Polak Regi 120Migration und Flucht sind in unseren Gesellschaften »Zeichen der Zeit«. Wie „Heim-Suchung“ oder der Fluch zum Segen werden kann, damit hat sich die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak im Rahmen eines Vortrags in der Wiener Pfarre Gersthof iauseinandergesetzt. Darin zeigt sie, wie Judentum und Christentum ihren Glauben im Kontext von Erfahrungen mit Flucht und Migration lernen und dabei immer wieder Gottes Wirken zu Befreiung und besserem, gerechteren Leben erfahren wurde.

Noch weiter faltet Polak das Thema in ihrem neuen Buch aus: „Migration, Flucht und Religion“. Es ist der 2. Band der beiden im Oktober 2017 im Grünewaldverlag erscheinenden Bände zum Thema. Wie bei ihrem Vortrag versucht sie darin aus interdisziplinären Perspektiven Orientierungspunkte in unübersichtlicher Zeit und Handlungsoptionen für die kirchliche Pastoral aufzuzeigen.

Der nachstehende Vortrag ist eine Kostprobe einer Theologie auf der Höhe der Zeit. Wie sehen Sie das? Ihre Meinung dazu interessiert uns.

 „Heim-Suchung“: Wie der Fluch der Migration zum Segen werden kann

1. Migration: Ein Fluch?

1.1 Ein Fluch: Für wen?

Im Europa der Aufklärung und der Menschenrechte würde heute wohl kaum jemand auf die Idee kommen, Flucht und Migration als „Fluch“ zu bezeichnen. Gleichwohl aber können Deportation und Vertreibung, Verlust von Heimat oder das Leben in unfreiwilliger Diaspora als solche wahrgenommen werden. Allem voran von jenen Männern, Frauen und Kindern, die auf der Flucht sind. Von den Ängsten und der Verzweiflung jener, deren Stimmen öffentlich so selten zur Sprache kommen, soll daher zuerst die Rede sein.1)

Da ist die Verzweiflung, das gesamte Hab und Gut verkauft zu haben, um dann von einem Schlepper betrogen zu werden. Oder Verzweiflung und Resignation, seit Jahren in einem der Millionenlager an den geschlossenen Grenzen der Festung Europa festzusitzen. Da sind Schmerz und Trauer jener, deren Familien zerrissen sind. Manche wissen nicht, ob der Sohn, den sie mit allem Ersparten vorausgeschickt haben, noch lebt – oder ob er nicht unter jenen 30 000 Toten ist, die seit 2000 im Mittelmeer ertrunken sind. 2) Andere haben schlaflose Nächte wegen ihrer Familie, die im Kriegsgebiet zurückgeblieben ist. Da sind Scham und Schande jener, die auf Italiens oder Griechenlands Straßen als Obdachlose auf dem Boden schlafen; Scham und Schande auch jener Frauen und Mädchen, die auf ihrem Fluchtweg vergewaltigt worden sind – von Soldaten, Ehemännern oder Sicherheitsbeamten in den Transit- und Aufnahmeländern. 3) Angekommen in Europa nimmt der Alptraum oft kein Ende. Nicht wenige, die den Verheißungen der europäischen Werte gefolgt sind - Freiheit, Demokratie und Menschenrechte 4) - stellen fest, dass auf diese Werte offenbar nur Europäer ein Recht haben. Und für jene, die bleiben dürfen, beginnt die mühsame Auseinandersetzung mit der Fremdheit des Aufnahmelandes: eine unbekannte Schrift und Sprache, viele andere Kulturen, und erst Recht das Essen und das Klima. Viele der geflüchteten Menschen werden eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, in späteren Jahren an Sucht- oder psychischen Erkrankungen zu erkranken. Noch manche ihrer Kinder und Kindeskinder werden an den traumatischen Belastungsstörungen ihrer Groß- und Urgroßeltern leiden. 5)

Und dennoch: Viele der ankommenden Menschen konfrontieren uns Europäerinnen und Europäer und mit einem Ausmaß an Mut, Glaube und Hoffnung, die irritieren können. Können sich Angst und Hoffnungslosigkeit nur die Wohlstands-Satten leisten? Denn wer um sein Überleben und Leben kämpft, hat zumeist keine Zeit, in lähmendem Selbstmitleid zu verharren.

1.2 Was versteht man unter „Fluch“?

Als Fluch bezeichnete man in früheren Zeiten Erlebnisse und Erfahrungen, denen man sich schicksalhaft und ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Nichts von dem, was einem da an Not, Leid und Elend widerfährt, hat man sich ausgesucht; für keine der Katastrophen trägt man Verantwortung. Wer sich verflucht fühlt, steht von Angst überwältigt den Ereignissen hilflos und überfordert gegenüber.

Dass es sich bei der Ankunft jener 2 Millionen Menschen in Europa seit dem Herbst 2015 um einen solchen Fluch handeln könnte, legen Sprache und Ausdrucksweise nicht weniger Politiker, Journalisten und auch mancher Bischöfe 6) in Europa nahe: Ihnen zufolge wird Europa gleichsam „aus heiterem Himmel“ seit 2015 von 3% der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge überschwemmt. Sie „islamisieren“ das christliche Abendland - jenen Friedhof, auf dem die 9 Millionen Toten des Ersten Weltkrieg, die 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs ruhen; zudem die Leichen und die Asche von 6 Millionen ermordeten Juden; und weitere 10 Millionen Opfer des kommunistischen Totalitarismus.

Die aktuellen Ereignisse waren historisch, wissenschaftlich und politisch vorhersehbar. Bereits 1991 konnte man im Bericht des „Club of Rome“ lesen:

„Große Wanderbewegungen sind vorhersehbar, und das nicht nur aus Gründen der politischen, rassistischen oder religiösen Verfolgung, sondern um des wirtschaftlichen Überlebens willens. Solche Wanderbewegungen werden künftig in Europa nicht nur aus dem Osten in den Westen, sondern noch mehr aus dem Süden in den Norden stattfinden. (...) Unsere Nachkommen werden vermutlich Massenwanderungen ungekannten Ausmaßes erleben. (...) Man kann sich unschwer ausmalen, dass im Extremfall unzählige ausgehungerte und verzweifelte Immigranten mit Booten an den Nordküsten des Mittelmeeres landen werden.“ 7)

Gleichwohl wird die Ankunft geflüchteter Menschen wie ein Überfall dargestellt.

Diese Realitätsverweigerung – der historischen wie der gegenwärtigen europäischen Mitverantwortung 8) - hängt auch damit zusammen, dass die Flüchtlinge jene, die nicht an historischer Amnesie leiden, unsanft daran erinnern, dass im 20. Jahrhundert Europa das Hauptproblem globaler Gewaltmigrationen bildete. 9) Europa war im 19. Jahrhundert Träger eines weltumspannenden Kolonialismus, dessen Herrschaftsstrukturen in ein globales System neoliberaler ökonomischer Strukturen umgebaut wurden. Sie machen deutlich, dass der Zweite Weltkrieg nach 1945 nur in Westeuropa zu Ende war. 10) In Afrika und Asien brachten die Stellvertreterkriege und Machtkämpfe des Kalten Kriegs im Zuge der Dekolonialisierung Millionen Menschen Armut und Elend. Nicht zuletzt lassen die ankommenden Menschen auch die Verstrickungen Europas in ein ungerechtes globales Wirtschaftssystem erkennen, verbunden mit der Einsicht, dass der westliche Konsum- und Lebensstil von der Ausbeutung der Ressourcen des Südens und fossilen Brennstoffen abhängig ist.

Die Menschen, die bei uns ankommen, wecken Europa rüde aus seiner Apathie und Geschichtsvergessenheit und rütteln an dem, was Papst Franziskus bei seiner Predigt auf Lampedusa im April 2013 die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ nannte. 11)

Doch wer möchte all das so genau wissen? Von solchen Erinnerungen, den daraus entstehenden Scham- und Schuldgefühlen, Ängsten, Ohnmachtsgefühlen und Verantwortlichkeiten will niemand überschwemmt und überwältigt werden. Einfacher ist es, Flüchtlinge und Migranten zur Ursache aller Übel zu erklären und so der überfälligen Debatte über Fluchtursachen und deren Behebung auszuweichen.

Aus dieser Perspektive lässt sich besser verstehen, warum der österreichische Außenminister der Ansicht ist, dass sich ein solches Jahr nicht wiederholen dürfe. 12) Damit meint er aber weder den Krieg in Syrien, die Ertrunkenen im Mittelmeer und auch nicht das politische Versagen bei der Unterstützung jener zahllosen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekte, die seit damals spontan entstanden sind. In diesem Kontext erscheint auch die Unfähigkeit Europas zu einer solidarischen Aufteilung der anstehenden Aufgaben in einem anderen Licht, ist doch jedes Land auf seine Weise in die schuldhaften Verhältnisse verstrickt, die den Globus in die aktuelle bedrohliche Situation gebracht haben.

1.3 Fluch – eine theologische Kategorie

Es ist keine neue Erfindung, Flucht und Migration als Fluch zu beschreiben. Bereits im Alten Orient werden Migranten und Flüchtlinge im Land als Bedrohung des Wohlergehens der ansässigen Bevölkerung wahrgenommen. 13) So wurde beispielsweise im Ägypten, aus dem Moses mit einer Gruppe Fremdarbeiter und Sklaven fliehen wird, ebendiese Unterschichtsgruppe als Sicherheitsrisiko betrachtet: Die Apiru – also die Hebräer - wurden für Seuchen und wachsende Armut verantwortlich gemacht. Die Flucht der Hebräer aus dem Sklavenhaus Ägypten, die die biblischen Verfasser später als Exodus deuten werden - als Befreiung durch Gott aus religiöser und politischer Fremdherrschaft - beschreiben ägyptische Autoren dieser Zeit wie Hekataios von Abdera 14) oder Manetho - als Vertreibung von Schädlingen, die das Land bedrohen. 15)

Auch die Verfasser der biblischen Texte nehmen Migrationsphänomene als Fluch wahr. Vertreibung und Deportation, Leben in Exil und Diaspora, Versklavung, Elend, Armut und Perspektivlosigkeit sind ein Übel. Das Leben in unterdrückerischen imperialen Großreichen – Ägypten, Assur, Babylonien – ist ein Verhängnis. Ein Großteil der Texte des Alten Testaments ist in ebendieser Lebenssituation und ihrer Reflexion entstanden. Flucht und Migration sind ein Fluch. Die Verfasser der Texte des Alten Testaments schreiben aus einer Migrantenperspektive.

Aus einer religiösen Perspektive gehört zur Erfahrung einer Lebenswirklichkeit als Fluch die Frage nach dem Subjekt: Wer ist dafür verantwortlich?

Hier bringen die Texte Israels historisch erst- und einmalig eine neue Perspektive ins Spiel. Während nämlich in der ägyptischen Religion Kritik an der politischen, ökonomischen, rechtlichen und religiösen Herrschaft Tabu war und nicht für das Übel im Land zur Verantwortung gezogen werden durfte, deuten die biblischen Verfasser die Ereignisse vor allem als Kritik an sich selbst. Der Glaube, der sich mit diesem Volk entwickelt, gründet zentral in religiöser und politischer Selbstkritik. So beschreibt das Buch Deuteronomium das Exil in Babylon als Konsequenz, dass Israel die Gesetze Gottes gebrochen hat: Fremde Götter wurden verehrt und die Verantwortung zum Aufbau einer gerechten Gesellschaft vernachlässigt. In Israel herrschten Armut und Elend. Die Zerstörung Israels – zuerst des Nord-, dann des Südreiches – und die damit verbundenen Deportationen ins Exil waren die Folge. Denn ein Volk, in dem Unrecht und Ungerechtigkeit herrschen, hat keinen Bestand – so die theologischen und politischen Schlussfolgerungen der Verfasser. Die biblischen Autoren deuten diese Ereignisse und ihre schmerzhaften, leidvollen Konsequenzen als Strafe und Fluch Gottes: als Hinweis darauf, dass Gott Umkehr und Wiedergutmachung verlangt.

Viele der biblischen Texte können daher als Selbstkritik einer Migrantengemeinschaft in einer katastrophalen Lebenssituation gelesen werden. 16) Freilich wird auch die Gewaltherrschaft Ägyptens, Assurs, Babylons heftig kritisiert. Im Zentrum aber steht die Frage: Was bedeuten diese Ereignisse für uns? Was fordert Gott von uns? Welche Umkehr ist nötig – für uns? Während Ägypten, Assur, Babylon keinen Bestand haben werden, wird diese Art des Theologiebetreibens Israel eine Zukunft eröffnen – denn sie eröffnet die Möglichkeit zu religiöser, ethischer und politischer Erneuerung.

Migrationserfahrung lässt demnach Theologie entstehen. Der ethische Monotheismus wird wesentlich auch Migrations-Phänomenen abgerungen. Gebildete Bibelleser wissen um diesen Umstand, messen ihm aber in der Regel nur kontingente und formale, aber keine theologische oder gar spirituelle Bedeutung zu. Aber kann man so die Texte angemessen deuten? Könnten die aktuellen Ereignisse nicht ein Hinweis sein, dass den Migrationen auch theologischer Sinn innewohnt?

Die Erfahrung von Migration prägt die Wirklichkeitsdeutung der Schrift bereits in der Genesis. Migrationserfahrungen sind nicht selten die Matrix, in die Gottes Offenbarung eingeschrieben wird. Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies, verbunden mit der Fähigkeit Gut und Böse unterscheiden zu können – und zu müssen. Mensch-Sein heißt vertrieben sein. Kain „geht sodann weg vom Herrn“ (Gen 4,16) – und je mehr sich die Nachfahren Kains vom Garten Eden entfernen, umso größer werden Gewalt und Sünde. Der „Neustart“ der Schöpfung nach der Sintflut beginnt mit der Auswanderung Noahs. Abraham muss seine Heimat verlassen, um zum Segen für alle Völker werden zu können. Sein Urenkel Josef macht als Zuwanderer Karriere am Königshof Ägyptens, bis die Nachkommen den Pharaonen unheimlich 17) und versklavt werden.

Aufbruch, Flucht, Vertreibung, Erfahrungen von Fremdheit ohne Ende.

2. Migration: Ein Segen

Mühsam lernen die biblischen Migranten, dass und wie der Fluch der Migration zum Segen gereichen kann. Aus den katastrophalen Erfahrungen werden spirituelle, ethische und politische Konsequenzen gezogen; aus der bitteren geschichtlichen Erfahrung wird gelernt: Rechte Gottesverehrung und eine soziale Gerechtigkeitspraxis, ein hohes soziales Ethos und der Aufbau einer gerechten Gesellschaft ohne Arme sollen fortan solche Katastrophen verhindern helfen. Die Verpflichtung, die eigene Geschichte nicht zu vergessen, Täter wie Opfer beim Namen zu nennen, und sich durch Erinnerung und Lernen immer wieder aufs Neue dieser Erfahrungen zu vergewissern, 18) sollen Zusammenleben und Frieden sichern. Den Erfahrungen der Katastrophen wird Schritt für Schritt praktisch-theologisch Sinn abgerungen. Statt die Ereignisse mit theologischem Vokabular zu legitimieren, weg- oder schönzureden, ziehen die Verfasser der Texte handfeste praktische Konsequenzen aus ihren Erfahrungen: Wir brauchen Feste und Feiern des Erinnerns und Lernens. Wir brauchen eine Liturgie, die uns hilft, Gott zu verehren. Wir brauchen ein Recht und Gesetze, die Armut verhindern und die Schwächsten der Gesellschaft sowie die Fremden schützen. Das Alte Testament erzählt, wie dies gelernt und konkret umgesetzt wird. So kann der Fluch der Migrationserfahrungen zum Segen werden. Segen bedeutet: Gutes Leben wird wieder möglich, das Leben kann wachsen, gedeihen und mit Freude und Dankbarkeit erfüllen. Als treuer Begleiter in diesen Lern- und Erkenntnisprozesses wird Gott selbst erkannt. Gott wird erfahren als jene Wirklichkeit, die aus dem Fluch von Exil und Diaspora befreit.

Auf diese Weise wird den Erfahrungen von Katastrophen immer wieder Sinn abgerungen. Das Leben kann weitergehen. Freilich, nicht immer so, wie man es sich gewünscht hatte. Mit vielen Opfern, die nicht vergessen werden dürfen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Aber Katastrophen, Leid und Tod haben nicht das letzte Wort. Immer wieder entsteht neues Leben – durch jene Wirklichkeit, die „JHWH“ genannt, als begleitende Gegenwart erkannt wird.

Diese Dynamik hat aber Voraussetzungen, damit sie sich entfalten kann. Sie verlangt wahrhaftige und nüchterne Selbstwahrnehmung, Selbstkritik und die Bereitschaft zu Umkehr und Reue: Was haben wir zu unserer Situation beigetragen? Was müssen wir verändern?

Die Gemeinden der Schriften des Neuen Testaments lebten zwar nicht mehr als Flüchtlinge und Migranten, aber auch ihre Lebenssituationen waren katastrophal. Nicht wenige Familien in den Gemeinden waren Opfer der Massenkreuzigungen der Gewaltherrschaft des Imperium Romanum; mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem hatten auch Judenchristen ihr kultisches Zentrum und damit ihre Hoffnungen verloren; in der heidnischen Welt erlebten sie sich als Fremdkörper. In dieser Situation wird nun erneut auf jene Narrative der Tradition zurückgegriffen, die schon mehrfach dabei geholfen haben, in verzweifelten Situationen Sinn und Hoffnung zu schöpfen: Narrative, die im Kontext von Migrationserfahrungen entstanden sind.

Kern dieser Narrative ist die Erfahrung, dass Gott inmitten größter Hoffnungslosigkeit neues Leben schaffen kann. Gott kann selbst Tote zum Leben erwecken. Das wissen bereits Propheten wie Ezechiel, der ganz Israel von den Toten auferstehen sieht (Ez 37). In Jesus von Nazareth wird diese Hoffnung konkret. Dieser Gott steht auf der Seite der Armen, Ausgeschlossenen und Fremden und erklärt den Rand zur Mitte. Dieser Gott lässt die Ohnmacht zur Macht werden. Diese Grunderfahrungen geben den Gemeinden des Anfangs Hoffnung. Sie verdichten sich im Glauben an den auferstandenen Christus.

Wie sehr die frühen Christen ihre Lebenssituation mittels migrantischer Hermeneutik interpretiert haben, lassen viele Texte des Neuen Testaments erkennen. So lässt Lukas das Leben des Jesus von Nazareth an der sozialen Peripherie einer fremden Stadt beginnen. Die religiöse und soziale Veränderung beginnt nicht im politischen und religiösen Zentrum der Macht, sondern an dessen Rand. Das Motiv von Jesu Geburt in Bethlehem, sein Leben in Galiläa – also am Land bei den einfachen, armen Leuten – führt die Erfahrungen Israels mit einem Gott auf der Seite der Marginalisierten konsequent weiter. Jesus verkündet seine Botschaft als Wanderprediger in Galiläa und wird als Heimatloser beschrieben (Lk 9,58). Matthäus wiederum greift auf das Motiv der Flucht nach Ägypten zurück, aus dem auch Jesus geholt werden muss (Mt 2, 13-15). 19) Damit wird nicht nur bestätigt, dass Jesus zuinnerst mit Israel verbunden ist, auch die Parallele mit Moses ist offenkundig. Zugleich kann Ägypten so zum Ort möglicher Befreiung werden. Denn Jesus überschreitet die Grenzen Israels und kann zum Messias der Völker werden, die auf diese Weise ihren Weg zum Gott Israels finden. Erneut wird an einem Migranten Gottes Wirken erkennbar.

Die Heimatlosigkeit des Jesus von Nazareth wird auch für seine Jünger zur Verpflichtung und Voraussetzung, um das Reich Gottes verkünden können. Das Selbstverständnis als „Fremde“ und „Gäste“ auf Erden (Hebr 11,13; 1 Petr 2,11) gehört zum Selbstverständnis der ersten Christen ebenso wie die Erfahrung der Diaspora. Durch Christus aber sind nun auch Heiden im Reich Gottes nicht mehr „Fremde ohne Bürgerrecht“, sondern „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Wenn schließlich im Hebräerbrief (Hebr 13,2) die Gemeinde gemahnt wird: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“, wird hier nicht nur an das Fremdengesetz des AT angeschlossen, sondern auch das Risiko benannt, Fremde aufzunehmen. Denn vor der Tür dieser verfolgten Diasporagemeinde konnte auch ein römischer Soldat stehen. 20) Es ist also keinesfalls harmlos, Fremde aufzunehmen – und dennoch in biblischer Tradition verpflichtend. Christus selbst begegnet im Fremden (Mt 25).

Die biblischen Erzählungen können auch gelesen werden als Lerngeschichte im Kontext von Migration. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse können vor allem in bedrohlichen Lebenssituationen immer wieder fruchtbar gemacht werden. Auch das Diktum von der pilgernden Kirche hat hier seinen Ursprung und erweist sich als alles andere denn als harmlose, fromme Metapher.

Kann es sein, dass Migrationserfahrungen – auch wenn man sie nicht unmittelbar selbst erlebt hat – in besonderer Weise geeignet sind, für die Wahrnehmung der Präsenz Gottes zu sensibilisieren? Sind die dabei gewonnenen theologischen Einsichten in besonderer Weise belastbar, tragfähig und nachhaltig? Erfahrungen von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit, von Ausgeliefertsein und Abhängigkeit, von Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit sind nicht notwendig an Flucht und Migration gebunden. Aber sie können sichtlich dabei helfen, sich für die Frage nach Gott zu öffnen und auf ihn hören zu lernen.

3. Vom Fluch zum Segen heute

3.1 Keine Alternative zur Suche nach Sinn und Hoffnung

Wäre dies nicht auch eine der zentralen Herausforderungen von Pastoral und Theologie: den gegenwärtigen Migrationserfahrungen Sinn abzuringen – also das Wachstum des Glaubens zu fördern und das Engagement für Gerechtigkeit zu stärken? Ohne nach diesem inneren, dem theologischen Sinn der Ereignisse zu fragen, wird nämlich jenen, die sich im Bereich der Flüchtlingshilfe engagieren, langfristig die Luft ausgehen. Auch für das politische Engagement im Bereich von Flucht und Migration werden Christen viel Mut, Durchhaltevermögen und Widerstandskraft benötigen. Denn wir stehen erst am Beginn epochaler globaler Umwälzungen. Linda Jones, die theologische Leiterin der Caritas Europa fragte bei einem Kongress: 21) „Europa droht wegen zwei Millionen Flüchtlingen zusammen zu brechen. Was tut Ihr, wenn Bangladesch unter Wasser steht und 150 Millionen Menschen auf der Flucht sind?“

Wenn Menschen die zukünftigen Herausforderungen nicht nur erleiden, sondern gestalten wollen, benötigen sie Sinn. Wenn aus dem, was viele gegenwärtig als Fluch erleben, ein Segen werden soll, brauchen Menschen Hoffnung. Dies gilt insbesondere für jene europäische Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung, die der IPSOS-Studie 22) vom Sommer 2016 zufolge Zuwanderung ablehnt – obwohl (oder weil) so mancher von Ihnen noch nie mit einem Migranten gesprochen hat. An dieser Stelle muss man erwähnen, dass wir empirisch nachweisbar auch ein Generationen- und ein Geschlechterproblem haben. Junge Menschen und Frauen sind mit höherer Wahrscheinlichkeit bereit, Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen als ältere Menschen und Männer und ebenso weniger rassistisch und neoautoritär eingestellt. 23)

Die Schwierigkeiten und Bedrohungen im Kontext von Flucht und Migration sollen und dürfen damit keineswegs ausgeblendet werden. Sie müssen benannt werden. Aber erst Sinn und Hoffnung machen es möglich, auf die Schwierigkeiten ohne Hass und Ressentiment zu reagieren und nach Lösungen zu suchen. Denn natürlich sind, wie auch in den europäischen Bevölkerungen, unter den ankommenden Menschen Patriarchen, Kriminelle und Gewalttäter. Mit dem Einfluss des Salafismus muss man sich ebenso auseinandersetzen wie dem Rechtsautoritarismus in der Kirche. Der Rechtsradikalismus mancher Migranten ist ebenso bedrohlich wie jener der Rechtsradikalen, die Asylunterkünfte anzünden. Die konsequente europäische Ausgrenzungspolitik wird ohne Zweifel den Hass gegen den Westen schüren und Europa noch so manche Terrorattacke bescheren. Terror, politischer Islamismus und Dschihadismus sind reale Gefahren in und für Europa.

Und dennoch bzw. gerade deshalb ist es alternativlos, sich gemeinsam mit Flüchtlingen und Migranten für ein friedliches Zusammenleben zu engagieren und den Ereignissen Hoffnung und Sinn abzuringen.

Ich zitiere den französisch-libanesischen Schriftsteller Amin Maalouf:

„Entweder können wir in diesem Jahrhundert eine gemeinsame Zivilisation aufbauen, mit der jeder sich identifizieren kann, die von denselben universellen Werten zusammengehalten, von einem kraftvollen Glauben an das Abenteuer Menschheit geleitet und durch all unsere kulturellen Unterschiede bereichert wird; oder wir gehen alle in einer gemeinsamen Barbarei unter.“ 24)

3.2 Sinn abringen: Wie?

Wie lässt sich nun jener Sinn, den ich meine, den konkreten Ereignissen abringen?

Jeder, der sich in der konkreten Flüchtlingsarbeit engagiert, weiß, wie Sinn gelernt wird: Sinn erschließt sich im Handeln. Sinn ist allem voran eine praxisbezogene Kategorie. Nicht ohne Grund haben Menschen, die sich engagieren, weniger Angst vor MigrantInnen und fühlen sich weniger ohnmächtig. 25)

Das Leben und Lernen von und mit Flüchtlingen ist zwar nicht immer einfach, aber dabei können Freundschaften entstehen. Wie sehr die Aufnahme von Flüchtlingen die Kirchen beleben kann, lehrte das vergangene Jahr. Rainald Tippow, der Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, berichtet in seiner Jahresbilanz zum „Flüchtlingsjahr“ 2015/2016 26) von wahren Wundern der Hilfsbereitschaft und des Zusammenarbeitens. Selbst Pfarren, die bisher gegen jeden Reformversuch immun waren, waren plötzlich zur Zusammenarbeit bereit. Tippow berichtet allerdings auch von Polarisierungen. Freundschaften zerbrachen, ja ganze Familien zerstritten sich wegen der Flüchtlingsthematik. Nicht jeder Christ, nicht jeder Katholik ist mit der migrationstheologischen Tradition seines Glaubens vertraut.

Daher besteht eine wichtige Aufgabe darin, diese Dimension in der Pastoral - in Verkündigung und Katechese, in Predigt und Liturgie – in Erinnerung zu rufen. Glaube ist nicht nur Heimat und Schutz, Trost, Halt und Sicherheit. Das ist laut biblischer Glaubenserfahrung nur die halbe Wahrheit. Die Erfahrung eines fremden und unbekannten, oft auch unheimlichen Gottes, der Aufbruch und Veränderung verlangt und Katastrophen scheinbar nicht verhindert, wird gerne verschwiegen. Der Glaube wird missverstanden als Lehrgebäude von Vorstellungen, an die man glauben lernen soll. Wie solcher Glaube der konkreten Geschichte abgerungen wurde und wird, ist nicht immer bekannt. JHWH ist kein Gott, der sich mit Bildern und Vorstellungen festlegen lässt. JHWH ist eine Wirklichkeit, zu der man in einer Beziehung stehen kann – mit allen Höhen und Tiefen. Menschen beim Aufbau einer solchen Beziehung zu begleiten, gehört zu den großen seelsorglichen Aufgaben der Stunde. 27) JHWH, der Name des Herrn, ist Präsenz. JHWH bedeutet Veränderung. Oder wie der französische Theologe Michel de Certeau den Gottesnamen übersetzt: „Ich habe keinen Namen als das, was Dich aufbrechen lässt.“ 28)

4. Hoffen lernen als spirituell-pastoral-politische Aufgabe

Wer aufbrechen soll – ob Sesshafte, Flüchtlinge und Migranten – braucht Hoffnung.

In der Sprache der Geschichts- und Sozialwissenschaften: Europa braucht einen Narrativ über Migration und Flucht, der positiv und ressourcenorientiert ist. Die Potentiale von Migration sind wissenschaftlich längst nachgewiesen. Demographen und Historiker haben mehrfach belegt, dass Migrationen immer ein unverzichtbarer Motor für gesellschaftlichen Fortschritt in allen Lebensbereichen waren. 29) Die Ökonomen können sogar den Gewinn ausrechnen, den Migranten einer Volkswirtschaft gebracht haben und bringen werden. 30) All diese Argumente verhallen oftmals ungehört. Moralische Appelle sind ohnedies zwecklos. Hoffnung aber „kann“ mehr als Fortschritt und Moral. Allerdings: Europa fehlt die Hoffnung.

Meine These: Unsere Gesellschaften sind zwar unentwegt dabei, Zukunft zu erforschen und Zukunftspläne zu entwerfen, aber inmitten dieses Getriebes scheint mir gegenwärtig in einem großen Teil der Bevölkerung nichts weniger zur Verfügung zu stehen als Hoffnung, gebildete Hoffnung.

Solche Hoffnung wäre einer jener spirituell-praktischen Beiträge, den die Kirchen einbringen können.

4.1. Was ist Hoffnung?

Hoffnung meint nicht Optimismus, denn wie der Pessimismus ist dieser eine emotionale Verstimmung, die die Wirklichkeit einseitig verzerrt wahrnimmt. Hoffnung erlaubt, die Wirklichkeit ungeschönt beim Namen zu nennen. Hoffnung sieht aber auch die kleinen Hoffnungsorte und –zeichen, die es gibt. Aus der Sicht historischer Rationalität gibt die aktuelle globalpolitische Lage zudem wenig Grund zu Optimismus. Wer geschichtliche Dynamiken studiert hat, wird für Europa mittelfristig auch bürgerkriegsähnliche Zuständen in Europa nicht ausschließen können – wenn nicht jetzt etwas gegen die schleichende Erosion von Demokratie, die schrittweise Verschiebung normativer Richtlinien im Bereich politischer Ethik und den ethischen Nihilismus 31), die Verrohung politischer Moral und Sprache und die Erstarkung des Autoritarismus unternommen wird. Nicht ohne Grund hat Papst Franziskus schon mehrfach darauf hingewiesen, dass wir uns in einer Art „Drittem Weltkrieg“ 32) befinden.

Hoffnung bezieht sich auch nicht auf die Extrapolation menschlicher Illusionen und Allmachtsphantasien, menschlicher Vorstellungen von Glück, menschlicher Wünsche nach Sicherheit, Wohlstand und Macht in die Zukunft. Hoffnung verwechselt nicht die berechtigte Sehnsucht nach einem guten Leben und Frieden mit risikobefreiter und problemloser Sicherheit.

Aus psychologischer Sicht meint Hoffnung die Fähigkeit, Verlust- und Trennungserfahrungen schöpferisch und lebensförderlich zu verarbeiten. Ermöglicht und gestärkt wird diese Fähigkeit wesentlich durch Erinnerungen an gute Erfahrungen wie z.B. die Erfahrung an Liebe und Zuwendung, die man in Zeiten der Krise erfahren hat. Hoffnung zeigt sich aber auch in der Fähigkeit einer ahnenden, sehnenden Vorwegnahme von Zukunft: im Mut zu träumen und sich eine bessere Zukunft auszumalen sowie in einem Sinn für die Möglichkeiten, die das Leben bereithält. All diese psychologischen Dimensionen von Hoffnung sind freilich maßgeblich geprägt von und durch Lebenserfahrung und können als Fähigkeiten daher bei Menschen sehr verschiedenartig ausgebildet sein.

Die in der biblischen Tradition erfahrene und gelernte Hoffnung stellt nun Möglichkeiten bereit, in Gespräch und Auseinandersetzung mit diesen jahrhundertealten Hoffnungen die je individuelle, aber auch die gemeinsame Hoffnungskraft neu oder wieder zu entdecken, zu entfalten sowie weiterzubilden. Die eigenen „kleinen“ Hoffnungsgeschichten und -kräfte können sich in die große Hoffnungsgeschichte ein“weben“, einbetten und von daher Unterstützung, Förderung, Kraft bekommen. Dies setzt freilich die Fähigkeit voraus, die Tradition in die Gegenwart übersetzen zu können und daher auch die Kenntnis von Tradition und Gegenwart.

Solche Hoffnung ist aus biblischer Sicht also immer „gebildete“ Hoffnung, „gelehrte“ Hoffnung 33) (docta spes). Hoffnung bildet sich an und in der Reflexion der erinnerten Tradition sowie an und in der gründlich erforschten Gegenwart. Hoffnung ist eine Folge von gemeinschaftlichen, dialogischen Prozessen des Erinnerns und Lernens. Ohne solche Bildung ist Hoffnung bloß Ein-Bildung.

Theologisch formuliert bedeutet dies: Hoffnung beschreibt die Gabe und Fähigkeit, in schwierigen Zeiten die Orientierung an Gott nicht zu verlieren: damit auch die Möglichkeit, sich Gottes Gebote und Zusagen, Verheißungen und Versprechen erinnern, d.h. vergegenwärtigen, zu können. Hoffnung bedeutet, sich im Licht der gegenwärtigen Herausforderungen das bisherige Wirken Gottes in der Geschichte in Erinnerung zu rufen und sich auf diese Weise der verheißenen, versprochenen Zukunftsperspektiven zu vergewissern. Auch die theologische Tugend der Hoffnung bildet sich durch Erinnerung und durch Lernen. Sie entsteht in Gebet und Schriftlektüre, in der Liturgie und im konkreten Handeln der Nachfolge. Denn zum Spezifikum der Hoffnung gehört aus biblischer Sicht deren untrennbare Verbindung mit der konkreten Praxis.

Die Hoffnung ist also nicht bloß ein frommes Gefühl – auch wenn es hilfreich sein kann, ihre Dynamik auch leibhaftig spüren zu können: Denn sie erfüllt mit Freude. Aber manchem Menschen ist solches Spüren infolge eines schwierigen, leidgeprüften Lebens vielleicht nur eingeschränkt möglich oder grundsätzlich nicht gegeben. Hoffnung hängt aber eben nicht von Gefühlen ab. In erster Linie ist sie ein geistiger – ein mentaler und spiritueller - Transformationsvorgang. Dieser besteht darin, dass man übt und lernt, die Gegenwart im Licht der in der Vergangenheit ergangenen Zukunftsverheißungen zu verstehen und daraus Zukunftsperspektiven zu erahnen – Zukunft freilich im Sinne des Adventus, der uns entgegenkommenden Zeit Gottes, der für uns für- und vorsorgt (providentia); nicht im Sinne jenen Futurums, bei dem wir Menschen Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft ausdehnen und die Vorsehung (providentia) Gottes mit der Vorhersehung Gottes verwechseln. Hoffnung beschreibt auch eine andere Form der Wahrnehmung von Wirklichkeit und Zeit: der Zeit Gottes.

Als solcherart gebildete Hoffnung kann diese dann aber immer auch gute Gründe nennen: wie ja dann auch im ersten Petrusbrief zu lesen ist: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt (1 Petr 3,15).

Hoffnung ist niemals frei von Angst und Zweifel. Auch ein tief gläubiger Mensch kennt solche Situationen. Hoffnung ohne Mehrdeutigkeiten, Ambivalenzen, Spannungen steht immer im Verdacht, eine pseudo-religiöse Droge zu sein – verbunden mit Ausblendung und Leugnung von Wirklichkeit, Verblendung und Verzerrung und Weltflucht. All dies findet sich in biblisch bezeugter Hoffnung nicht. Diese Hoffnung kann es riskieren, die Wirklichkeit wahrzunehmen, wie sich zeigt – in Schönheit und Schrecken. Aber die biblische Hoffnung hat gelernt: Der Schrecken hat nicht das letzte Wort.

Nicht zuletzt bedeutet Hoffnung immer auch Widerstand. Die Erinnerung an die Verheißungen der Zukunft lassen nämlich immer auch die Differenz zur Gegenwart bewusst werden - oftmals schmerzhaft. So aber kann auch das Handeln stimuliert werden, die Gegenwart ein Stückweit „besser“ zu gestalten. Hoffnung erzeugt auf diese Weise auf der Basis von Differenzerfahrung Unruhe und Widerspruch. Sie ist ein Stachel im Fleisch all jener, die sich hier auf Erden eine bleibende Statt einrichten wollen. Kraft der Hoffnung wollen Christinnen und Christen der Wirklichkeit nicht die Schleppe nachtragen, sondern die Fackel voran. 34)

Hoffnungs-Widerstand zeigt sich im Kontext von Flucht und Migration auf viele verschiedene Arten: als „Nein“ im Einsatz gegen ungerechte Asylgesetze und Abschiebungen bereits integrierter Familien; als Perspektivwechsel entgegen der „üblichen“ Blickweise, z.B. im achtsamen Blick für Potentiale von Menschen; als „Ja“ im Aufbau eines Flüchtlingshilfezentrums.

In der Theologie ist der Ort der Hoffnung traditionell die Eschatologie: weniger die Lehre von „den letzten Dingen“ als vielmehr der Erfahrungsschatz dessen, worauf Gläubige hoffen dürfen. Mit dem großen Theologen der Hoffnung Johann B. Metz handelt es sich dabei um die Hoffnung, dass Gott ein Gott der Lebenden und der Toten ist; die Hoffnung auf (Welt)Gericht und Gnade und die Entwicklung universaler sozialer Gerechtigkeit; die Hoffnung auf die Wiederkehr Christi und die Auferstehung von den Toten. 35) All diese Hoffnungen erfüllen sich nicht erst nach dem Tod, sondern lassen sich heute schon im Fragment erahnen: z.B. an all den Orten, wo Menschen bereit sind, mit schutzsuchenden Menschen gemeinsam zu leben, zu feiern und von und mit ihnen zu lernen.

Die Heilige Schrift schildert diese Hoffnungen in unzähligen Bildern: In der Wallfahrt der Völker zum Zion (Jes 2,3; Jes 60,4–9; Jes 66,18; Mich 4,1); in der Geburt einer neuen Schöpfung, in deren Wehen wir uns gerade befinden (Röm 8,22); nicht zuletzt in den Erzählungen und Gleichnissen des Reiches Gottes, in dem alle Krankheiten geheilt, alle sozialen, politischen, religiösen Ordnungen so verändert sind, dass sie dem Menschen dienen 36).

Diese Bilder werden zur Wirklichkeit, wenn sie mit Menschen in der und in die Gegenwart übersetzt werden: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In welcher Welt wollen wir leben? Wovon träumen wir? Wonach sehnen wir uns? Und welche praktischen Möglichkeiten sehen wir, diese Bilder der Zukunft wirklich werden zu lassen? Unsere Visionen und Utopien der Zukunft können mit den Verheißungen der Bibel in ein kritisches und selbstkritisches Gespräch gebracht werden. Nicht zuletzt hilft der Blick auf das, was bereits geschieht – auf die Hoffnungsorte der Gegenwart – Hoffnung zu lernen und die Erfahrungen für andere fruchtbar zu machen.

In der Pastoral vieler Gemeinden wurde auf diese Dimension viel zu lang vergessen: Worauf hoffen Christinnen und Christen in Europa?

Migration kann helfen, die Hoffnung der Christen wieder zu wecken.

In diesem Sinn konnte Papst Franziskus am 19. April 2016 zu den Flüchtlingen auf Lesbos sagen: „Ihr werdet als Problem behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk.“ 37)

4.2 Was steht solcher Hoffnung im Weg?

Neben den praktischen und politischen Herausforderungen in der konkreten Flüchtlingsarbeit stehen uns die wirklichen Mühen erst noch ins Haus: Die Herausforderung, in den europäischen Migrationsgesellschaften in Gerechtigkeit und Frieden zusammen leben zu lernen und Verschiedenheit als „Normalität“ anzuerkennen.

Migrationen sind keine vorübergehende Störung. Die ganze Gesellschaft wird sich verändern – und verändern müssen. Weil das jedem denkenden Menschen klar ist, ist auch der Widerstand besonders groß: v.a. bei jenen, die im System etabliert und an nichts so wenig interessiert sind wie an Veränderung; und bei jenen, die gute Gründe haben zu fürchten, dass sie zu den Verlierern dieses Umbruchs gehören werden. Hinzu kommt die bedrohliche Gleichzeitigkeit der globalen Herausforderungen: die globalen sozialen Exklusionsprozesse, die Produktion überflüssiger Menschen durch das neoliberale Finanzsystem, der Klimawandel, die Demographie. Das kann Ohnmacht erzeugen.

Wir brauchen also Hoffnung.

Die Quellen zu dieser Hoffnung sind aber aktuell verstopft. Das hat mehrere Ursachen.

4.2.1 Schwierigkeiten bei der Umkehr

Zuallererst braucht Hoffnung die Bereitschaft zur Umkehr. Das ist zunächst ein schmerzhafter Vorgang, dem man sich gerne entzieht.

Europa müsste sich eingestehen, dass seine Zivilisation nicht auf der Seite der Opfer steht. Freilich, auch innerhalb Europas gibt es erschreckende Armut, vor allem im Süden und Osten und unter den jungen Menschen, die lt. einer EU-Studie die Hauptlastenträger der Finanzkrise von 2008 sind. 38) Aber als politisch-ökonomisch-technokratisches Machtsystem, das auch Teile seiner autochthonen Bevölkerung bedroht, lässt sich Europa (und mit ihm die USA) wohl eher mit Ägypten oder dem Imperium Romanum als mit dem Migrantenvolk Israel vergleichen. Das ist keine sehr angenehme Einschätzung.

Gott aber ist parteiisch. Er steht auf Seiten der Armen: nicht gegen die Reichen, diese aber in die Pflicht nehmend. Wenn wir in Europa aus dem Glauben also Hoffnung beziehen wollen, müssen wir darauf achten, wie wir uns mit den biblischen Texten identifizieren und welche Konsequenzen wir daraus zu ziehen haben. Im Vergleich mit dem globalen Süden darf sich trotz aller Schwierigkeiten der Machtkomplex Europa nicht als Opfer fühlen. Die Heilige Schrift ist auch kein privates Trostbuch für ausgebrannte High-Risk-Manager – zumindest nicht solange, als diese bereit sind, ihre Verantwortung für Strukturen des Systems, in dem sie arbeiten, kritisch zu beleuchten und wahrzunehmen.

Für Europa ist Migration zuerst ein Ruf zur Umkehr: politisch, ökonomisch, technokratisch, wissenschaftlich, individuell. In seinen Reden im Europarat und vor dem Europäischen Parlament 39) hat Papst Franziskus darauf – etwas charmanter als ich – sehr deutlich hingewiesen. Es ist erstaunlich, wie verhalten – mit Ausnahme mancher deutschen Bischöfe - auch innerhalb der Kirche in Europa auf diesen Appell reagiert wird.

4.2.2 Schuld-Komplexe aus Vergangenheit und Gegenwart

Eine weitere Blockade für „frei fließende“ Hoffnung bilden jene Schuld-Komplexe, die aufgrund der historischen und aktuellen Verstrickung Europas in die Strukturen der Sünde auf Europa und seinen Bevölkerungen lasten. Dieses Thema ist ein großes Tabu.

Trotz aller europäischen Erinnerungskultur finden sich auf der Ebene vieler Familien unbearbeitete Schuldkomplexe, deren Folgen über transgenerationale Traumataweitergabe bis in die dritte und vierte Generation reichen können. Das wussten bereits die Verfasser des Deuteronomiums 40); die moderne Psychotherapieforschung kann es nachweisen. Aus der Forschung weiß man heute, dass nicht bearbeite Schuld der Vorfahren nicht nur zu physischen und psychischen Krankheiten bis in die vierte Generation führen kann, sondern auch zur Reinszenierung politischer Settings. 41) In Europa hat jedes Land seine eigene Geschichte mit Faschismus, Totalitarismus und der Shoa. In den globalen Krisen-Settings der Gegenwart können all diese unerlösten Schuld-Komplexe wieder reaktiviert werden und ihre Wirkung entfalten.

Ebenso können die aktuellen Verstrickungen in ein global ungerechtes Wirtschaftssystem Schuld-Komplexe und entsprechende Schuldabwehr auslösen: Wie lebt man in einem Wirtschaftssystem, um dessen strukturelle Sünde man weiß? Wie geht man mit all den Schuldgefühlen und seiner Mittäterschaft um?

Unbearbeitete Schuld und Schuldgefühle lähmen und verunmöglichen die Bildung von Hoffnung. Stattdessen erlebe ich in vielen Teilen Europas eine Kultur des Unschuldswahns und der Schuldabwehr. Auch in den Kirchen sehe ich weit verbreitete Ohnmacht und Ausblendung gegenüber diesem Thema. Es fehlen Orte und Kompetenzen, die beim Aufbau einer Kultur der Vergebung unterstützen – wozu auch das Benennen von politisch-ökonomischen Schuldzusammenhängen, Reue und Wiedergutmachung gehören.

Schuldabwehr und Ohnmachtsgefühle können zu Angst und Hass führen. Da ist die Angst vor dem Schmerz der Erinnerung und der Konfrontation mit der eigenen Lebensweise. Die Angst vor der Wahrnehmung der Verwicklung der eigenen Vorfahren in die Geschichte sowie der eigenen Verstrickung in schuldhafte Kontexte, angefangen von Finanzanlagen bis zum täglichen Einkauf. Da ist eine große Ohnmacht angesichts der anstehenden Veränderungen.

Hass ist der Versuch, sich selbst wieder als mächtig und handelnd erleben zu können, wenn es scheinbar keine Handlungsalternativen mehr gibt.

Flüchtlinge und MigrantInnen können allein durch ihre Anwesenheit alle diese diffusen Schuldgefühle und Ohnmachten „triggern“. Mit ihrem verletzten und verletzbaren Leben erinnern sie daran, dass der europäische Wohlstand auf dem Rücken anderer aufgebaut und nicht garantiert ist. Flüchtlinge erinnern an die Endlichkeit und Verletzbarkeit des Lebens. Ältere Menschen werden an die Nöte der Nachkriegszeit erinnert. Jüngere Menschen, in deren Familien niemals über die politische Vergangenheit der Vorfahren gesprochen wurde, greifen auf deren alte autoritäre Methoden zurück.

4.2.3 Sekundärer Autoritarismus

Wissenschaftler der Universität Leipzig haben eine interessante Theorie für die Wiederkehr des Autoritarismus formuliert. Sie sprechen vom „sekundären Autoritarismus“ der Nachkriegsgenerationen. 42) Das Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg sei eine „narzisstische Plombe“ gewesen, die dabei geholfen habe, über Kriegsleid, Kriegsschuld, Mitschuld an der Vernichtung der Juden hinweg zu trösten. Eine Auseinandersetzung mit den autoritären Strukturen und der Unterwerfungsbereitschaft, die in Europa zu Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus geführt haben, habe niemals stattgefunden. In Osteuropa hat dies bis heute gar nicht stattfinden können.

An die Stelle von Führern traten damit sekundär autoritäre Strukturen: Diese wurden im Bereich der Wirtschaft etabliert und um Zuge des neoliberalen Paradigmas verstärkt. Selbst Eltern, die ihre Kinder pädagogisch sensibel erziehen, sind so heute dazu bereit, um der Teilhabe an diesem System willen, die Freiheit und Muse ihrer Kinder zu opfern. Burnout und Depressionen sind für viele der Preis für die Teilhabe. Autoritäre Unterordnung benötigt keine Personen als Führer.

Neid und Hass auf Flüchtlinge und Migranten können auch darin wurzeln, dass Menschen daran erinnert werden, dass sie ihr ganzes Leben der Arbeit und dem Aufbau von Wohlstand geopfert haben. Und die Flüchtlinge sollen das jetzt alles umsonst bekommen???

4.2.4 Seelsorge

Die Seelsorge steht mit diesen Themen vor großen Herausforderungen: mit den Migranten, aber eben auch bei der Mehrheitsbevölkerung.

Die frohe Botschaft der Bibel lautet, dass das Eingeständnis von Schuld befreien kann - wenn man bereut und sein Leben verändert. Diese Befreiung von Schuld und Sünde steht auch im Zentrum der göttlichen Barmherzigkeit, auf die Papst Franziskus so drängt. 43) Denn nur in einer Atmosphäre der Barmherzigkeit können wir uns diesen schwierigen Themen stellen.

Papst Franziskus hat Barmherzigkeit jüngst als „Erinnerung an die eigene Sündengeschichte“ 44) bezeichnet. Im politischen Klima der Gegenwart bekommt Barmherzigkeit eine besondere Note. Sie wird essentiell zur Konfrontation mit der politischen und ökonomischen Sünde, sie wird zur Erinnerung daran, dass wir in einem System der Ungerechtigkeit leben.

„Die Barmherzigkeit steht also nicht im Gegensatz zur Gerechtigkeit. Sie drückt vielmehr die Haltung Gottes gegenüber dem Sünder aus, dem Er eine weitere Möglichkeit zur Reue, zur Umkehr und zum Glauben anbietet.“ 45)

Flucht und Migration reichen weit über die Frage nach der Aufnahme von Flüchtlingen hinaus – wiewohl das im Kontext der aktuellen Politik der Flüchtlingsabwehr schon viel wäre. Es geht um eine tiefgreifende Transformation der europäischen Gesellschaften, der politischen und ökonomischen Strukturen und des europäischen Lebensstiles.

Theologisch bedeutet das, dass das Gebot der Nächstenliebe, die Geschichte vom barmherzigen Samariter und die Erinnerung an das Recht der Fremden nur einen Teil einer Migrationstheologie der Hoffnung ausmachen. Wir benötigen mehr: die Erinnerung an die Theologie der Einheit des Menschengeschlechtes (Monogenismusdogma), in deren Dienst die Kirche steht: beizutragen zur Vereinigung der Menschen mit Gott und der Einheit der Menschen untereinander. Nie war das Selbstverständnis der Katholischen Kirche in Lumen Gentium 1 46) so aktuell wie heute. Eine Theologie der Migration kann nur eine universal-menschheitlich ausgerichtete sein.

So formuliert das jüngste Dokument des Päpstlichen Rates der Migrantenseelsorge und des Päpstlichen Rates Cor unum 2013 „In Flüchtlingen und gewaltsam Vertriebenen Christus aufnehmen. Richtlinien für eine Seelsorge“ sehr klar: „Die schutzbedürftigen Menschen sind nicht einfach Menschen in Not, für die wir uns (...) großmütig einsetzen, sondern sie sind Mitglieder der Menschheitsfamilie. Daher ist es Pflicht, mit ihnen zu teilen.“ 47)

5. Migration als „Zeichen der Zeit“

Das Lehramt der Katholischen Kirche hat bereits 2004 in seiner Päpstlichen Instruktion des Päpstlichen Rates der Seelsorge für Migranten und Menschen unterwegs eine solche global-theologische, soteriologisch ausgerichtete Deutung der gegenwärtigen Migrationen formuliert.

Erga migrantes caritas Christi sieht Migration dabei desgleichen als Fluch und als Segen.

Zuerst wird das Leid und Unrecht gegenüber den Migranten, aber auch deren Beitrag zum Wachstum der Gesellschaft beim Namen genannt. Dass Migration Frauen und Kinder in besonderer Weise zu Opfern macht, wusste der Vatikan bereits 2004:

EM 5: „Es überrascht also nicht, dass die Migrationsströme unzählige Mühen und Leiden für die Migranten mit sich gebracht haben und weiter mit sich bringen werden, auch wenn diese insbesondere in der jüngeren Geschichte (...) das ökonomische Wachstum sowohl des Gastlandes wie des Herkunftslandes (vor allem dank der Geldüberweisungen der Emigranten) gefördert haben. Viele Nationen stünden ohne den Beitrag, den Millionen von Immigranten geleistet haben, nicht dort, wo sie heute stehen.

Vom Leid besonders betroffen ist die Emigration der Kernfamilien und die immer beträchtlicher gewordene Emigration von Frauen. Frauen, die häufig als nicht qualifizierte Arbeiterinnen (Hausangestellte) unter Vertrag genommen und in der Schattenwirtschaft beschäftigt werden, werden oft der elementarsten Menschen- und Gewerkschaftsrechte beraubt, sofern sie nicht gar direkt Opfer des traurigen Phänomens werden, das als „Menschenhandel“ bekannt ist und jetzt nicht einmal mehr die Kinder ausnimmt. Dies ist ein neues Kapitel der Sklaverei.“

Es folgt eine sozialethische Analyse:

EM 8: „Die internationalen Migrationen sind also, vernünftig betrachtet, als eine wichtige strukturelle Komponente der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Realität der gegenwärtigen Welt zu sehen. Ihre zahlenmäßige Größenordnung macht eine immer engere Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern nötig, die über angemessene Regelungen zur Harmonisierung der unterschiedlichen Rechtsordnungen hinausgehen muss. Dies hat zum Ziel, die Ansprüche und Rechte der emigrierten Personen und Familien und zugleich der Gesellschaften, die die Migranten aufnehmen, zu wahren.

Gleichzeitig aber wirft das Phänomen der Migration eine regelrecht ethische Frage auf, nämlich die Frage nach einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung für eine gerechtere Verteilung der Güter der Erde, was übrigens nicht wenig dazu beitragen würde, die Wanderströme eines beträchtlichen Teils von Bevölkerungsgruppen in Schwierigkeiten zu reduzieren und einzudämmen. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit eines wirksameren Einsatzes zur Realisierung von Bildungs- und Pastoralsystemen im Hinblick auf eine Erziehung zu einer „mondialen Sicht“, das heißt zu einer Sicht der Weltgemeinschaft, die als eine Familie von Völkern angesehen wird, der schließlich im Blick auf das universale Gemeinwohl die Güter der Erde zustehen.“

Daraus ergeben sich im Licht der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen theologische Konsequenzen und Deutungen:

EM 9: „Der Übergang von monokulturellen zu multikulturellen Gesellschaften kann sich so als Zeichen der lebendigen Gegenwart Gottes in der Geschichte und in der Gemeinschaft der Menschen erweisen, da er eine günstige Gelegenheit bietet, den Plan Gottes einer universalen Gemeinschaft zu verwirklichen.“

Und schließlich können die Migrationen der Gegenwart als „Zeichen der Zeit“ bezeichnet werden, „als eine Herausforderung, die es beim Aufbau einer erneuerten Menschheit und in der Verkündigung des Evangeliums des Friedens zu entdecken und zu schätzen gilt.“ (EM 14)

Migrationen sind also der Zu- und Anspruch Gottes, sich am Aufbau einer erneuerten Menschheit zu beteiligen und im Sinne des Evangeliums für Friede – ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und versöhnter Verschiedenheit – einzusetzen.

Schließlich folgt eine Erinnerung an die biblischen Verheißungen:

EM 17: „Die Fremden sind daher „ein sichtbares Zeichen und ein wirksamer Aufruf jenes Universalismus, der ein grundlegendes Element der katholischen Kirche ist. Eine „Vision“ des Jesaia kündigte ihn an: „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge ... Zu ihm strömen alle Völker“ (Jes 2, 2). Im Evangelium sagt Jesus selbst voraus: „Man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen“ (Lk 13, 29), und in der Offenbarung des Johannes schaut man „eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ (Offb 7, 9). Die Kirche ist jetzt auf einem mühsamen Weg zu diesem endgültigen Ziel. Die Migrationen können wie ein Verweis auf diese große Schar und eine Vorwegnahme der endgültigen Begegnung der gesamten Menschheit mit Gott und in Gott sein.“

Das ist eine große Hoffnung.

Ich übersetze sie in Praxis.

Migration ist nicht die Ursache, sondern ein Symptom sowie ein Beschleuniger jener zahlreichen globalen Herausforderungen, die das Überleben der Menschheit bedrohen. Deren Ursachen sind zu beheben. Migration ist auch ein Zeichen jener Globalisierung der Humanität, die unzählige Menschen bereits jetzt für eine Welt kämpfen lässt, in der genug für alle da ist. Sie ist ein Zeichen des Zusammenwachsens der Menschheit. Sichtbar wird das an den vielen konkreten Orten und Initiativen der Flüchtlingsarbeit.

Migrationen sind ein „Spiegel“ 48) : Sie ermöglichen es, hierzulande jene Strukturen, Prozesse, Institutionen und Personen in Gesellschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Bildung und Kirchen zu identifizieren, die das Leben von Menschen einschränken, blockieren und zerstören - auch Menschen hierzulande. Migration unterstützt dabei, Strukturen von Unrecht und Ungerechtigkeit in unseren Gesellschaften zu identifizieren - gemeinsam mit ihnen und gemeinsam Gerechtigkeit zu lernen.

Migration ist dabei auch ein „Fenster“ in die Zukunft: Sie lässt dort, wo Einheimische heute schon von und mit MigrantInnen zusammenleben und von- und miteinander lernen, eine Zukunft erkennen, in der die Menschheit gemeinsam in Liebe und Gerechtigkeit, versöhnter Verschiedenheit und Friede leben wird.

6. Heim-Suchung

Menschen kommen nach Europa und suchen ein neues Heim. Diese Migrationen und Fluchtbewegungen sind politisch verantwortungsbewusst zu gestalten. Auch die Katholische Soziallehre fordert von den Regierungen, die Verschiedenheit der Migrationen zu berücksichtigen. Sie verlangt, zum einen, dem Recht jedes Menschen auf Migration gerecht zu werden (was weit über die anerkannten Verfolgungsgründe hinausgeht!) und zugleich für das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung Verantwortung zu übernehmen. Das kann nicht ohne Spannungen geschehen.

Theologisch betrachtet kommt mit den flüchtenden Menschen Gott nach Europa und fragt uns an. Was bedeutet diese Ankunft? Wie lassen sich in dieser Heim-Suchung Gottes Zuspruch und Anspruch, seine Verheißungen und Zumutungen entschlüsseln?

Heim-Suchung beschreibt die Erfahrungen des Fluches der Migration, in erster Linie für die flüchtenden Menschen. In zweiter Linie meint Heim-Suchung Ruf zur Umkehr. Heim-Suchung bedeutet aber vielleicht auch, dass Gott mit diesen Menschen bei uns heimkehren will.

Im Hebräischen gibt es kein Wort für Heimat in unserem Sinn. Das hebräische Wort für „Heimat“ – moledet: der Ort, wo man geboren wurde - bezeichnet weniger den Ort als vielmehr die Herkunft, die Beziehungen zu Familie, Verwandtschaft und Freunden. Eretz Israel ist das verheißene Land, das geliehen und dessen „Besitz“ (besser: Leihgabe) an das Einhalten bestimmter ethischer und religiöser Verpflichtung verbunden ist. Es war über Jahrhunderte hinweg ein Sehnsuchtsort. Heimat ist hingegen ein Ort guter, lebensförderlicher Beziehungen, und schlussendlich ein messianischer Sehnsuchtsort.

Auch die Jünger Christi verstehen Heimat in diesem Sinn, denn Christen sind an kein Land gebunden. Christen sind Gäste auf Erden und ihre Heimat ist der Himmel (Hebr 11,13; 1 Petr 2,11). Die Erinnerung an diese konstitutive christliche Heimatlosigkeit ist für manch europäischen Katholiken eine Verlusterfahrung. Vor einer solchen Verlusterfahrung stehen Christen in Europa gleich in mehrfacher Weise. Die Kirchen werden kleiner und in Europa wird nichts so bleiben, wie es ist. Auch das Heim der Einheimischen wird sich verändern. Wir sind dabei, dies zu lernen und Veränderung zu gestalten.

Aus der mystischen Sicht auf diese Heim-Suchungsprozesse lehrt die Heilige Schrift, dass es dazu Umkehr, Umdeutungen, veränderte Praxis benötigt. In diesem Sinn schreiben all jene, die heute schon mit den Migranten zusammenleben, die Hoffnungs-Geschichten der Bibel weiter.


Anmerkungen:

  1.  Die folgenden Erfahrungen entstammen Erzählungen geflüchteter Menschen. Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe kennen zahlreiche solcher Erzählungen, die im öffentlichen Raum nur in Qualitätsmedien wie dem österreichischen Sender Ö1 zur Sprache kommen. Nachzuhören im Ö1-Archiv „Migration“: URL: http://oe1.orf.at/archiv_migration (30.11.2016). Insgesamt dominiert die Klage über die Ängste der Mehrheitsbevölkerung.

  2.  International Organization for Migration (IOM): Missing Migrants Project, URL: https://missingmigrants.iom.int/ (30.11.2016), dokumentiert den jeweils aktuellen Status.

  3.  Vgl. dazu: Amnesty International: Frauen auf der Flucht vor Gewalt schützen, URL: https://www.amnesty.at/de/frauen-schuetzen/; „Die Presse“ vom : Amnesty: Flucht nach Europa für Frauen sexueller Spießrutenlauf, URL: http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4907217/Amnesty_Flucht-nach-Europa-fuer-Frauen-sexueller-Spiessrutenlauf „Die Presse“ vom 18. Jänner 2016: Flüchtlingsfrauen klagen über sexuelle Belästigung, URL:http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4906571/Fluechtlingsfrauen-klagen-ueber-sexuelle-Belaestigung?direct=4907217&_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/4907217/index.do&selChannel= (alle: 30.11.2016).

  4.  Zahlreiche Flüchtlinge fliehen nicht zuletzt aufgrund dieser Werte nach Europa, weil sie sie teilen.

  5.  Vgl. z.B. Robert E. Feldmann/Günther H. Seidler (Hg.): Traum(a) Migration. Aktuelle Konzepte zur Therapie traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer, Gießen 2013; David Zimmermann: Migration und Trauma: Pädagogisches Verstehen und Handeln in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen, Gießen 2012.

  6.  Bischof Laszlo Kiss-Rogo sprach von einer „muslimischen Invasion“, vgl. URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/kritik-an-papst-franziskus-ungarischer-bischof-spricht-von-invasion-muslimischer-fluechtlinge-13790835.html (30.11.2016); der polnische Bischof Piotr Libero verglich im Dezember 2015 muslimische Flüchtlinge mit deutschen Kreuzrittern, vgl. http://www.cicero.de/weltbuehne/fluechtlinge-polen-tueren-zu-im-christenland/60248 (30.11.2016) und repräsentiert mit seiner Ablehnung der Aufnahme von Flüchtlingen die Mehrheit der polnischen Geistlichen.

  7.  Hier zitiert nach Alexander King u.a.: Die globale Revolution, in: Spiegel Spezial 2 (1991): Bericht des „Club of Rome“ 1991, 42f.

  8.  Selbstverständlich sind auch religiöse Fanatiker, dikatorische Politiker, Kollaborateure und Nutznießer der politischen und ökonomischen Verhältnisse vor Ort für die Armut, Gewalt und Krieg im Nahen Osten und in Afrika verantwortlich. Ich konzentriere mich hier aber auf den europäischen Anteil – zumal so manches diktatorische System durchaus geduldet wurde, solange Europa davon nicht belangt und mit Erdöl und anderen Rohstoffen versorgt wurde.

  9.  Vgl. zum Folgenden Jochen Oltmer: Kleine Globalgeschichte der Flucht im 20. Jahrhundert, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 26-27 (2016), 18-25, 19. Ausführlich dazu: Jochen Oltmer: Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, München, 2. Auflage, 2016.

  10.  Vgl. Tony Judt: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2009.

  11.  Predigt von Papst Franziskus auf Lampedusa, vgl. URL: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130708_omelia-lampedusa.html (30.11.2016). Papst Franziskus hat auch in seinen Reden vor dem Europäischen Parlament und dem Europarat am 24. November 2014 sowie anlässlich der Verleihung des Karlspreises am 6. Mai 2016 im Vatikan Europa immer wieder gemahnt, aus seiner Apathie aufzuwachen und seine weltpolitische Verantortung zu übernehmen, vgl. Ansprache von Papst Franziskus an den Europarat, URL: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2014/november/documents/papa-francesco_20141125_strasburgo-consiglio-europa.html; Ansprache des Heiligen Vaters an das Europaparlament, URL: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2014/november/documents/papa-francesco_20141125_strasburgo-parlamento-europeo.html; Papst Franziskus: Was ist los mit Dir, Europa?, URL: http://de.radiovaticana.va/news/2016/05/06/die_papst-ansprache_im_wortlaut_was_ist_mit_dir_los,_europa/1227938 (alle: 30.11.016).

  12.  So Sebastian Kurz bei der Präsentation des Integrationsberichts am 16. August 2016, vgl. Die Presse vom 16.8.2016: Asyl: So ein Jahr darf sich nicht wiederholen, URL: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/5069799/Asyl_So-ein-Jahr-nicht-wiederholen (30.11.2016).

  13.  Vgl. David Nirenberg: Antijudaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens, München 2015, 33-44: Manethos Geschichte der mosaischen Misanthropie zeigt eindrücklich, wie das jüdische Volk zu jenen (kranken, unreinen) Fremden konstruiert wurde, die die ägyptische Herrschaft bedrohen. Ordnung, Gesundheit und Wohlstand müssen durch deren Vertreibung wiederhergestellt werden.

  14.  Von diesem stammt die früheste Version einer nicht-biblischen Variante der Exodus-Erzählung, ebd. 32f.

  15.  Unreinheit, Krankheit und „Fremdheit“ werden zu Mitteln, mit denen man die Bedrohung der ägyptischen Herrschaft beschreibt. Ein Beispiel aus der griechischen Geschichtsschreibung (Diodor), die die Erzählung des Manethos von der Vertreibung des unreinen Fremdvolkes weiterführt: „Die Mehrheit seiner Freunde nun riet ihm (...) das ganze Geschlecht der Juden nun auszurotten. Sie legten ihm auch dar, dass deren Vorfahren als frevelhafte und den Göttern verhasste Menschen aus ganz Ägypten vertrieben worden waren. Denn da sie Körper Krätze und Lepra gehabt hätten, seien sie zur Reinigung wie Fluchbeladene zusammengetrieben und über die Grenze getrieben worden.“, vgl. ebd., 43.

  16.  Das bedeutet nicht, dass damit nun die Migranten aufgefordert werden, selbstkritisch zu werden; dies obliegt deren Verantwortung. Ich verdeutliche damit die Notwendigkeit, sich folgende Frage zu stellen: Was bedeutet diese Beobachtung für die europäischen Mehrheitsgesellschaften und insbes. Christen, die sich wohl nur schwer unmittelbar mit dem Migrantenvolk, sondern eher zunächst mit Ägypten identifizieren werden müssen? Diese Erkenntnis muss hermeneutische Auswirkungen für die Textdeutung haben. Aus einer praktisch-theologischen Perspektive muss bei der Interpretation biblischer Texte immer auch der sozioökonomische und –kulturelle Kontext sowohl der Verfasser als auch der Interpreten berücksichtigt werden. Täter können sich demnach nicht mit Opfern identifizieren.

  17.  Vgl. Exodus 1, 8-12: „In Ägypten kam ein neuer König an die Macht, der Josef nicht gekannt hatte. Er sagte zu seinem Volk: Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt Acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen sie tun können, damit sie sich nicht weiter vermehren. Wenn ein Krieg ausbricht, können sie sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und sich des Landes bemächtigen. Da setzte man Fronvögte über sie ein, um sie durch schwere Arbeit unter Druck zu setzen. Sie mussten für den Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratslager bauen. Je mehr man sie aber unter Druck hielt, umso stärker vermehrten sie sich und breiteten sie sich aus, sodass die Ägypter vor ihnen das Grauen packte. Daher gingen sie hart gegen die Israeliten vor und machten sie zu Sklaven.“

  18.  Vgl. Dtn 6: „(...) Und wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land führt, von dem du weißt: er hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es dir zu geben - große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, mit Gütern gefüllte Häuser, die du nicht gefüllt hast, in den Felsen gehauene Zisternen, die du nicht gehauen hast, Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast -, wenn du dann isst und satt wirst: nimm dich in Acht, dass du nicht den Herrn vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat.“

  19.  Vgl. Thomas Söding: Das Refugium des Messias. Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, in: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 44 (2015), 343 – 354.

  20.  Diese Interpretation verdanke ich der Bibelwissenschaftlerin Ursula Rapp.

  21.  Am internationalen Kongress “Towards a European Theological Ethics of Migration and its Implications for Catholic Social Thought”, Universität Leuven, 30. Oktober 2015.

  22.  Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes IPSOS vom Sommer 2016, vgl. „Europäer sehen Zuwanderung besonders kritisch“, URL: http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-08/zuwanderung-migration-internationale-umfrage-europa (30.11.2016).

  23.  Shell-Studie 2016, Zusammenfassung: URL: http://www.shell.de/ueber-uns/die-shell-jugendstudie/multimediale-inhalte/_jcr_content/par/expandablelist_643445253/expandablesection_1535413918.stream/1456210063290/ace911f9c64611b0778463195dcc5daaa039202e320fae9cea34279238333aa4/shell-jugendstudie-2015-zusammenfassung-de.pdf (30.11.2016). Dazu auch Harald Welzer/Richard David Precht: Jugend an die Macht!, in: Die Zeit 13 (2016), URL: http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend (30.11.2016).

  24.  Amin Maalouf: Die Auflösung der Weltordnungen, Berlin 2010, 27.

  25.  Vgl. die Studie von Paul M. Zulehner zu den Ängsten der Mehrheitsbevölkerung im Kontext von Flucht und Migration: Paul Zulehner: Entängstigt euch! Die Flüchtlinge und das christliche Abendland, Ostfildern 2016.

  26.  Vgl. Die Presse vom 14.9.2016: „Erzdiözese Wien: „Flüchtlinge baden Fehler aus“, URL: http://diepresse.com/home/panorama/wien/5085425/Erzdioezese-Wien_Fluechtlinge-baden-Fehler-aus (30.11.2016).

  27.  Übrigens auch in der Migrantenseelsorge, denn auch der Glaube von MigrantInnen kann massiv erschüttert sein.

  28.  Michel de Certeau: Mystische Fabel. 16. und 17. Jahrhundert, Berlin 2010 (1982), 289.

  29.  Z.B. Massimo Livi Bacci: Kurze Geschichte der Migration. Berlin 2015 (2010); Oltmer, Globale Migration.

  30.  Z.B. OECD (Migration Policy Debates, May 2014): Is migration good for the economy?, URL: https://www.oecd.org/migration/OECD%20Migration%20Policy%20Debates%20Numero%202.pdf ; OECD (Policy Brief, May 2014): The Fiscal and Economic Impact of Migration, URL: https://www.oecd.org/policy-briefs/PB-Fiscal-Economic-Impact-Migration-May-2014.pdf. (beide: 30.11.2016).

  31.  Damit bezeichne ich nach Friedrich Nietzsche die ständige Umwertung aller Werte im Verein mit der Behauptung, es gäbe keinerlei Wahrheit und damit verbundene normativen Kategorien.

  32.  Vgl. Andreas Kohlmann: Vatikan-Experte: Warum Papst Franziskus vom „Dritten Weltkrieg“ spricht (17. Mai 2016), URL: https://web.de/magazine/politik/vatikan-experte-papst-franziskus-dritten-weltkrieg-spricht-31214516; Merkur.de: Der Papst, der Dritte Weltkrieg und der IS. Was steckt dahinter?, URL: http://www.merkur.de/politik/so-sieht-papst-franziskus-den-dritten-weltkrieg-und-diese-rolle-spielt-der-is-dabei-5877159.html (beide: 30.11.2016). Der Papst hat mehrfach von einem „Dritten Weltkrieg“ gesprochen: auf dem Rückflug von seiner Reise nach Südkorea (August 2014), bei einer Messe angesichts des 100. Gedenktages des Ausbruches des Ersten Weltkrieges (September 2014), bei einer Messe im KOsevoa-Stadion in Sarajevo (Juni 2015), bei der Willkommenszeremonie in Kuba (September 2016).

  33.  Vgl. Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung. Werkausgabe Band 5, Frankfurt am Main 2015.

  34.  Jürgen Moltmann: Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie, Gütersloh 2016 (1964), 14.

  35.  Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit. Beschluss der Würzburger Synode vom 23. November 1975, URL: https://www.weltanschauungsfragen.de/assets/Dokumente/Kirchliche-Verlautbarungen/03UnsereHoffnung.pdf (30.11.2016).

  36.  Vgl. Urs Eigenmann: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde.Die andere Vision vom Leben, Luzern 1998.

  37.  „Franziskus entschuldigt sich bei Flüchtlingen“, in: Die Zeit vom 19. April 2016, URL: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-04/papst-franziskus-fluechtlinge-eu-entschuldigung (30.11.2016).

  38.  Vgl. Bertelsman-Stiftung: Wirtschafts- und Schuldenkrise der EU: Kinder und Jugendliche sind die großen Verlierer: URL: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/oktober/wirtschafts-und-schuldenkrise-der-eu-kinder-und-jugendliche-sind-die-grossen-verlierer/ (30.11.2016).

  39.  Vgl. FN 11.

  40.  Vgl. Dtn 5,9: Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation. Dies beschreibt keine „Strafe“ in unserem Sinn, sondern lebensweltlich erfahrbare Zusammenhänge: Dass nicht bearbeitete Schuld sich in den nachfolgenden Generationen auswirkt.

  41. Vgl. Markus Brunner/Jan Lohl/Rolf Pohl/Sebastian Winter (Hg.): Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen, Gießen 2011.

  42.  Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler: Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014, Leipzig 2014 .

  43.  Papst Franziskus: Misericordia Vultus. Verkündigungsbulle des Außerordentlichen Jahres der Barmherzigkeit, Vatikan 2015, URL: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_letters/documents/papa-francesco_bolla_20150411_misericordiae-vultus.html;
    Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus Misericordia et Misera zum Abschluss des Außerordentlichen Jahres der Barmherzigkeit, Vatikan 2016, URL: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_letters/documents/papa-francesco-lettera-ap_20161120_misericordia-et-misera.html (beide: 30.11.2016).

  44. „Erinnerung an die eigene Sündengeschichte“, URL: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/erinnerung-an-die-eigene-sundengeschichte (30.11.2016).

  45.  Papst Franziskus, Misericordia vultus.

  46.  Dogmatische Konstitution Lumen Gentium über die Kirche, URL: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html (30.11.2016).

  47.  Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs(Päpstlicher Rat Cor unum: In Flüchtlingen und gewaltsam Vertriebenen Christus aufnehmen. Richtlinien für eine Seelsorge, Vatikan 2013, 10.

  48.  „Spiegel“ und „Fenster“ als Metaphern für Migration stammen aus: Vilém Flusser: Von der Freiheit des Migranten. Einsprüche gegen den Nationalismus, Bollmann 1994 (Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit, 30).

Zur Person:

Regina Polak ist 1967 in Wien geboren. Sie studierte selbstständige Religionspädagogik und Psychologie an der Universität Wien. Danach studierte sie Philosophie und Katholische Fachtheologie ebenfalls an der Universität Wien. Beide Studien schloss Polak mit ausgezeichnetem Erfolg ab. 2002–2005 absolvierte Polak den Postgradualen Universitätslehrgang „Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess“ an der Universität Salzburg mit Auszeichnung. Polak ist Master of Advanced Studies. Das Thema ihrer Arbeit war: „Unterscheidung der Geister. Ein theologisches Instrument für Christen und Christinnen im interreligiösen Dialog?“ (Betreuer: Ao. Univ. Prof. Dr. Karl Baier)

In der Zeit von 2004 bis 2005 absolvierte Polak ein Doktoratsstudium der Katholischen Fachtheologie, welches sie wieder mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Das Thema ihrer Doktorarbeit: „Religion kehrt wieder. Handlungsoptionen für Kirche und Gesellschaft.“

Ab 1997 war Polak Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig-Boltzmann-Institut für Werteforschung und am Österreichischen Institut für Jugendforschung und ab 2000 Universitätsassistentin am Institut für Pastoraltheologie bzw. Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Nach verschiedenen Berufungsverfahren sowie der Ausübung mehrerer Lehraufträge und Erfahrung als Vorständin des Instituts für Praktische Theologie sowie Fachbereichsleiterin für Pastoraltheologie und Kerygmatik am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien ist Regina Polak seit 2013 Associate Professorin am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seit 2016 ist sie Theologische Beraterin der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Seit über 20 Jahren wird die Werteforschung am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien koordiniert und wissenschaftlich ausgewertet. Um die bisherige Arbeit stärker auf Interdisziplinarität hin zu öffnen und die sozialwissenschaftliche Expertise zu optimieren, wurde 2014 eine langfristige Kooperation mit der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Wien etabliert. Diese ist in der Arbeitsgemeinschaft „Interdisziplinäre Werteforschung“ konsolidiert, die als Trägerin für die Projekte „Europäische Wertestudie 2017“ sowie „Wertebildung: Inhalte-Orte-Prozesse“ fungieren wird.

Das Hauptanliegen, neben der Durchführung beider Teilprojekte, ist der Beitrag zur Versachlichung der Wertedebatte. Regelmäßig wird im öffentlichen Diskurs ein Mehr an Werten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, den Schulen oder den Familien gefordert. Die Schwierigkeit, die mit dem „Ruf nach Werten“ in einer pluralistischen Gesellschaft verbunden ist, liegt aber nicht so sehr in einem Mangel, sondern eher in einem „Überfluss“ an Werten: Es mangelt an klaren Definitionen und Begründungen von Werten, an sachlicher Wertediskussion, an Orientierung und Priorisierung von Werten in einer hochentwickelten Gesellschaft.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind:

  • Religiöse Transformationsprozesse in Europa
  • Religion im Kontext von Migration
  • Werteforschung
  • Theologische Grundfragen einer Kirche im Umbruch

Das Aktuelles Forschungsprojekt befasst sich mit: Diversität und Convivenz: Zum Beitrag christlicher Migrationsgemeinden zum Zusammenleben in Vielfalt und Verschiedenheit