Renoldner Severin 120Über Grundvertrauen und Nachhaltigkeit in der katholischen Soziallehre sprach der Linzer Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung Severin Renoldner mit Christine Grüll. Das Interview wurde in der Kirchenzeitung der Diözese Linz Nr. 33, vom 16. August 2018 veröffentlicht.

Wegen seiner Kürze und Prägnanz sowie seiner Bedeutung bei der Beurteilung der gegenwärtigen Politik veröffentlicht das Netzwerk: zeitgemäß glauben das Interview samt einigen Zusätzen.

"In der Politik geht es darum, Solidarität zu erzeugen"

Die katholische Soziallehre wird zurzeit gerne angerufen, wenn es um die Arbeit der Bundesregierung geht. Was aber macht die Soziallehre aus? Ein Gespräch mit dem Sozialethiker Severin Renoldner.

 

Welche Bedeutung hat die katholische Soziallehre für die heutige Gesellschaft ?

DDr. Severin Renoldner: Inhaltlich betrachtet entspricht die katholische Soziallehre dem, was man als Zusammenfassung von Papst Franziskus' Umwelt-Enzyklika,,Laudato si" sagen kann: Die Menschheit, insbesondere die westliche Welt und allen voran die Christinnen und Christen, ist herausgefordert, etwas zu tun, damit das Leben in der nächsten Generation auf der Erde möglich bleibt. Zwei Dinge müssen dafür getan werden: Zum einen müssen Wirtschaft und Politik neu organisiert werden, damit zum Beispiel der Ausstoß von CO, und Methan - Kohle, Öl und Gas - drastisch reduziert wird.

Das andere ist: Es muss weltweit zu einer sozialeren Verteilungspolitik kommen, die die Voraussetzung dafür ist, dass Milliarden Menschen nachhaltig leben können. Papst Franziskus sagt, es sind ausreichend Ressourcen auf der Welt für alle verfügbar, wenn wir nachhaltig wirtschaften. Das verlangt einen radikalen Umbau der Wegwerfwirtschaft hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Reiche Länder wie Österreich müssen Vorleistungen erbringen. Es wäre ungerecht, zu sagen: wir wollen Auto fahren, aber die Menschen in China oder Afuika dürfen das nicht, weil es ökologisch nicht verkraftbar wäre. Um überleben zu können, brauchen wir eine Neuentwicklung der Wirtschaft.

Sehen Sie diese Ansätze in der Politik?

Renoldner: Unsere gegenwärtige Politik tut das Gegenteil. Tempo 140 auf Autobahnen ist eine Kleinigkeit, aber sie symbolisiert, dass sie Nachhaltigkeit nicht ernst nimmt. Die Soziallehre sagt zum Beispiel: Du musst zuerst dem Menschen eine Existenz ermöglichen und dann darauf vertrauen, dass er etwas Positives fur die Gesellschaft leistet. Die heutige Politik geht davon aus, dass die Menschen nur ausnützen wollen. Vor allem Asylwerbende werden in der öffentlichen Propaganda so dargestellt. Die Kürzung von sozialen Leistungen richtet sich in hohem Maß gegen die eigene Bevölkerung. Sie betrifft besonders Mehrkindfamilien, Alleinerziehende oder von einem Unfall Betroffene, Arbeitslose und Mindestpensionistinnen. Wer heute gesund ist und gut verdient, kann morgen schon einen Unfall haben, sich scheiden lassen oder die Arbeit verlieren. Dann betrifft es auch mich! Ausländerfeindlichkeit zeigt, dass man das Grundvertrauen in den Menschen verliert. Fremdenhass oder Nationalismus in Europa ist nur die Oberfläche, dahinter steht Menschenverachtung. Sie schädigt Wirtschaft und Gerechtigkeit!

Auch der Oberösterreichische Arbeitnehmer/innen-Bund, die Fraktion Christlicher Gewerkschafter oder der ehemalige ÖVP-Spitzenpolitiker Franz Fischler sehen die katholische Soziallehre gegenwärtig missachtet. Kritisiert wird auch, dass die Sozialpartnerschaft infrage gestellt wird. Ist die Kritik gerechtfertigt?

Renoldner: Die katholische Sozialethik lehrt, dass es in der Politik darum geht, Solidarität zu erzeugen. Man muss Menschen ermutigen, gemeinschaftsfähig zu werden, eventuell auch, auf etwas verzichten oder teilen zu können. Das historische Vorbild dafür ist die Sozialpartnerschaft: vor dem Zweiten Weltkrieg waren Unternehmer und Arbeitnehmer, Christlichsoziale und Sozialdemokraten bis zum Bürgerkrieg verfeindet. Nach dem Krieg haben sie sich in Form der Sozialpartnerschaft zu einer Verhandlungskultur durchgerungen. Diese nimmt den Interessenskonflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zur Kenntnis, aber sie versucht, ihn im Sinne von ,,Leben und leben lassen" mittels Kompromissen zu lösen. Heute wird die Sozialpartnerschaft - nicht zum ersten Mal – von der Regierung infrage gestellt. Aber eigentlich bräuchten wir eine Sozialpartnerschaft, die die ökologische Frage miteinbezieht. Man müsste im Sinn von ,,Laudato si" die Sozialpartnerschaft auf Nachhaltigkeit ausdehnen. Die Herausforderung ist, um als Menschheit überleben zu können, einen politischen Plan zu machen und zu ermutigen, dass es geht.

DDr. Severin Renoldner ist Professor u. a. für Sozialethik an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und Mitglied der Sozialkommission der europäischen katholischen Bischöfe. KIZ


Das Interview führte Christine Grüll. Sie hat auch nachstehende Zusammenfassung der katholischen Soziallehre verfasst.


Schwerpunkte der katholischen Soziallehre

Die katholische Soziallehre ist aktuell ein häufiges Thema in Medienberichten, Interviews und Kommentaren. Ein Grund, ihre Schwerpunkte kurz darzustellen:

Die katholische Soziallehre versteht sich als ethisches Ordnungssystem für die Gestaltung einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Sie richtet sich an alle Menschen, ob mit oder ohne Glaubensbekenntnis. Seit mehr. als einem Jahrhundert bietet die Soziallehre keine fertigen Problemlösungen, sondern Grundsätze an, die einen Handlungsspielraum für die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens lassen, das von ethischen Grundüberzeugungen geleitet ist.

Im Vordergrund steht der Mensch in seiner Einmaligkeit und Individualität, der sein Leben eigenverantwortlich gestalten kann. Jeder Mensch besitzt Würde, unabhängig von Rasse, Geschlecht oder sozialer Herkunft. Der einzelne Mensch oder eine kleinere Gruppe haben das Recht und die Pflicht, jenen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, den sie eigenverantwortlich leisten können. Erst wenn eine Aufgabe das zumutbare Maß übersteigt, hilft die je größere Gemeinschaft (Subsidiaritätsprinzip). Die einzelne Person ist für das Wohlergehen ihres Mitmenschen genauso verantwortlich wie für das Wohl der Gesamtheit. Umgekehrt trägt die Gesellschaft Verantwortung gegenüber den einzelnen Mitgliedern: Jeder Mensch hat das Recht auf Hilfe, wenn er seine Chancen nicht wahrnehmen kann (Solidaritätsprinzip). Neben den Einzelinteressen ist immer auch das Ganze, das Gemeinwohl, in den Blick zu nehmen. Wie sozial eine Gesellschaft tatsächlich ist, misst sich an der Lebenssituation armer Menschen („Option für die Armen“). Seit Ende des 20. Jahrhunderts gewinnt das Prinzip ,,Nachhaltigkeit" an Bedeutung, d. h. mit den Ressourcen der Erde so umzugehen, dass auch zukünftige Generationen auf ihr gut leben können. C. G.


Zu Prof. Renoldner:

Schwerpunkt in Lehre und Forschung: Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung

Persönlicher Leitspruch: "Der Weg ist das Ziel!" (Mahatma Gandhi).

Anliegen in der Lehre: Ethisch gutes Handeln und Leben verlangt nicht den perfekten Menschen, der immer alles richtig macht, sondern die Intention, das eigene Leben in eine sinnvolle Richtung zu stellen, das eigene und fremde Handeln kritisch zu durchschauen, gesellschaftliche, kulturelle, wirtschaftliche und politische Machtstrukturen zu erkennen, und sich an guten, verallgemeinerbaren Zielen auszurichten. Ethische Praxis muss sich selbst, den einzelnen Mitmenschen, die Gesamtheit der Menschen und die Ökologie in den Blick nehmen. Im Unterricht setzt dies Klarheit und Option seitens der Lehrenden voraus, Verallgemeinerbarkeit der Ziele, demokratisches und faires Bewusstsein gegenüber den Mitmenschen, beständige Selbstkorrektur und Weiterentwicklung. In den Lehrveranstaltungen untersuche ich mit den Studierenden Fragen nach verantwortungsvollem Handeln, nach dem Durchschauen gesellschaftlicher Machtstrukturen, nach Ethik in Ökonomie und Politik, nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung von Ökologie/Schöpfung. Wir suchen nach Übersicht in der pluralistischen Gesellschaft, in der komplexen modernen Welt, in der Globalisierung. Wir befassen uns mit der Frage, was gut und was schlecht ist, der Suche nach dem "guten Leben" für Kinder, Jugendliche, für die Gesellschaft und uns selbst, sowie mit der Begründung ethischer Normen, mit Demokratietheorie, auch mit der Untersuchung politischer Systeme und internationalen Fragen.


Der Vorarlberger Priester Helmut Rohner schrieb dazu nachstehenden Leserbrief:

Falsches Menschenbild

Nach dem Urteil des Linzer Sozialethikers Severin Renoldner ist die aktuelle Regierungspolitik weder ökologisch noch sozial oder am Gemeinwohl orientiert. Sie gehe von einem falschen, weil negativen Menschenbild aus, so als würden die Menschen nur andere ausnützen wollen. Besonders Asylbewerbende würden in der öffentlichen Propaganda so dargestellt. Ausländerfeindlichkeit zeige „dass man das Grundvertrauen in den Menschen verliert.“ „Fremdenhass und Nationalismus in Europa ist nur die Oberfläche, dahinter steht Menschenverachtung. Sie schädigt Wirtschaft und Gerechtigkeit.“ Die Politik sollte die Menschen „ermutigen, gemeinschaftsfähig zu werden, eventuell auch auf etwas verzichten oder teilen zu können.“ Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung: Weg von der Wegwerfwirtschaft hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Und zweitens weltweit eine sozialere Verteilungspolitik. Christen so wie Nichtchristen sollen etwas tun, dass Leben auch in der nächsten Generation auf der Erde möglich bleibt. Diese Überlegungen von Renoldner sollten uns allen und besonders den Regierenden Politikern zu denken geben und uns helfen, unsere Einstellung zu den Menschen positiv zu verändern.

Helmut Rohner, Bahnhofstr. 18, Dornbirn