Birke Susanne 120In einer mehrteiligen Serie porträtiert Nora Güdemann in der Argauer Zeitung [AZ] Menschen, die in speziellen Bereichen der Seelsorge tätig sind. Dieses Mal: Susanne Birke (50) ist Katholikin, liebt Frauen und arbeitet im Regenbogenpastoral für lesbische oder schwule, bi-, trans-, oder intersexuelle Personen. In der katholischen Kirche ist dies nicht immer einfach.

Aus Aktualitätsgründen hat das Netzwerk: zeitgemäß glauben diesen Beitrag nachstehend dokumentiert.

«Homosexualität ist keine Sünde»

In der Bibel, Genesis 2,24, heisst es: «Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.» Mann und Frau lieben sich und kriegen Kinder, so steht es in der Bibel geschrieben, so soll es sein. Theoretisch einfach – praktisch nicht.

Denn: Wo finden Intersexuelle, Transmenschen oder homo- und bisexuelle Personen ihren Platz? Dürfen sie überhaupt so sein, wie sie sind, und sich trotzdem als Christen bezeichnen? Um diese Fragen kümmert sich Susanne Birke. Sie arbeitet beim Regenbogenpastoral des Bistums Basel, zu dem auch der Kanton Aargau gehört. Birke ist 50 Jahre alt und Katholikin. Und sie liebt Frauen.

Wir sitzen auf bunten Stühlen in den Büros der Landeskirche beim Wettinger Kloster. «Homosexualität ist keine Sünde», sagt Susanne Birke am Anfang des Gesprächs. Am Handgelenk trägt sie eine Uhr in Regenbogenfarben. Das gleichnamige Pastoral entstand vor rund fünf Jahren, durch die Initiative Birkes. Seit 2002 arbeitet sie bei der Aargauer Landeskirche in verschiedenen Positionen, inzwischen beim Fachbereich Frauen und Gender der Bildung und Propstei. «Im Rahmen dieser Arbeit ist ein anderer Themenbereich entstanden – die Gendervielfalt und der explizite Einbezug sexueller und geschlechtlicher Minderheiten.»

Zwei Bischöfe, zwei Haltungen

Susanne Birke bewegt sich selbst in der Schnittstelle zwischen der LSBTI-Community, das sind Personengruppen, die lesbisch oder schwul, bi-, trans-, oder intersexuell sind, und der Kirche. So habe sie schnell bemerkt, dass es offene Fragen von beiden Seiten gebe. «Ich dachte, man muss auch im Bereich LSBTI etwas anbieten und bin damit bei der Landeskirche und der Bistumsleitung auf offene Ohren gestossen.» Bischof Felix Gmür habe aus Eigeninitiative und nicht aus der Defensive reagieren wollen.

Im Bistum Chur hätte Birkes Idee wohl keinen Anklang gefunden. Der dortige Bischof Huonder sorgte 2015 für einen Skandal. Bei einer Rede in Fulda zitierte Huonder Stellen aus dem Buch Levitikus 20,13: «Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft. Ihr Blut soll auf sie kommen.»

Huonder sagte auch, die Bibelstellen allein würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben. Darauf hagelte es Kritik, Huonder entschuldigte sich. Er habe mit den Bibelstellen keine Handlungsanweisung für die Kirche ausdrücken wollen. «Ich wollte zeigen, dass es in Levitikus eine drastische Ablehnung homosexueller Handlungen gibt, und dass wir uns als Christen dessen bewusst sein müssen», so Huonder in seiner Stellungnahme.

Etwas Hoffnung dank Franziskus

Susanne Birke weiss um den riesigen Gegensatz der beiden Bistümer. Sie sagt: «Dazwischen liegen Welten. Laut Bischof Huonder dürfte ich nicht mal die Eucharistie besuchen.» Für sie ist die Bistumsleitung der entscheidende Grund, warum sich das eine Bistum öffnet und das andere am liebsten einen Schritt zurück ins Mittelalter machen würde. «Die Linie des Bistums Chur ist abweichend von dem, was die Basis will», sagt sie. «In Chur orientiert man sich mehr an der den konservativen Kreisen der Kurie, weniger an der pastoralen Öffnung von Papst Franziskus.»

Die beiden letzten Päpste hätten der Öffnungsbewegung nicht gutgetan. «Davor waren viele Nationen auf einem guten Weg, wurden aber dann von Rom zurück ins Konservative gedrängt.» Mit der Wahl von Papst Franziskus sei ihre Hoffnung für eine offene Kirche grösser geworden. «Aber auch Franziskus’ Haltung ist schwankend», so Birke. «Handlungen, die mehr Offenheit zeigen, stehen diskriminierenden Aussagen gegenüber. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.»

Birkes Arbeit im Aargauer Regenbogenpastoral umfasst mehrere Gebiete, sie setzt sich hauptsächlich aus Segensfeiern und Erwachsenenbildung sowie der Seelsorge zusammen. «Die Segensfeiern sind eigentlich wie Gottesdienste mit Gebeten, Gesang und Impulsen», sagt Birke. Speziell sei, dass Gäste aus der LSBTI-Community eingeladen werden. «Aufgetreten ist zum Beispiel eine Transfrau, die von ihrem Weg erzählte oder ein geflüchteter homosexueller Nigerianer, der über die abwertende Haltung der Kirche in seinem Heimatland berichtete. Dieses Jahr haben wir eine Regenbogenfamilie eingeladen – sprich zwei Mütter und ihre Tochter.»

Was die Menschen brauchen

Damit wolle man zeigen, dass man sich trotz Zugehörigkeit zur LSBTI-Gruppe auch in der römisch-katholischen Kirche engagieren kann. «Wir wollen alle Menschen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben, willkommen heissen, für sie da sein und hören, welche Bedürfnisse sie haben.» Was die Menschen brauchen, sei sehr individuell, so Birke. «Manchmal kommen Angehörige zu mir, die damit ringen, dass sich ein Freund oder Familienmitglied geoutet hat.»

Es sind aber nicht nur Angehörige, sondern auch direkt Betroffene, die sich an Birke wenden: «Manche erzählen, dass man für sie gebetet hat, um sie von ihrer sexuellen Orientierung zu heilen. Wir wissen, dass das nicht funktioniert. Aber die betroffenen Menschen kann das in Abgründe stürzen.» Die Betroffenen fingen an, sich Vorwürfe zu machen: «Sie denken, jetzt wird das alles für mich gemacht, aber ich bin immer noch falsch und passe immer noch nicht ins Bild.»

Ähnlich kann es Menschen gehen, die nicht den klassischen Vorstellungen von Mann und Frauen entsprechen – sei es körperlich oder durch ihr Auftreten. In solchen Situationen beruft sich Birke auf Genesis 1,27. Dort heisst es: «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.»

«Die traditionelle Deutung ging bisher ausschliesslich von Mann und Frau aus. Aber das ist nur eine Deutung des Textes, nur eine Position des kirchlichen Spektrums und nur eine Art, die Bibel zu lesen», sagt Susanne Birke. Sie mache den Menschen klar: «Es ist okay, wie du bist. Und das steht einer christlichen Lebensweise nicht im Weg.»

«Ich blieb wegen den Menschen»

Susanne Birke wuchs in Deutschland auf, kommt aus einer Familie, in der die Religion kaum eine Rolle gespielt hat: «Meine Mutter war engagierte Frauenrechtlerin, der Vatikan war für sie ein rotes Tuch.» Im Teenageralter begann Birke aber, die Bibel zu lesen: «Ich entdeckte meine religiöse Seite.»

Sie engagierte sich bei der Jugendarbeit, wo sie sich geborgen fühlte. Dort realisierte sie, dass ihr Glauben später auch Teil ihres Berufslebens werden soll. «Meine Eltern haben mich damals gefragt, ob ich mir denn wirklich sicher sei, Theologin werden zu wollen. Sie hatten Angst, dass ich mich damit unglücklich mache. Und wenn man die römisch-katholische Kirche als Ganzes anschaut, hatten sie mit ihrer Angst vielleicht gar nicht so unrecht.»

Sie sagt selbst: «Dass die Kirche auch einen sehr unguten Einfluss nehmen kann, kann man nicht leugnen.» Es gab Phasen in Birkes Leben, in denen sie dachte: «Nicht mehr mit der katholischen Kirche.» Trotzdem blieb sie. Warum? «Wegen den Menschen um mich herum und den Traditionen, mit denen ich mich verbunden fühle. Dieses Gefühl war bis jetzt immer stärker als der Ärger über irgendeine Verlautbarung aus Rom.»

«Ich bete auch für euch»

Birke sagt, sie liebe ihren Beruf und sei dankbar, dass die römisch-katholische Landeskirche und das Bistum Basel sie unterstützten. «In Deutschland hätte ich keine Stelle bekommen.» Im Aargau erlebe sie ein modernes Klima. «Wo, wenn nicht hier, sollen wir einen Schritt in die richtige Richtung machen?», sagt sie.

Vom Bistum Basel soll bald eine Grundlage für die Segnung homosexueller Paare erstellt werden. Trotz des Erfolgs sagt sie: «Wir haben noch viele Ziele, bewegen uns aber in einem unglaublichen Spannungsfeld. In der römisch-katholischen Kirche sind extreme und liberale Positionen unter einem Dach zusammen – und das führt zu Auseinandersetzungen.»

Diese bekommt auch Susanne Birke zu spüren. «Ich bekam Briefe, in denen stand, dass ich in anderen Ländern ausgepeitscht würde. Oder Leute, die sagten, sie würden für mich beten.» Der Seelsorgerin huscht ein Lächeln übers Gesicht: «Da habe ich geantwortet: ‹Ich bete auch für euch›».