logo74f 128LOGO HHSt 120Navarro Puerto Mercedes 120Anic Jandra Rebeka 120Die Schweizer Herbert Haag-Stiftung setzte Mitte März ein Zeichen dafür. Sie zeichnete zwei hochqualifizierte Theologinnen und Ordensfrauen mit dem Preis für Freiheit in der Kirche aus. Beide verloren ihre Lehrstühle an Universitäten, weil sie mit der „Gender-Theorie“ arbeiteten.

Die Spanierin DDr. Mercedes Navarro Puerto studierte Psychologie in Salamanca, Theologie in Madrid und erwarb die Lehrbefugnis für Bibelwissenschaft an der Gregoriana in Rom. Dr. Jadranka Rebeka Anić ist Kroatin und studierte Theologie in Zagreb. Bei Paul M. Zulehner promovierte sie in Pastoraltheologie in Wien. Beide sind Opfer mangelnder Bereitschaft in der Kirche sich mit der Gender-Theorie ernsthaft und fundiert auseinander zu setzen.

Puerto und Anić. wurde die Lehrerlaubnis an kirchlichen Ausbildungsstätten entzogen. Puerto war wegen eines Interviews einem „Lehrzuchtsverfahren“ ausgesetzt, wurde aber nicht verurteilt. Ohne ihre Zustimmung wurde der Zeitungsartikel nochmals veröffentlicht. Der Rektor der katholischen Universität Salamanca hielt darauf hin dem kirchlichen Druck nicht mehr stand.

Anić wurde in der gegenwärtigen Genderismus-Debatte kurzerhand der Prozess gemacht. Sie wurde massiv unter Druck gesetzt, erhielt – wie bei kirchlichen Prozessen leider immer noch üblich - keine Akteneinsicht, erfuhr nicht wer warum Anklage erhob. Um Nachteile für jene Personen zu vermeiden, die sie an die katholische Fakultät holten, trat sie zurück.

Die Ordensgemeinschaften beider Preisträgerinnen stehen bis heute zu ihnen. Beide sind auch nach ihrer Maßregelungen in der Genderforschung engagiert, kreativ und innovativ tätig.

Was ist Gender?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts treten Frauenarmut, -arbeit und -bildung in den Blick. Die 68er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts diskutieren Gerechtigkeit in den Rollenzuschreibungen. Das Zweite Vatikanische Konzil löst auch im kirchlichen Bereich solche Debatten aus. In der gegenwärtigen „Gender-Debatte“ werden die bisherigen Erkenntnisse hereingenommen und mit sozialen Analyseinstrumenten weiter entwickelt.

Gender ist ein Analyseinstrument um Abhängigkeiten religiöser, säkularer, politischer oder privater Art zu erkennen. Bestehende Ungerechtigkeiten werden verunsichert und sollen zu mehr Gerechtigkeit in den Rollenzuschreibungen führen. Gender ist kein „wirklicher Kern“ des Geschlechts und kann auch nicht von „sex“, dem biologischen Geschlecht, getrennt werden. „Ebenso wenig wie Frauen durch die Möglichkeit, Kinder zu gebären, in ihrem „Wesen“ bestimmt werden, kann auch das „Wesen des Mannes“ nicht an Potenz und Zeugungsfähigkeit festgemacht werden. Eine bestimmte Anatomie kann nicht mit bestimmten Tugenden verknüpft werden, und eine bestimmte Anatomie kann nicht einer Person ihren Platz in der Welt zuweisen.“ Das schreibt Regina Ammicht Quinn die Direktorin des Zentrums für Gender und Diversitätsforschung an der Universität Tübingen in den „Stimmen der Zeit, Nr. 9/2016.

Das soziale Geschlecht (engl. gender) ist nicht vollständig vom biologischen Geschlecht (engl. sex) vorgegeben. Gender wird durch Erziehung, Sozialisation, Rollenzuschreibungen oder kulturelle Normen erlernt. Das soziale Geschlecht ist zum Großteil erworben und daher veränderbar. Das schreiben die Schweizer Autorinnen der Broschüre „Let‘s talk about gender!“

Der innerkirchliche Diskurs

"Gender" wird in der katholischen Kirche sehr unterschiedlich beurteilt. Leider – so drängt sich der Eindruck auf – ohne ausreichende Beschäftigung mit den Grundlagen. Auch im gesellschaftlichen Diskurs dazu läuft die Sache ähnlich. Zerrbilder scheinen zu genügen. Dass in einer solchen Debatte schnell zu pauschalen, abwertenden Generalurteilen gegriffen wird, ist auch aus anderen Bereichen bekannt.

Kritiker der "Gender-Ideologie" fürchten eine staatlich und gesellschaftlich verordnete Einebnung von Geschlechterunterschieden. Sie finden Unterstützung auch bei Papst Franziskus, der sich etwa in seinem im Vorjahr veröffentlichten Lehrschreiben "Amoris laetitia" gegen "verschiedene Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gender genannt wird" ausgesprochen hat. In Aussicht gestellt werde "eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz", so Franziskus, der - wie seine Vorgänger im Papstamt - die anthropologische Grundlage der Familie bedroht sieht.

Gleichzeitig gibt es in der Kirche Theologen, die betonen, dass der vielfach gegenüber Vertretern einer "Gender-Ideologie" geäußerte Vorwurf, diese würden die eigene Geschlechtlichkeit zu einem Gegenstand individueller Wahl erklären, der tatsächlichen Komplexität der "Gender studies" nicht gerecht werde. "Sich zu weigern, aus biologischen Differenzen unmittelbar eine Moral des Geschlechterverhältnisses abzuleiten, bedeutet keineswegs, diese Differenzen als solche in Abrede zu stellen", äußerte sich etwa der deutsche Moralheologe Stephan Goertz im Rahmen der Debatte.

Ein schlechtes Beispiel ist Andreas Laun. Er veröffentlichte kürzlich einen – wie manche sagen – „Scherzhirtenbrief“ an seine vor Jahrhunderten untergegangene Wüstendiözese. Darin nennt er „Gender … eine grauenhafte Lüge“ und stellt sie mit Nationalsozialismus und Kommunismus auf eine Stufe. Schon die Bezeichnung „Gender-Ideologie“ - hier ist Laun nicht der einzige – zeigt von abwertender Einstellung ihr gegenüber.

Der Salzburger Hilfsbischof versteigt sich in seinen Aussagen aber völlig. Er beschreibt „Gender“ als die Liebe zerstörend, kritisiert „geschlechterbewußte Theologie“, unterstellt ihr „ radikalste Leibfeindlichkeit“ und nennt sie – unter Berufung auf Franziskus - „Religion des Teufels“.

Ob er – wie er vorgibt - wirklich nur die „warnende Stimme des Papstes“ gegen die „Gender-Ideologie“ zu „verstärken“ versucht oder damit eigentlich eine homophobe Haltung unterstützten will, bleibt offen. Jedenfalls tut er es im Gleichschritt etwa mit dem konservativen, afrikanischen Kurienkardinal Robert Sarah.

Es ist ja durchaus erlaubt, Gender zu kritisieren oder Teile davon für Ideologie zu halten. Es sollte aber fundiert passieren . Wer das tut, der wird nicht alles verteufeln können. Eine schwarz/weiß Malerei, wie sie gegenwärtig in der Kirche läuft, ist ja gerade das Kennzeichen von undifferenzierter Kritik.

Es ist höchste Zeit, dass die Gender-Forschung endlich auch im kirchlichen Bereich ohne Zwangsvorgaben arbeiten kann und deren Ergebnisse kirchlich würdig rezipiert werden. Dafür sind alle Bischöfe – auch Franziskus in Rom – verantwortlich. Das liegt in unser aller Interesse.

Hans Peter Hurka