Graf Peter 120Die sechste Vateunser Bitte - ...und führe uns nicht in Versuchung, ... - ist immer wieder Anstoß für kritisch denkende Gläubige. Als guter Ausweg wird daher " ... und führe uns durch die Versuchung und erlöse uns ...." gebetet. In der Zeitschrift Publik-Forum Nr. 22 | 2017 berichtet der in Lyon und München studierte und später an der Universität in Osnabrück Interkulturelle Pädagogik lehrende Professor und Theologe, dass die Bischöfe in der französischsprachigen Schweiz in der Liturgie eine neue Übersetzung eingeführt haben. Seine These: Gott führt nicht in Versuchung!

Eine zumindest sehr ähnliche Verbesserung des (französischen) Textes hat auch die Bischofskonferenz Frankreichs bereits vor längerer Zeit (!) vorgenommen! Das ist daher im deutschen Sprachraum ebenfalls mehr als fällig.

Gott führt nicht in Versuchung!

Schweizer Bischöfe ändern das Vaterunser. Auch in Deutschland ist das an der Zeit. Ein Zwischenruf

Von Peter Graf

Die katholischen Bischöfe in der französischsprachigen Schweiz haben eine neue Übersetzung der letzten Vaterunserbitte in die Liturgie eingeführt: Anstelle von „et ne nous soumets pas à la tentation“ - und unterwirf uns nicht der Versuchung - wird künftig gebetet: „et ne nous laisse pas entrer en tentation“ - und lass uns nicht in Versuchung geraten. War das wirklich nötig? Ich glaube, ja.

Das Vaterunser, das Jesus laut Matthäus- und Lukasevangelium selbst gelehrt hat, ist nicht nur das erste Gebet der Christen. Es ist auch das einzige, das alle Getauften gleichermaßen beten; Es gibt kaum einen Christen, der es nicht auswendig kennt. Im Lukasevangelium (11, 1) heißt es,Jesus habe es seinen Jüngerinnen und Jüngern gegeben, nachdem diese ihn baten: "Herr, lehre uns beten.“ Das Vaterunser erzählt von Jesu Gottesbild, es spiegelt so die christliche Wahrnehmung Gottes und führt zum eigenen Gebet, das mehr sein soll als Formel und Zitat. Gerade davor hat Jesus seine Jünger ja ausdrücklich gewarnt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden ...“ (Matthäus 6,7)

Nicht Worte zählen, sondern die innere Zuwendung zu Gott als Vater, der „weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“. Deshalb ist das Vaterunser viel mehr als eine Tradition, an der, einmal übersetzt, nicht mehr zu rütteln ist. Aber wie sollen zum Beispiel junge Christen lernen, Gott vertrauensvoll als Vater anzusprechen, wenn eine Formulierung in diesem zentralen Gebet eine offene Glaubenshaltung verengt?

Tatsache ist, dass nicht wenige Christen über die letzte Bitte stolpern: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Mit dieser Formulierung, so empfinden sie es, unterstelle ich Gott, dass er mir Böses tun könnte, indem er mich in Versuchung führt. Das passt nicht zu ihrem Gottesbild und auch nicht zur Anrede Gottes als Vater.

Dabei müsste man gar nicht so beten. Das Vaterunser lässt sich auch anders übersetzen. Eine Neuübersetzung sollte nicht allein eine wissenschaftliche Spezialaufgabe für Exegeten sein, sondern ein zentrales seelsorgliches Anliegen der Bischöfe. Ebendiese Verantwortung haben die katholischen Bischöfe der französischen Diözesen der Schweiz wahrgenommen, als sie den Beschluss fassten, ab dem ersten Advent in allen Liturgien das Vaterunser in einer neuen Formulierung zu beten.

Für den deutschen Sprachraum steht diese Aufgabe noch dringlicher an. Denn das deutsche Vaterunser folgt, als eines der wenigen weltweit, nicht der älteren griechischen, sondern der jüngeren lateinischen Übersetzung der Bibel, der Vulgata. Die deutsche Version "und führe uns nicht in Versuchung" übernimmt wörtlich die Formulierung der Vulgata: „et ne nos inducas in tentationem“ - und führe uns nicht hinein in die Versuchung. Allerdings weist die Vulgata-Übersetzung zahlreiche inhaltliche Schwächen auf - sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Deshalb erklärte schon das Zweite Vatikanische Konzil, dass sie reformbedürftig sei.

Falsch übersetzt

Im griechischen Original ist von "führen“ keine Rede: Das entsprechende Verb "hodègeo“ kommt zwar im Neuen Testament häufig vor. Aber gerade nicht im Vaterunser - weder in Matthäus 6, 13 noch bei Lukas 11, 4. Entsprechend lautet diese Vaterunserbitte in der gesamten Tradition der griechischen Orthodoxie sinngemäß: „Und lasse nicht zu, dass wir in die Prüfung fallen."

Die theologische Perspektive der Vulgata ist darüber hinaus überaus problematisch: Denn die Übersetzung erweckt den Eindruck, es sei Gott zuzutrauen, den Gläubigen aktiv in eine Versuchung zu führen. Zusätzlich wird erbeten, er möge das nicht tun, sondern von jenem ,Bösen‘ Erlösen. Die Versuchung Gottes - schon schlimm genug - wird durch das ,sondern‘ mit dem Bösen gleichgesetzt. Zugespitzt kann man also fragen: Ist Gott auch böse? Rettet er vor der Gefahr, in die er den Gläubigen selber gebracht hat? Solche Hinterlist widerspricht dem christlichen Gottesbild.

Die Deutsche Bischofskonferenz begründet die jetzige Form der Vaterunserbitte mit ihrem theologischen Rahmen. Das Wort ,Versuchung‘ erkläre sich etwa durch Paulus, der von einem ,Stachel im Fleisch‘ geplagt wurde, einem Boten Satans, der ihn quälen sollte. Die Versuchung stehe für die Macht des Bösen, die allgegenwärtig die Gläubigen anfechte. Der Neutestamentler Thomas Söding erläutert, dass auch Jesus vom Teufel versucht worden sei. In einigen Texten des Alten Testaments ist es sogar Gott selbst, der den Gläubigen in Versuchung führt. Hiob zum Beispiel wurde von Gott mit aller denkbaren Leiden belegt, um Satan, dem Chefankläger der Menschen, zu beweisen, dass Hiobs Gottesfurcht vollkommen sei. Der Christ bete daher im Vertrauen auf ,,seinen“ Gott darum, dass er ihn vor derlei Prüfung verschonen möge.

Sich mit Gottes befreiender Kraft vor der Last des eigenen Handelns zu lösen kann aber nur gelingen, wenn man die Schwere der eigenen Sünde nicht dadurch verdrängt, dass man sie den allgegenwärtigen Anfeindungen des Bösen zuschreibt. Im Jakobusbrief (1, 13) wird das Böse mit „kakon“ aufgerufen, zu dem Gott keiner Menschen verführt. Ebendieser Begriff erscheint in der griechischen Übersetzung des Vaterunsers weder bei Matthäus noch bei Lukas. Vielmehr schließt das Herrenwort mit der Bitte um die Befreiung vor dem, was dem Menschen zur schweren, ja bösen Last wird („ponèros"). Martin Luther übersetzte genauer mit „Übel“. Unsere Alltagserfahrung zeigt, dass es "das Böse“ zwar gibt, aber es hat keine eigene Essenz, kein „Wesen“. In der Scholastik wurde das Böse daher als das Fehlen des Guten bezeichnet. Das Böse steht nicht gleichrangig Gott im Sinne eines Dualismus gegenüber, so bedrängend und wirklich es ist.

Hieronymus aber, der Verfasser der Vulgata, hat noch das heidnische Kaiserreich Roms erlebt, in dem Götter - darunter gute wie böse - die Geschicke der Menschen bestimmten. Daniber hinaus war die Lehre, nach der sich Gut und Böse gegenüberstehen, im ganzen Mittelmeerraum verbreitet. Aber auch die Genesistexte der Vertreibung aus dem Paradies sowie die spätjüdische Hiobsgeschichte vermitteln einen Gott, der die Falle der Versuchung stellt, um die Seinen zu prüfen. In dieses kulturelle Symbolfeld hinein übertrug Hieronymus die biblischen Texte, so auch das Vaterunser. Das war erst mal auch in Ordnung, ähnlich wie später die Lutherübersetzung ihre Berechtigung als Volksbibel hatte: Schließlich entfaltet Sprache erst durch die gemeinsame „Lebensform“ mit anderen ihre sinnhafte Relevanz. für große Texte, die gelebt werden sollen, gibt es daher nie nur eine Übersetzung. Erst durch ihr gemeinsames Sprechen in Gebet und Liturgie wird der Glaube zu einem Teil des Lebens, stiftet Sinn für die Gläubigen. Wir aber leben nicht in der Spätantike.

Theologische Barrieren abbauen

Es geht heute daher darum, die theologischen Barrieren abzubauen, die die römische Spätantike über das Vaterunser gelegt hat. Es muss für heutige Menschen möglich werden, das erste Gebet der Christen so zu beten, dass sich ihnen die ursprüngliche Botschaft erschließt. Christen müssen weder die Rechtfertigungslehre von Paulus kennen noch das komplexe, nicht zuletzt aus dem Alten Testament gewachsene Gottesbild verinnerlicht haben, um das Vaterunser beten zu können. Dazu genügt das innere Vertrauen auf Gott als Vater aller Menschen, sowie es Jesus verkündet hat.

Das Gebet des Herrn wieder dem Originaltext anzunähern ist darüber hinaus ökumenisch bedeutsam. Im Vaterunser könnten sich deutschsprachige Christen nicht nur mit den Kirchen der romanischen Sprachen weltweit verbinden, sondern auch mit den orthodoxen Glaubensgeschwistern. Daher lautet mein Übersetzungsvorschlag: „Und überlasse uns nicht der Prüfung, sondern befreie uns von dem Übel."


Zum Autor:

Peter Graf, geboren 1943, ist katholischer Theologe und lehrte bis 2008 interkulturelle Pädagogik an der Universität Osnabrück.
Er studierte in Lyon und München; Studienabschlüsse in Romanistik (Promotion 1975), Germanistik (Staatsexamen für das höhere Lehramt), Diplom Kath. Theologie Ludwig-Maximilians-Univ. München 1972; Wiss. Assistent LMU 1977-84, Habilitation LMU 1984 (Pädagogik), Priv. Doz. LMU 1984-1986; Prof. für Interkulturelle Pädagogik Univ. Osnabrück ab 1987.