Mansour Ahma 120Die Süddeutsche Zeitung veröffentlich am 16. Juni 2017 ein Essay über eine gelungene Integration. Der Autor Ahmad Mansour, ein Palästinenser. Er zog vor zwölf Jahren aus Israel nach Berlin, um Psychologie zu studieren. Bis er sich hier zu Hause fühlte, dauerte es Jahre. Und es war nicht leicht.

Mansour berichtet über seine Gefühle, die ihn in diesem Prozess begleiteten und darüber, was ihn letztlich zu einem stolzen Deutschen werden ließ. Sein offener Bericht beeindruckt und stimmt nachdenklich, was können wir als Mehheitsbevölkerung noch beitragen, was bisher noch nicht geschieht.

"Ich kam mir minderwertig vor" ein Essay über eine gelungene Integration von Ahmad Mansour

Als Zuwanderer in Deutschland war unser Autor erst verloren. Bis er bereit war, seine neue Heimat zu achten und zu lieben - mit allen Schwierigkeiten.

Vor mehr als zwölf Jahren landete ich mit einem Flugzeug aus Tel Aviv als palästinensischer Israeli am Flughafen Tegel. Mit fünfzig Kilo Gepäck und großer Ungewissheit, aber auch Hoffnung. Wie würde es werden? Wen würde ich kennenlernen? Wovon leben, wie die Sprache lernen? Ich wollte mein Studium der Psychologie in Berlin an der Humboldt-Universität beenden und landete zuerst in einer Wohngemeinschaft, vor allem mit Leuten, die die gleiche Sprache sprachen wie ich.

Die ersten Monate und Jahre waren schwierig, beinahe traumatisch. Alles war fremd, und fast wäre ich zurückgekehrt nach Israel, das ich wegen der schwer erträglichen politischen Spannungen verlassen hatte. Deutsch zu lernen, erschien mir schlicht nicht möglich.

Und doch ist dies die Geschichte einer Integration - eine Integration, die mir nicht immer leichtfiel, aber dennoch eine Bereicherung darstellt - für mich, und hoffentlich auch ein wenig für dieses Land.

Kam ich anfangs in einen Laden, an eine Supermarkttheke, erlebte ich oft ungeduldige Verkäufer. Einige herrschten mich fast an, in übertrieben deutlichem Ton: Ich möge bitte mal sagen, was ich will. Insgesamt kam mir, der ich die Herzlichkeit des Nahen Ostens gewohnt war, die Atmosphäre in der Gesellschaft so kalt vor, unendlich weit weg, fast unerreichbar. Wie sollte ich da jemals dazugehören?

Ich kam mir minderwertig vor. Nur in der Moschee und unter Arabern war ich selbstbewusst

Insbesondere die Haltung von Frauen machte mir Angst. Sie waren so selbstbewusst, sie schauten mir in die Augen und brachten direkt zum Ausdruck, was sie wollen, meinen, denken, fühlen. An der Universität war ich zunächst allein, Gespräche kamen nur mit arabischen und türkischen Kommilitonen zustande, andere Mitstudenten an der Fakultät für Psychologie schienen mich zu meiden. Ihnen schien es zu anstrengend zu sein, überhaupt mit mir zu reden, gemeinsam Referate zu erarbeiten. So kam ich mir minderwertig vor, schwach und nutzlos. Nur in der Moschee und unter Arabern war ich selbstbewusst, geschützt, ich selber. Und so wird es vielen gehen, die das Ankommen hier erleben.

Was für eine Grammatik! Was für lange, zusammengesetzte Wörter! Fremd waren die Umgangsformen der Gesellschaft, die Unbekümmertheit, mit der Männer und Frauen, Studenten und Studentinnen miteinander umgingen. Damals habe ich mir nicht einmal erträumen können, dass ich dieses Land einmal wirklich mein Zuhause nennen würde! Dann waren da noch meine Eltern in Israel. Fast täglich riefen sie an, um mich zu kontrollieren: ob ich denn noch ein guter Muslim sei, ob ich auch auf mich aufpasse, ob ich auch keinen Alkohol trinke, Arbeit gefunden habe, Geld verdiene, die Sprachprüfung bestehe - die Ehre, der Ruf meiner ganzen Familie hing davon ab, ob ich es schaffe. In der Liebe erntete ich einen Misserfolg nach dem anderen, was ich den Eltern selbstverständlich verschwieg.

In dieser angespannten Situation fing ich an, die Mehrheitsgesellschaft zu hassen. Wenn ich nicht dazugehören kann, dann will es auch gar nicht! Ich lebte von Besuch zu Besuch in der Heimat, ich war hier und träumte vom köstlichen Hummusessen in meinem Dorf, ich lebte von einem elterlichen Päckchen zum nächsten, wie an der Angel meines alten Zuhauses.

Unglaublich, aber wahr: Heute fühle ich mich hier verstanden, aufgenommen und akzeptiert. Ich habe mich mit diesem Land emotional, politisch und sprachlich tief verbunden. Leute, die mir fremd waren, wurden zu meiner Familie, meinen Freunden, meinen Kolleginnen und Nachbarn.

Das war möglich, weil ich durch Glück und Zufall oft die richtigen Menschen getroffen habe. Es waren die anderen Studenten, zu denen ich Zugang fand, als ich die Sprache besser konnte, und die mir dann mit Geduld und Humor bis in die Morgenstunden Deutschland erklärt haben. Da war auch die Professorin, die mich ermutigte, über Geschlechterrollen zu forschen. Allmählich reihten sich gute Erfahrungen neben die schlechten, allmählich nahmen die guten überhand. Und jetzt bin ich stolz auf meine frisch erworbene Staatsbürgerschaft - ich habe es auf Papier, als Urkunde. Seit zwei Monaten bin ich offiziell Teil dieses Landes mit seiner Demokratie, seiner Freiheit, seinen schönen Landschaften, Seen, Bergen, Menschen. Vor allem bin ich stolz auf das Grundgesetz und all die Menschen, die es achten und schützen.

Für mich hat sich ein Kreis geschlossen, ich bin angekommen. Ich hatte verdammt viel Glück. Und ich wollte ankommen. Heute eröffnen sich mir alle paar Tage neue Möglichkeiten, Einladungen, Schulungen, Seminare, Trainings, Vorträge. Meine aufklärende Arbeit gegen Fundamentalismus, meine Arbeit mit ehemaligen Extremisten ist erfüllend. Oft sehe ich, wie sie Früchte trägt. In einem Wort: Ich bin dankbar. Wer mir "Assimilation" vorwerfen will, dem sage ich, ohne eine Sekunde zu zögern: Wenn Assimilation bedeutet, dass ich das Grundgesetz der Bundesrepublik im Alltag und in der Arbeit über jede Tradition, Religion oder jeden Nationalismus stelle, dann bin ich gerne assimiliert. Jetzt fehlt noch, dass ich Spaß am Spazierengehen entdecke, einer typisch deutschenTätigkeit, und das Mülltrennen etwas ernster nehme ... Die Hoffnung gebe ich nicht auf, und mein Umfeld hofft mit mir.

Leider haben sich, seit ich kritisch mit meiner Konfession umgehe, alte Freunde aus den ersten Stunden in Deutschland von mir abgewandt. Ich höre von ihnen, ich sei ein Heuchler: Du verkaufst deine Religion, deine Nation, deine Identität, egal wie viel Mühe du dir gibst, du wirst nie dazugehören mit deinen dunklen Haaren! Unvergessen das Gespräch mit einem ehemals guten Freund, der mir gegenüber behauptete: "Sei du nur für Freiheit und Gleichberechtigung, aber wenn deine Tochter später mit einem Freund allein in ihr Zimmer geht, wirst du aufwachen!" Dann, wollte er sagen, bist du wieder "einer von uns".

Traurig war es für mich, als mich ein deutscher Professor mit islamischem Migrationshintergrund beschimpfte, weil ich gewagt hatte, in meinem Buch "Generation Allah" zu erwähnen, dass mein Vater in meiner Kindheit Gewalt gegen mich ausgeübt hatte. Es sei respektlos, so zu schreiben, Gewalt gehöre nun mal zur Erziehung, empörte er sich. Heute lebe ich weniger in Angst vor der Mehrheitsgesellschaft als in der Furcht vor denen aus meiner ehemaligen Gesellschaft. Leute, die mit mir nicht mehr reden wollen, senden und posten Drohungen, ich sei abtrünnig, ungläubig, ein Islamhasser, der den Tod verdiene. All das nur, weil ich Aspekte der Religion und Tradition in Frage stelle und den Nahostkonflikt nicht in den Schwarz-Weiß-Mustern von Antisemiten sehe. Die Drohungen wurden so heftig, dass ich jetzt zeitweise Personenschutz brauche.

Das ist, in kurzer Skizze, die Geschichte meiner Migration, meiner Immigration. Doch viele Geschichten von Migranten hören sich ganz anders an. Gerade erst erzählte mir H., ein 26 Jahre alter Syrer in Berlin, von seinen ersten beiden Jahre hier. Deutschland war für ihn ein Traum. Wohlstand, Ruhe, Frieden, Arbeit, Lohn und Brot und Haus: Alles würde es hier geben. Seine unrealistischen Erwartungen, eine verunsicherte Mehrheitsgesellschaft und die fehlende Integrationsdynamik - all das führte dazu, dass im Laufe dieser 48 Monate aus dem Traum ein Albtraum wurde.

H. lebt nach wie vor in einer Sammelunterkunft. Von der Sprache hat er wenig begriffen, Arbeit ist nicht in Sicht, vieles hier ist ihm fremd geblieben. In dem traumatischen Zustand, den ich anfangs auch erlebt habe, ist er stecken geblieben, und der Zustand droht, chronisch zu werden. Ein bisschen notbetreut, halb vergessen, irgendwie geduldet - das ist seine Lage.

Ja, Integration ist ein schwieriger Prozess. Sie ist aber möglich, sehr gut sogar. Ich darf das sagen - weil ich es erfahren habe. Auf der anderen Seite gibt es Hunderttausende, die seit zwei oder drei Generationen in Deutschland leben, ohne je angekommen zu sein. Wer dann noch keinen Zugang zur Gesellschaft gefunden hat, wer Teile des Grundgesetzes ablehnt (oder gar nicht kennt!), ist zwar physisch da, aber mental weit weg. Wer sich in antisemitischen und autoritativen Parallelgesellschaften bewegt, ist verloren. Entscheidend ist, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen, die Mehrheitsgesellschaft und die Zuwanderer. Anders geht es gar nicht. In Städten wie Hamburg oder Berlin sind 40 Prozent der Schulanfänger "nichtdeutscher Herkunft". Man muss es laut genug sagen, damit es alle begreifen: Leute, das sind Deutsche, oder sie wollen es werden! Allen im Land ist zu wünschen, dass auch für sie das D von Deutschland zugleich Demokratie bedeutet.

Im Moment wird an kurzfristigen Notmaßnahmen gebastelt, ein paar mehr Lehrer für Willkommensklassen werden eingestellt, viele rührende Menschen engagieren sich für Flüchtlinge. Das ist alles gut. Aber ein umfassender Plan fehlt. Integration ist keine Kurzzeitmaßnahme, sie ist nicht temporär. Sie dauert. Sie wird uns auch noch 2020 und 2030 beschäftigen. Fangen wir endlich an!

Einige Fehlentwicklungen lassen sich relativ rasch ändern. In Asylunterkünften, aber auch bei Integrationskursen haben sich teilweise regelrecht kriminelle Strukturen etabliert. Manchen "Trägern" geht es weniger um Vermittlung von Sprache und von Werten, sondern nur um das Geschäft; die Radikalisierung muslimischer Zuwanderer nehmen sie billigend in Kauf. Es ist daher wichtig, viel genauer auf qualifizierte Partner zu achten. Einige Moscheevereine tragen etwa seit Jahren dazu bei, dass Parallelgesellschaften entstanden sind - sie dürfen auf keinen Fall Partner bei der Integration bleiben.

Die Neuankömmlinge müssen das Geschenk verstehen, in einem freien Land zu leben

Auch bei der Qualität und Quantität der Integrationskurse gibt es schwere Defizite. Die Behörden stehen der Aufgabe der Integration seit Jahren erschreckend planlos und naiv gegenüber. Gerade die Sprachkurse müssten dazu dienen, auch Werte zu vermitteln, nicht nur Worte nachsprechen zu lassen. Dazu braucht es Unterricht im Dialog, in Gruppen und individuell, aber auch eine intensivere Betreuung der Migranten durch Sozialarbeiter. Kanada ist da ein gutes Vorbild. Auch wenn das kostet: Es spart der Gesellschaft langfristig sehr viel Geld.

Will eine Gesellschaft ihre Werte weitergeben, braucht sie Überzeugungen. Zuwanderer aus autoritären Strukturen verstehen den Mangel an solcher Festigkeit als Schwäche, die verunsichert oder die man ausnutzen kann. Doch es gibt Werte, über die kann man nicht diskutieren. Hier im Land wird frei diskutiert, nicht zugeschlagen. Hier werden Frauen und Kinder respektiert, die Grundrechte gelten für alle. Hier wird Antisemitismus nicht toleriert, die Geschichte verpflichtet uns alle.

Auch die Schulen haben eine wichtige Funktion, es müssen dort klare Regeln für alle gelten. Wenn muslimische Grundschulkinder während des Fastenmonats ihre Gesundheit gefährden, weil sie tagsüber nach dem Willen der Eltern auf Essen und Trinken verzichten sollen, darf die Schule dagegen einschreiten: Das im Grundgesetz verankerte Recht des Kindes auf Unversehrtheit sowie auf Bildung wiegt schwerer als das Gewohnheitsrecht der Eltern. Es ist auch richtig, einem Grundschüler zu erklären, dass seine Lehrerin es nicht akzeptiert, dass er ihr nicht die Hand gibt, weil sie als Frau für "unrein" erachtet wird.

Demokratische Werte zu verteidigen, heißt, auch in unangenehmen Situationen kompromisslos für sie einzustehen. Muslimische Verbände sollten Lehrkräfte und Schulbehörden nicht mit solchen Fragen alleinlassen. Dazu brauchen Lehrer interkulturelle Kompetenzen und die Courage, ja, den Auftrag, in manchen Fällen auch gegen autoritative Erziehung im Elternhaus zu arbeiten, gegen die Exklusion der Mädchen, gegen die sabotierenden Versuche der Eltern, ihre Kinder etwa von Ausflügen und Klassenfahrten, vom Schwimmen oder von Sexualaufklärung fernzuhalten.

Integration braucht mehr Inklusion. Soll das Wachsen der Parallelgesellschaften gebremst werden, müssen Flüchtlinge über ganz Deutschland verteilt werden, und es darf - hier unterstütze ich die Forderung von Bildungsministerin Johanna Wanka - an Schulen maximal 35 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund geben.

Neuankömmlinge oder Menschen, die in Parallelgesellschaften leben, bringen oft große Ängste mit: Sie könnten ihre Identität verlieren, mit der Freiheit nicht klarkommen, ihre Kinder könnten sich von ihnen entfremden. Vieles davon entsteht aus Unwissen über die Möglichkeiten der freien Gesellschaft. Solche Ängste muss man ernst nehmen und abbauen - über emotionale Brücken zu unserem höchsten Gut, der Freiheit. Ziel muss es sein, dass Neuankömmlinge das Geschenk verstehen, in einem freien Land zu leben.

Integration scheint heute für viele eine unlösbare Aufgabe zu sein. Doch Angela Merkel hat recht: Das ist zu schaffen - wenn wir von allen etwas verlangen, und zwar nicht nur, die Sprache zu lernen und Arbeit zu finden, sondern auch, die Werte dieser Gesellschaft zu verinnerlichen.


Zum Autor:

Ahmad Mansour kam 1976 in Tira als Sohn arabischer Israelis zur Welt. Tira ist eine arabischen Kleinstadt in Israel, in der überwiegend palästinensische Israelis leben. Er studierte Psychologie in Tel Aviv; 2004 kam er als Student nach Deutschland. Heute arbeitet er in Berlin als Diplompsychologe für Präventionsprojekte und in der Jugendarbeit. Als Programmdirektor der European Foundation for Democracy in Brüssel und als Buchautor engagiert er sich gegen Radikalisierung, gegen Antisemitismus und für Gleichberechtigung in der muslimischen Community. Für Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten veranstaltet er Schulungen. 2016 erhielt er den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.

Von 2012 bis 2014 war Mansour Teilnehmer an der Deutschen Islamkonferenz. Mansour ist verheiratet, lebt und arbeitet in Berlin.