hurka fact.5232568 120Die zahllosen Übergriffe an Kinder und Frauen sind ein Verbrechen. Dort wo sie von Priestern verübt wurden, sind sie mehrfache Verletzungen eines Grundvertrauens zwischen Menschen. Die weltweite Verbreitung dieser Verbrechen verlangt von der Kirchenleitung mehr als Anerkennung, Entschuldigung und Geld. Die strukturellen Vorkehrungen, die solche Taten verhindern oder zumindest einschränken könnten werden nur sehr zögerlich und zurückhaltend ins Auge gefasst. Nur wenige werden tatsächlich in die Tat gesetzt. Hier braucht es mehr offensive Veränderungen in den Strukturen und im Zusammenleben aller Glieder der Kirche.

Die Kirche muss mehr gegen Übergriffe tun!

Es reicht! Viele Menschen wollen nichts mehr hören von so grauslichen Geschichten in denen Kinder von Priestern mit sexueller Gewalt ausgenützt und ihr Leben kaputt gemacht wird. „Scham und Trauer“, Entschuldigung und Geld für die Opfer sind zu wenig, um dem Problem ernsthaft die Stirn zu bieten. Wo bleiben strukturelle Reformschritte?

Sexuelle Übergriffe von Priestern an zum Schutz anvertrauter Kinder sind aus den USA, Australien, Afrika, Chile, Rom, Österreich, Deutschland, Irland usw. bekannt. Das ist ein weltweites Problem. Solche Übergriffe gibt es auch außerhalb kirchlicher Strukturen. In Familien, staatlichen Heimen, bei Sportklubs usw. Dadurch wird das Problem der Kirche aber nicht kleiner.

Oft zeigt sich ein ähnliches Szenario. Priester, in einer religiös begründeten und strukturell gestalteten Machtposition werden zumeist gegenüber Kindern oder Frauen übergriffig. Scheinreligiöse Riten oder Beichtgespräche werden ausgenützt. Aus Indien wurde bekannt, dass von Priestern das Beichtgeheimnis missbraucht wurde und sexuelle Erpressung entstand.

Die Opfer kommen auch aus sozial deklassierten, dem Klerus ergebenen oder sogar von ihm abhängigen Familien. Damit steigert sich die Tat zu einem mehrfachen Machtmissbrauch.

Bei uns wird die Problematik seit 2010 ernst genommen. Klaus Mertes hatte in Deutschland die Vorkommnisse öffentlich angesprochen. Danach wurde Leugnen und Verschweigen auch in Österreich durchbrochen. Es brauchte eine breite Öffentlichkeit um auch die Kirchenleitung zum Handeln zu bewegen. Ereignisse um Kardinal Hermann Groer, 15 Jahre zuvor, reichten nicht aus.

Kardinal Christoph Schönborn, der die Causa Groer noch als Verleumdung der Kirche bezeichnete, feierte über Anregung Ende März 2010 einen Bußgottesdienst. Tage darauf wurde Waltraud Klasnic als Opferbeauftragte für kirchliche Missbrauchsfälle vorgestellt. Die von ihr geleitete Opferschutzkommission fand bisher mehr als 1.800 Opfergeschichten glaubhaft. Die Kirche zahlte mehr als 25 Mio. €. Bis heute gilt das als vorbildlich.

Das ist gut für die individuellen Opfer. Sie werden einzeln gehört, bekommen Hilfe und einen symbolischen, finanziellen Geldbetrag. Strukturell hat die Kirche in Österreich eine neue Rahmenordnung im Umgang mit Missbrauch und Gewalt in der Kirche erlassen und Schulungen zu Nähe und Distanz eingerichtet. Zudem stellte sie Geld für Opferstudien zur Verfügung.

Die Kirche beteuert, bei der Aufnahme von Priesteramtskandidaten „genauer hinzuschauen“. Der Vatikan hat den Auftrag erteilt, alle Fälle von Machtmissbrauch zu melden und eine Gerichtsbarkeit für Täter eingerichtet. Das reicht aber nicht aus, um die Wurzeln der Taten zu enttarnen.

Wo sind die Studien die erforschen, wodurch Menschen zu solchen Neigungen tendieren und woran können sie im Vorfeld erkannt werden? Wo ist eine objektive Bewertung des Zölibats bei diesen Taten? Wo sind die strukturellen Vorkehrungen, um solche Vorfälle auszuschließen?

Bei all dem geht es nicht nur um den kleinen Landpfarrer oder verschrobenen Ordensmann. Immer öfter sind höchste „Würdenträger“ mit solchen Vorwürfen befleckt. So muss sich der bisherige Finanzchef des Vatikans, der australische Kurienkardinal George Pell, wegen solcher Vorwürfe vor Gericht verantworten. Ein Priester der US-Diözese Albany hat Vorwürfe gegen Kardinal Theodore E. McCarrick, den ehemaligen Erzbischof von Washington, aufgrund eigener Erfahrungen bestätigt. Franziskus hat den wegen Missbrauchsvertuschung verurteilten Erzbischof Philip Wilson im australischen Adelaide entlassen. Die chilenische Justiz ermittelt derzeit gegen 158 Bischöfe, Priester und Laien in 144 mutmaßlichen Missbrauchsfällen.

Amerikanische Nonnen haben ihre Schwestern aufgefordert, jeden sexuellen Missbrauch durch Geistliche zu melden. In Chile fordert die Laien-Organisation "Laicos de Osorno" den Rücktritt von Kardinal Ricardo Ezzati (76) als Erzbischof von Santiago. Führende katholische Persönlichkeiten in Indien appellieren in einem Brief an Franziskus, den unter Vergewaltigungsverdacht stehenden Bischof Franco Mulakkal (54) seines Amtes zu entheben. Frauen in Indien haben Positionen in kirchlichen Gremien gefordert, um gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das sind keine Kleinigkeiten. Die weltweiten Fälle zeigen, es braucht mehr als Beteuerung, Entschuldigung durch Unbeteiligte und Geld. Es braucht theologische und weitergehende strukturelle Veränderungen, die Gewaltmissbrauch erschweren.

Dort wo Priester faktisch in den Himmel gehoben werden, weil ihnen ein Leben unter der Dunstglocke des Göttlichen unterstellt wird, blüht der Klerikalismus. Dem ist – auch im Kleid scheinbarer Modernität – entschieden entgegen zu treten.

Priester aus Afrika oder den Ländern des ehemaligen Ost-Europa sind dafür anfällig. Sie kommen aus Provinzen, wo das II. Vatikanische Konzil viele Jahre totgeschwiegen wurde. Entgegen zeitgemäßer theologischer Ansätze, sehen sie die Beschädigung des Klerikalismus als Anzeichen für einen Abfall vom Glauben.

Priester, die wegen des Priestermangels häufig aus diesen Regionen geholt werden, bedürfen dringend eines zeitgemäßen theologischen Updates. In der Verkündigung muss klar sein, dass es nicht um die Unterordnung unter Priester geht, sondern um ein Leben in der Nachfolge Jesu als Gemeinde und Kirche.

Die Kirche muss zu einer offenen Gesellschaft werden, in der alle Glieder ihre Verantwortung für das Ganze mit-entscheidend leben können. Dazu braucht es die Gewaltentrennung im Kirchenrecht, Transparenz und Mitbestimmung.

Die Gemeinde ist für ihr Leben, Feiern, Verkündigen und für ein solidarisches Leben mit den ärmeren Menschen verantwortlich. Sie braucht daher Entscheidungskompetenz in Fragen der Verkündigung, beim Personal und im Finanziellen. In Gemeinschaft muss die Kirche Liebe, Gerechtigkeit und Solidarität leben.

Dienste sollen ausschließlich von jenen ausgeübt werden, die dafür geeignet sind. Ganz unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Prägung usw. Personalbesetzungen erfordern ein klares Anforderungsprofil. Wer diese Aufgabe schlussendlich wahrnimmt, sollte von einer Kommission getroffen werden, in der auch die künftigen Empfänger der Dienste vertreten sind. Bischöfe könnten in Diözesankonklaven gewählt und vom Bischof von Rom bestätigt werden.

Vorfälle vertuschen, die Täter stillschweigend versetzen und so tun, als ob es sich um Kavaliersdelikte handle dürfen nicht mehr alleine getroffen werden. Bei einem solidarischen Leben mit den Schwächeren wird es Pflicht, Missbrauchsfälle anzuzeigen.

Alles Bemühen der Kirche ist auf solche Veränderungen zu konzentrieren. Das geschieht noch viel zu wenig. Absoluten Schutz gegen sexualisierten Machtmissbrauch wird es nie gegeben. Trotzdem sollten die großen Herausforderungen endlich angegangen werden. Sie stellen Klerus und die Schar aller anderen Gläubigen vor große Herausforderungen und tiefgreifende Veränderungen. Und das ist gut so.