Hecht2011 120Einen "Zwischenruf" aus praktischer Erfahrung unternahm Anneliese Hecht in der Zeitschrift Bibel in Forschung und Praxis "Bibel und Kirche" 2 / 2017.

Gottes Name – nur noch eine Fußnote?!
Von Anneliese Hecht

Mit Respekt vor der meist ehrenamtlichen Arbeit blättere ich in der neu revidierten Einheitsübersetzung: Wie wird darin Gottes Wort in Menschenwort neu hörbar? Das Kostbarste in der Bibel ist Gottes Name, den Gott seinem Volk geoffenbart hat – und damit sein Wesen. Schmerzhaft erkenne ich, dass er in der gesamten Bibel durch das Wort »Herr« in Kapitälchen wiedergegeben wird. Die vier Konsonanten JHWH, die im Hebräischen für den Gottesnamen geschrieben werden, kommen genau zweimal vor: in einer Fußnote zu Ex 3,14 und in der Erklärung zur Revision am Schluss der Bibel! War der Gottesname in der Ausgabe von 1980 noch stellenweise als »Jahwe« zu lesen, so ist er nun komplett ausgemerzt! Das erinnert mich an die ägyptische Königin Hatschepsut im 15. Jh. v. Chr., deren Name in Inschriften ersetzt und übertüncht wurde. Ist nicht etwas Ähnliches mit dem JHWH-Namen passiert? Sie war nur eine Königin, hier aber geht es um Gott! Wenn nun nur noch »Herr« anstelle des Gottesnamens steht, so ist nicht nur der Name verschwunden, sondern auch ein rein männliches Bild übrig geblieben von einem Namen, der eben nicht männlich oder weiblich ist!

Die EÜ 1980 verfuhr noch uneinheitlich: mal wurde der Gottesname »JHWH« mit »Jahwe« wiedergegeben (145mal), viel öfter mit »Herr«. Die jetzige Revisionskommission beruft sich auf die Septuaginta, die statt des Gottesnamens »Kyrios« (»Herr«) schrieb, und auf das römische Dokument »Liturgiam authenticam«, wonach in jeder Volkssprache der Gottesname durch ein Wort derselben Bedeutung wiedergegeben werden solle. Ist das der vielfältigen biblischen Offenbarung angemessen? Außerdem wird auf das Judentum verwiesen, wo schon lange aus Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit anstelle des Gottesnamens mündlich »Adonaj/mein Herr« gesprochen wird. Aber das ist dort eine allein Gott vorbehaltene Wendung, die niemals für einen Menschen benutzt wird und die das beim Hören auch signalisiert. Und es können andere Ersatzwörter gesprochen werden, wie »der Name«, »der Ewige« ... Der Gottesname wird nicht einfach durch ein anderes Wort ersetzt. Vielmehr entscheiden die Lesenden sich für das Ersatzwort. Und es bleibt die Frage: Wie ernst wurde von der Kommission die Not von Glaubenden – darunter vielen Frauen – genommen, die unter einem einseitig männlichen Gottesbild leiden? Gott verbindet mit seinem Namen die Zusage seines Daseins bei den Menschen. Zum patriarchalen Gottesbild eines »HERR«n gehört jedoch komplementär etwas anderes: Dienen, Respekt und Distanz zum Übergeordneten. Das ist eine mögliche Gottesbeziehung, die aber den Reichtum des Gottesnamens JHWH nicht abbildet. Dazu kommt, dass auch die Erklärung des Gottesnamens durch Gott in Ex 3,14 – in der EÜ 1980 noch »Ich bin der ›Ich bin da‹« übersetzt – rein männlich und dazu ohne irgendeine Beziehung zu den Angesprochenen formuliert ist: »Ich bin, der ich bin«. Ausdrücken wollte man sicher, was das Hebräische meint: Ich bin da, als der/die ich jeweils da sein werde, unverfügbar und geheimnisvoll. Nur: Wer erschließt das den Hörenden und Lesenden, die das nicht wissen? Sie hören eher philosophisch heraus: Ich bin der immer Seiende. In der Version von 1980 hörte man Nähe und Zuspruch heraus, nun ist nichts mehr davon übrig. Einzig im Wort »Halleluja« (Lobt Jah!) und in Eigennamen wie Elija und Jesus (!) kommt die Kurzform des Gottesnamens vor, sodass die Ausmerzung wenigstens nicht total erfolgte. Mir ist es in meinem bibelpastoralen Dienst an der Basis immer wichtig gewesen, wie Gott biblisch gesprochen »herunterkommt« zu den Menschen (Ex 3,8). Ich wünsche mir sehr, dass der Gottesname dort geschrieben ist, wo er steht, und mehrere Wörter für die Aussprache angeboten werden. So hat es die Bibel in gerechter Sprache versucht. Eine einfache Lösung ist das nicht. Aber das ist die jetzige Lösung der neuen EÜ auch nur scheinbar. Sie kostet zu viel. Meines Erachtens dürfen wir Menschen mit Gott so nicht umgehen. Das Ausmerzen und Ersetzen ist ein massiver Eingriff in Gottes Wort. Die Gottheit hat ihren Namen eben nicht verborgen, sondern ihn mitgeteilt und anvertraut. Er/sie traut uns offenbar. Mehr als wir uns selber?


Zur Autorin:

Anneliese Hecht ist Juristien, Germanistin und Diplomtheologin und arbeitet seit über 30 Jahren beim Katholischen Bibelwerk e.V. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind biblisch-thematische und biblisch-methodische Kursarbeit, Sonntagslesungen und Hilfen für Lektorinnen und Leiter von Wortgottesfeiern im Internet.

Anneliese Hecht, geb. 1954 in Oberschwaben, studierte Jura in Augsburg 1974-1976, danach Kath. Theologie (Diplom und Staatsexamen) und Germanistik in München. Seit 1982 arbeitet sie als Wissenschaftliche MItarbeiterin und Referentin für Bibelpastoral beim Kath. Bibelwerk e.V. in Stuttgart.


Schwerpunkte der Arbeit: 1. Lektorenhilfe für alle Lesungen der Sonn- und Feiertage, 2. Kurse für Methoden der Bibelarbeit, 3. Entwicklung und Begleitung langfristiger Bibel- und Methodenkurse, 4. Tagungen zu biblischen Inhalten aller Art, 5. Inhalte und Didaktik für Reisen zu biblischen Orten, 6. Erstellung von Materialien für die Gemeindepraxis, zurzeit Redaktion einer Buchreihe zu den Evangelien und zur Apostelgeschichte.


A. Hecht ist Autorin und Herausgeberin einer Reihe von Publikationen, u. a. Methodenbücher wie "Zugänge zur Bibel für Gruppen" (Stuttgart 1993), "Kreative Bibelarbeit" (Stuttgart 2008).