Mitterhöfer Jakob 120kirche inIn der Monatszeitschrift "KIRCHE IN" 04/2017, vom 3. April 2017, widmet sich der Steyler Missionar P. Jakob Mitterhöfer SVD ebenfalls der neuen Übersetzung der Bibel. Er tut dies mit gleicher Zielrichtung: Das Dogma habe den Vorzug vor richtiger Übersetzung erhalten.

Auch wenn immer wieder betont wird, die bisherige Übersetzung wurde "gereinigt" von damaligen Interpretationen und sei deshalb näher am griechischen Text ist doch festzuhalten, "Übersetzungsfehler" - seien sie gewollt oder ungewollt - müssen korrigiert werden. Eine redliche Wissenschaft, die frei agiert, muss darauf bestehen. Und wenn die Kirchenleitung die Freiheit der Wissenschaft tatsächlich anerkennt, muss sie diese "Fehler" aus eigenem korrigieren.

Statt nahe am Urtext - nahe am Dogma

Am 20. September 2016 präsentierte die deutsche Bischofskonferenz die neue Bibelausgabe: "Die Bibel. Einheitsübersetzung". Die Arbeit begann zunächst in ökumenischer Zusammenarbeit. Doch nach Bekanntgabe eines römischen Erlasses zogen sich die evangelischen Mitarbeiter zurück. Im Erlass hieß es, die Bibel müsse, um die Approbation zu erhalten, im katholischen Gottesdienst verwendbar sein. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit oder hat man eine vom bisherigen Text abweichende Übersetzung befürchtet? Der bekannte Exeget Thomas Söding bedauert: "Deutsch ist die einzige Weltsprache ohne ökumenische Bibelübersetzung", also keine Einheitsübersetzung. Sein Trostversuch klingt nicht überzeugend: Die evangelischen Exegeten seien im Lutherjahr mit der Neuausgabe der Lutherbibel beschäftigt.

Eine kritische Würdigung von Jakob Mitterhöfer.

Die neue Bibelübersetzung heißt es - ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sonst müsste man sich ja eine Neuübersetzung gar nicht antun. Gleich vorweg: Das Johannesevangelium und Lesungen in den katholischen Gottesdiensten erfüllen diese Selbstverständlichkeit nicht. Sie bleiben bei den traditionellen Texten, die abet nicht "nahe am Text", sprich: Urtext sind. Damit erübrigt sich eine geplante kostspielige Neuausgabe der Lektionare, die Bücher für die Lesungen bei der Eucharistiefeier, vulgo: Sonntags- und Feiertagsgottesdiensten.

Nahe am Dogma

Einige Beispiele sollen zeigen, dass die neue Übersetzung gerade an Stellen, die im Gottesdienst gelesen werden, nicht nahe am Urtext, sondern nahe am Dogma ist. Mag die Übersetzung anderer Teile noch so innovativ sein, kommt es aber darauf an, was den Gläubigen immer wieder, meist an hohen Festtagen, eingehämmert wird. Zur Erläuterung führe ich einige Beispiele an, die nicht "Erbsenklauberel" (wie eine Verkäuferin die Kritik nannte) sind, sondern die Grundlagen unseres Glaubens verwässern.

Beispiel: Das Johannesevangelium

Die Übersetzung des Prologs sorgt schon lange Zeit für Kritik. Ein bibelkundiger Fachmann (lic.bibl.) verwahrt sich dagegen mit dem Hinweis, dass dieses Evangelium "als das theologischste gilt". Stimmt. Gerade weil es so theologisch ist, muss die Übersetzung "nahe dem Wortlaut" sein.

Im Prolog ist wieder die gewohnte, aber irreführende Übersetzung zu lesen: ... und das Wort war Gott. Exegeten machten immer wieder darauf aufmerksam, dass im griechischen Urtext "Gott" ohne Artikel steht (= nicht der Gott). Gemäß der griechischen Grammatik ist daher zu übersetzen: das Wort ist göttlich. Der Unterschied liegt auf der Hand: in der grammatikalisch unkorrekten Übersetzung ist das Wort ein eigenes göttliches Wesen, in der richtigen Übersetzung ist das Wort "göttlich". Die neue Ausgabe korrigiert die traditionelle Übersetzung nicht, sie orientiert sich nicht am Urtext, sondern am Dogma, das Jahrhunderte nach dem Evangelium ausgesprochen wurde.

Im weiteren Text des Prologs ist immer noch vom Wort die Rede. So ist auch in Vers 10 das Wort gemeint (es war in der Welt), doch in der Übersetzung steht bereits ER (Jesus Christus) und nicht ES (= das Wort). Aber: Das Johannesevangelium führt in aufsteigender Linie zu Jesus Christus und nennt ihn erst in Vers 1,7 mit seinem Namen.

Beispiel: Hymnen und Briefe

Der Hymnus im Philipperbrief (2,5-7) ist in den Lesungen eine klassische Stelle. Die neue Ausgabe hä1t wie die bekannte Einheitsübersetzung fest: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein.

Hier schreiben die Übersetzer wider besseres Wissen, denn sie kennen den wörtlichen Text, wie sie in der Fußnote anmerken: Er, der in der Gestalt Gottes war, sah das Gott-Gleich-Sein nicht als Raub an ... Das bedeutet, dass Christus nicht in seinem Wesen, sondern "nur" in seiner Stellung Gott gleich ist. Warum wird die richtige Übersetzung in eine Fußnote verbannt? Sie gehört in den Text, aber die Übersetzung zieht es vor, nahe am Dogma zu bleiben.

Eine weitere Stelle im Hymnus bleibt ohne Fußnote, obwohl sie eine nötig hätte: ...damit alle im Himmel, auf der Erde . ...Ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu... Vor dem Namen Jesu das Knie beugen, besagt, dass Jesus angebetet wird. Im Urtext hingegen heißt es aber wörtlich: dass alle im Namen Jesu das Knie beugen... Also Jesus ist Vermittler. Unrichtig ist auch, Jesus Christus ist der Herr... Da der Artikel wieder fehlt, muss es heißen: Er ist Herr Jesus Christus. . .. also keine göttliche Person, denn nur einer ist der Herr nämlich Gott.

Die verlangte Vorleistung wird erfüllt, indem gegen besseres Wissen der Urtext zugunsten des Dogmas in eine Fußnote verbannt oder übergangen wird.

Beispiel: Kolosserhymnus (1, 15-20)

Bisher ist zu lesen: Jesus ist das Ebenbild Gottes. Die neue Ausgabe übersetzt richtig: er ist das Bild des unsichtbaren Gottes. Das bedeutet: Als Ebenbild stünde Jesus auf der Ebene Gottes, er ist aber sein "Abbild" wie alle Menschen.
Vers 17 verlässt wieder den Urtext,'wo es heißt: Er ist vor allem, in ihm hat alles Bestand. Hingegen ist in der Übersetzung zu lesen: Er ist vor aller Schöpfung... Jesus wird als "ungeschaffene" und somit göttliche Person darstellt. Es ist wieder die Angleichung an das Dogma.

Beispiel: Erster Brief an Timotheus

Dieses Beispiel hält sich an den Urtext. Wie die Fußnote anmerkt, ist 2,5 das "Zitat einer urchristlichen Glaubensformel": Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus. Hier ist die Unterscheidung zwischen dem einen Gott und dem Menschen Christus Jesus als Mittler klar ausgesagt. Anders geht der Katechismus der Katholischen Kirche (N. 2574) mit dieser Stelle um. Er lässt die Worte "der Mensch Christus" aus und ersetzt sie durch Punkte.

Beispiel: Brief an Titus

Diese Stelle ist eine Lesung (2, 11-14) in der Christmette. In Vers 13 heißt es wie schon in der früheren Einheitsübersetzung: ... während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus. Eine Fußnote zeigt wieder, dass es die Übersetzer besser wissen: des großen Gottes und unseres Retters Christus Jesus. Es ist evident: Gott und der Retter Jesus Christus sind nicht identisch. Die Variante ist keine Möglichkeit, wie die Fußnote sagt, sondern die zutreffende. So wird im Gottesdienst zu Weihnachten weiterhin die dogmatische Christologie vorgetragen. Die Fußnote ist die richtige Übersetzung, sie gehört in den Text. In Vers 14 heißt es: Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von a1ler Ungerechtigkeit erlöse... Das kann nur von Jesus Christus, nicht von Gott gemeint sein, die in Vers 13 auf eine Stufe gestellt werden.

Beispiel: 2 Petrusbrief

In Vers 1 steht in der neuen Übersetzung: Simon Petrus, I{necht und Apostel Jesu Christi, an jene, die durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesu Christi den gleichen Glauben erlangt haben wie wir. Wieder bietet eine Fußnote eine "andere Übersetzungsmöglichkeit" an: ...unseres Gottes und des Retters Jesus Christus. Diese Übersetzung in der Fußnote ist wieder die richtige. Petrus unterscheidet also zwischen Gott und unserem Herrn Jesus Christus. Die neue Bibel ist also nicht nahe am Text, dabei wissen es die Übersetzer besser.

Maßstab und Quelle

In der neuen Bibel richtet sich das Verständnis von Jesus Christus nach der kirchlichen Lehre und nicht nach dem Urtext. Die Kritik daran ist keine "Erbsenklauberei" und auch nicht eine Polemik gegen die "Hellenisierung des Christentums". E,s geht ihr um das Verständnis des Glaubens aus dem Wortlaut und dem Sinn der Heiligen Schrift. Die Bibel ist die Richtschnur, die Quelle und der Maßstab unseres Glaubens. Darum darf unser Glaube nicht rückführend in den Text der Bibel "eingeschrieben" werden. Aufgabe der Kirche ist es, über den Glauben, allen voran über die Quelle des Glaubens, zu wachen. Sie datf nicht zulassen, dass diese Quelle verwässert wird. Diese Aufgabe mahnt Petrus (2Petr 1, 20) ein: Bedenkt daher dies: Keine Prophetie der Schrift wird durch eigenmächtige Auslegung wirksam, denn niemals wurde eine Prophetie durch den Willen eines Menschen vorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes gehandelt.


Zum Autor:

P. Jakob Mitterhöfer SVD wurde 1936 in Forchtenstein geboren. Er war Professor für Dogmatik an der Ordenshochschule der Steyler Missonare .

P. Jakob studierte von 1958 bis 1965 an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und promovierte dort im Jahr 1968 zum Dr. theol. Er trat 1956 bei den Steyler Missionaren ein und wurde 1963 in Rom zum Priester geweiht. In den Jahren 1966 bis 1994 war er Generalsekretär der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (Missio). In dieser Funktion arbeitete er eng mit Weihbischof Florian Kuntner zusammen und absolvierte im Rahmen ausgedehnter Reisen, vor allem in lateinamerikanische Länder, seine „Lehrjahre“ in Sachen Basiskirche, Theologie der Befreiung und zum Thema Dritte Welt schlechthin. Der Styler Missionar war auch im Libanon und in Syrien in der Verkündigung tätig.

Von 1996 bis 2002 war P. Jakob Dekan und Hochschulprofessor für Dogmatik (Schöpfung, Erlösung, Ökumenische Theologie) an der Philosophisch-theologischen Hochschule St. Gabriel und seit 1995 Dozent für Missionswissenschaft. Er lehrte auch an der Theologischen Hochschule Heiligenkreuz.

Ab dem Jahr 1975, mit Unterbrechungen, war P. Jakob Lehrbeauftragter der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien für Missiologie und Herausgeber der Missionszeitschrift der Päpstlichen Missionswerke „alle welt“.

P. Jakob war von 2003 bis 2013 Pfarrer in der Südstadt (Maria Enzersdorf) und in der Hinterbrühl, wo er Altpfarrer Franz Jantsch nachfolgte, der Ende 2003 als ältester aktiver Pfarrer Österreichs in Pension gegangen ist.