kirche inHurka Z 2012 09 30 120Für Karol Moravčík sind die Erfahrungen der Kirche aus der Zeit der Verfolgung Vorbild. Damals trugen „Basisgemeinden“ die Kirche, sie waren „Inseln einer sog. positiven Deviation“. Das berichtete der slowakische Priester im Rahmen der Veranstaltung: „Über Grenzen reden – Kirche diesseits und jenseits des ehemaligen „eisernen Vorhangs“. „Ohne Erneuerung der Gemeinden am Ort rund um die Eucharistie als Zentrum und ohne gelebte Gemeinschaftlichkeit christlichen Lebens wird die Kirche – hier in Österreich – keine Zukunft haben“ sagte Regina Polak. „Christliche Perspektive bedarf einer Entprivatisierung des Glaubens und die politische Dimension des Glaubens ist heute nötiger denn je“, betonte András Máté-Tóth.

Moravcik a Filo BiH 120Mikloško František 120Das Buch: „Die Freude des Evangeliums in der Slowakei – Versuch einer Situationsanalyse der katholischen Kirche“, war Auslöser für die Veranstaltung. Sie wurde vom FORUM ZEIT UND GLAUBE gemeinsam mit den NETZWERK: zeitgemäß glauben ausgerichtet. Die beiden Herausgeber des Buches, František Mikloško, ehemaliger Parlamentspräsident in der Slowakei und Karol Moravčík sind deshalb Mitte Mai nach Wien gekommen. Die Wiener Pastoraltheologin, Regina Polak und der in Szeged lehrende Religionswissenschaftler András Máté-Tóth weiteten den Blick über territoriale, individuelle und konfessionelle Grenzen hinweg.

Im genannten Buch wird die slowakische Kirche nüchtern und sachlich analysiert. Priester, Ordensleute und Laien haben daran mitgewirkt. Demnach wurden nach der Wende zwar die Finanz- und Eigentumsfragen einer – wenn auch weiter vom Staat abhängigen – Lösung zugeführt. Das II. Vatikanische Konzil ist aber nach wie vor fremd. Die Kirchenleitung stehe zu Franziskus auf Distanz und der Klerus teile teilweise diese Haltung. „Wir haben in der Slowakei einen Lefebvreismus ohne Lefebvre“, sagte Moravčík.

Der nach dem Erscheinen des Buches abgesetzte Pfarrer verlangte ein heutiges Priestermodell, den Wandel vom Kleriker zum Freund, einen Wechsel von der anonymen Kirchenmenge zur mitverantwortenden Gemeinschaft sowie die Teilnahme der Kirche an sozial-politischen Reformbemühungen.

Polak Regi 120„Europa verliert im Moment Sicherheiten als Selbstverständlichkeit“, stellte Polak fest. Sie zitierte Franziskus: „Wir erleben derzeit nicht eine Epoche des Wandels, sondern den Wandel einer Epoche“. Die Frage ist, ob Kirche dies nur „erleide“ oder „aktiv mitgestalte“. Die Frage wird sein ob es der Kirche gelingt, diesen „Sterbeprozess in eine Gestaltwandlung“ zu verändern.

Wir brauchen Räume, in denen Erinnerungen aus den gemeinsam geteilten Geschichtsräumen ausgetauscht werden können, forderte Polak. Dabei verwies sie auf die jüngste Europa-Wertestudie. Die konfessionelle Prägung ist maßgeblicher Faktor, welche Werteeinstellungen Menschen in Europa haben. In der Studie zeige sich, wer angibt an Gott zu glauben oder regelmäßig in den Gottesdienst gehe habe mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit autoritärere Einstellungen, lehne kulturell plurale Gesellschaften ab oder sei fremdenfeindlich. Das sage nichts über die Konfessionen aus, betonte Polak, aber sehr wohl über die politischen Geschichten der Kirchen, deren Preis wir in ganz Europa auf unterschiedliche Weise bezahlen.

Wir erreichen in Österreich Grenzen von Sozialformen von Kirche. Das spiegle sich im Streit um die pastorale Praxis und die Zukunft der Gemeinden wider. Das ist auch noch nicht ausgestanden, sagte, Polak. Aufgabe der Gemeinden – nicht der Pastoraltheologinnen – ist es, die „Zeichen der Zeit“ zu lesen und zu deuten.

Welche Rolle kann, soll, darf, muss Kirche in der Politik spielen? Worin besteht das politische Mandat der Kirche?, frage Polak. Wie sehr diese Fragen aktuell sind, zeige sich deutlich an der Migrationsfrage. Bischöfe treten für Flüchtlinge ein und erfahren starken Widerspruch. Da stelle sich die Frage: „Welches politische Mandat hat die Kirche?“, so Polak.

Máté Tóth András 120„Nicht mehr Freiheit, sondern Sicherheit stehe heute an erster Stelle“, verwies András Máté-Tóth auf die Wertestudie. Kollektive Erinnerungen an die Unsicherheiten, Okkupationen machen die Gesellschaften der Region besonders anfällig für Extremitäten, irrationale Handlungen und diverse Populismen. Dabei stellte Máté-Tóth eine „Borderline-Gesellschaftsstörung“ fest. Er sei sich bewusst, dass er einen Begriff der Individualpsychologie auf soziologische Phänomene anwende. Es sei fürihn aber dramatisch zu sehen, wie die Kriterien des Borderline-Syndroms sowohl auf persönlicher wie auch auf kollektiver Ebene zur Beschreibung der Identitäten passe.

Wir müssen den „Ostblock entblocken“, forderte Máté-Tóth. Wollen wir die Syndrome behandeln, müssen wir den gesamteuropäischen und globalen Horizont in den Blick nehmen, stellte er fest.

„Christen sind Menschen des Glaubens, der Hoffnung und in seltenen Fällen auch der Liebe“, beschreibt der gebürtige Ungar die kirchliche Situation. Er führt weiter aus: „Christen glauben an einen Gott, der für alle Menschen Vater ist, unabhängig von ethnischen, religiösen geschichtlichen oder staatsbürgerschaftlichen Kriterien“. Sie glauben an einen Messias, der „für alle Menschen gestorben und auferstanden ist“. Der „Geist wurde für alle ausgegossen“. Und er kommt zur Schlussfolgerung: „Es ist nicht wichtig, ob wir persönlich das Heil erlangen. Es ist aber wichtig, dass die anderen das Heil erlangen“. Rechtgläubigkeit brauche heute nicht vorrangig eine konfessionelle Kompatibilität, sondern eine intellektuelle und praktische Option für die Inklusion aller Menschen, betonte Máté-Tóth.

Sie können alle drei Eingangs-Statements auf der Homepage des FORUMS ZEIT UND GLAUBE oder auf der Homepage:http://www.zeitgemaess-glauben.at nachhören. Das oben genannte Buch können Sie vom Autor dieser Zeilen beziehen.

Hans Peter Hurka