ppaul vi kleinDas Internetportal katholisch.de berichtet, dass der Vortrag des italienischen Moraltheologen Maurizio Chiodi, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben Aufsehenerregte. Chiodi hat darin den Zusammenhang zwischen allgemeinen Normen, individueller Lebenslage, Gewissen und praktischem Handeln analysiert. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass "Humanae vitae" auf natürlichen Verhütungsmethoden bestehe, könne nicht als Norm um ihrer selbst willen verstanden werden.

Das wird spannend. Kommt es wirklich dazu - auch ofiziell durch die Kirchenleitung bestätigt, wie es in der Praxis ja Gott sei Dank schon vielfach ist bzw. weithin verlangt und akzeptiert ist -, dass durch Amoris laetitia geschiedene und wieder verheiratete Menschen zur Kommunion gehen können, die Fortpflanzung in der Eigenverantwortung der Paare mit ihrem Gewissen entschieden wird, verheiratete Männer und Frauen priesterliche Dienste ausüben, Diakonninen geweiht werden, homosexuelle Paare gesegnet werden ... ? Jedenfalls wäre es ein Zeichen, dass die Kirche in einer Welt die autoritärer und unmenschlicher wird mit Dezentralisierung, Übertragung der Verantwortung an die Betroffenen, Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Menschenrechte antworten würde. Schön wär's schon!


 Nachstehend der Beitrag aus katholisch.de:

"Pillen-Enzyklika" auf dem Prüfstand?

Für Aufregung sorgt derzeit in Rom eine Debatte, in der es um die beiden umstrittensten päpstlichen Dokumente der vergangenen 50 Jahre geht: "Humanae vitae" und "Amoris laetitia". Und um kirchliche Lehre und Seelsorge. Theologie | Rom - 04.02.2018

"Bergoglio erlaubt die Pille". "Jetzt schafft er 'Humanae vitae' ab". Seit Tagen schon schlagen konservative katholische Blogs und Twitterer Alarm. Der Journalist Sandro Magister, eine Galionsfigur der Franziskus-Kritiker, betitelte seinen Beitrag: "'Humanae vitae' adieu. Franziskus liberalisiert die Pille". Anlässe der Aufregung: ein Vortrag an der Päpstlichen Universität Gregoriana, Artikel in der Tageszeitung der Italienischen Bischöfe sowie päpstliche Recherchen im Archiv der Glaubenskongregation.

"Humanae vitae", mit dem Papst Paul VI. (1963-1978) künstliche Verhütungsmethoden als moralisch verwerflich verbot, ist für liberale Katholiken seit 50 Jahren ein Rotes Tuch. "Amoris laetitia", in dem Franziskus einen nachsichtigen Umgang mit Katholiken in zweiter Ehe nahelegt, ist das Hassbild der Konservativen.

Entsprechend tönt es von konservativer Seite: Das Lehrschreiben "Humanae vitae" von 1968, das künstliche Verhütung anprangerte, weil durch sie der sexuelle Akt bewusst von der Fortpflanzung getrennt und zudem sexuelle Freizügigkeit gefördert werde, könnte künftig stärker seelsorglich interpretiert werden - ganz im Geist von "Amoris laetitia". Was das konkret heißt, wird stets vom Einzelfall abhängen. Aber ein pauschales "Verbot" scheint nicht mehr ins neue Denken unter Franziskus zu passen.

Ob aus dem Vatikan tatsächlich bald eine Neuauslegung der "Pillen-Enzyklika" kommt, ist ungewiss. Dass eine Kommission im Auftrag des Papstes die Entstehungsgeschichte von "Humanae vitae" untersucht, hat der Leiter des Archivs der Glaubenskongregation, Alejandro Cifres, unlängst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigt. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte der Vortrag des italienischen Moraltheologen Maurizio Chiodi, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Dieser hatte zunächst den Zusammenhang zwischen allgemeinen Normen, individueller Lebenslage, Gewissen und praktischem Handeln analysiert.

Zeitung der italienischen Bischöfe berichtete wohlwollend

Weitere Überlegungen zum Grundanliegen von "Humanae vitae", der "'unlösbaren' Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung", führen Chiodi zu der Frage, ob "natürliche Methoden (der Verhütung) die einzige Form verantworteter Elternschaft sein könnten/müssten". Er verwendet beide Wörter so mit Schrägstrich. Chiodi betont den Wert verantwortlicher Elternschaft und Sorge für die Nachkommenschaft. Für diese aber könnten in je unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Mittel gewählt werden. Dass "Humanae vitae" auf natürlichen Verhütungsmethoden bestehe, könne nicht als Norm um ihrer selbst willen verstanden werden.

Chiodis Vortrag von Mitte Dezember hat mehr Gewicht als viele andere Diskussionsbeiträge zu der seit Jahrzehnten umstrittenen Frage. Er hielt ihn an der Päpstlichen Universität Gregoriana, und "Avvenire", die Tageszeitung der italienischen Bischöfe, berichtete wohlwollend darüber: Chiodis Vorschlag, "Humanae vitae" von "Amoris laetitia" aus neu zu lesen, sei zu verstehen als ein "Vorschlag, der die Entwicklung kirchlicher Tradition darstellen" wolle; diese dürfe "nicht zu einem Fossil werden".

Was Papst Franziskus zu dem heiklen Thema denkt, ist noch nicht klar. Sein in vielen Medien verkürzt wiedergegebenes "Katholiken sind keine Karnickel"-Zitat zur Frage verantworteter Elternschaft gibt darüber keine verbindliche Auskunft. Zudem hat er die Enzyklika Pauls VI. mehrfach gewürdigt. Bei seinem Rückflug von den Philippinen im Januar 2015 nannte er sie ein "prophetisches Dokument". Prophetisch auch deshalb, weil sie der Ideologie einer zwangsweisen Geburtenkontrolle in der Dritten Welt entgegentrete, wie sie einst von "Welt-Bevölkerungsexperten" gepredigt wurde.

Franziskus zitiert "Humanae vitae" in seinem Lehrschreiben

Auch in "Amoris laetitia" zitiert Franziskus den Text aus dem Jahr 1968 mehrfach - und er deutet an, wie er sie versteht. "Es gilt, die Botschaft der Enzyklika (...) wiederzuentdecken, die hervorhebt, dass bei der moralischen Bewertung der Methoden der Geburtenregelung die Würde der Person respektiert werden muss", heißt es an einer Stelle.

Für seine konservativen Kritiker wäre es ein weiterer moraltheologischer Umfaller, wenn der Papst aus Argentinien die Erlaubtheit von Pille und Kondom vom Einzelfall abhängig machen würde. Letztlich würde Rom damit - wie schon beim Thema der wiederverheirateten Geschiedenen - mit Verzögerung auf eine Linie einschwenken, die deutsche Bischöfe schon Jahrzehnte zuvor aufgezeigt haben.

Von Roland Juchem (KNA)