Anic Jandra Rebeka 120Die kroatische, in Wien promovierte Theologin und Ordensfrau Jadranka Rebeka Anić wurde 2017 von der Schweizer Herbert Haag-Stiftung wegen ihrer herausragenden Arbeiten in der Genderthematik ausgezeichnet.

Einen Ausschnitt eines Beitrags in der HERDER KORRESPONDENZ Nr. 9/2014 können Sie nachstehend lesen.

Wer noch mehr über "Gender" wissen möchte dem kann der Artikel von Regina Ammicht Quinn in den Stimmen der Zeit 9/2016 empfohlen werden.

Libertäre und Konservative im gemeinsamen Kampf gegen den Gender-Feminismus

Die Kritik am Gender-Konzept nahm nach der Vierten internationalen Frauenkonferenz in Bejing (1995) an Vehemenz zu und war Teil einer antifeministischen Kampagne. Der Begriff „Gender“ passte zur Stoßrichtung dieser Kampagne, da innerhalb der zweiten Feminismus-Welle „Gender“ eine Schlüsselrolle spielte. Mit der Diskreditierung des Begriffes „Gender“ sollte letzten Endes der gesamte Feminismus getroffen werden.

Barbara L. Marschall verortet in Nordamerika zwei Stoßrichtungen der Anti-Gender-Kampagne, die dennoch in einigen wichtigen Punkten konform gehen. Eine Linie der Kritik lässt sich zu den Libertären verfolgen, eine zweite zu den Konservativen und Fundamentalisten. Nach Marschall besagt „Gender“ für die Konservativen die Leugnung der „natürlichen“ Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Demgegenüber denunzieren die Libertären den „Gender-Feminismus“ als marxistische Ideologie, die nicht die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sondern den Geschlechter- (Klassen-) Kampf zugunsten der Frauen anstreben. Beide Strömungen eint aber die Überzeugung, beim Gender-Feminismus handle es sich um eine Verschwörung, einen Geheimplan, um eine Chiffre für eine geheim gehaltene Agenda. Beide wollen die Ablehnung des Begriffs „Gender“ und „Gender-Analyse“ als Verteidigung des (männlichen) Individuums verstanden wissen (Configuring Gender. Explorations in Theory and Politics, Peterborough 2000, 100-117).
Die konservativ-fundamentalistische Kritik findet sich, nach Marschall, konzise dargestellt im Essay der katholisch-konservativen Amerikanerin Dale O‘Leary „Gender: the Deconstruction of Women“, der unter den Delegierten der Frauenkonferenz in Bejing kursierte.

Die Thesen des Essays hat O‘Leary in ihrem Buch „Gender Agenda“ (Louisiana, 1997) weiter ausgearbeitet.

Vollinhaltlich übernahm Kardinal Oscar Alzamora Revoredo diesen Essay in seinem Artikel „Ideologia di genere: paricoli e portate“, der in das Lexikon des Päpstlichen Rates für die Familie Eingang fand (545-560). Ziel der Gender-Perspektive sei, nach O‘Leary, die Verringerung der Einwohnerzahlen, die Propaganda des sexuellen Genusses, die Leugnung der Unterschiede zwischen Mann und Frau, die Einführung einer 50:50-Quotenregelung und volle Arbeitszeit für Frauen, um sie an der Übernahme der Mutterrolle zu hindern, ebenso die frei zugängliche Empfängnisverhütung, Legalisierung der Abtreibung, Propaganda für Homosexualität; hinzukommt ein Sexualkundeunterricht für Kinder, welcher das Elternrecht auf Erziehung untergrabe.

Die Gender-Perspektive hält O‘Leary für eine neomarxistische Interpretation der Weltgeschichte und daher für eine „Geschlechter- und Klassenrevolution“ der Frauen gegen die Männer. Entsprechend bezeichnet sich – völlig zu Unrecht – die Agenda der Vierten internationalen Frauenkonferenz mit ihren gender-bezogenen Thesen als verschleierte Propaganda für Abtreibung und Homosexualität (ausführlicher dazu: Rebeka Anić, Concilium 48.4 [2012] 373-382).

Wer den Gender-Begriff benutzt, bekennt sich zur Gener-„Ideologie“

„Genderfeindliche“ Einlassungen finden sich auch im deutschen Sprachraum. Wortführer sind Volker Zastrow mit seinem Artikel „‚Gender Mainstreaming‘ Politische Geschlechtsumwandlung“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juni 2006), sowie René Pfister mit seinem Aufsatz „Der neue Mensch“ (Der Spiegel, 30. Dezember 2006). In diesen Artikeln werden nicht bestimmte politische Strategien einer gendergerechten Politik analysiert, sondern „Gender“ fungiert hier gewissermaßen als leerer Korb, der nach Belieben mit unterschiedlichen Thesen gefüllt werden kann. Für das Verständnis der bischöflichen Stellungnahmen ist insbesondere Zastrows Behauptung wichtig, wonach „Gender Mainstreaming“ nach dem „Kaderprinzip“ funktioniere, wie es „für die Führung der Napoleonischen Wehrpflichtarmee ersonnen und von den russischen Bolschewiki weiterentwickelt wurde“. Mit einer solchen Interpretation und der These von der politischen Produktion „des neuen Menschen“ gerät Zastrows Gender-Konzept assoziativ in die Nähe von Militärregimes und totalitären Staaten.

Gabriele Kuby kompiliert in ihren Arbeiten die „genderfeindlichen“ Einlassungen von Zastrow, Pfister oder auch von Dale O‘Leary sowie anderen Autoren. Sie kann sich dabei kirchlicher Unterstützung gewiss sein, da ihre gender-feindlichen Thesen bereits von der Kirche rezipiert wurden. Andererseits dienen Kubys Schriften den Bischöfen als Quelle für ihre Erklärungen zur Gender-„Ideologie“. In den einschlägigen Botschaften findet sich etwa die These, es sei unmöglich, den Begriff „Gender“ zu benutzen, ohne sich zur Gender-„Ideologie“ zu bekennen. Weiterhin verorten beispielsweise slowakische Bischöfe hinter „so edlen Begriffen“ wie „Geschlechtergleichheit“ die „Kultur des Todes“ oder das Bestreben, „eine sodomitische Ideologie“ durchzusetzen.

Die polnischen Bischöfe unterstellen der Gender-„Ideologie“ das Bestreben, schrittweise das Recht auf Euthanasie oder Eugenik durchzusetzen, das heißt die Beseitigung kranker, schwacher, behinderter Personen zu erkämpfen. Der polnische Bischof Tadeusz Pieronek sieht in der Gender-“Ideologie“ eine weitaus größere Gefahr als im Nationalsozialismus und Kommunismus zusammengenommen (www.nytimes.com/2014/01/27/opinion/sierakowski-the-polish-churchs-gender-problem.html?_r=3). Solche Behauptungen führen dazu, dass sowohl der Begriff „Gender“ als auch der Dialog mit den Gender-Theorien und einer gender-bewussten Politik gemieden werden.

Wollten die kroatischen Bischöfe auf die Familiensynode Einfluss nehmen?

Auch die kroatischen Bischöfe bringen die Gender-“Ideologie“ in Zusammenhang mit totalitären Regimes, indem sie ihr anlasten, den „neuen Menschen“ kreieren zu wollen. Auch sie betonen, dass man unmöglich den Begriff „Gender“ benutzen könne, ohne selbst Anhänger dieser Ideologie zu sein. Damit unterbinden die Bischöfe jegliche Debatte über Männer- und Frauenrollen, vor allem auch die Frage nach der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern. Leitidee ihrer Botschaft ist das Bestreben nach Aufrechterhaltung der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern sowie überlieferter unterschiedlicher Verhaltensnormen als göttliches Gebot. Da Gott sie als Mann und Frau erschuf, gab er ihnen angeblich auch ihre unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft vor. Die Bischöfe sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Naturgesetz“. Sie behaupten, dass die einzig richtige Definition der menschlichen Natur in der Heiligen Schrift zu finden sei – ungeachtet der Tatsache, dass es in der Bibel eine solche Definition nicht gibt.

Obwohl die kroatischen Bischöfe bei der Präsentation ihrer Erklärung betonten, dass es darin um die Gender-Theorie an sich gehe, findet sich nirgendwo in diesem Dokument eine argumentative Auseinandersetzung mit entsprechenden Theorien, noch mit einer gender-bewussten Politik. Nicht nur, dass die Bischöfe diese beiden Bereiche nicht unterscheiden, sie interpretieren auch die Zitate einzelner Autorinnen und Autoren (beispielsweise von Simone de Beauvoir) falsch. Statt auf einzelne Gender-Theorien einzugehen, werden nur die vorstehend zitierten Thesen zur Gender-“Ideologie“ wiedergegeben, wobei ein ausgesprochen dualistisches Verhältnis gegenüber der Wirklichkeit zum Ausdruck kommt.

Dieses Vorgehen bezeugt etwa der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Zagreb, Tonči Matulić in seinem Kommentar zur Botschaft. Ausdrücklich lobt er die Bischofe dafür, dass sie sich nicht mit der einen oder anderen wissenschaftlichen Theorie zu Gender befassen, sondern grundlegend die „diabolischen Tücken“ (perfidiae diaboli) aufzeigen und demaskieren, welche schon für sich beweisen, wie „jämmerlich“ die so genannte Gender-Ideologie sei. Schamlos propagiere sie Thesen, die bereits in das Schul- und Bildungswesen eingeschleust wurden (http://www.bitno.net/vijesti/hrvatska/biskupi-su-ovim-dokumentom-raskrinkali-davolsko-lukavstvo-rodne-ideologije-koja-zeli-unistiti-identitet-covjeka/).

Die Botschaft zur Gender-„Ideologie“ aber wurde von den kroatischen Bischöfen nicht während der erwähnten Diskussionen über die Einführung der Gesundheitserziehung und über das Referendum betreffend der Definition von Ehe veröffentlicht. Sie erschien erst nach dem erfolgreichen Ausgang des Referendums und damit drei Monate nach der Ablöse des Kultusministers, der die schulische Gesundheitserziehung durchgesetzt hatte und einer kirchenfeindlichen Haltung, besonders der katholischen Kirche gegenüber, beschuldigt wurde. Sein Nachfolger gab sich konzilianter und dialogbereiter. Er zeigte sich sogar willens, die kirchlichen Stellungnahmen zum Programm der Gesundheitserziehung zu berücksichtigen.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der bischöflichen Botschaft fiel mit der Vorbereitung zur Außerordentlichen Bischofssynode in Rom zusammen. Im „Instrumentum laboris“ der Synode wird hinsichtlich der Gender-„Ideologie“ auch die Notwendigkeit betont, „über die allgemeine Verurteilung hinauszugehen, um auf diese Position (…) begründet und auf angemessene Weise reagieren zu können“ (127). Die kroatischen Bischöfe berücksichtigten weder diese Notwendigkeit noch warteten sie das Ende und den Abschlussbericht der Synode (Relatio Synodi) ab. Haben die Bischöfe ihre Botschaft vielleicht deshalb vor Abschluss der Synode verlautbart, weil sie befürchten mussten, dass die Gender-„Ideologie“ in der „Relatio Synodi“ nicht mehr explizit vorkommt, was auch der Fall war? Wollten sie damit nur sichergehen, ihre bereits feststehende Einstellung aufrechterhalten zu können? Was sagt diese Vorgehensweise über die Einstellung des kroatischen Episkopates zur Synode aus?

Warum fragt die Amtskirche nicht Theologinnen und Theologen?

Im Unterschied zu Bischofskonferenzen in anderen Regionen war die Botschaft der kroatischen Bischöfe zur Warnung vor den Gefahren der Gender-„Ideologie“ an die Jugendlichen adressiert. Die Frage ist aber, ob sie auf diese Weise den Jugendlichen optimalen Schutz und Orientierung bieten kann, oder ob diese nicht eher zur selbstständigen Erkundung und Beurteilung in einer sich immer rapider wandelnden Welt befähigt werden sollten. Vor allem aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Jugendlichen mit dieser Botschaft instrumentalisiert werden. Denn angesichts ihres doktrinären und nicht bloß pastoralen Charakters betrifft diese Botschaft konsequenterweise auch „Erwachsene“, also vor allem auch Theologinnen und Theologen und Mitarbeiter in kirchlichen Diensten, besonders jene im Erziehungswesen.

Da der Begriff „Gender-Ideologie“ alle Fragen der Sexualmoral und der Gleichberechtigung von Frauen und Männern einschließt, ist fortan jede theologische Diskussion über diese Themen außerhalb des vom Begriff Gender-“Ideologie“ vorgegebenen Rahmens ausgeschlossen. Wissenschaftliche Aufsätze kroatischer Theologen in Fachzeitschriften beweisen, dass die Anathematisierung des Begriffes „Gender“ bereits Wirkung zeigt.

Völlig unkritisch übernehmen die Autoren die Thesen der genderfeindlichen Kampagnen (zum Beispiel Domagoj Matić/Ivan Koprek, „Bioetička i ideološka pozadina ,rodne teorije‘“, in: Obnovljeni život, 69.3 [2014] 381-392). Dagegen bleiben die wenigen – auch in kroatischer Sprache vorliegenden – wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit den Thesen von Gabriele Kuby weitgehend unberücksichtigt (etwa der ins Kroatische übersetzte Artikel von Gerhard Marschütz „Trojanisches Pferd Gender?“ in: Nova prisutnost 22.2 [2014] 181-203).

Die genderfeindliche Kampagne in Kroatien ist noch voll im Gange. Dennoch: Die Antwort auf die Frage, was nach der Kampagne gegen die Gender-„Ideologie“ kommt, wird lauten: „Gender“. Früher oder später wird sich die Kirche im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit mit den tatsächlichen statt mit den vermeintlichen Inhalten des Begriffes Gender, der Gender-Theorien und gendergerechter Politik auseinandersetzen müssen. Zahlreiche Theologinnen und Theologen beschäftigen sich bereits mit diesen Themen. Warum aber werden diese von Vertretern der Amtskirche für ihre Erklärungen und Dokumente nicht konsultiert, sondern unkritisch katholischen Autoren und Aktivisten geglaubt, von denen viele, wie etwa Gabriele Kuby, über keine wissenschaftliche theologische Grundlage verfügen?


 Zur Autorin:

Jadranka Rebeka Anić (geb. 1960) ist Schulschwester vom Heiligen Franziskus (Provinz Split). Diplom und Magisterium an der Katholisch- Theologischen Fakultät in Zagreb; promoviert in Theologie an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Wien. Sie arbeitet als Senior Research Associate am Institut für Sozialwissenschaften Ivo Pilar – Regional Centrum Split (Kroatien); Veröffentlichungen u.a.: „Die Frau in der Kirche Kroatiens im 20. Jahrhundert“ (Wien, 2004); „Kako razumjeti rod? Povijest rasprave i različita razumijevanja u Crkvi“ („Wie kann man Gender verstehen? Die Geschichte der Debatte und verschiedene Deutungen in der Kirche“), Zagreb 2011.