Kohler Spiegel Helga 120Die Vorarlberger Theologin und Psychotherapeutin Helga Kohler-Spiegel beschreibt in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Dein Wort-Mein Weg, Alltägliche Begegnung mit der Bibel“, 1/18, eine Anleitung in der Bibel über Grenzen und Grenzüberschreitungen. Sie können den Beitrag nachstehend lesen.

Diese sehr empfehlenswerte Zeitschrift wird seit zehn Jahren auf Initiative von Hildegard Lorenz von den Schwestern vom Werk der Frohbotschaft Batschuns gegen eine Spende vierteljährlich zugesendet. Sollten Sie daran Interesse haben, können Sie die Zeitschrift unter feldkirch[at]frohbotinnen.at bestellen.

Grenzen respektieren, Grenzen überschreiten - Eine Anleitung in der Bibel

von Helga Kohler-Spiegel

Ganz am Beginn der Bibel ist ein sehr bekannter Text überliefert. Sie können ihn im Buch Cenesis, im 1. Buch Mose, im 2. Kapitel ab Vers 4 nachlesen.,,Das ist die Geschichte von der Entstehung von Himmel und Erde ...". In mythischer Sprache wird der Anfang der Welt erzählt. Mythen sind Geschichten, die die Erschaffung und das Lebensziel des Menschen mit Gott bzw. den Göttern verbinden und auf göttlichen Ursprung zurückführen. Es ist die Rede davon, dass die Welt nicht nur gefährlich und chaotisch ist, sondern dass die Welt auch ein Garten ist und sein kann, in dem wir geschützt und gesichert sind vor dem, was uns Menschen bedroht oder zerstört. Es ist die Rede davon, dass der Mensch aus Liebe geschaffen ist, von einem guten und fürsorglichen Gott, nicht von einer bösen oder schlechten Kraft. Es ist die Rede davon, dass der Mensch von Beginn an den Atem und den Geist Gottes erhalten hat. Und es ist die Rede davon, dass der Mensch aus Erde geschaffen ist und vergänglich ist wie alle Lebewesen. Das ist der Platz des Menschen, das ist das Wesen des Menschen, vielfältig und verletzlich und vergänglich.

Der Text spricht auch davon: Es ist gut,wenn der Mensch nicht alleine ist, es ist schön, eine Partnerin oder einen Partner zu finden, gleichwertig und ebenbürtig: ,,Das endlich ist Bein von meinem Bein, das endlich ist mir gleich und doch verschieden. Endlich eine Partnerin! Wunderbar!" Das ist ein Freudenlied, ein Ausruf des Glücks:,,Endlich ...!" Nachzulesen in Gen 2,23ff.

Und zugleich erzählt die Bibel gleich am Beginn von einer zentralen Gefahr des Menschen: Es gibt Grenzen im Umgang untereinander, die respektiert werden sollen, sonst zerstören wir die für uns wichtigen Beziehungen und das Zusammenleben insgesamt. Wir zerstören auch uns selbst. Der Mythos nutzt ein Bild, um das zu verdeutlichen: Es gibt einen Baum in der Mitte des Gartens, es gibt eine Mitte, die wir nicht antasten sollen. Es gibt Grenzen. Vielleicht könnten wir dazu sagen: Das Wesen, die Seele eines Menschen dürfen wir nicht antasten, nicht ,,in den Griff bekommen" wollen. Wir können als Menschen vieles in die Hand nehmen und gestalten und bestimmen. Aber nicht alles. Zugleich nimmt das Bild des Baumes in der Mitte des Gartens die Frage nach Gut und Böse auf. Es gibt eine grundlegende Unterscheidung zwischen Gut und Böse, diese zu respektieren ist von zentraler Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen: Der Mensch hat kein Recht, das Wesen und die Würde des Menschen anzutasten. Wenn wir das tun, zerstören wir - die Person , das Zusammenleben, auch uns selbst.

Die Bibel weiß: Es gibt Grenzüberschreitungen, die zerstören. Von solchen erzählt die Bibel immer und immer wieder. Es gibt Grenzüberschreitungen im Umgang miteinander, wenn Menschen negative Macht ausüben über andere Menschen oder gar Gewalt anwenden. Es gibt Grenzüberschreitungen, wenn wir alles im Griff haben und kontrollieren wollen, wenn wir aus der Zuversicht und dem Vertrauen herausfallen, wenn wir uns nicht jeden Tag aufs Neue mit der Zuversicht und dem Vertrauen innerlich verbünden. Vielleicht fallen Ihnen weitere Grenzüberschreitungen ein, die Sie belastet haben ... Die Bibel erinnert: Es gibt Grenzüberschreitungen, die zerstörerisch sind.

Die Bibel erzählt aber auch von vielen Grenzüberschreitungen, die befreien, die neue Türen und neue Lebensmöglichkeiten eröffnen. Etwas Neues zu wagen ist oft nicht einfach, aber manchmal nötig. Es beginnt mit Abraham: ,,Mach dich auf, vertrau, verlass, was vertraut ist, nimm mit, was dir lieb ist und was du zum Leben brauchst - die Menschen und die Tiere ... und mach dich auf. Mein Wort muss, mein Wort wird genügen, mach dich auf." Nachzulesen in Gen 11,10ff (Abrahams Aufbruch ab Gen 12,1).

Dann Jakob, der seinen Vater hintergangen und seinen Bruder um sein Recht als Ältester gebracht hatte, und der dadurch die Ordnung in der Familie massiv durcheinandergebracht hatte, dieser Jakob hat Grenzen überschritten und musste fliehen - und musste so wieder Grenzen überschreiten. Und dann hört er die Zusage:,,Geh über die Grenze, es wird gut werden." Nachzulesen in Gen 28,10-22.

Ich muss von Mose erzählen, wenn es um Grenzüberschreitungen im negativen und im positiven Sinn geht. Mose kommt über der Grenze in Ägypten auf die Welt, er geht über die Grenze und bringt einen Aufseher um, er muss fliehen und geht über die Grenze in die Wüste, in das Gebiet der Midianiter. In seiner Gotteserfahrung realisiert Mose, dass er wieder über die Grenze muss - zurück nach Ägypten ... Nachzulesen im Buch Exodus.

Jesus steht immer wieder dafür ein, dass wir Menschen äußere und innere Grenzen überschreiten. Immer wieder mutet Jesus den Menschen zu, ihre gewohnten Grenzen zu überschreiten und offener zu denken, zu handeln - und auch zu glauben. Jesus sprengt Grenzen, zwischen den Geschlechtern, den sozialen Schichten, den Nationen. Jesus traut dem Menschen zu, sich zu verändern und aufeinander zuzugehen. Für Paulus ist dieser Gedanke ganz zentral: Nicht Juden noch Griechen, nicht Sklaven noch Freie, nicht männlich noch weiblich (Gal 3,28). Alle gehören zusammen, alle sind eine Gemeinschaft - im Geist Jesu, im Atem Gottes.

 

Helga Kohler-Spiegel
Theologin, Psychotherapeutin, Professorin an der Pädagogischen Hochschule, Feldkirch