Weißenböck FJ 120Zur revidierten Bibelübersetzung beschreibt der Theologe und Journalist Franz Josef Weißenböck im "Quart Nr. 1 / 2017, der Zeitschrift des Forums Kunst-Wissenschaft-Medien" welche Fortschritte er in der Revision erkennt aber auch welche kritischen Anmerkungen zu machen sind.

Maßstab bleibt das Dogma
Die revidierte Einheitsübersetzung

von FRANZ JOSEF WEISSENBÖCK

Panta rei, alles fließt, wusste schon Heraklit, und niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss. Auch der Strom der Sprache ändert sich, Hör- und Sprechgewohnheiten ändern sich. Eine Sprache, die sich nicht (mehr) ändert, ist eine tote Sprache - Latein etwa. Die Feier der Liturgie in der Volkssprache, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßen wurde, und die Förderung der Schriftlesung hat es notwendig gemacht, die entsprechenden Texte von Zeit zu Zeit dem geänderten Sprachverständnis und -gebrauch anzupassen. So ist Maria inzwischen unter den Frauen und nicht unter den Weibern gebenedeit, gebenedeit ist sie dennoch, auch wenn dieses Wort in keinem einzigen anderen Zusammenhang mehr gebraucht wird.

Als 1979 die so genannte Einheitsübersetzung vorgelegt wurde, war damit ein gewisser Etikettenschwindel verbunden. Denn in ökumenisch bewegten Zeiten lag die Annahme nahe, dass es sich um eine ökumenische, der Einheit der Christen geschuldete und dienende Übersetzung der gemeinsamen Glaubensquelle handelte. Tatsächlich gab es diese ökumenische Einheit nur für das Neue Testament und die Psalmen. Einheitsübersetzung meinte aber eine einheitliche, gemeinsame Übersetzung der Bibel für den deutschen Sprachraum - ein durchaus ambitioniertes Ziel, unterscheidet doch z.B. Deutsche und Österreicher die gemeinsame Sprache.

Mit der seit Ende 2016 vorliegenden revidierten Einheitsübersetzung wurde auch dieser ökumenische Rest aufgegeben. Denn am Anfang oder bald nach dem Anfang der Revisionsarbeit stand ein Skandal: die revidierte Version der vor 35 Jahren erarbeiteten Übersetzung ist eine allein katholische Angelegenheit. Der ökumenische Rückschritt, den die Revision dokumentiert, ist ein Skandal, der vor allem auf das Konto der katholischen Seite zu verbuchen ist. Er ist die Fortsetzung des von Joseph Ratzinger verursachten Ärgernisses, die Kirchen aus der Reformation zu ,,kirchlichen Gemeinschaften" zurückzustufen, die keine Kirchen im eigentlichen Sinn seien (Erklärung Dominus lesus, 2000). Als 2001 mit Liturgiam authenticam ein römisches Korsett für Übersetzungen entworfen wurde, war klar, dass Rom das Ausscheiden der Evangelischen in Kauf nahm wenn nicht gar als Ziel verfolgte. Dass die sich katholisch – alles umfassende - nennende Kirche die Kirchen aus der Reformation aus dem Projekt der gemeinsamen Übersetzung drängte, indem sie die Orientierung am Urtext gegenüber liturgischem Gebrauch und dogmatischer Tradition zurückreihte, bedeutet eine beklagenswerte Verdunkelung des christlichen Zeugnisses vor der Welt, die dieser Spaltung verständnislos gegenübersteht. Paul Weß hat einen Kommen zur neuen Übersetzung mit dem Titel versehen: ,,Ist die Bibel oder das Dogma der Maßstab?" Die Frage ist bloß rhetorischer Natur. Mehrfach hat die Dogmatik den Zungenschlag bestimmt. Der emeritierte Grazer Neutestamentler Peter Trummer hat etwa darauf hingewiesen, dass Opferideen in den Text hineingelesen wurden, wo keine drinnen sind.

Man kann an einer einzigen Stelle schon die Probe aufs Exempel machen: Jes 7,14. Übersetzung 1979: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen... In einer Fußnote dazu liest man: Das hebräische Wort almah wird auch als ,junge Frau" gedeutet. Revidierter Text: Siehe, die Jungfrau hat empfangen... Fußnote dazu: Das hebräische Wort alma bedeutet eigentlich junge Frau. Frage des nicht vorbelasteten Lesers: Wenn alma ,,eigentlich" junge Frau bedeutet, warum steht das dann nicht im Text? Verdacht: Weil im Evangelium des Matthäus (1,23) auf diese Stelle Bezug genommen wird und da ausdrücklich parthenos steht, und dieses altgriechische Wort eindeutig Jungfrau bedeutet. Auch die Septuaginta, die alte Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische, auf die sich Matthäus wahrscheinlich bezieht, übersetzt alma mit parthenos, Jungfrau. Daher steht auch in den lateinischen Übersetzungen virgo, Jungfrau, natürlich auch in der 1979 promulgierten maßgeblichen Nova Vulgata, die als Norm durch Liturgiam autenticam neuerlich eingeschärft wurde. Der Verdacht ist nur allzu naheliegend: Traditionen, auch wenn sie keine Begründung im Urtext haben, dogmatische und ideologische Überlegungen führen zur Untreue gegenüber dem vorgeblichen ,,Wort Gottes". Was es für die Glaubwürdigkeit des ganzen Unternehmens bedeutet, wenn an einer Stelle der Verdacht der Manipulation so offensichtlich begründet erscheint, und wie es vielen der mit der Überarbeitung befassten Wissenschaftler damit geht, lässt sich kaum abschätzen.

Überraschend ist, dass in der revidierten Übersetzung immerhin an einigen Stellen die Schwestern an die Seite der bisher allein genannten Brüder treten durften – übrigens ein eklatanter Verstoß gegen Liturgiam autenticam. So durfte auch endlich aus dem Mann Junias in Röm 16,7 die Frau Junia werden, die als solche unter den Aposteln herausragt; die Verbiegung des Textes zur Verunmöglichung jeglichen weiblichen Amtes (Apostelin!) war doch nicht länger zu halten, wenn auch hier das Wappentier des Erkenntnisfortschritts die Schnecke bleibt.

Im ersten Brief an die Gemeinde von Korinth (9,5) fragt Paulus im Wortlaut der revidierten Einheitsübersetzung: Haben wir nicht das Recht, eine Schwester im Glauben als Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas? Das ist wortgetreu übersetzt, denn das griechische Wort gyne meint zunächst jedes weibliche Wesen. Aus dem Zusammenhang geht aber wohl eindeutig hervor, dass Paulus die Ehefau meint. In der Einheitsübersetzung von 1979 hatte es noch verschleiernd geheißen: Haben wir nicht das Recht, eine gläubige Frau mitzunehmen? Im griechischen Urtext liest man adelfen gynaikan, eine Schwester (im Glauben) als (Ehe)frau. Die Vulgata nova folgt dem und schreibt sororem mulierem; frühere lateinische Versionen hatten die Reihenfolge der Worte umgekehrt: mulierem sororem, eine Frau als Schwester. Der unbefangene Leser mochte an eine Ordensfrau denken, womit kritische Fragen zum Zölibat erst gar nicht aufkommen.

Wie sehr wünschte man, die vielen Arbeiter im und am Weinberg der Schrift hätten mehr Mut gezeigt, nicht zuletzt das Leitungsgremium des Unternehmens! Dies umso mehr, als die Arbeit der hochkarätigen Experten ein sehr hoch gestecktes Ziel gut erreicht zu haben scheint, nämlich die Nähe zum Urtext, durch die auch das Alter und die Ferne des Textes von unserer Lebenswelt spürbar gemacht wird, ohne dabei die Verständlichkeit aufzugeben. Zu begrüßen ist die wieder an Bildern reichere Sprache (Hand oder Arm für Macht und Gewalt), die Bedachtnahme auf das Jüdische durch Beseitigung antisemitischer Töne im Text wie in Überschriften sowie die Ersetzung des Tetragramms JHWH durch das Wort HERR (in Versalien) sowie einzelne wirklich neue Formulierungen wie in Ps 23,3a, wo man bisher las Er stillt mein Verlangen und wo es jetzt heißt Meine Lebenskraft bringt er zurück.

Aufregendes verbirgt sich in Details. So sagte Ijobs Frau nach der Katastrophe zu ihrem Mann in der alten Version: Lästere Gott und stirb! In der revidierten Fassung lautet der Satz: Segne Gott und stirb! Das ermöglicht einen Blick in die Tiefen der Religionsgeschichte, als Gott noch nicht zum ,,lieben" Gott mutiert war, sondern als zugleich faszinierendes und erschreckendes Mysterium (mysterium tremendum et fascinans) erfahren wurde, wie Rudolf Otto 1917 schrieb. So bietet die revidierte Einheitsübersetzung auch Ansätze, über die Entwicklung von Gottesbildern auf dem Weg durch die Jahrtausende nachzudenken. Wenn aber Gott sich ändert in den Bildern, die sich Menschen von ihm machen – wie sollten dann die Worte als ,,unabänderliche Wahrheit" gelten, als Dogmen, die Menschen über ihn sagen? Heraklit hat heute nicht weniger Recht als vor zweieinhalbtausend Jahren: Panta rei, alles fließt.


Zum Autor: Franz Josef Weißenböck, Dr. theol., Journalist und Autor, systemtscher Coach und Supervisor.