hurka fact.5232568 120kirche in„Der Herr fordert alles; was er dafür anbietet, ist wahres Leben, das Glück, für das wir geschaffen wurden“, sagt Franziskus schon im ersten Absatz seines neuesten Lehrschreibens "Gaudete et exsultate - freut euch und jubelt". Dieses Schreiben wurde am 9. April in Rom veröffentlicht.

Darin befasst er sich mit einem zeitgemäßen Weg der Heiligkeit im Leben der Christen. Der Bischof von Rom fordert größere Aufmerksamkeit für die Bedürftigen und soziale Gerechtigkeit. Konkret nennt er den Einsatz für Arme, Migranten und gegen alle Bedrohungen des Lebens. Gleichzeitig warnt er vor religiöser Überheblichkeit, kirchlichem oder technologischem Machbarkeitswahn, geistiger Starrheit, Konsumsucht und egoistischer Trägheit.

Er tut dies wie gewohnt konkret und sehr differenziert. Er verweist auf Klippen und Gefahren und faltet diese Heiligkeit anhand der Seligpreisungen aus. An mehreren Stellen kommt der Jesuit – fast selbstverständlich – an ignatianischen Prinzipien nicht vorbei. So etwa bei der Unterscheidung der Geister. Seinen Stil weiterführend verweist er immer wieder auch auf die Bischöfe anderer Kontinente und bindet sich damit in die Schar der Bischöfe und in den Glauben der ganzen Kirche ein.

Mit der Forderung nach allem was Menschen sind, haben oder können zeigt der Bischof von Rom die hohe Anforderung. Gleichzeitig verweist er auf den Gewinn, nämlich wahres Leben und Glück.

Niemand könne sich „als isoliertes Individuum retten“, sondern Gott wolle „in eine soziale Dynamik eintreten, in die Dynamik eines Volkes“(6), schreibt er. „Die Gemeinschaft, die die kleinen Details der Liebe bewahrt, wo die Mitglieder sich umeinander kümmern und einen offenen und evangelisierenden Raum bilden, ist Ort der Gegenwart des Auferstandenen“(145), führt er weiter aus.

Die Herausforderungen für eine zeitgemäße Heiligkeit sei, "Jesus in den Armen und Elenden zu erkennen" (96). Dabei ist es wohl selbstverständlich, dass die liebevollen, helfenden Handlungen Armen, Bedrängten oder Gedemütigten gegenüber nicht deshalb gesetzt werden, weil die handelnde Person sich den Himmel verdienen möchte, sondern um die andere Person zu achten und mit ihr als Schwester oder Bruder gleichwertig verbunden zu sein. Die „Vollkommenheit der Menschen wird an ihrer Nächstenliebe gemessen.“ (37) Ein Leben nach den Seligpreisungen (Mt 5) bezeichnet Franziskus als den „Personalausweis“ (63) der Christinnen und Christen.

„Wir können kein Heiligkeitsideal in Erwägung ziehen, das die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht sieht, wo einige feiern, fröhlich verbrauchen und ihr Leben auf die Neuheiten des Konsums reduzieren, während andere nur von außen zuschauen können und gleichzeitig ihr Leben weiter voranschreitet und armselig zu Ende geht“ (101), ist Franziskus überzeugt.

Konkret nennt er die Flüchtlingsfrage: "Oft hört man, dass angesichts des Relativismus und der Grenzen der heutigen Welt beispielsweise die Lage der Migranten eine weniger wichtige Angelegenheit wäre. Manche Katholiken behaupten, es sei ein nebensächliches Thema gegenüber den 'ernsthaften' Themen der Bioethik. Dass ein um seinen Erfolg besorgter Politiker so etwas sagt, kann man verstehen, aber nicht ein Christ, zu dem nur die Haltung passt, sich in die Lage des Bruders und der Schwester zu versetzen, die ihr Leben riskieren, um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten." (102)

Franziskus verweist auf den Schutz des ungeborenen Lebens und sagt dann, es gehe aber auch um die Heiligkeit des Lebens der Armen. „Gleichermaßen heilig ist das Leben der Armen, die schon geboren sind und sich herumschlagen mit dem Elend, mit der Verlassenheit, der Ausgrenzung, dem Menschenhandel, mit der versteckten Euthanasie der Kranken und Alten, denen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, mit den neuen Formen von Sklaverei und jeder Form des Wegwerfens" (101), so der Text. Dabei zitiert er das Dokument der Lateinamerikasynode von Aparecida aus dem Jahr 2007, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat.

Im Leben der Christen geht es stets darum einzeln und in Gemeinschaft, „Jesus Christus in der Welt von heute widerscheinen“ (23) zu lassen. Dabei setzt Franziskus auf die „Freiheit Jesu Christi“ (168); und er ruft auf, die Wirklichkeit zu sehen: die Wünsche, Ängste, Sehnsüchte, Fehler, Grenzen aber auch die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen. Dabei rät er zu einem realistischen Blick. Nur wer auch seine Fehler, Schwächen, Grenzen sieht, wird den Versuchungen widerstehen. Und er rät: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21).

In seinem Text weist Franziskus auch auf den Fehler hin, die Forderungen des Evangeliums von der eigenen "persönlichen Beziehung" zu Gott zu trennen und das konkrete Christentum als eine "Art von NGO" (100) zu deuten. Er richtet sich auch gegen das Misstrauen jener Menschen, die das soziale Engagement der anderen als "oberflächlich, weltlich, säkularisiert, immanentistisch, kommunistisch oder populistisch halten, oder es relativieren, als würde es wichtigere Dinge geben" (101).

Zentral ist für Franziskus nicht die Beachtung ethischer Vorschriften, sonder die jeweilige „Beziehung zu Gott“. Dabei ist nicht zu vergessen, „dass das Kriterium für die Beurteilung unseres Lebens vor allem darin besteht, was wir den anderen getan haben", sagt er. (104) Bei aller Wichtigkeit des Gebets, der Eucharistie, von Andachten und Wallfahrten legt er doch auf die liebevollen Handlungen und einen ebensolchen Umgang miteinander großen Wert.

„Es ist nicht gesund, die Stille zu lieben und die Begegnung mit anderen zu meiden“ (26), sagt er.
„Ein Einsatz, der von der Angst, vom Stolz oder vom Bedürfnis, gut dazustehen und zu herrschen, motiviert ist, wird sicherlich nicht heiligend sein.“ (28) Oder, „Heilig sein bedeutet daher nicht, in einer vermeintlichen Ekstase die Augen zu verdrehen.“ (96)

Verständnis und Ausdrucksweise der christlichen Lehre ist für Franziskus „kein geschlossenes System, ohne Dynamiken, die Probleme, Fragen, Zweifel hervorbringen können“. Und weiter: „Die Fragen unseres Volkes, seine Leiden, seine Auseinandersetzungen, seine Träume, seine Kämpfe, seine Sorgen besitzen einen hermeneutischen Wert, den wir nicht unbeachtet lassen dürfen, wenn wir das Prinzip der Menschwerdung ernst nehmen wollen. Seine Fragen tragen dazu bei, dass wir uns Fragen stellen, seine Probleme stellen uns vor Probleme.“(44)

Das gilt selbstverständlich für gesellschaftliche wie auch für innerkirchlichen Fragen. Die gegenwärtig herrschende fast gespenstische Ruhe zu überwinden, könnte ein Ergebnis aus dem Studium des Textes sein.