Knapp Andreas 120Hesse Volker 120Die Herbert Haag Stiftung zeichnete heuer den Theatermann Volker Hesse und den Theologen und Lyriker Andreas Knapp mit dem Herbert Haag Preis für Freiheit in der Kirche aus. Der ehemalige Schweizer Politiker Moritz Leuenberger und der Deutsche Theologe Karl-Josef Kuschel hielten die Laudationes. Der Präsident der Herbert Haag Stiftung Erwin Koller dankte dem ehemaligen Generalsekretär Andreas Heggli für 14 Jahre erfolgreicher Arbeit und der Schweizer Schauspieler und Kabarettist Jürg Kienberger, musizierte, sang und rezitierte Texte. Mehr als 350 Menschen sind nach Luzern gekommen und waren beeindruckt von dem Nachmittag.

Die beiden Preisträger haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick für möglich halten würde. Beide sind Deutsche und beide bemühen sich in ihrem Genre Menschen mit aktueller Ausdrucksweise Fragen des Lebens zu eröffnen. Der eine als Regisseur und Dramaturg der andere als Theologe und Schriftsteller.

Am Beispiel seines Bruders der ausgewandert war, erzählte Koller, erlebte er, wie schnell und stetig sich Sprache ändert. Bei seinen Besuchen zu Hause sprach er zwar den heimatlichen Dialekt aber mit Worten und Satzstellungen, die nicht mehr gebräuchlich waren.

Worte von Religionsgründern „mögen als unverrückbar gelten, Sätze von Konzilien und Päpsten als in Stein gemeißelt. Winde verwehen sie und Wasser waschen sie aus. Kein Festklammern an Lehrsätzen und keine Wiederholung heiliger Formeln kommen auf gegen Abnützung, Verschleiß und Missbrauch von Wörtern“, stellte Koller fest. Er riet, „wer die Bibel in unsere Zeit hinein erzählen will, tut gut daran, auf jene zu hören, die ihre Fragen und Zweifel in den Kirchenraum hinein schreien. Künder jedweder Botschaft müssen in die Erfahrungswelten der Menschen eintauchen, bevor sie sich an das Aufregende ihres Glaubens herantasten und es in Sprache zu fassen versuchen.“

Leuenberger moritz 120Leuenberger fragte am Beginn seiner Laudatio für Hesse was Kirche, Politik und Theater gemeinsam haben? Seine Antwort: „Vielleicht die Inszenierungen“. Aus seiner Erfahrung berichtete er, dass kirchliche Dokumente „kaum Einfluss auf die Politik haben“ obwohl viele Politiker zum Papst fahren. Auch wenn oftmals Kluges darin enthalten ist, folgen politische Entscheidungen „praktisch immer den Dogmen des globalen Marktes“.

Der Politiker stellte fest, Politik, Kultur und Religion haben Mühe einander zu verstehen. Es fehle an der gemeinsamen Sprache. Kunst aber „vermag, was Worte nicht vermögen, nämlich mit Bildern die Herzen zum Blühen bringen“. Hesse ist einer, der kleinste und monumentale Bühnen vermittelnd nutzt um Gefühle und Gedanken die nicht in Worte gefasst werden können, sichtbar und fühlbar zu machen, urteilte Leuenberger.

20180311 HHS Jürg KienbergerIn seinen Dankesworten berichtete Hesse von seiner Arbeit und seinem Weg. „Am Anfang war der Zorn“ sagte er. Eine verlogene Sexualmoral, autoritärer Druck und gewalttätige Erziehungsmethoden waren Auslöser. „Meine ersten künstlerischen Arbeiten waren wild und blasphemisch“ berichtete er. Mit der Zeit löste er sich davon und interessierte sich für politische Themen, für ökonomische Gerechtigkeit, für Sozialutopien. Kirchenkreise waren für ihn verstrickt in lebensferne dogmatische Auseinandersetzungen. „Innerkirchliche Debatten wurden mir immer unwichtiger. Ich versuchte ohne Religion zu leben“, erzählte er.

Menschen, „die christliche Liebe praktizierten“, deren aufbauende wahrhaft herzliche Wesen, deren Kraft und Glaubwürdigkeit, ja deren Integrität und Mut, die durch ihren Glauben begründet waren, veränderten ihn. Heute wisse er mehr als in seiner Rebellionsphase, wie Not und Schmerz Sehnsucht nach religiösem Sinn erzeugen.

Anders erging es Knapp. Er studierte Theologie in Freiburg im Breisgau und Rom, war Regens des Priesterseminars und stand vor einer Kirchenkarriere. Er wechselte den Weg und trat bei den „Kleinen Brüdern vom Evangelium“ ein. Unter einfachen Menschen – für Kinder und Gefangene – will er im Geiste Charles de Foucauld in Leipziger Plattenbauten leben. Dort buchstabiert er neu was ihm Jesus bedeutet, sucht Worte jenseits des Katechismus, verständlich auch für religiöse Analphabeten. Er schreibt Gedichte, die zur eindrucksvollsten Lyrik der Gegenwart zählen. Wer Gedichte denkt, schreibt oder liest, taugt nicht zum Fundamentalisten.

Kuschel Karl Josef 12 07 120In seiner Laudatio strich der Germanist und Theologe Kuschel das meisterliche Handwerk Knapps hervor. Er nennt ihn einen „Sprachkünstler“ der wisse, dass die Sprache ihre Unschuld verloren habe. Knapp verwende „reimlose Verse“ und achtet darauf „nur kein Wort zu viel“ zu sagen. Er pflegt einen „knappen Stil, eine auf das Wesentliche reduzierte Sprache. Sprachverknappung ist sein Verfahren, Sprachverdichtung und Sprachspiele seine Lust“, so Kuschel.

Knapp durchbreche oft die Erwartungen. Er kritisiert, um dann eine „Knappsche Wende“ im Wissen der Urbedürfnisse des Menschen zu vollziehen. Typisch für Knapp sei der Perspektivenwechsel. Die Suchbewegung des Menschen nach Gott wird plötzlich umgekehrt und zur Suchbewegung Gottes nach dem Menschen. Er ist ein „Meister der Dialektik“, urteilt Kuschel.

kollerErw 120Koller dankte Heggli und lobte seinen engagierten Einsatz, die stets gute Zusammenarbeit, sein feines Sensorium und Urteil in allem, was die Freiheit in der Kirche betrifft: Personen, Vorgänge, Aktionen. Und er würdigte seine Vernetzungsarbeit, mit der er die Stiftung in gemeinsame Projekte der schweizerischen und europäischen Reformorganisationen integrierte.

Heggli Andreas 120Heggli antwortete mit besonderen Momenten seiner Arbeit. Etwa 2011 bei der Preisverleihung in Wien an die Verborgene Kirche der alten Tschechoslowakei. Da trat Ludmila Javorová auf, die am 28. Dezember 1970 vom charismatischen Bischof Davidek zur Priesterin geweihte und nach der Wende von 1989 von den Hierarchen schnöde beiseite geschobene Frau. Sie sprach nur wenige Sätze: klar, überlegt, tief spirituell. «Für mich ist sie eine Heilige», sagte Heggli. Oder als Klaus Mertes 2014 nach der Übergabe des Preises spontan Matthias Katsch auf das Podium bat und ihn, ein Missbrauchsopfer, umarmte. Schließlich wie ihm Hans Küng bei der Übergabe der Stiftungsdokumente ein Buch übergab und mit letzter Kraft hineinschrieb: «Für Andreas Heggli ... in herzlicher Dankbarkeit für seine lebenslange Loyalität und Unterstützung meiner Arbeit.»

Im gesamten Treffen war spürbar wie wichtig es ist, Gottvertrauen heutig, konkret und täglich neu im Dienst für die Nächsten zu leben.