Haering Hermann1 120Schon 2013 analysierte der Deutsche Theologe Hermann Häring den 2012 von Benedikt XVI. zum Chef der Glaubenskongregation ernannten ehemaligen Münchner Dogmatikprofessor und späteren Bischof von Regensburg in einem lesenswerten Artikel in Imprimatur 7/2013.

Darin deckt Häring die theologischen Grundlagen wie auch die in der Person Müller gelegenen Haltungen auf, die ihn so handeln lassen wie er handelte und lehrte. Das ist ein Beitrag, der nicht nur die Person Müller analysiert, sondern Grundstzliches in der Theologie offen legt. Eine wesentliche Wurzel ist die Unfehlbarkeit. Sie wurde leider vom II. Vatikanischen Konzil (LG 25) in gewissen Fällen auch noch auf die Bischöfe ausgeweitet.

Es ist kein historischer Beitrag, obwohl Häring schon 2013 das Scheitern der Zusammenarbeit zwischen Franziskus und Müller voraussagt. Härings Artikel enthält darüber hinaus verständliche bedeutsame Grundlagen der Theologie die dringend einer Änderung bedürfen, will die Kirche in der Moderne ankommen.

 Wie werden in Rom die Karten gemischt? Zur Rolle von Bischof Gerhard L. Müller

von Hermann Häring

Gerhard Ludwig Müller, 2002 zum Bischof von Regensburg ernannt, ist in der katholischen Kirche Deutschlands hinreichend bekannt. Zum Wählspruch erkor er sich „Dominus Iesus“. So bekannte er sich programmatisch zur gleichnamigen reaktionären Erklärung des damaligen Glaubenspräfekten von 2000, Joseph Ratzinger. Sein autoritäres Regime als Bischof von Regensburg, die Absetzung aller demokratisch gewählten Räte (2005) und sein Vorgehen gegen hochengagierte, ihm aber missliebige Mitglieder seines Bistums verschaffen ihm einen zweifelhaften Ruf. Schon damals schien Sensibilität im Umgang mit Menschen nicht gerade seine Stärke zu sein. Seine Interviews zeichneten sich dadurch aus, dass er kaum auf gestellte Fragen der Journalisten einging, sondern seine eigene Botschaft voranbringen wollte. Wohl deshalb erkannte Benedikt XVI. in ihm eine Säule des Glaubens. Er ernannte ihn im Juli 2012 zum Präfekten der Glaubenskongregation, ein Amt, das Müller vorläufig bis zur gebotenen endgültigen Entscheidung inne hat. Auf dem Gebiet von Glauben und Theologie, wie Rom sie versteht, also der offiziellen Theoriebildung und Ideologieabwehr, kennt die römisch katholische Kirche, wie bekannt, nach dem Papsttum kein höheres Amt. Es hatte Joseph Ratzinger schon vor dessen Amtszeit als Papst die Möglichkeiten gegeben, 24 Jahre lang (1981-2005) das theologisch-geistige Profil seiner Kirche zu bestimmen. Auch unter Papst Franziskus gibt es noch keine Anzeichen für seine Ablösung, zumal Müller als Sympathisant der Befreiungstheologie gilt und sich gerne als guten Freund von Gustavo Gutiérrez, dem „Vater“ der Befreiungstheologie, präsentiert. Mit Papst Franziskus scheint Müller, der die spanische Sprache beherrscht, auf vertrautem Fuß zu verkehren.

Gerhard L. Müller (geb. 1947), vor seiner Bischofsernennung in Regensburg 16 Jahre lang (1986-2002) Professor für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte in München, machte sich neben Werken zur Sakramententheologie und Heiligenverehrung einen Namen durch ein Grundlagenwerk mit dem stolzen Titel: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie (Freiburg 1995). Das Opus von 900 Seiten wird inzwischen als „Spitzenwerk seines Faches“ beworben und ist inzwischen in der 4. Auflage erschienen. Ferner amtiert Müller als Herausgeber der Gesammelten Schriften von Joseph Ratzinger und kann sich eines kirchenoffiziellen Leumunds sicher sein, die die Ära Ratzinger übersteht. Dennoch kann ich nicht umhin, Müllers Theologie als eine aufpolierte Neuscholastik zu charakterisieren; sie wirkt wie die vorkonziliar restaurierte Version eines Möbelstücks aus den 1950er Jahren. Dieses Denken ist nicht auf Erweiterung oder Erneuerung ausgerichtet, schon gar nicht sensibel für die kulturellen Umbrüche des 21. Jahrhunderts (Johannes XXIII. hätte von aggiornamento und einem „Sprung nach vorn“ gesprochen), sondern auf die Stabilisierung vormoderner Glaubensformeln, die in der Neuscholastik eine antimoderne Schlagseite erhielten, dies alles natürlich im Dienste eines stabilisierten Kirchensystems, in dem Bischöfe und Papst - und nur sie - das Sagen haben.

Neuscholastik

Ursprung und Beginn der Neuscholastik lassen sich recht genau datieren. Wir befinden uns mitten im 19. Jahrhundert, noch ganz im Schock der Französischen Revolution, reagierend mit den Restaurationsbewegungen von Neuromantik, Neugotik und eben Neuscholastik, mit einem ungelösten Widerstreit zwischen Romantik und gnadenlosem Rationalismus, mit verzweifelten Rettungsversuchen durch autoritäre Festlegungen. Sie kulminierten 1879 in der Erstarkung eines politisch zwar zerstörten, ideologisch aber überhöhten Papsttums, das irreformabel eine absolutistische Regierungsform dogmatisierte („Die Tradition bin ich“, Pius IX.). Die Theologie legitimierte diese Kirchenstruktur nach Kräften. In Reaktion auf die ungeliebte Aufklärung wollte sie - wie im Mittelalter - einfach wieder Scholastik sein und in geschichtlich naiver Romantik sich wieder die Theologie der Vorzeit aneignen, die der Jesuit J. Kleutgen 1860-1873 in vier Bänden darlegte. Dass J. Kleutgen (alias Giuseppe Peters), 1811 in Dortmund geboren, in anderer Sache eine höchst unrühmliche Rolle spielte (H. Wolf, Die Nonnen von Sant’Ambrogio, München 2013), sei hier nicht näher verfolgt. Seinem Werk erging es wie den pseudoromanischen und -gotischen Kirchen, die man wunderbar fand, ohne zu bemerken, dass vielen dieser Bauwerke ausgerechnet der vitale Geist der beschworenen Vorzeit entflohen war. Sklavische Repetition bedeutete und bedeutet ja immer auch abstrakte Reduktion. So geriet dieser theologische Ansatz zu einem neuen, rundum abgeschlossenen Glaubenssystem, das sich massiv auf Thomas von Aquin berief, faktisch aber dem Machtsystem der hochautoritär agierenden Päpste von Pius IX. (1846-1878) bis Pius XII. (1939-1958) diente. Von ihnen wurde es rücksichtslos durchgesetzt und bis zum 2. Vatikanischen Konzil galt es für die gesamte katholische Kirche als die führende Theologie schlechthin. Andere Richtungen (die biblischen Forschungen insbesondere) wurden konsequent unterdrückt. Deshalb versteht sich: Auch dem Theologen Gerhard L. Müller, der den neuscholastischen Idealen folgt, kommt in zentralen Glaubenspositionen kaum Originalität zu. Nach wie vor vertritt er die römischen Glaubenspositionen ohne jeden Kompromiss, so als hätten Theologie und Glaube nichts, aber auch gar nichts mit Gespräch und Meinungsaustausch, mit Glaubenserfahrungen und dem Glaubenssinn einer Glaubensgemeinschaft zu tun.

Ich erwähne die neuscholastische Denkform und Denkrichtung hier nicht aus historischem oder nostalgischem Interesse, sondern aus einem anderen Grund: Diese Denkform ist in der katholischen Kirche noch weltweit gegenwärtig und wird von zahllosen Bischöfen in Rom und anderswo immer noch privilegiert. Müllers Katholische Dogmatik ist streng und in hoher Konzentration, zugleich mit dem Anspruch auf inhaltliche Vollständigkeit geschrieben; insofern agiert Müller als Integralist. Schon im Vorwort legt er Gewicht darauf, dass sein Konzept „überzeitlichen Wahrheiten“ gelte (S. III). So könnten, wie ich meine, die resultatorientierten Teile dieses Buches schon vor 50 oder 80 Jahren geschrieben sein. Immer neu wird der Eindruck vermittelt, dass sich das Neue von der alten Theologie im Grunde nicht unterscheide. Die traditionelle Gotteslehre bleibt in ihren Ergebnissen ebenso unverändert wie die Christuslehre, dies trotz Hegel und vieler Seitenbemerkungen zur modernen Theologie. Wer diese Trinität verstehen will, muss nach wie vor einige Jahre Plotin, Platon und Aristoteles studieren. Auf die Schrift nimmt Müller nur schmalbrüstig Bezug. Diese Dogmatik lebt eben nicht aus der Schrift. In manchen Passagen wirkt sie wie eine Verdopplung des Katholischen Katechismus.

Lehramt

Natürlich spürt auch Müller das Problem einer jeden zeitgemäßen Glaubensverkündigung. Je größer der Abstand zwischen damaligen Aussagen (etwa den Aussagen der Frühen Kirche) und dem heutigen Horizont wird, je mehr faktische Übersetzung also in eine jede Wahrheitsbehauptung eingehen muss, umso schwieriger ist es, einen sachlichen Wahrheitsnachweis zu führen. Genau deshalb erhält die Frage nach einem interpretierenden und übersetzenden Lehramt ein hohes Gewicht. So alt ist der Begriff „Lehramt“ nicht; der genannte Kleutgen hat ihn erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Er ist aber praktisch, weil er den Sachbeweis auf den Autoritätsanspruch verlagert. Jetzt tauchen steile Behauptungen auf, die alle in einer autoritären Selbstverherrlichung des Bischofsamtes kulminieren: Müller schreibt: „Das Bischofsamt … stellt ein unentbehrliches Element in Wesen und Sendung der Kirche Christi dar … Wie die Apostel üben die Bischöfe ihr Amt ‚an Christi statt‘ (vgl. 2 Kor. 5,20) oder in der Person Christi aus.“

Woher weiß das Herr Müller so genau? Eine sorgfältige Schriftauslegung ermöglicht solche Behauptungen jedenfalls nicht. Erstens spricht Paulus an der genannten Stelle eine Bitte aus. Er tritt gerade nicht als jemand auf, der amtlich handelt. Zweitens können die Bischöfe nicht einfach in die Haut des Paulus schlüpfen. Wenn sie es tun, warum dann nicht alle, die getauft sind und den Glauben weitergeben. Zudem kam keiner unserer Bischöfe durch die Mitwirkung der Kirchengemeinschaft in sein Amt. Müller fährt fort: „In der Person des Bischofs integriert sich die Identität der Kirche mit ihrem apostolischen Ursprung, die Kontinuität in ihrer geschichtlichen Entfaltung und die Einheit ihres gegenwärtigen Lebens“ (S. 92; vgl. S. 756). Auch das sind angemaßte Ansprüche und eine Egozentrik, vor der ein jeder Bischof zurückschrecken muss, der sich auch nur oberflächlich den Geist des Neuen Testaments zu eigen macht. Denselben unduldsamen Ton und dieselbe narzisstische Unart, sich die Autoritätsansprüche eines Paulus einfach anzueignen, exerziert Müller auch im Zusammenhang mit der kirchlichen „Tradition“. Müller, jetzt immerhin der universale Glaubensherr der gesamten römisch-katholischen Kirche, beruft sich ohne jede Hemmung auf Gal. 1,8: „Denn wer ein anderes Evangelium verkündet, als wir euch verkündet haben, der sei verflucht.“ (S. 66)

Mich würde nicht wundern, wenn dieser Spruch in Goldbuchstaben über seinem offiziellen Schreibtisch hinge. In jedem Fall zeigt diese Anmaßung, von welch abgrundtiefem Kontrollzwang und von welchem Misstrauen die Arbeit dieses Herrn überschattet ist, der täglich die weltweit eingehenden Denunziationen überprüft, um zu sehen, wer von den angeschwärzten Personen (Frauen oder Männern, Nonnen oder Priestern, gar Bischöfen) möglicherweise schon verflucht oder noch zu verfluchen ist. Jedenfalls kann einem angst und bange werden, wenn eine ganze Buchseite über den „theologischen Begriff von Tradition“ in diesem Aktionsprogramm ihren Höhepunkt findet. Mit der menschenfreundlichen Solidaritätsprogrammatik von Papst Franziskus verträgt es sich wohl kaum. Um es nüchterner zu sagen: Bischof Müller denkt höchst unbiblisch, ungeschichtlich und autoritär, deshalb höchst unkirchlich. Der Geist eines solchen Kirchenregimes müsste endlich überwunden sein.

Gottes geoffenbarter Wille

Wie rigoros Müller auf diese Autoritätsfrage fixiert ist und alle Sachfragen auf diese formale Autoritätsfrage reduziert, zeigt eine Auseinandersetzung vom Herbst 2011 und Frühjahr 2012 zur Frage der Frauenordination. Georg Kraus meldete sich in den Stimmen der Zeit mit einem an sich überfälligen Artikel zu Wort: Frauenordination. Ein drängendes Desiderat in der katholischen Kirche (StdZ 229.2011, S. 795-803). Kraus wagte es darauf hinzuweisen, dass diese Frage trotz römischen Diskussionsverbots unter Theologen erneut besprochen wird. Das hält Kraus für legitim, bleibt aber vorsichtig, so als wolle er niemanden reizen. In Misskredit geratene Theologinnen, die solche Diskussionen schon seit Jahr und Tag führen, bleiben unerwähnt. Dennoch reagiert Gerhard L. Müller, inzwischen im hohen Wächteramt, empört und apodiktisch. Die Zeitschrift Stimmen der Zeit ist gehalten, seiner Reaktion einen Platz einzuräumen, und auf das Angebot anderer Reaktionen geht die Zeitschrift lieber nicht ein. Müllers These lautet: Das Verbot und die Unmöglichkeit einer Frauenordination entsprechen dem unfehlbaren, nicht weiter zu diskutierenden Lehramt der Kirche; man spare sich deshalb jedes weitere Wort.

Nach eigenem Urteil bemüht sich Müller in diesem Artikel sicher eines respektvollen Tons. Immerhin nennt er den unbotmäßigen Theologen (der es doch besser wissen müsste) nicht einen „Parasiten“ wie zuvor andere reformwillige Mitkatholikinnen und Mitkatholiken, denen er es noch zeigen werde. Aber der Sache nach sind die Vorwürfe gegen Kraus ungleich härter: Müller erklärt ganz im Sinne von Gal. 1,8, Kraus stelle den geoffenbarten Willen Jesu in Frage. So beschädige Kraus die moralische Integrität des Lehramts, er missachte das offizielle Urteil des Papstes und der gesamten Glaubenskongregation und schalte das „dogmatische Gewicht der apostolischen Tradition“ aus. Das ist starker Tobak und von der unsinnigen inhaltlichen Behauptung ganz abgesehen nicht nur un-, sondern geradezu widerchristlich in Verhalten und Ton. Müller wirft einem vorsichtig argumentierenden, auf die Schrift und auf Jesu Botschaft achtenden Theologie vor, er würde die Grundfesten von Kirche und christlichem Glauben untergraben. Dabei wollte Kraus - in aller Zurückhaltung - das römisch-katholische Kirchensystem doch nur aus einem gefährlichen Engpass helfen, in den es sich über die Jahrhunderte manövriert und in dem es sich seit 1980 nachdrücklicher denn je eingebunkert hat. Offensichtlich fürchtet sich Müller vor Schrift und jesuanischer Erinnerung, weil seine Kampfparolen damit nur wenig zu tun haben.

Zum besseren Verständnis sei hier noch ein letzter Hinweis hinzugefügt. Für Müller spielen, wie ausgeführt, Tradition und Lehramt eine zentrale Rolle. Er verlässt sich nicht auf das ursprüngliche Glaubenszeugnis, sondern auf eine spätere Institution. Soweit können ihm auch viele reformorientierte Mitglieder der katholischen Kirche folgen. In aller Friedfertigkeit und Konsensbereitschaft ziehen sie daraus den verständlichen Schluss: Wenn dieses „Lehramt“ denn eine letzte Wahrheit garantieren soll, wird und muss es sich doch irgendwann von biblischen, historischen und hermeneutischen Einsichten korrigieren lassen. Rom und die Bischöfe müssen doch irgendwann den Sinn der Frauenordination einsehen, einen Zugang finden zum tiefen theologischen Sinn der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und sich zu einer sachgemäßen Hochschätzung der menschlichen Sexualität durchringen.

Änderungen ausgeschlossen

Die offizielle Antwort des offiziellen „Lehramts“ kann nicht hart und illusionslos genug formuliert werden: Überall dort, wo sich dieses Lehramt definitiv entschieden hat, wo also die Bischöfe weltweit auf längere Dauer hin streng verpflichtende Entscheidungen getroffen haben, überall dort ist nie und nimmer eine Änderung mehr möglich. Ausgerechnet das 2. Vatikanische Konzil hat solchen Entscheidungen eine unfehlbar unabänderliche Geltung zuerkannt (LG, Nr. 25). Von dieser unseligen, weil schriftwidrigen Festlegung getrieben beruft sich Müller in seiner Dogmatik immer wieder auf kirchlich definitive, untrügliche, unfehlbare Entscheidungen. Wohlgemerkt, der gute Wille oder die Engstirnigkeit römischer Entscheidungsträger spielt dabei keine Rolle, denn solche Entscheidungen können nicht mehr zurückgenommen werden. Zu dieser Kategorie von Entscheidungen gehört auch, wie Müller klar macht, das Ordinationsverbot der Frau.

Es hat an diesem Punkt auch keinen Zweck, noch genauer nachzudenken und doch noch einen schlauen Ausweg zu finden. Das Lehramt hat gesprochen. Vogel friss oder stirb. Lass das Neue Testament bitte geschlossen und denke nicht mehr über die Botschaft Jesu nach. Sie können nur noch Verwirrung bringen. Seit 1870 ist romtreuen Katholikinnen und Katholiken eine jede geschichtliche oder hermeneutische Differenzierungsmöglichkeit ausgetrieben. Gerhard Müller hat diese inflexible, absolut starre Theorie erneuert, die sich auf Gottes unveränderliche Offenbarung beruft. Dass Müllers Leitlinie mit dem kommunikativen Ansatz des Papstes Franziskus prinzipiell unvereinbar ist und nicht vereinbar sein kann, hat die Öffentlichkeit noch nicht richtig begriffen. Es geht hier ja nicht um den Normalfall einer Auseinandersetzung, in der eine theologische Auffassung einer anderen gegenüber steht, über die man sich streiten, austauschen, vielleicht auch einigen kann. Es geht darum, dass Papst Franziskus – soweit wir ihn schon kennen - alles Gewicht auf die persönliche Interaktion legt und vielleicht die theologischen Festlegungen unterschätzt. Müller hingegen legt, wie viele seiner Mitstreiter, alles Gewicht auf theologische Prinzipien, denen sich die Wirklichkeit zu beugen hat. „Predigt das Evangelium mit Taten und wenn nötig gebraucht auch die Worte“, soll Franziskus gesagt haben. Müller hingegen erklärt mit allem Nachdruck, dass es um die Weitergabe nicht guter Taten, sondern der christlichen Lehre, der „Tradition“ geht.

Einfluss auf Papst Franziskus?

Niemand geht davon aus, Glaubenspräfekt Müller habe mit dem Amtsantritt des neuen Papstes seine Überzeugungen, seine Mentalität, seine Katastrophenhermeneutik und seinen unfeinen Umgangsstil mit Menschen geändert. Zunächst hofften viele, damit könne er sich nicht lange halten, eine baldige Neubesetzung seines Postens stehe an. Doch scheint diese Hoffnung zu trügen. Müller kennt sich in Südamerika aus, spricht spanisch, und dem Vernehmen nach hält der Papst seinen Glaubenspräfekten Müller für fähig, die europäisch geprägte Theologie in die Welt zu tragen. Was damit gemeint ist, hat sich den Vatikankennern leider noch nicht entschlüsselt.

Man vergesse aber nicht, dass auch eine Papstwahl das römische Räderwerk nur bedingt unterbricht. Monate und Jahre zuvor liegen Termine fest, auch das Vermittlungsgespräch, das am 15. März 2013 zwischen den römischen Behörden und der Vorsitzenden der Vereinigung der Ordensoberinnen der USA stattfand. Angesichts der neuen Situation in Rom dachten die gedemütigten Nonnen wohl eher an einen Übergangstermin. Aber Gerhard Müller machte Nägel mit Köpfen. Wenn man ihm glauben will, hatte Papst Franziskus in einem Vorgespräch mit Müller die so unfranziskanische Linie seines Vorgängers übernommen. Bei Müller war gegenüber den Nonnen von Freundlichkeit gegenüber und Solidarität mit den Armen, vom Ende des theologischen Narzissmus oder vom Gang an die Grenzen keine Rede mehr. Nach wie vor hatten sie sich schlicht zu unterwerfen, die falschen Unterstellungen und unsachgemäßen Erwartungen klaglos zu akzeptieren. Hatte sich der Papst ein wirklich eigenes Urteil gebildet oder Müllers Urteil übernommen? Ich vermute, dass Müller auch dessen Ansprache vom 8. Mai vor der internationalen Vereinigung der Ordensoberinnen inspirierte. Dort begrüßte Papst Franziskus die Nonnen zwar mit Wohlwollen, Anerkennung und großem Dank. Ansonsten aber bewegte er sich in den gewohnten römischen Bahnen. Einem jeglichen Karrieredenken erteilte er eine klare Absage und Autorität in der Kirche sei stets als Dienst auszuüben.

Es war eine der letzten folgenreichen Fehlentscheidungen des demissionierten Papstes, dass er ausgerechnet Gerhard L. Müller, diesen Vertreter einer überalterten reformfeindlichen Theologie zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannte. Natürlich sieht Müller das anders, aber seine Überzeugungsarbeit gegenüber einem neuen Papst leistet er natürlich im Verborgenen. In einem viel beachteten Vortrag kommentiert er am 18. Juli an der Katholischen Akademie in Bayern die Enzyklika Lumen Fidei. Originell oder besonders leidenschaftlich kann man diesen Vortrag nicht nennen, aber eben linientreu. Nach außen festigt er seine eigene Position, indem er großes Einvernehmen mit dem Papst signalisiert. In diesem Sinn begleitet er auch den Papst auf dessen Reise nach Rio de Janeiro.

Schwimmen die beiden also auf derselben Welle? Ich bin mir da nicht sicher. Während Papst Franziskus die Menschen mit Freundlichkeit gewinnt und die Kirche zu solidarischem Handeln aufruft, arbeitet sich Müller neuscholastisch an den offiziellen Grundlagenfragen des christlichen Glaubens ab. Bis jetzt hat es noch den Anschein, dass sich Franziskus für diese Tiefenströmungen weniger interessiert. Er muss dies aber bald tun, sonst könnte Rom von einem unerwarteten Tsunami überrollt werden. Der Geist Gottes nämlich weht, wo er will.

Affäre Limburg

Wie werden in Rom die Karten gemischt? Sechs Monate nach dem Amtsantritt des neuen Papstes erwarten manche Kurienfunktionäre erste Personalentscheidungen. Das ist verständlich, denn die bevorstehende Kurienreform wird noch viele Monate beanspruchen. So bietet für Müller die Affäre Tebartz-van Elst eine willkommene Gelegenheit, um auf sich und seine „kirchentreuen“ Positionen aufmerksam zu machen. Drei Bemerkungen scheinen mir angebracht:

  1. Zunächst muss klar sein: Diese Affäre geht Bischof Müller von Amts wegen nichts an. Chef der zuständigen Bischofskongregation ist Kardinal Quellet und mit der Vermittlung beauftragt ist Kardinal Lajolo. Glaubensfragen, die ins Ressort Müller fallen, stehen nicht zur Debatte. Deshalb spielt er gegenüber seinen kurialen Kollegen und den deutschen Bischöfen ein unkollegial dreistes Spiel. Angesichts der Diskretion von Kardinal Lajolo, Kardinal Quellet, der anderen Betroffenen und angesichts einer schwierigen Diskussion unter den deutschen Bischöfen hätte ihm kluge Zurückhaltung gut angestanden. Offensichtlich hat er für kollegiale Beziehungen kein Gespür oder sein offensichtlich gutes Verhältnis zu Papst Franziskus ist ihm in den Kopf gestiegen. Den neuen Papst Franziskus aber kann man nur warnen, sich von Müllers unreifen und autoritären Ideen beeinflussen zu lassen.

  2. Wie ausführlich dargelegt, vertritt Müller ein ausgesprochen autoritäres Kirchenmodell, das über die nicht-privilegierten Mitglieder der römisch-katholischen Kirche ein strenges, vom Geist der Kontrolle und des grundsätzlichen Misstrauens geprägtes Regiment führt, obwohl auch sie es nicht nötig haben, sich belehren zu lassen. Diesen autoritären Geist von großklerikaler Überheblichkeit zeigten, für alle Interessierte erkennbar, sein bekanntes Verhalten in der Diözese Regensburg und lassen seine theologischen Bücher erkennen. Aus Schrift- und Konzilstexten filtert er nur Texte heraus, die – isoliert genommen - ein autoritäres Verhältnis der Bischöfe bzw. Priester zu den Gläubigen fordern. Texte über die charismatische Struktur der Kirche, das gemeinsame Propheten- und Priesteramt alle Gläubigen, die Binde- und Lösegewalt der Gemeinden, die gemeinsame Partizipation am kirchlichen Geschehen und einen Geist der Geschwisterlichkeit kommen nicht vor. Im Grunde zeugt das von einem häretischen Geist. Müller hat in seiner Einseitigkeit vom 2. Vatikanischen Konzil und von dessen Kirchenvision nur wenig begriffen. Er degradiert die Kirchengemeinschaft, die aus dem Geist der Liebe zu leben versucht, zu einer streng disziplinierten Kaserne mit stramm befehlenden Generälen an der Spitze. Gegen diesen Geist der Unfreiheit haben sich Christinnen und Christen entschieden zu wehren. Mit diesen Voraussetzungen ist Müller für keinerlei leitendes Amt in der Kirche qualifiziert.

  3. Inakzeptabel, geradezu skandalös ist der Ton, den Bischof Müller gegenüber den Angehörigen einer Diözese anschlägt, mit denen er wohl kaum engeren persönlichen Kontakt pflegt. Er behandelt sie wie unmündige Jungen, denen der Marsch zu blasen ist. Ähnlich wie Kardinal Meisner in den vergangenen Wochen, der den problematischen Beginn seiner Kölner Amtszeit wohl verdrängt hat, verdächtigt auch Müller die Kritikerinnen und Kritiker des Limburger Bischofs aufs schlimmste, ohne diese Kritik auch nur annähernd zu begründen. Er spricht von einem „Lügengebäude“. Mit dieser ungeheuerlichen Pauschalbehauptung verdächtigt er zahllose Frauen und Männer, ohne sie namentlich oder von ihrer Funktion her zu benennen. So sind alle verdächtigt, aber niemand kann sich wehren. Bei einer solchen Behauptung hätte er zumindest auch den Verdacht möglicher Falschbehauptungen, Vertuschungen und Irreführungen erwähnen müssen, die der Gegenseite zur Last gelegt werden und auf deren Klärung (Eingeständnis oder Widerlegung) Kritiker und Kritikerinnen vergebens bestehen. Diese Haltung eines grundsätzlichen Misstrauens scheint die Folge des autoritären Kirchenbildes zu sein, das der Theologe Müller entwickelt hat und das gemäß Gal. 1,8, wie gezeigt, sehr schnell zur Verfluchung übergeht. Bischof Müller steht in der Pflicht, seine Vorwürfe zu belegen oder die Angegriffenen um Entschuldigung zu bitten.

Bischof Müller wurde von Benedikt XVI. zum Präfekt der Glaubenskongregation ernannt. Angesichts des Personalwechsels im päpstlichen Amt versieht er dieses Amt zur Zeit vorläufig. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen mit Theologie und Verhalten von Bischof Müller in der Diözese Regensburg und angesichts seines Verhaltens in der Affäre Tebartz-van Elst bitten wir Papst Franziskus, von der endgültigen Ernennung des Bischof Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation wegen mangelnder Einsicht in eine von Liebe und gegenseitiger Offenheit getragenen Kirchengemeinschaft abzusehen.

© imprimatur Dezember 2013