Hecht2011 120In der Zeitschrift Bibel heute Nr. 211 (3/2017) analysiert die Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin für Bibelpastoral beim Katholischen Bibelwerk Stuttgart Anneliese Hecht in der Augustausgabe auf Seite 22-23 die Zeichen bei den gegenwärtigen Eucharistiefeiern und plädiert für mehr Mahl in der Eucharistie. Die ursprüngliche Form des "letzten Abendmahls" wurde im laufe der Zeit verstümmelt und sollte wieder zu einem stärkeren und gleichrangigen Miteinander mit deutlichem Mahl werden. Dazu macht Hecht einen konkreten, konstruktiven und auch mutigen Vorschlag.

Kommunion als Steh-Imbiss?

Ein gemeinsames Mahl: Ganz sinnenhaft haben Paulus und andere aus der frühen Kirche dies erlebt. Heute erleben wir den Kommuniongang als Schlangestehen. Hilft und ein Blick in die Bibel, unsere Praxis des Abendmahls zu überdenken?

Seit Jesu Worten „Nehmt und esst“ beim Abendmahl und seinem Austeilen des gebrochenen Brotes hat sich viel geändert in der Kirche. „Brotbrechen“, so heißt in der Apostelgeschichte noch das gemeinsame Mahl, das als Gedächtnismahl Jesu gefeiert wurde. Es war sowohl Vermächtnis des letzten irdischen Abendmahls Jesu wie auch ein Geschenk des auferstandenen Herrn. Deshalb wird es bei Paulus „Herrenmahl“ genannt. Lange Zeit wurde in der Kirche in den Mahlgemeinden wirklich ein Brot geteilt als Zeichen der Verbundenheit mit dem einen österlichen Herrn und untereinander. Nach und nach aber – je größer der Grabem zwischendem Amt und den sog. Laien wurde – wurden dem Gottesvolk immer mehr Anteile vom regelmäßigen und vollen Mahl entzogen, bis zum gelegentlichen Kommunionempfang an großen Festtagen oder sogar bis zur bloßen Augenkommunion mit dem Anschauen eines Bildes z.B. am Lettner. Bis zum Zweiten Vatikanum wurde dem Volk das Brot nur gezeigt, indem der zelebrierende Priester es vom Volk abgewandt bei den Wandlungsworten über den Kopf erhob. Dieses Brot bekamen die Gläubigen meist nicht zu essen, nur jener Geistliche. Bis heute bricht in der Regel nur der Priester die ihm vorbehaltene größere Hostie, das Volk erhält kleinere gestanzte Hostien aus ungesäuertem Brot, eher geschmacksarm, manchmal so dünn, dass sie am Gaumen kleben bleiben und mühsam mit der Zunge wieder gelöst werden müssen.

Woran mangelt es beim eucharistischen Mahl?

1. Wort und Tun passen nicht zusammen.

Es heißt: „Esst und trinkt“ bei den Einsetzungsworten. Dann sollte eigentlich das Essen und Trinken erfolgen, wenn Wort und Zeichen zusammengehörend wahrgenommen werden sollen. Aber man bekommt dann noch lange nichts, weil sehr viele Worte und Handlungen zwischen der Aufforderung Jesu und dem Essen stehen: ein wortreiches Hochgebet, ein Vaterunser mit Einschub des Priesters vor dessen Schlusslob, ein Gebet um Frieden und ein Friedensgruß, das Agnus Dei, das Gebet zur Vorbereitung der Kommunion, häufig die Priesterkommunion, eventuell die Kommunion der Kommunionhelfer.

Und: Es ist dann weder ein wirkliches Essen, weil es so wenig Brot ist, noch ein Trinken, weil in der Regel die Gläubigen nicht aus dem Kelch trinkendürfen, allenfalls die Hostie eintauchen, was kein Trinken ist. Der Priester trinkt den Wein vor den Augen der Gemeinde. Ist das ein Mahl?

2. Der Mahlcharakter hat sich verflüchtigt.

Feierliche Mähler, die uns etwas bedeuten, nehmen wir in unserer Kultur um einen Tisch sitzend ein (zur Zeit Jesu liegend). Wir haben bei der Eucharistiefeier dagegen einen Altar und sprechen Messtexte von Opfer und setzen damit einen anderen Akzent, der dem Mahl eher entgegensteht.

Dazu kommt: Das Essen des Brotes geschieht im Stehen, vielfach im Gehen. Denn viele lassen sich die Hostie in die Hand geben und stecken sie im Weggehen schon in den Mund, um dem Nächsten Platz zu machen, damit die Kommunion möglichst schnell vonstatten geht. Nur wenige nehmen die Hostie in Empfang, stellen sichhin und nehem sie in Ruhe zu sich. Ein Mahl, aus dem ein Steh-Imbiss, vielfach sogar ein Geh-Imbiss geworden ist! Dabei ist es das kostbarste Mahl unseres Lebens!

3. Die Proportionen der Elemente der Eucharistiefeier benachteiligen die Kommunion.

Gegenüber dem langen Wortgottesdienst samt Predigt und dem langen Kanongebet nimmt die Kommunion am wenigsten Raum und Zeit ein. Und dann ist da nur das auf das Minimum reduzierte Brotscheibchen, eher eine Andeutung von Brot.

4. Der Tabernakel mit dem konsekrierten Brot gewinnt eigene Bedeutung neben dem Mahl.

In den Gemeinden ist es gängige Praxis, bei der Kommunion Kelche mit früher konsekrierten Hostien aus dem Tabernakel zu holen und davon auszuteilen. Das ist aus manchen Gründen verständlich, aber für viele auch befremdlich. Jemand sagte zu mir: Das ist, wie wenn man es eben mal aus dem Schrank holen würde. Es hat beim Hochgebet nicht auf dem Tisch gestanden und deshalb wenig Bezug zum Gesamten als Mahl. Außerdem hat es zu einer Gebetsfrömmigkeit außerhalb der Eucharistiefeier geführt, die das eucharistische Brot als höhere Gegenwart Jesu verehrt als seine Gegenwart im Geist in den Glaubenden selbst und dort, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind. Die Verehrung des Brotes in der Monstranz führt auch weg vom Mahlcharakter. In mancher Gemeinde beten Glaubende, die gerade die Kommunion empfangen haben, Jesus unmittelbar danach wieder im Brot in der Monstranz an. Das passt nicht zusammen.

5. Die Kelchkommunion wird vorenthalten.

Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die Gläubigen, die es wollen, nicht auch aus dem Kelch trinken dürfen, zumal im Kelchwort alle zum Trinken eingeladen werden! Das Argument, das sei nicht zu organisieren, ist oft schon widerlegt worden. Ein kleines Mädchen aus einem unserer Bibelkurse sagte zu seiner Mutter: „Der Priester lügt immer in der Messe. Er sagt: ‚Esst alle davon’, und wir Kinder bekommen nichts. Und ‚Trinkt alle daraus’, und Ihr Erwachsene erhaltet auch nichts.“

Was braucht es mit Blick auf die Anfänge der Eucharistie in der Bibel?

Wenn wir Jesu Vermächtnis ernst nehmen und tun, was er uns aufgetragen hat, dann
sollte das eucharistische Mahl ein echtes Essen und Trinken sein: mit Brot, das man miteinander brechen und essen kann. Das Brechen symbolisiert die Einheit in Jesu und miteinander.

Sollte es einen Tischgeben, um den man sich versammelt, keinen Altar. Im evangelischen Gottesdienst werden oft Stehkreiese gebildet, in denen Brot und Wein geteilt werden. So wird die Gemeinschaft zeichenhaft sicht- und spürbar und der Empfang des Abendmahles dauert etwas an. Die Glaubenden bleiben innerlich länger bewusst dabei, auch diejenigen, die erst im nächsten Stehkreis nach vorne kommen oder schon vorher im Kreis gestanden hatten. Selten werden in katholischen Gemeinden zur Kommunion Kreise um den Altar gebildet.

Denn im Mittelpunkt des Eucharistieverständnisses steht schon bei Paulus nicht allein die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi, sondern die Verwandlung selbstbezogener Menschen in den Leib Christi, die Verwandlung in Menschen, die teilen. Eine Praxis, die sich weit weg entwickelt hat vom Ursprünglichen und die die Akzente stark verschoben hat, muss immer wieder überprüft und korrigiert werden. Darauf hoffe ich, gerade weil mit die Euchsristiefeier viel bedeutet.


Zur Autorin:

Anneliese Hecht ist 1954 in Oberschwaben geboren, studierte Jura in Augsburg 1974-1976, danach Katholische Theologie (Diplom und Staatsexamen) und Germanistik in München. Seit 1982 arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin für Bibelpastoral beim Kath. Bibelwerk e.V. in Stuttgart.
Schwerpunkte der Arbeit:
1. Lektorenhilfe für alle Lesungen der Sonn- und Feiertage,
2. Kurse für Methoden der Bibelarbeit,
3. Entwicklung und Begleitung langfristiger Bibel- und Methodenkurse,
4. Tagungen zu biblischen Inhalten aller Art,
5. Inhalte und Didaktik für Reisen zu biblischen Orten,
6. Erstellung von Materialien für die Gemeindepraxis, zurzeit Redaktion einer Buchreihe zu den Evangelien und zur Apostelgeschichte.

Hecht ist Autorin und Herausgeberin einer Reihe von Publikationen, u. a. Methodenbücher wie "Zugänge zur Bibel für Gruppen" (Stuttgart 1993), "Kreative Bibelarbeit" (Stuttgart 2008).