Doole Andrew 120Es ist eine eigentümliche Frage. Trotzdem ist sie es wert gestellt und offen - im mehrfachen Sinn des Wortes - beantwortet zu werden. Das Internetportal feinschwarz.net hat dies bereits 2016 getan.

Solche Antworten befreien von einengenden Vorstellungen, die im Hinterkopf doch mehr als angenommen den Blick einengen oder trüben.

Wie sah Jesus aus?

„Personal Jesus“ sangen Depeche Mode – jede und jeder hat sein und ihr eigenes Jesusbild. Wie aber sah Jesus selbst ‚wirklich‘ aus? Der Neutestamentler Andrew Doole (Innsbruck) entführt auf eine spannende Spurensuche…

Jede(r) weiß, wie Jesus aussieht. Er ist nicht nur die am häufigsten gemalte Person der westlichen Kunstgeschichte, sondern wird auch immer wieder in Wolken, Toastbrot oder Tacos entdeckt. In modernen Kinderbibeln taucht er auf, ein weißer Mann mit wunderschönen langen Haaren, hellweißem Gewand und strahlenden blauen Augen, meist umgeben von verschiedenen Kindern aus allen Kontinenten. Er hat fast immer einen Bart, doch keinen großen, sondern einen perfekt gepflegten. Reicht es, wenn wir uns den irdischen Galiläer vorstellen möchten, bloß den Heiligenschein wegzudenken?

Dieser Jesus verdankt sein Aussehen der byzantinischen Kunst. Als König des Erdenreiches ist Jesus ein junger Zeus und verdient daher einen Bart und langes Haar als Zeichen seiner Ewigkeit. Er sitzt auf dem Thron von einer langen, goldenen Robe umhüllt. Frühere künstlerische Darstellungen Jesu waren jedoch etwas anders. In einer Zeichnung aus Dura-Europos im Zweistromland steht Jesus am Ufer des Sees Genezareth (siehe Bild). Obwohl die Figur klein und unklar bleibt, ist zu merken, dass lange Haare und ein sichtbarer Bart fehlen. Darüber hinaus sieht man seine Beine; sein Rock reicht nur bis zu den Knien. In den römischen Katakomben ist die Abbildung ähnlich: der typisch römische Eindruck eines jungen Mannes.

Frühchristliche Schriften sprechen nicht sehr oft über das Aussehen Jesu. Das ist besonders merkwürdig, da die Evangelien der griechisch-römischen Literaturgattung des „Bios“ am ehesten ähneln sollen. Vieles wird über Jesus erzählt, wenig aber über sein Aussehen. Spätere Christen wie Justin und Tertullian nahmen Bezug auf Jes 53,2b („Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten.“) und schlossen daraus, Gottes Sohn sei kein auffälliger Typ gewesen. Origenes und Hieronymus andererseits lasen Ps 45,3 („Du bist schöner als andere Menschen, Anmut ist ausgegossen über deine Lippen; darum hat Gott dich gesegnet für ewig.“) und behaupteten, Jesus müsse besonders schön ausgesehen haben. Schriftliche Beschreibungen aus dem Mittelalter tendieren zu dem Schönheitsideal eines zeitgenössischen Europäers (blauäugig, groß, goldene Locken, ohne Flecken oder Falten), was Jesus heraushebt aus der Gruppe von klischeebelasteten schwarzbärtigen, dunkelhäutigen Juden (siehe den sogenannten Brief des Pilatus an Kaiser Tiberius).

Solche Vielfalt und Kreativität ist eben deswegen möglich, weil es ein konkretes Porträt Jesu von Anfang an nicht gab. Doch die Texte des Neuen Testaments und seines Umfelds geben einige Hinweise, denen man wohl folgen könnte, um die Frage nach dem Aussehen des historischen Jesu zu beantworten. Die drei Aspekte, die ich hier entfalten möchte, lassen sich subsumieren unter den Stichwörtern: Kopf, Kleidung und Körper.

Ist es denkbar, dass Jesus lange Haare und einen Bart hatte? Es ist auf jeden Fall möglich. Aber ein solches Gesicht würde man wohl eher bei Johannes dem Täufer erwarten. Da von ihm berichtet wird, er wohne in der Wüste, stellt man sich einen ungekämmten Wilden vor (wir lesen vom Täufer jedoch nur, dass er Kamelhaare und einen Ledergürtel trug, Mk 1,5). In den Evangelien wird von einer Gegenüberstellung des Täufers mit Jesus erzählt (Mk 2,18; Mt 11,18), während Gerüchte, Jesus sei der auferstandene Täufer, eher unter Leuten entstehen, die Jesus anscheinend nicht begegnet sind (Mk 6,4). In der Antike waren langes Haar und ein Bart eher ungewöhnlich, das Kennzeichen eines griechischen Philosophen (so Epiktet, Lehrgespräche, 4.8; vgl. Dio Chrysostom, Lobrede an Haare) oder im jüdischen Kontext das Merkmal eines vorläufigen Nazoriteneides (Apg 18,18; 21,24). Während es möglich bleibt, Jesus als Peripatetiker zu verstehen, ist es eher bemerkenswert, dass er öfter bei Gastmahlen anwesend ist und dass sein Angesicht nie kommentiert wird, weder mit Bezug auf Frömmigkeit noch auf Verwilderung. Er scheint normal ausgesehen zu haben. Der durchschnittliche Bürger oder Untertan sah aus wie alle anderen im römischen Weltreich. Daher war es schwierig, zwischen Juden und Nicht-Juden zu unterscheiden. Beschneidung war angeblich das einzige „sichtbare“ Merkmal eines Juden; daher versuchen die „Verräter“ sie durch Epispasmos rückgängig zu machen (1 Makk 1,15). Die Ähnlichkeit unter Galiläern scheint auch im Garten Gethsemane eine Rolle zu spielen, da es – zwar im Dunkeln – unmöglich scheint, Jesus ohne Hilfe zu identifizieren (Mk 14,44).

Insofern ist es wahrscheinlicher, dass Jesus keine langen Haare hatte. Doch das letzte Wort dazu gehört einem Christen aus dem ersten Jahrhundert. Denn Paulus, der sich in der antiken Welt ganz gut auszukennen scheint, schreibt an die Korinther und fragt – rhetorisch – „Lehrt euch nicht selbst die Natur, dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist?“ (1 Kor 11,14). Wieviel Paulus vom irdischen Jesus erfahren hat, sei dahingestellt. Hier ist wichtig, dass Paulus davon ausgehen darf, was die Christen in Korinth schon wissen: ein guter Mann hat kurze Haare. Ein solcher Ausspruch wäre kaum möglich, hätte man damals das unsrige Jesusbild geteilt.

Bevor es den Anzug oder den Smoking gab, hat man ein chitōn und darüber ein himation getragen. Bei Männern war das Untergewand kürzer als bei Frauen, so dass es zu ein gender-bending Akt war, wenn sich Thekla männlich kleidet (Taten der Thekla 9). Jesus hat sicherlich auch ein Obergewand getragen, denn genau dies will die blutende Frau berühren (Mk 5,27‒28) und es soll unter den Soldaten geteilt werden (Joh 19,23).

Auch zu diesem Thema lässt sich etwas aus den Texten schließen. Denn der Jesus der kanonischen Evangelien ist kritisch gegenüber denen, die lange Roben tragen (Mk 12,38) und große Quasten pflegen (Mt 23,5). Vom jüdischen Historiker Josephus lernen wir, dass gefärbte Kleider als feminin galten (Josephus, De Bello Judaico, 4.9.10), und weiße Kleider als Kennzeichen der „Essener“ (ebd., 2.8.3). Jesus stand angeblich nie unter dem Verdacht, besonders weiblich oder besonders fromm zu sein. Doch sein Gewand wird einmal genauer kommentiert, indem es auf einem Berg plötzlich glänzend wird, „sehr weiß, so wie kein Walker auf der Erde weiß machen kann“ (Mk 9,3). Das heißt sicherlich, dass seine Kleidung sonst alltäglich nicht so weiß war, sondern eher ungefärbt und ungebleicht.

Die Kleidung Jesu war nichts anderes als die Kleidung jedes anderen Mannes in der Antike. Auch der Sohn Gottes trägt bescheidene Sandalen (Mk 1,7).

Manchmal wird der gekreuzigte Christus äußerst mager dargestellt, als ob er monatelang gehungert hätte. Das geschieht, um seine Verlassenheit und sein Leiden zu betonen. Dagegen wird Jesus vorgeworfen, er sei „ein Fresser und ein Weinsäufer“ (Lk 7,34). Hingerichtet wird er dann während des Pessachfestes, nachdem er am Vorabend mit seinen Freunden vermutlich gut gegessen hatte. Von einem längeren Fasten ist nur am Anfang seiner Tätigkeit die Rede (Mt 4,2); seine Jünger dürfen nicht fasten (Mt 9,14‒15); seine Lehre betont, dass man keine große Show aus dem eigenen Fasten machen soll (Mt 6,16‒18). In Galiläa scheint Jesus gut versorgt zu sein (Lk 8,3b); Essen und Trinken war nie ein Problem (Mk 8,19; Lk 5,6; Joh 4,15). Von einem tödlich-mageren Jesus kann nicht die Rede sein.

Der christliche Prophet Johannes empfängt eines Sonntags eine Vision. Er hört zunächst einmal eine Stimme, und muss sich dann umdrehen, um den Sprecher zu sehen: „einen, gleich einem Menschensohn, bekleidet mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewand, und an der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel, sein Haupt aber und die Haare waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine Füße gleich glänzendem Erz, als glühten sie im Ofen, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser, und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne, und aus seinem Mund ging ein zweischneidiges, scharfes Schwert hervor, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft.“ (Offb 1,13‒16).

Der vorösterliche Jesus dürfte nicht wie dieser erhöhte ausgesehen haben. Das hätte eine deutlichere Reaktion vonseiten der Pharisäern und Schriftgelehrten ergeben. Aber auch die irdischen Erscheinungen Jesu nach seinem Tod sind mit Blick darauf merkwürdig, dass er nicht erkennbar ist. Weder Maria Magdalena (Joh 20,14‒15), noch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13‒32), noch Thomas (Joh 20,19‒29) erkennen Jesus nach seiner Auferstehung. Sehr früh gab es also die Idee, der Auferstandene sehe anders aus als der Galiläer. In diesen Erzählungen gibt es aber noch immer nichts Auffälliges an Jesus: er könnte wohl auch ein Gärtner sein oder ein Pilger oder ein Nichtgekreuzigter. Das heißt, Jesus sieht immer noch aus wie ein normaler Mensch.

Es wird in den Evangelien berichtet, wie Leute von überallher zu Jesus kommen, um Heilung für sich oder für ihre Geliebten zu bitten. Daher wäre es wohl leichter, wenn Jesus deutlich erkennbar wäre. Es gibt aber nichts, was zeigt, dass Leute, denen Jesus zufällig begegnet ist, ihn für bemerkenswert hielten. Auch die Szene am Brunnen (Joh 4,3‒9), die an den Anfang einer Liebesgeschichte erinnert, legt keinen Wert auf Jesu Aussehen. Die kreative Auslegung des Hieronymus ist nötig, an der Berufung der ersten Jünger (Mk 1,16‒20) eine sichtbare Auffälligkeit des Berufenden zu postulieren. Die Hinweise in frühchristlichen Texten deuten eher darauf hin, dass Jesus nicht merkwürdig (Mk 14,44) und nicht göttlich (Joh 6,42) aussah. Durch sein Aussehen war nicht ersichtlich, ob er der Messias ist (Mt 11,3).

Jesus hätten Sie wohl auf der Straße verpasst. Nur die Lenkung der Aufmerksamkeit einer Gruppe hätte Ihnen verraten, hier sei etwas Sonderbares. Die Wirkungsgeschichte und die Kunstgeschichte spiegeln Auslegungen wider, die gar nicht nötig sind. Jesus sah damals in Galiläa „normal“ aus. Wie der himmlische Jesus aussieht, dürfen wir noch nicht wissen.


Zum Autor:

Andrew Doole wurde 1984 in Belfast, Nordirland, geboren, studierte von 2004 bis 2007 Theologie an der Universität in Oxford, absolvierte von 2007 bis 2011 ein Doktoratsstudium an der Philipps-Universität, Marburg, im Fachgebiet Neues Testament und dissertierte 2013 zum Dr. theol. cum laude mit der Dissertation „What was Mark for Matthew? An examination of Matthew's relationship and attitude to his primary source”.

Seit Juli 2015 ist Doole Universitätsassistent am Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie der Universität Innsbruck. Die Forschungsgebiete des gebürtigen Nordiren sind unter anderem Fragen zu Geschlecht und Gender, „JüngerInnen in apokrypher Literatur“ und Humor in den Evangelien.