seinem Gutachten eine Überarbeitung der EÜ vor. Sein früher Tod im September 1999 hat ein weiteres Engagement verhindert. Die PK arbeitete auf der Grundlage seines Gutachtens weiter und gab Prof. Michael Theobald (Tübingen) den Auftrag für eine »moderate« Proberevision des Lukasevangeliums. Zwischen 2000 und 2002 wurde durch eine Expertengruppe (Theobald gemeinsam mit Christoph Dohmen, Marlies Gielen, Frank-Lothar Hossfeld, Claus Peter März, Thomas Söding) eine Vorlage für den Ständigen Rat der DBK bezüglich einer Revision der Einheitsübersetzung erarbeitet.

Weltkirchliche Querschläge

In den Jahren dieser Vorüberlegungen gewannen zwei Erlasse der römischen Kirchenleitung starken Einfluss auf die weitere Entwicklung: Es gab eine ökumenische Verstimmung über die am 6. August 2000 durch die Glaubenskongregation veröffentlichte Erklärung »Dominus Jesus«. Am 28. März 2001 folgte seitens der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung die Instruktion »Liturgiam authenticam« über den »Gebrauch der Volkssprache bei der Herausgabe der Bücher der römischen Liturgie«. Darin wurde in den Abschnitten 34–45 die Übersetzung biblischer Texte für deren Verwendung in der Liturgie behandelt und mit entsprechenden Normen versehen. Insbesondere das Verhältnis einer neuen Übersetzung zur lateinischen Übertragung des Bibeltextes, die auf Hieronymus (4./5. Jh.) zurückging (»Vulgata«) und die in überarbeiteter Fassung (»Nova Vulgata«) seit 1979 vorlag, gab Anlass zur Diskussion. So sollte jede Übersetzung für den liturgischen Gebrauch »gemäß derselben Tradition erstellt werden, der die Nova Vulgata gefolgt ist« (N. 37) und bei textkritischen Problemfällen muss sie »die Optionen berücksichtigen, die der approbierte lateinische Text [also: die Nova Vulgata] enthält« (N. 38). Selbst bei einer wohlwollenden Lektüre dieser Instruktion wird erkennbar, dass die entsprechenden Formulierungen von wenig Präzision und Problembewusstsein zeugen. Eine Presseerklärung vom September 2003 verdeutlicht die Position der DBK: »Bei der Überarbeitung gelten die ›Normen für die Übersetzung der Heiligen Schrift und für die Erstellung der Lektionare‹ (Liturgiam autheticam 34–45).« Das musste die ökumenische Irritation noch vertiefen.

Vorbereitung und Beginn der Revision

Ab Herbst 2003 lag die Verantwortung für eine mögliche Revision der EÜ bei der Arbeitsstelle »Bücher der Kirche«, die beim Sekretariat der DBK eingerichtet worden war. Sie sollte die Übersetzung des Missale Romanum 2002, die Neuausgabe des Gotteslobes und eine mögliche Übersetzungsrevision der Bibel betreuen. Die Leitung dieser Arbeitsstelle lag bis zu seinem Tod 2013 bei Dr. Rainer M. Ilgner, seit 1976 in verschiedenen Funktionen Mitarbeiter im Sekretariat der DBK: Sekretär im Bereich Bildung, seit 1991 bis 2009 Stellvertreter des Sekretärs der DBK und Sekretär der Liturgiekommission – ein durch langjährige Erfahrung erprobter Mitarbeiter dieser Stabstelle. Das Katholische Bibelwerk e.V. in Stuttgart war – anders als bei der Erstellung der EÜ zwischen 1960–1980 – in diese und die weitere Vorbereitungsphase der Übersetzungsrevision nicht (mehr) als Institution eingebunden. Wenigstens konnte die DBK 2005 ein vierköpfiges Leitungsgremium für das Revisionsprojekt bestellen, in dem neben Erzbischof Alois Kothgasser (Salzburg) und Weihbischof Martin Gächter (Basel) zwei Bibelwissenschaftler vertreten waren: Wilhelm Egger (Bozen-Brixen), der bis zu seinem Tod im Jahr 2008 das Gremium leitete, und Joachim Wanke, der ab 2009 diese Aufgabe übernahm. Der Vorsitzende des Katholischen Bibelwerks e.V., Prof. Dr. Michael Theobald, war immerhin als Revisor und auch in den abschließenden Textarbeiten intensiv tätig. Erst bei der Vorstellung der Einheitsübersetzung am 20. September 2016 und an der notwendigen pastoralen Begleitung ist das Katholische Bibelwerk e.V. auch institutionell wieder beteiligt.

»Einheits«übersetzung

Dem ursprünglichen Verständnis von »Einheit« im Blick auf die Bibelübersetzung (also: Einheit des Sprachraumes, Einheit der Übersetzung für die Liturgie, die Katechese und andere Tätigkeitsbereiche der Kirche) war zwischen 1961–1980 eine weitere Dimension hinzugewachsen: Einheit zwischen den getrennten christlichen Kirchen. Die Vereinbarung bezüglich der ökumenischen Zusammenarbeit bei der EÜ (1970) war der erste Vertrag zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche Deutschlands seit der Reformation.

Vor diesem Hintergrund ist die weitere Entwicklung einzuordnen. Der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) konnte angesichts der unsensiblen römischen Veröffentlichungen nur irritiert sein. Zudem war aufgrund der Revision der Lutherbibel 1984 das Interesse auf protestantischer Seite am gemeinsamen Bibeltext etwas geschwunden. Da gerade diese Bibelübersetzung und die dafür von Martin Luther zugrunde gelegte Methode einer Übertragung aus dem Urtext, also an der bestehenden katholischen Vulgata vorbei, einen erheblichen Stolperstein im Auseinanderdriften der Kirchen im 16. Jh. dargestellt hatte, ist es nachvollziehbar, dass die EKD vor allem die Hervorhebung der Vulgata als Affront verstehen konnte. Trotz der auch beschwichtigenden Stimmen war die Sorge, ökumenisch über den Tisch gezogen zu werden, offenbar zu groß. Der Rat der EKD entschied in seiner Sitzung vom 2./3. September 2005, sich an dem Übersetzungsprojekt nicht zu beteiligen. In der Folge gab Kardinal Karl Lehmann am 8. September 2005 den Beschluss der DBK zum Beginn der Revisionsarbeit ohne ökumenische Beteiligung bekannt. Seither sind kontinuierlich mehrere Aussagen des Bedauerns zu lesen. Zusätzlich wäre es gut, im Rückblick etwas Selbstkritik und zumindest das Eingestehen von nicht gelungenem Bemühen zu hören.

Die Revisionsarbeit

Die Revision sollte ursprünglich bis 2009 abgeschlossen sein. Der Zeitplan erwies sich schnell als unrealistisch, der Approbations- und Rekognitionsprozess, diesmal unter Beteiligung der römischen Kirchenleitung (2013–2016, vgl. dazu Sacrosanctum Concilium 36,3–4), trug nochmals zur Verzögerung bei. Die komplexe Zeitachse kann als symptomatisch für den gesamten Revisionsprozess gelten. Was gut gemeint und kompetent angedacht war, gelang oftmals nur mit Abstrichen.

Anstatt auf kleine Teams (EÜ 1979/80) setzten die Herausgeber auf Einzelarbeit. Vernetzungen wurden angeregt, aber wenig gefördert. Für einen Abgleich der synoptischen Passagen fehlten z. B. die Mittel. Leitungsgremium und Berater kommunizierten direkt in zahlreichen Sitzungen. Die Verbindung zu den Revisorinnen und Revisoren, welche die unmittelbare Arbeit am Text zu leisten hatten, lief über ein Computerprogramm und über die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen in der Arbeitsstelle, die unermüdlich ihr Bestes gaben. Von den Beratern liegt z. B. für die Revision des MtEv eine Ansichtskarte als unmittelbare Rückmeldung vor. Stillschweigende Korrekturen oder Zurückweisungen von Textvorschlägen, Anmerkungen, Schriftverweisen und Einleitungen waren nicht motivierend. Anträge an das Leitungsgremium zur Überprüfung von getroffenen Entscheidungen waren zwar möglich. Selten wurden sie angenommen, ebenso selten beantwortet.

Durch die Arbeit zog sich die immer neu angesprochene Forderung nach der »moderaten« Revision: Fehler tilgen, die biblischen Metaphern und sprachliche Eigenheiten der einzelnen biblischen Schriften neu bewusst machen, Zusätze eliminieren – da ist viel geschehen und viel auch unterblieben. Wenn 50 Fachpersonen nach solch weichen Kriterien arbeiten, birgt das ein erhebliches Konfliktpotential, ganz abgesehen vom unterschiedlichen theologisch-exegetischen Vorverständnis der Revisoren und Revisorinnen.

Viele gute Ansätze wurden eingearbeitet und neue Linien für das Verstehen erschlossen, des Öfteren blieb dieses Bemühen auf halber Strecke stecken. Über allem lag – ganz anders als bei der jetzt ebenfalls fertiggestellten erneuten Revision der Lutherbibel – der Schleier der für alle Beteiligten verordneten Diskretion: Keine Informationen nach außen, keine Veröffentlichung eigener Übersetzungsvorschläge, Abtretung aller Autorenrechte an die DBK und eine Software mit erheblichen Zugriffsrestriktionen. Diese »kirchenamtliche Geheimniskrämerei« (Georg Steins) hat den Austausch und die wissenschaftliche Diskussion, und in der Folge die Qualität des Ergebnisses, nicht gefördert.

So ist es zwar erfreulich, dass diese Revision zu Junia steht (Röm 16,7) und die »Brüder und Schwestern« in der Briefliteratur ausdrücklich nennt. Warum dann aber alle Getauften »durch den Glauben Söhne Gottes sind« (Gal 3,26), ist schwer nachvollziehbar. Der Eindruck, Angst vor der eigenen Courage (oder der anstehenden Approbation) zu haben, drängt sich bei der Lektüre mehr als einmal auf. Die Revision der EÜ ist zweifellos ein großer Schritt nach vorne. Schon jetzt ist abzusehen, dass ein weiterer in nicht zu weiter Ferne liegen darf. Nach Abschluss der Revision wurde nach verschiedenen Seiten hin Dankbarkeit bekundet. Sie bedarf noch einer Ergänzung: Es ist der Dank an die Zivilgesellschaft. Viele der Mitarbeitenden lehren und forschen an staatlichen Universitäten, an denen heute in der Regel Auftragsforschung kostenneutral sein muss. Biblische Schriften während mehrerer Jahre einer Revision zu unterziehen, ist keine Aufgabe für die Zeit nach Feierabend. Zugunsten dieses Projekts wurden Ressourcen in Anspruch genommen. Zugegeben: Diese Arbeit hat andere Projekte begünstigt, auch wissenschaftlich befruchtet. Trotzdem darf dieser Beitrag nicht als selbstverständlich genommen oder übersehen werden.

Zusammenfassung
Nach Vorarbeiten ab 1998 wurde die Einheitsübersetzung zwischen 2005–2016 unter Leitung der Deutschen Bischofskonferenz ohne ökumenische Beteiligung einer »moderaten« Überarbeitung (»Revision«) unterzogen. Vieles ist dabei gut gelungen; die Eingrenzung der Vorgangsweise und die Methode der Entscheidungsfindung und der Einzelarbeit am Text lässt Wünschenswertes für eine weitere Überarbeitung offen.

 

Literatur zum Weiterlesen

 

  • Wilhelm Egger, Revision der Einheitsübersetzung. Auftrag, Leitlinien, Arbeitsweise, in: Lebendige Seelsorge 57 (2006), 403–406

  • Gebhard Fürst (Hg.), Gottes Wort in der Sprache der Zeit. 10 Jahre Einheitsübersetzung. (Hohenheimer Protokolle), Stuttgart 1990

  • Josef G. Plöger / Otto B. Knoch (Hg.), Einheit im Wort. Informationen, Gutachten, Dokumente zur Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Stuttgart 1979

  • Dies., »Brannte uns nicht das Herz?« Dokumentation über die Veranstaltungen zur Vollendung der Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980

  • Hans-Heinrich Schmid, Den Leuten aufs Maul sehen? Probleme der Bibelübersetzung, in: Jahresbericht der Universität Zürich 1993/94, Zürich 1994, 5–17.

  • Georg Steins, Geleitwort zum Themenheft, in: BiLi 85 (2012), 234–235.

  • Michael Theobald, Eine Partnerschaft zerbricht, in: Orientierung 70 (2006), 18–23

  • Ders., Für Gottesdienst und Schule. Die »Einheitsübersetzung« und ihre Revision, in: BiKi 87 (2014), 18–24

  • Joachim Wanke, Zur Revision der Einheitsübersetzung, in: Heiliger Dienst 70 (2016), 141–148.

  • Ders., Die Revision der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift 2005–2014. Eine Rechenschaft, Stuttgart 2016

  • Themenheft »Bibelübersetzungen«; BiLi 75 (2002), Heft 4 und BiLi 85 (2012), Heft 4.

  • Themenheft »Bibel übersetzen«: Bibel heute (2013), Heft 1.

  • Walter Kirchschläger, Zur Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift in ihrer endgültigen Fassung, in: Die Zeit im Buch 34 (1980) 10–13.

Zur Person:

 

Walter Kirchschläger ist 1947 in Kamegg/Niederösterreich geboren. Er studierte Theologie un Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana und an der Universität Wien. 1970 bis 1973 war er Sekretär des Wiener Erzbischofs Kardinal Franz König. 1972 wurde er mit einer Dissertation zu "Der Satan der Evangelien als Versucher" an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien promoviert.

Kirchschläger war Assistent bei Jacob Kremer und wurde 1981 in Wien für Exegese des Neuen Testaments habilitiert. Im gleichen Jahr erhielt er den Kardinal-Innitzer-Preis. Von 1980 bis 1982 leitete er die Wiener Theologischen Kurse und den Fernkurs für theologische Bildung.

Von 1982 bis zu seiner Emeritierung 2012 war Kirchschläger ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät Luzern. Von 1986 bis 1990 war er Studienpräfekt, von 1990 bis 1993 Rektor der Theologischen Fakultät Luzern, die unter seiner Amtszeit zur Hochschule Luzern mit zwei Fakultäten (Theologie, Geisteswissenschaften) umstrukturiert wurde. Von 1997 bis 2000 leitete er als Rektor die Hochschule Luzern, von 2000 bis 2001 war er Gründungsrektor der Universität Luzern.

Kirchschläger ist seit 1970 verheiratet mit Heidi Kirchschläger, geb. Demuth, und hat vier Kinder.