Heine Susan 120Die gesellschaftlichen Debatten über neu nach Österreich gekommene Menschen - insbesondere muslimischen Glaubens - ist stark von Ängsten geprägt. Geflüchtete Menschen seinen "vielfach Wirtschaftsflüchtlinge", gefährden unsere Sicherheit und passen nicht zu "unserer Leitkultur".

Solche Urteile, noch dazu wenn sie undifferenziert, nicht konkret, sondern verallgemeinert vorgetragen werden bergen die Gefahr in sich, Angst zu verbreiten und unsere Gesellschaft zu spalten.

Mit der Angst hat sich die habilitierte Religionspsychologin und promovierte Evangelische Theologin Susanne Heine in einem Beitrag in der Zeitschrift "theologie aktuell", Heft 01 / 2017/18, auseinandergesetzt. Ihr letztes Buch  "Christen und Muslime im Gespräch" bietet eine fundamentale Grundlage zum Gespräch zwischen Christen und Muslime.

Keine Angst vor den Ängsten.
Zur Dynamik der Angst und deren Überwindung 1) von Susanne HEINE, Wien

I. Eine Ouvertüre

Das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, ist nicht nur eine amüsante Geschichte. Der junge Mann, den Gespenster, Leichen am Galgen, ja sogar lebensbedrohliche Widerfahrnisse nicht schrecken können, zeichnet sich durch Dummheit aus, so heißt es in dieser Geschichte der Brüder Grimm. „In der Geistlosigkeit ist keine Angst, dafür ist sie zu glücklich und zufrieden", sagt der dänische Philosoph Kierkegaard. 2) Das ist nicht moralisch und abwertend gemeint, sondern will einen Zustand benennen, in dem das Bewusstsein noch nicht zur Erkenntnis seiner selbst erwacht ist. Was an der Figur in diesem Märchen zu denken gibt: Sie will partout das Fürchten lernen, als würde sie wissen, mindestens ahnen, dass der Weg ins bewusste Leben ohne Angst nicht zu haben ist.

Ein menschliches Leben beginnt mit Unbewusstheit und Unwissenheit, aber beides schützt nicht vor der Angst. Unbewusstheit meint, dass die Kinder unschuldig sind, solange sie in unmittelbarer Einheit mit ihrem natürlichen Sein leben, dem folgen können, was die Natur ihnen in Form von Bedürfnissen vorgibt: ernähren, wachsen, bewegen, schlafen - körperliches und seelisches Wohlbefinden, wie es alle Säugetiere brauchen. Gut ist, was der natürlichen Entwicklung nützt, böse ist, was diese Entwicklung behindert, Philosophisch gesprochen, wird die Differenz von Gut und Böse hier ontologisch bestimmt, bezogen auf das natürliche Sein, damit sich ein Lebewesen seiner in ihm angelegten Art entsprechend entfalten kann. In diesem Sinne lässt sich die Natur gut und unschuldig nennen, denn sie kennt keine ethische Differenz von Gut und Böse, die mit dem menschlichen Bewusstsein verknüpft ist. Das Bewusstsein gehört allerdings auch zur Natur des Menschen. Und da es schon in den Kindern als Keim angelegt, wenn auch noch nicht zur Entfaltung gelangt ist, regt sich die Angst. So ziehen die Kinder früh aus, das Fürchten zu lernen, ahnend, dass der Weg in die Freiheit mit Ängsten gepflastert ist.

Die Kinder sind unwissend, weil sie nicht verstehen, was um sie herum vorgeht. Sie erleben alles unmittelbar und ohne bewusste, reflexive Distanz. Das macht unsicher und provoziert Angst. Sie sind sich auch ihrer selbst, der Folgen ihres Verhaltens und später ihrer Worte - noch – nicht bewusst. Das lässt sie vor den Reaktionen ihrer Mitwelt häufig erschrecken. Aber auch in einem erwachsenen Leben bleiben diese Momente lebendig, und es bleibt die Angst. Die reflexive Distanz ist nie zugleich mit dem unmittelbaren Ereignis zuhanden, und es braucht manchmal lange Zeit, bis wir begreifen, was sich da abgespielt hat. Auch uns, den Erwachsenen, sind die Folgen der Worte und Handlungen keineswegs immer bewusst, und wenn sie in der Erkenntnis des Irrtums und der Schuld bewusst werden, packt uns die Angst. Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist lediglich ein Unterschied der Gewichte.

Mir geht es im Folgenden nicht darum zu sagen, wie es sein soll, nicht um große Begriffe wie Freiheit, Ganzheit, Liebe oder Glaube, die unangetastet vom wirklichen Leben in den oberen Sphären schweben. Vielmehr interessiert mich, wie diese Begriffe auf die Erde und zu Fleisch und Blut kommen, wenn sie sich einem konkreten individuellen Leben verbinden. Wie kann Freiheit gelebt werden? Wie wird Liebe erfahren? Wo und woraus entsteht Angst, wie sieht sie aus? Wie könnte Angst überwunden werden?

Angst zählt zu den Tabus, die gerne in Beichtstühle und in therapeutische Zweiergespräche und Gruppen verbannt werden. Das hat einerseits zum Schutz der Persönlichkeit auch sein Recht; andererseits aber neigen wir dazu, uns auf die Kommunikation darüber zu beschränken, wie es sein soll, um das Wahre, Gute und Schöne zu beschwören. Mit der Angst, wie sie sich in einem gelebten Leben niederschlägt, bleiben dann viele allein. Daher geht es mir um eine Phänomenologie der Angst, um den Blick in eine meist verborgene Welt.

II. Die Angst als Warnsignal

Jedes Lebewesen ist mit einer wachen Aufmerksamkeit ausgestattet, um Bedrohungen zu erkennen, die Flucht zu ergreifen oder zum Angriff überzugehen. Die Gefühle der Angst, die sich damit verbinden, sind dem natürlichen Lebenstrieb, der Selbsterhaltung eingepflanzt und dienen als Warnsignal wie das Fieber, das unwillkürlich ausbricht, um anzuzeigen, wenn Gefahr im Verzug ist. Fieber und Angst lösen keine angenehmen Gefühle aus, und wer wünschte nicht, sie zu vermeiden. Aber sie erfüllen den sinnvollen Zweck, rechtzeitig zu warnen.

Was bei den Tieren die unmittelbaren Instinkte regeln, muss beim Menschen freilich erst dem Bewusstsein und damit der vernünftigen Überlegung zugänglich gemacht werden, wie man die Bedrohungen abwenden, oder ihnen - beim nächsten Mal - zuvorkommen könnte. Und da der Verstand eine Weile braucht, um sich zu entfalten, begleitet die Kindheit eine Fülle lästiger Ermahnungen: ,Setz eine Mütze auf, trink nichts Kaltes, geh nicht bei Rot über die Straße, sei bei Anbruch der Dunkelheit zurück, lass dich von Fremden nicht ansprechen' - Moralpredigten, die jenes Maß von Angst aktivieren, das es braucht, um wie ein Reh auf der Hut zu sein. Denn die Welt ist tatsächlich voller wirklicher Gefahren, und die tägliche Zeitung voll von Geschichten versäumter Vorsicht.

So beginnt die Kindheit zuerst mit der Angst der Erwachsenen um ihre Kinder. Dem stellt der polnische Erzieher Janusz Korczak in seiner Magna Charta Libertatis für das Kind als erstes Grundrecht entgegen: ,,Das Recht des Kindes auf seinen Tod". 3) Dieser Satz hat schon viele schockiert - wie es sich für ein Warnsignal gehört das hier allerdings an die Adresse der Erwachsenen abgegeben wird: ,,Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben" 4), sagt Korczak und schildert: ,,Die Tür - es quetscht sich den Daumen, das Fenster - es lehnt sich hinaus und fällt, ein Obstkern - es bekommt keine Luft mehr, ein Stuhl - es kippt ihn um und gerät unter ihn, ein Messer – es verletzt sich schwer, ein Stock - es sticht sich ein Auge aus, es hat eine Schachtel aufgehoben - es infiziert sich, ein Streichholz - Feuer, es brennt sich." 5) Alles das muss nicht passieren, aber es kann passieren: Die Angst der Erwachsenen um die Kinder schlägt sich in der Möglichkeitsform auf die Gegenwart nieder, weil die Unschuld der unverständigen Kinder ihre Unwissenheit ist. Mit Kindern leben bedeutet ein Risiko, das sich auch durch die größte Anstrengung, Schaden zu vermeiden, nicht in den angstfreien Griff kriegen lässt.

Ähnliches spielt sich auch in größerem Maßstab ab. Gegen die Angst vor dem Blitz, der jahrhundertelang Häuser und Menschenleben vernichtet hat, erfand der Verstand den Blitzableiter; der Angst vor Überschwemmungen setzte der Verstand die Technik des Dammbaus entgegen, der zu großen Kälte die Heizung, der zu großen Hitze die Klimaanlage, dem immer größer werdenden Energieverbrauch das Atomkraftwerk. Kaum ist die eine Angst gebannt, meldet sich die andere Angst zu Wort vor der Verstrahlung der Meere durch den Atommüll oder vor dem großen Gau, der seit Tschernobyl nicht mehr nur in der Möglichkeitsform existiert. Kaum ist das Bewusstsein für die ökologischen Probleme gewachsen, tauchen die wirtschaftlichen auf und lassen um das tägliche Brot bangen.

Der Versuch der aufgeklärten Vernunft, den Menschen die Angst zu nehmen, lässt die Erde ,,im Zeichen triumphalen Unheils" 6) erstrahlen, wogegen sich Blitzschlag und Dammbruch vergleichsweise harmlos ausnehmen. So sehen es Horkheimer und Adorno - pessimistisch. Auch dagegen lässt sich wieder die optimistische Variante ins Treffen führen, die in jeder neuen Angst wieder ein neues Warnsignal sieht, um erneut den Verstand zu mobilisieren. Hans Jonas spricht von der ,,Heuristik der Furcht" 7) als Grundlage jeder Ethik, Horst Eberhard Richter von der „heilvollen Angst" 8), die sich immer auch die schlimmsten Folgen vor Augen halten muss, um gegenüber der Welt und der folgenden Generation verantwortlich bleiben zu können. Es gibt wohl auch gar keine andere Wahl, um mit den realen Bedrohungen umzugehen, der jede Zeit auf ihre Weise ausgesetzt war und ist. Aber in jedem Fall bleibt auch die Angst, weil der Verstand gegen sie nur vorübergehend etwas auszurichten vermag.

III. Die Angst vor der Freiheit

Das menschliche Bewusstsein reicht allerdings noch über jenen Verstand hinaus, der imstande ist, Dämme zu konstruieren. Für den Philosophen Immanuel Kant wäre der Mensch in diesem Fall nichts anderes als ein besonders kluges Tier. Aber darüber hinaus ist das Bewusstsein fähig, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu reflektieren. ,Ich bin mir dessen bewusst', mehr noch: ,Ich bin mir meiner selbst bewusst', sagen wir in der Alltagssprache. Ich stehe in Beziehung zu meiner Umwelt und zu anderen Menschen, aber ich bin mir darüber hinaus bewusst, dass ich in solchen Beziehungen stehe. Kant sieht darin die menschliche Freiheit begründet. 9) Das bedeutet einen qualitativen Sprung und den Verlust jener Unschuld, die in der Unbewusstheit begründet liegt.

Einen Bürger zweier Welten, so nennt Kant dieses merkwürdige Lebewesen Mensch. 10) Die eine, die natürliche Welt, bindet an die Sphäre des Leibes, der Triebe zur Erhaltung des Individuums und der Art, zwingt ins Leben ebenso wie in den Tod. Kant zählt dazu auch den instrumentellen Verstand, der Distanz gewährt, Subjekt und Objekt zu unterscheiden lehrt und dazu imstande ist, sich die Umwelt einigermaßen gefügig zu machen. Die andere, die Welt der Vernunft, hebt darüber hinaus, macht die Betrachtung des eigenen Selbst möglich, öffnet alles zur Frage nach sich selbst als Ursprung der Wissenschaft. 11) Dort wohnen die freien Gedanken, die formalen Begriffe, die Ideen und die Möglichkeiten einer besseren Zukunft.

Erst langsam erwacht das Bewusstsein aus dem Dämmerschlaf der Kindheit, aber es ist schon in den Schlafenden angelegt, regt sich in dem wachsenden Wunsch, alles selbst machen zu wollen: Selbst den Löffel zum Mund führen - auch wenn noch alles daneben geht; selbst auf eigenen Beinen stehen und sich von der erwachsenen Hand losreißen - auch wenn diese vor dem Sturz bewahren könnte; selbst die Welt erkunden - auch wenn das Risiko groß ist; selbst entscheiden, wann ich essen oder schlafen gehen will - auch wenn es der Gesundheit schadet; sich selbst entwerfen gegen das Bild, das sich andere von mir machen; selbst denken und nicht nur Lernstoff wiederkäuen - auch wenn es bis zur Einsicht lange Umwege braucht. Das sind die riskanten Schritte auf dem Weg in die Freiheit eines selbstverantwortlichen Subjekts, die einem Tanz auf dem Seil gleichen.

Wer am Seil tanzt, wird leicht vom Schwindel gepackt. Die Angst ist ,,der Schwindel der Freiheit" 12), diagnostiziert Kierkegaard, weil die Freiheit den Möglichkeitssinn freisetzt 13) und eine Zukunft entwerfen lässt, die sich vom Vergangenen emanzipiert; aber zugleich verbindet sich damit der Verlust des Vertrauten und die Fraglichkeit des Gelingens. Zukunftsentwürfe können sich mit der Phantasie und mit Idealen verbinden, die beide den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen verlieren, wenn sie meinen, das Konkrete einer individuellen Biographie einfach abschütteln zu können. Die Freiheit spielt sich zunächst im Bewusstsein ab als Theorie, und der Schritt zur Verwirklichung im Leben und in der Geschichte als Praxis entzieht sich einer oft unterstellten schlichten Umsetzungstechnik.

Das Bewusstsein, das seiner selbst inne wird, eröffnet auch nicht nur den Raum der Zukunft, sondern ist in Gestalt der Erinnerung ebenso im Raum der Vergangenheit zu Hause, die mit der Angst schon Bekanntschaft gemacht hat. Die Freiheit des Möglichkeitssinns bleibt so an die Angst gebunden, die ehemals durchlittenen Ängste könnten sich wiederholen. Gepaart mit der Phantasie kann die Angst eskalieren und Szenarien eines Grauens entwerfen, wie es gar nie erlebt wurde. Die Dynamik der Angst ist wie eine Spirale, die sich bis zur verzweifelten Ohnmacht hochschrauben kann, so dass sich die Freiheit schließlich in Luft auflöst. Die Freiheit zu lieben bedeutet zugleich, sie zu fürchten. So lässt sich der Satz von Kierkegaard auch umkehren: ,,Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit." 14) Freiheit und Angst - das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Es sind nicht nur und auch nicht in erster Linie äußere bedrohliche Widerfahrnisse, die Angst machen, sonst gäbe es nicht die Beherzten, die sogar Räuber und Messerstecher in die Flucht schlagen, wie zuweilen in der Chronik der Tageszeitungen zu lesen ist. Vielmehr nistet die Grundangst im Menschen selbst, wird sie aus der Spannung geboren zwischen einem Bewusstsein, das sich als ein Selbst in Freiheit erkennt und diese Freiheit doch nicht im vollen Sinne verwirklichen kann, weil zu viele Widerstände sie bedrohen.

IV. Bedrohungen des Selbst

Das Selbst konstituiert sich dadurch, dass ich mir meiner selbst bewusst werde, und lässt sich als Selbstbewusstheit bezeichnen. Es bildet die Basis der ethischen Entscheidungen und der Verantwortungsfähigkeit. Auf eigenen Beinen stehen, das Leben selbst in die Hand nehmen, selbst entscheiden, selbst denken und für die Folgen selbst einstehen: Das ist zur zentralen Maxime, zur Richtschnur in unserer Kultur geworden und hat sein Recht darin, dass es die Menschenwürde begründet.

Aber es wäre blauäugig zu übersehen, dass sich eine einseitige positive Bewertung nur so lange aufrechterhalten lässt, als wir uns auf der abstrakten Ebene der Begriffe bewegen. Bringt sich dieses Selbst in die konkrete Geschichte ein, will es handlungsrelevant werden, dann tut sich eine Reihe von Spannungsfeldern auf, die weitere Ängste provozieren. Damit wird alles, auch das Beste, das wir am Leben haben könnten, zwiespältig und zweideutig, das, was uns Anlass zur Freude sein könnte, zur Quelle der Angst.

IV.1 Die Angst vor der Natur

Das Selbst kann sich von der Natur bedroht fühlen. Denn als Bürger zweier Welten bleiben wir an die natürliche Welt gebunden, an die Sphäre des Leibes, werden wir ins Leben ebenso wie in den Tod gezwungen. Im Höhenflug der Freiheit muss das Bewusstsein erkennen, dass es am schmerzhaften Widerstand der Natur nicht vorbei kann und dieser in ihrer Endlichkeit schicksalhaft unterworfen bleibt. Wir sind weder Engel noch Tiere, weder reines Bewusstsein als Geist noch reine, unbewusste Natur, die ihren eigenen Gang nimmt. Der Natur unterworfen zu sein, hat etwas Grausames, denn sie nimmt keine Rücksicht auf das Individuum.

Die,,große Absicht der Natur", wie Kant sagt, 15) geht mit dem Leben verschwenderisch um und kümmert sich nicht um den individuellen Kinderwunsch. Unentwegte Geburten sind zwar heute nicht mehr das Schicksal der Frauen, die freilich zugleich erkennen, dass der Eingriff in die Natur sie zu weiblichen Eunuchen macht. 16) Die Natur kümmert sich auch nicht um die Einmaligkeit der Person in der Weise, wie eine Liebe ihr Gegenüber wahrnimmt. Und nicht selten geht eben diese Natur mit uns durch.

Empfindsame Seelen erleben ein besonders intensives Gefühl der Scham, wenn der Eros sie an die untere Zone ihres Leibschemas bindet und die Angst vor dem Verlust des Selbst auslöst. ,,Die ästhetische und hygienische Fragwürdigkeit der Vorgänge", so schildert Gottfried Bachl dieses Gefühl, ,,entwürdigt den Menschen" und wird ihm zum Symbol dafür, dass er sich in diesem Bereich unter dem Niveau seiner geistigen Möglichkeiten befindet. 17) Schon Augustinus hatte beklagt, dass die Zeugungsorgane dem unwillkürlichen Trieb und nicht dem bewussten Willen gehorchen. „In der Scham wird dem Geist angst", sagt Kierkegaard. 18) Und auch die - ganz säkulare - therapeutische Praxis kennt die Angst vor der Hingabe an den Eros als Angst vor dem Verlust des Selbst zur Genüge. Denn die Natur versteht es, nicht nur durch den Eros, sondern auch durch Krankheit das Bewusstsein zu trüben und die Selbstbestimmung in Freiheit dem natürlichen Schicksal der Notwendigkeit zu unterwerfen, bis zur letzten Notwendigkeit, dem Tod. Trotz aller gegenteiliger Anstrengungen lässt sich die Natur nicht gänzlich zum Objekt des Verstandes machen und entzieht sie sich dem Zugriff des alles gestalten wollenden Subjekts.

Die Versuche, diese innere Angst loszuwerden, sind Legion - nicht nur im religiösen Kontext. Der Wunsch, diesem anstrengenden Bewusstsein, das mehr Probleme aufwirft als lösen hilft, wenn schon nicht zu entkommen, so mindestens die Angst auszutreiben, liegt außerordentlich nahe. Aus der Angst vor der Angst webt dieser Wunsch den Stoff der Verleugnung und Verdrängung. Damit kehrt die Angst als neurotische Angst wieder, die sich von der realen Angst nur dadurch unterscheidet, dass sie diese nicht wahrhaben will und kann.

Es mag ein erleichternder Gedanke sein, freilich nicht mehr, in den vorgeburtlichen Schoß eines rein natürlichen Vegetierens zurückzukehren, 19) oder die Flucht nach vorne in die Welt der Träume anzutreten, um das lästige Bewusstsein loszuwerden. Die Angst bleibt jedoch der gemeinsame Nenner, auf den die Wirklichkeit des Tages und die Unwirklichkeit des Traumes zu bringen sind. 20) Der Philosoph Epikur, auf dem Weg zu stoischem Gleichmut, redete sich die Angst vor dem Tod aus, indem er sagte: Solange ich lebe, ist der Tod nicht gegenwärtig, und wenn der Tod gegenwärtig ist, lebe ich nicht mehr. 21) So wenig sich dies als Tatsache leugnen lässt, kann eine andere Tatsache nicht übersehen werden, nämlich die Plage, die es bedeutet, sich mitten im vollen Leben einer unausweichlichen letzten Grenze bewusst zu sein.

IV.2 Die Angst vor Isotation und Verlust

Im Selbst liegt einerseits das Potential eigenständiger, kreativer Lebensgestaltung begründet, andererseits erzeugt dies ,,das Gespenst der Isolation" 22). Denn jeder Schritt nach vorne bedeutet zugleich Abschied und Verlust, zwingt dazu, etwas Vertrautes aufzugeben und loszulassen. Immer geht dabei etwas zu Ende, das einmal schon dem Kind höchst wichtig war: geborgen zu sein und entlastet von der Sorge ums tägliche Fortkommen, etwas zu bekommen, ohne viel geben zu müssen, eingebunden in einen vorgegebenen Rhythmus, fraglos dazuzugehören. Der schmerzliche Blick auf das Lieblingsspielzeug, das einem plötzlich nichts mehr bedeutet, markiert einen der leichter erträglichen Übergänge, der symbolisch für viele andere steht. Zugleich sind Neues und Altes niemals zu haben. Zu verlieren, woran das Herz hängt, tut jedenfalls in der Seele weh und erzeugt Angst.

Jeder Schritt in die Freiheit und Selbständigkeit birgt auch die Gefahr, in einen Gegensatz zu anderen Menschen zu geraten, was dann besondere Angst auslöst, wenn diese anderen Nahestehende sind, auf die wir angewiesen bleiben. Je deutlicher Heranwachsende ihren eigenen Willen und ihr eigenes Wertesystem herausbilden, desto härter können die Konflikte werden, die vor allem die Pubertät kennzeichnen, Wächst das Selbst, dann ist das zunächst mit einem gewissen Recht mit dem Gefühl großer Mächtigkeit verbunden – ein Mensch wird seiner selbst mächtig, sagen wir. Und zugleich ist die Erfahrung unausweichlich, dass andere Menschen sich nicht wie ein Spielzeug dem Zugriff beugen. Das bringt Konflikte und Verletzungen auf beiden Seiten, die sich bis zur Verbitterung und zum Ressentiment steigern können.

IV.3 Die Angst vor der Schuld

Mit der Entfaltung des Selbst stellt sich unausweichlich die Schuld ein, weil kein Mensch einem anderen vollkommen gerecht werden kann. Jedes neu geborene Wesen steht bereits, bevor es noch die Augen aufschlägt, in einer Verkettung der Schuld, die seine Vorfahren von ihren Vorfahren empfangen haben, ,,aus der sie sich nicht zu befreien wussten, und in die sie ihr Kind unwissend oder schmerzlich wissend mitnahmen", sagt der Therapeut Gaetano Benedetti. 23) In diesen zerbrechenden Beziehungen geht Liebe zugrunde, wird Freundschaft verraten, auch unter Erwachsenen, und die innere Welt beginnt sich zu verschließen, sei es in der Haltung moralischer Apathie oder im selbstzerfleischenden Grübeln.

Die Geburtsstunde des Selbst ist die Geburtsstunde der bewussten Schuld. Denn ohne das Selbst könnte ein Mensch sich seiner Gedanken, Handlungen und Wirkungen gar nicht bewusst werden und die Schuld nicht erkennen. So steigert sich im Bewusstsein die Angst davor, schuldig zu werden, weil dies zur Möglichkeit der Freiheit gehört. Die Schraube der Dynamik der Angst dreht sich weiter. Der erste Freigelassene der Schöpfung, wie Herder den Menschen nennt, erkennt sich plötzlich mit Shakespeares König Lear als ,,zertrümmert Meisterwerk der Schöpfung" 24), und die Angst zerreißt die eine Wirklichkeit in zwei Stücke. Die Angst wirft sich verzweifelt in die Arme der Reue, so schildert wieder Kierkegaard diesen Zustand innerer Zerrissenheit, aber Schuldgefühle können nicht befreien, sondern treiben noch tiefer hinein in die Angst und können die Fixierung auf die Schuld zur perversen Lust an der Verdammnis steigern. 25) Die Reue kann die Dynamik der Schuld nicht durchbrechen, denn durch die Angst verliert sie ihren Verstand, sagt Kierkegaard. 26)

IV.4 Die Angst vor der Wahl

Mit dem Selbst, das zur Verantwortung erwacht, verbinden sich Entscheidung und Wahl und wiederum neue Ängste. Wir müssen unser Leben planen und Entscheidungen fällen, ohne letztlich vorhersehen zu können, was dabei herauskommt. Es ist immer möglich, Menschen und Situationen falsch einzuschätzen und die Weichen in die falsche Richtung zu stellen, ohne in den Zustand vor der fatalen Entscheidung zurückkehren zu können.

Kaum den frühen Bindungen entwachsen oder entkommen, je nachdem, wird bewusst, wie sehr man auf das angewiesen bleibt, was man einstmals vielleicht sogar gerne abgestreift hatte: die Nähe zu anderen Menschen. Es bleibt die Hoffnung, gewählt zu werden ohne vernünftigen Grund einfach aus Liebe; davon entlastet zu werden, sich um alles sorgen zu müssen; vertrauen zu können in das Vertrauen. Und zugleich damit ist schon wieder die Angst da, nicht gewählt oder wieder verlassen zu werden, allein dazustehen mit enttäuschter Hoffnung auf fraglose Geltung. Einen Menschen zu wählen, bedeutet, alle anderen nicht zu wählen, während alle erwählen zu wollen, darauf hinausläuft, niemanden zu wählen. Dass es auf die Liebe kein Recht gibt, daher auch keine Instanz, die sich ein Urteil über die Rechtmäßigkeit gerade einer solchen Wahl anmaßen könnte, gehört zu den kränkendsten Erfahrungen in einer Welt der häufig vergeblichen Liebesmüh.

Auch die Vorstellung, es sei uns die Freiheit gegeben, im ethischen Sinne zwischen Gut und Böse zu wählen und dabei erfolgreich zu sein, zerplatzt bei genauer Betrachtung wie eine Seifenblase. Denn wer weiß schon mit Sicherheit, worin das jeweils konkrete Gute, das getan werden soll, jenseits der vollmundigen Begriffe hier und jetzt besteht? Menschen können irren, sich über alles Mögliche täuschen, auch über sich selbst und die besten Absichten. Und wer könnte auch bei den besten Absichten so vollkommen von den eigenen Interessen absehen, dass es ihm oder ihr möglich wäre, das reine Gute, die reine Liebe überhaupt ins Auge zu fassen?

Ein Selbst zu sein, gehört zur Beschaffenheit des Menschen, aber dort, wo es vor eine konkrete Wahl stellt, verwandelt es sich schnell in das ,,Selbstische" 27), das Selbstbezügliche, das von der einfachen Wahrnehmung bis zur Anstrengung der Vernunft die subjektive, egozentrische Brille nicht ablegen kann. In solchen Widersprüchen zeigt sich die Tragik des Selbst, dem auch das beste Gewissen keinen sicheren Halt zu bieten vermag, denn auch das Gewissen kann irren.

IV.5 Die Flucht ins Ideal

Wo sich das Selbst als ein unsicherer, schwankender Boden erlebt, liegt die Versuchung nahe, sich aus Angst an äußere Sicherheiten zu klammern: an gesetzliche Vorschriften, geltende Normen, religiöse Dogmen oder große Ideale, um durch Gehorsam der inneren Zerreißprobe zu entgehen. Die Angst vor dem inneren Konflikt verwandelt diesen in einen äußeren Konflikt, in einen erbitterten Kampf zwischen Licht und Finsternis, in dem man sich selbst auf der Seite des Lichtes weiß und im Dienste dieses Ideals alle anderen der Finsternis der Aggression und der Destruktion ausgesetzt sieht. 28) Damit wird alles einem erbarmungslosen Entweder-oder, Alles oder Nichts unterworfen - eine Gefahr, die besonders in den Religionen schlummert.

Eine solche totalitäre Tendenz ist den Weltverbesserern eigen, die im Namen der Gerechtigkeit schonungslos alles Unrecht, jede Lüge aufdecken, überall versteckte Machenschaften wittern, auf die wirklichen oder vermeintlichen Täter Jagd machen und dabei vor keiner Gewalt, psychischer oder auch handgreiflicher, zurückschrecken. Nur solange ihnen die reale Macht dazu fehlt, sind sie nicht unter den Menschenschindern zu finden. Aber hinter die Kulisse geschaut, zeigt sich die Angst vor den Bedrohungen des Selbst und davor, diese könnten bewusst oder entdeckt werden. Die heroische Haltung, mit der die Ausmerzer allen Übels die vielen Nachteile ertragen, die ihnen ihr Kampf einbringt, verleiht ihnen eine trügerische Glaubwürdigkeit; und wer meint, sich ihnen anschließen zu können, wird sich bald vor dem arrogierten Richterstuhl Gottes wiederfinden, aber gnadenlos. Die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts sind dafür das erschreckendste Beispiel. Hinter dem Grauen der nicht enden wollenden Massenmorde steht auf Seiten der Täter der ,gute' Wille, die Welt von allem Bösen zu reinigen, und wieder dahinter die Täuschung über sich selbst, geboren aus Angst vor Selbst-Verleugnung aufgrund der Bedrohung des Selbst.

Verleugnungen sind wie ein dichtes Netz, ein undurchdringbarer Panzer, aus dem die Verleugner nicht herauskönnen. Diese Verschlossenheit, ein Indiz für die Eskalation der Angst ins Neurotische, nennt Kierkegaard bildhaft „dämonisch“: „Das Individuum befindet sich im Bösen und ängstigt sich vor dem Guten" 29), nämlich vor der Freiheit, vor der befreienden Wahrheit über sich selbst, davor, dass Täuschung und Lüge zerplatzen, in die sich das Selbst eingesponnen hat wie in einen Kokon. Das Dämonische lässt sich von keiner Strafe, von keiner donnernden Moralpredigt ängstigen 30), aber scheut jede menschliche, zarte Berührung aus Angst, es könnte erkannt, beim Namen genannt werden und seine Macht mit einem Schlage verlieren. Nur dann und wann, unwillkürlich, unvermutet und plötzlich, kann das Dämonische herausbrechen: der ganze Hass und die ganze Verzweiflung; ,,[...] dann trifft uns die Anklage des leidenden Menschen gegen alles, was glücklicher, stärker ist als er“; so schildert Benedetti diese tragisch verquere Angst vor dem Guten, die immer auch die Wahrheit konkreter Leiderfahrungen trifft. 31)

In dieser vertrackten und unüberschaubaren Lage, in der schmerzhaften Schwebe zwischen Freiheit und Zwängen, sind alle möglichen Ängste denkbar und nicht weniger wirklich als die Angst vor einem Verkehrsunfall. Gerade die inneren Ängste gehören zu einem Leben, das nicht auf der Stelle tritt, nur dass sie nicht vor einer Gefahr warnen, die sich vermeiden ließe. Denn unvermeidlich bleibt, um mit Paul Tillich zu sprechen, dass der Mensch vom Verlust der Freiheit bedroht ist,,durch die Notwendigkeiten, die in seinem Schicksal liegen, und er ist gleichermaßen bedroht von dem Verlust seines Schicksals durch die Zufälligkeiten, die in seiner Freiheit liegen“. 32) Und unvermeidlich bleibt, daran zu leiden.

V. Gewissheit im Glauben

Die Ängste, die letztlich Ausdruck der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben sind, verschütten, wonach die Seele strebt, stehen dem Gewünschten im Weg. Das in der Folge ungelebte Leben schürt die Glut der Angst immer weiter und schraubt die Spirale zur Angst vor den Ängsten immer höher hinauf. Diese Glut lässt sich nicht ersticken, wohl aber lässt sich aus der Glut ein Feuer entfachen, das die Ängste verbrennt, um die Seele dem Leben wieder zurückzugeben.

Was gegen die Angst hilft, ist deren Rückverwandlung in den akuten Schmerz. Durch die Hölle der Angst zu gehen, sich reißen und schütteln lassen, ist keine leichte Kur, aber nur so kann diese Hölle zu einer Feuerprobe werden, die nicht verbrennt, sondern eine eng gewordene oder gar tote Seele durch den wirklichen, hautnahen Schmerz, durch den lösenden Schrei und die befreienden Tränen wieder zum Leben erweckt. Denn der Schmerz, den dieses zerbrechliche Leben - je nach Schicksal mehr oder weniger - mit sich führt, kennt dann keine Angst, wenn er im Augenblick des realen Erlebens von Scham, Verlust oder Schuld nicht abgewehrt und verleugnet wird. Die Ängste hingegen gehen dem Schmerz voraus, indem sie vorwegnehmen, was möglich sein könnte, und sie folgen dem Schmerz nach, indem sie wiederholend vergegenwärtigen, was gewesen ist.

Kampfgeist, Abwehr oder Vermeidung sind daher nicht die Mittel gegen die Angst. Veränderung kommt nur dann zustande, wenn sich ein Mensch dem inneren Schrecken stellt, den Dämonen in sich gegenübertritt und mutig fragt: Wie heißt ihr? 33) Dazu braucht es eine andere Art von Kraft: sich hingeben, loslassen, sich selbst aufs Spiel setzten, einwilligen in das, wovor man sich am meisten fürchtet, und das zunächst unbekannt bleibt. Keine Frage, dass das die Angst zunächst steigern kann, weil im Moment der Preisgabe ganz sicher nicht sicher ist, wie die Geschichte ausgeht. Aber allein das, sich nicht mehr wehren, nicht mehr vermeiden zu müssen, den inneren Zwang dazu loszuwerden, lässt schon den sprichwörtlichen Stein von der Seele fallen.

Hingabe, sich dem stellen, was unverfügbar ist, einwilligen in den unvermeidlichen Schmerz, bedeutet, in das Reich der Schatten vorzudringen, die der Tod vorauswirft. Aber ohne das ist das Leben nicht zu gewinnen, vielmehr umgekehrt: Wer das Leben verliert, wer es riskiert, wird es gewinnen. 34) Dieser biblische Gedanke, der nicht dem Taglicht vernünftiger Überlegung zugesellt ist, sondern der finsteren Erfahrung von Verletzung und Schuld, durchzieht in einer Fülle von Geschichten, Sprüchen und Visionen die ganze Bibel. Nie ist nur vom vorweggenommenen Sterben die Rede, immer zugleich vom neuen Leben, das am Ende des Durchgangs durch die Hölle der Angst wirklich wird - und das nicht erst im Jenseits.

Viele Metaphern bringen diesen Umschlag in eine andere Haltung zum Ausdruck, die Glauben genannt wird: eine neue Geburt aus dem Geist, die nicht weniger schmerzlich ist als die aus dem Mutterleib; der Ritus der Taufe - untertauchen im Wasser, in dem der alte Mensch ertrinkt, um als verwandelter, neuer daraus hervorzugehen. ,,Wenn Gott lebendig macht, tut er das, indem er tötet, [...] wenn er in den Himmel bringt, tut er das, indem er zur Hölle führt" - dasselbe Erleben in der drastischen Sprache Martin Luthers. 35) Und eine rabbinische Geschichte erzählt: ,,Wenn ein Mensch von Fleisch und Blut ein Gefäß besitzt, ist er glücklich damit, solange es ganz ist; ist es zerbrochen, wünscht er es nicht mehr. Nicht so Gott. Solange das Gefäß ganz ist, wünscht er es nicht zu sehen. Ist es zerbrochen, wünscht er es. Und was ist das Lieblingsgefäß des Heiligen? Das Herz des Menschen." 36)

So kommt alles darauf an, den Glauben nicht mit einer sterilen Lehre, mit objektiven Tatsachen oder mit der Moral zu verwechseln und sich damit den Widerfahrnissen zu entziehen, die ein gelebtes Leben mit sich bringen. Der Glaube kann nur als spirituelle Erfahrung im menschlichen Herzen seinen Anker werfen und über eine geheilte - nicht heile - Seele in die Welt kommen. Die kirchliche Praxis krankt zuweilen auch daran, dass sie die Angst entweder bagatellisiert, zu schnell beschwichtigt, als beschämenden Mangel an Glauben darstellt oder als Ausdruck der Sünde dramatisiert und durch einen moralischen Appell zu beseitigen sucht. 37) Das dahinter stehende Menschenbild ist apathisch und reduziert, denn es hat den ,,Menschen ohne Angst, ohne Zweifel, [...] ohne Auflehnung und Aggression, ohne Klage und Anklage" vor Augen. 38)

Einem Ijob aber helfen, so erzählt die Geschichte, keine Erklärungen und Ermahnungen seiner besten Freunde; er muss die Last seiner Enttäuschung und Angst, seiner Wut und Verzweiflung aufrecht stehend durchleben, um davon frei zu werden. Paulus ist durch das Feuer gegangen, in dem das Idealbild des guten und gerechten Menschen, der zum Verfolger Andersdenkender geworden war, erst verglühen musste, um einen unvollkommenen freizusetzen, der dann seine Begabungen entfalten konnte. Die Geschichte von den drei jungen Männern, die eine despotische Macht in den Feuerofen hat werfen lassen, und die unversehrt daraus hervorgingen, will, eingekleidet in eine Legende, nichts anderes sagen. 39) Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten zieht das Leben denjenigen zur grausamen Rechenschaft, der seine Talente ängstlich vergräbt; 40) in der Angst vor den Ängsten zu leben, ist im Grunde schon durch die dauerhafte Starre grausamer, als einen offenen Ausgang zuzulassen.

Diese und viele andere Geschichten wollen zu erkennen geben, dass das Gegenteil von Verstrickung und Schuld nicht die Tugend ist, sondern der Glaube als innere Gewissheit, nicht verloren gehen zu können, auch wenn wir der Wahrheit einer keineswegs heilen Welt und der Wahrheit über uns selbst, so bitter sie sein mag, ins Auge blicken, um in der Folge auch mit den Mitmenschen barmherzig zu sein. Diese Verbundenheit mit einer endlichen Welt und ihren labilen Geschöpfen, wo das Schreckliche Tür an Tür wohnt mit dem Freundlichen in jedem Menschen, 41) ist der größte Gewinn, der einem zuteilwerden kann. Er macht mitfühlend und weise, auch wenn ein leichter Schleier der Melancholie bleibt aus der Erkenntnis, „dass es im Wesen des Menschseins liegt, von Konflikt zu Konflikt zu schreiten und, auch wenn man das Beste will, man dem Übel, dem Unrecht und damit der Verschuldung und Beschämung nie völlig zu entgehen vermag" 42).

Es hat keinen Sinn und würde sowohl die Seele als auch die Vernunft vergiften, wollten wir mit unserer bescheidenen Logik ergründen, warum alles so und nicht anders ist. Aber es ist möglich, sich damit, dass es so ist, zu versöhnen, wie Rabbi Levi sagte: ,,Willst du, dass die Welt Bestand haben soll, so kann es nicht Gerechtigkeit geben, Willst du Gerechtigkeit, so kann die Welt nicht Bestand haben. Doch du willst die Schnur an beiden Enden halten und wünschest sowohl das Bestehen der Welt wie das der Gerechtigkeit. Wenn du nicht ein wenig nachgibst, kann die Welt nicht Bestand haben." 43)

Das Rettende muss durch die Lebensbedingung der Angst hindurch, um retten zu können. Auch Gott, der sich nach christlichem Bekenntnis in einem Menschen erkennen lässt, entgeht dieser Bedingung nicht. Er begegnet in ihr dem Mangel seiner eigenen Gegenwart, gibt sich dieser Finsternis in Gethsemane und am Kreuz mit Angst und Schrecken hin, um die ganze Welt aus der Todesstarre ungelebten Lebens herauszulösen. Was der eigenen Erfahrung in kleinen Portionen zugänglich ist, nimmt, von Gott her gedacht, eine andere, eine kosmische Dimension an, die über die Befreiung zu einem aus Schmerz und Glück zusammengesetzten Leben hinausreicht in die Sphäre der goldenen Stadt, des Reiches ewiger Vollkommenheit. 44) Religionskritiker aller Jahrhunderte haben solche Spekulationen gerne belächelt. Aber wie ließe sich der Mut, durch die Hölle der Ängste zu gehen, anders gewinnen als durch die verwegene Vision, daraus lebendig, noch lebendiger hervorzugehen? Und warum sollte das, was in den Grenzen der Endlichkeit möglich ist, nicht ein Spiegelbild einer noch größeren Möglichkeit sein?

Es ist leicht, über etwas nur ein paar Worte zu verlieren,was - durchlitten – eine lange Zerreißprobe bedeutet. Manchmal freilich hilft in diesen mühsamen Verstrickungen auch ein Wort: Fürchte dich nicht. Manchmal hilft es, dass bloß der Name ausgesprochen wird, wie Gott zu Israel spricht oder eine Mutter zu ihrem weinenden Kind. Ein Wort, nicht mehr, ein scheinbar völlig absurdes Wort, denn der Gründe, die für die Angst sprechen, sind viele wie die Dämonen der Angst selbst. Aber tief drinnen in jeder Seele ist eine Saite gespannt; ein Wort kann diese Saite zum Klingen bringen und ihr Töne des Vertrauens entlocken, das gewisse Wort zur rechten Zeit: Fürchte dich nicht.


ANMERKUNGEN

1. Erschienen in: Ulrich H.J. Körtner [Hg.) Angst. Theologische Zugänge zu einem ambivalenten Thema, Neukirchen-Vluyn 2001, S' B7-101. Diesem Artikel liegt ein Vortrag zugrunde, den die Verfasserin im Rahmen der Evangelischen Woche am 9. März 200I im Kleinen Festsaal der Universität Wien gehalten hatte. Der Text wurde von der Verfasserin redigiert und an die neue Rechtschreibung angepasst.

2. Sören Kierkegaard, Der Begriff der Angst (1844), in: Emanuel Hirsch/Hayo Gerdes [Hg.] Gesammelte Werke, 11. und 12. Abteilung, Gütersloh 41995, S. 97 (zit. Kierkegaard).

3. Janusz Korczak, Wie man ein Kind lieben soll, Göttingen 71979,5.40.

4. Ebd., S. 42.

5. Ebd., S. 43.

6. Max Horkheimer/Theodor Adorno, Dialektik der Aufklärung [1944], Frankfurt/M. 1988, S. 9.
7. Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/Main 1984.

8. Horst Eberhard Richter, Umgang mit Angst, Düsseldorf 41997, S. 293.

9. Immanuel Kant, Der Streit der Facultäten, in: Werke in 10 Bänden, Wilhelm Weischedel [Hg.], Bd. 9, Darmstadt 1968, 5. 342.

10. Ebd, S. 341.

11. Kant unterscheidet das ,,Reich der Sinne" im Umgang mit der ,,Erdenwelt", den er Verstand nennt, von der Vernunft, der dem Menschen eigentümlichen Fähigkeit zur Selbstreflexivität; ebd., S. 341.

12. Kierkegaard, S. 60.

13. Ebd., S. 40.

14. Ebd., S. 161.

15. Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen; in: Werke in 10 Bänden, Wilhelm Weischedel [Hg.], Bd.2, Darmstadt 1968, S. 859.

16. Vgl. Germaine Greer, Der weibliche Eunuch, München (1971) 2000.

17. Gottfried Bachl, Der beschädigte Eros, Freiburg-Basel-Wien 1989, S. 70.

18. Kierkegaard, S. 71.

19. Ein Beispiel dafür ist Friedrich Schlegel, der allerdings nur das Wesen des Weiblichen als ,,reines Vegetieren" charakterisiert, wodurch der Mann von seinem ,,Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt,, erlöst wird; in: Friedrich Schlegel, Lucinde. Ein Roman, Goldmann-Klassiker, Augsburg 1985; mit Friedrich Schleiermachers „Vertraute Briefe“ von 1800 und einem Nachwort von Ursula Naumann, S. 33-34. Vgl. Susanne Heine, Gottes-Transformationen. über die Auswanderung des Glaubens aus der christlichen Tradition, in: Gregor Maria Hoff/Ulrich Winkler [Hg.), Poesie der Theologie. Versuchsanordnungen zwischen Literatur und Theologie, Innsbruck-Wien 2012, L39-L54.

20. Hans Urs von Balthasar, Der Christ und die Angst, Einsiedeln 1951, S. 14.

21. Epikur. Brief an Menoikeus, in: Johannes Mewaldt [Hg.), Epikur. Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Stuttgart 1973, S. 41.

22. Rollo May, Antwort auf die Angst. Leben mit einer verdrängten Dimension, Stuttgart 1982, S. 82.

23. Gaetano Benedetti, psychotherapie und Seelsorge (L968), in: Volker Laepple/Joachim Scharfenberg [Hg.), Psychotherapie und Seelsorge, Darmstadt 1977, S.327 (zit. Benedetti). Diese Schilderung bringt Benedetti mit dem missverständlichen deutschen Wort,,Erbsünde" in Zusammenhang. Denn damit ist nicht eine verderbte Menschennatur gemeint, sondern eine geschichtliche Verstrickung, die der Mensch ,,in der Selbstverantwortung übernehmen und überwinden soll"; ebd., S. 328.

24. Zitiert bei Kierkegaard, S. 119.

25. Ebd., S. 106.

26. Ebd., S. 119.

27. Ebd., S. 79.

28. Léon Wurmser, Die zerbrochene Wirklichkeit. Psychoanalyse als das Studium von Konflikt und Komplementarität, Berlin-Heidelberg 1989, S. 170 (zit. Wurmser).

29. Kierkegaard, S. 123.

30. Ebd., S. 142.

31. Benedetti, S. 327f.

32. Paul Tillich, Systematische Theologie, Bd. I, Berlin-New York 1987 [Nachdruck 8 1984], S. 234.

33. Vgl. die Erzählung vom besessenen Gerasener: Mk 5,1-20.

34. Vgl.Mt16,25.

35. Martin Luther in seiner Schrift De servo arbitrio (Über den unfreien Willen) von 1525 [WA18]; in: Der neue Glaube, Luther Deutsch, Bd. 3, Kurt Aland [Hg.), Göttingen, 4 1983, S. 194.

36. Nahum N. Glatzer [ed.J, Hammer on the Rock. A Midrash Reader, New York (1948) 1971, S. 62f: Midrasch haGadol zu Gen 38,1; zitiert bei Wurmser, S. 271

37. Michael Klessmann, Angst und Angstbewältigung als Gegenstand praktisch-theologischer Reflexion, Waltrop 1998, S. 18ff.

38. Hans Christian Piper, Das Menschenbild in der Seelsorge, in: Wege zum Menschen 33, 1981, S. 391.

39. Vgl. Dan 3, 26-27.

40. Vgl. Mt 25,14 -30; Lk 19,12-27.

41. Kierkegaard, S. 162.

42. Wurmser, S. 117.

43. Midrasch Rabba zu Gen 39, 6, zitiert bei Wurmser, S. 119.

44. Vgl.Offb 21, 2-7.


Zur Person:

Susanne Heine wurde am 17. Jänner 1942 in Prag geboren, studierte Evangelischen Theologie und der Philosophie in Wien und Bonn. Als Religionspsychologin und evangelische Theologin hat sie sicheinen Namen gemacht.

Als Tochter eines Kaufmannes wuchs Heine in Innsbruck auf und maturierte 1960 in Wien. Von 1961 bis 1966 absolvierte sie ein Studium der Evangelischen Theologie in Bonn und Wien sowie ein Studium der Philosophie bei Erich Heintel in Wien. Abschluss: examen pro candidatura (Magisterium). Nach der kirchlichen Ausbildung (Vikariat) von 1966-1968 erfolgte die Ordination zum Geistlichen Amt der Lutherischen Kirche in Österreich.

Von 1968 bis 1979 war sie Assistentin am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft in Wien und promovierte 1973 zum Doktor der Theologie mit einer hermeneutischen Arbeit zur paulinischen Theologie. 1979 folgte die Habilitation für Religionspädagogik mit einer Biblischen Fachdidaktik zum Neuen Testament. Von 1984 bis 1990 leitete sie das neu errichtete „Institut für Religionspädagogik“ an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien.

1990 nahm sie den Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Zürich an als Professorin für Praktische Theologie und Religionspsychologie. 1996 kehrte sie an die Universität Wien zurück, wo sie das Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie bis zu Ihrer Emeritierung 2010 leitete.

Gastprofessuren und -vorträge führten sie nach Deutschland, Großbritannien, Istanbul, Ägypten und in die USA sowie nach West- und Ostafrika im Rahmen von Konsultationen der „Commission on Faith and Order“ des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Von 1996 bis 2002 war sie zweite Vorsitzende der „Europäischen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie“, von 1998 bis 2009 Vorstandsmitglied der „International Association for the Psychology of Religion“, von 1997 bis 2006 Mitglied des Akademischen Senates der Universität Wien, von 2005 bis 2009 Stellvertretende Vorsitzende der Curricularkommission des Senates der Universität Wien, von 2000 bis 2012 Mitglied des Kuratoriums des Europäischen Forums Alpbach.

Von 2008 bis 2014 war sie Vortragende in Wien und Ankara im Rahmen von Schulungen des Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, Task Force „Dialog der Kulturen“ für türkische Religionsbeauftragte, Dialogbeauftragte und Frauenbeauftragte der IGGiÖ, von 2007 bis 2013 unterrichtete sie an der „Islamischen Religionspädagogischen Akademie“, dann „Privater Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen“ (IRPA), von 2006 bis 2014 im Rahmen des Masterstudiums „Islamische Religionspädagogik“ der Universität Wien.

Susanne Heine hat gemeinsam mit Tarafa Baghajati seit 2014 den Vorsitz der 2006 gegründete „Plattform Christen und Muslime“ inne. Ein qualifizierter Dialog zwischen Menschen beider Religionen ist ihr ein besonderes Anliegen. Dem hat sie auch mit ihrem letzten Buch: "Christen und Muslime im Gespräch" eine fundamentale Grundlage gegeben.