Purrer Guardado Ulrike 120Die junge Deutsche evangeliesche Theologin Ulrike Purrer Guardado hat kürzlich im Magazin südlink Nr. 185 einen interessanten Beitrag mit dem Titel: "Die Option für die Armen leben" geschrieben. Darin geht sie der Entstehung der Befreiungstheologie vor 50 Jahren im kolumbianischen Medellín nach, wo der lateinamerikanischen Bischofsrat (CELAM) tagte.

Die Autorin ist in Rostock geboren und war schon ab ihrem Abitur immer wieder in Mittelamerika und kennt daher das Leben dort aus erster Hand. Sie ist auch Fachperson bei der Schweizer Bethlehem Mission Immensee COMUNDO. Und sie ist natürlich in weiteren Netzwerken aktiv.

Die Option für die Armen leben

Auch 50 Jahre nach der Konferenz des lateinamerikanischen Bischofsrates in Medellín haben die pastoralen Entscheidungen von damals nicht an Gültigkeit verloren. Von Ulrike Purrer Guardado

1968 begehrten nicht nur Student*innen in vielen Teilen der Welt auf. Auch in der katholischen Kirche standen die Zeichen auf Veränderung. Sinnbildlich dafür steht die Konferenz des lateinamerikanischen Bischofsrates in Medellín mit ihrer »Option für die Armen«, der Geburtsstunde der Theologie der Befreiung. In Kolumbien selbst hatte sie stets einen schweren Stand, wird aber in einem Zentrum marginalisierter Jugendlicher in der Stadt Tumaco mit Leben gefüllt.

Vom 26. August bis 7. September 1968 fand die 2. Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) im kolumbianischen Medellín statt. Mit der richtungsweisenden »Option für die Armen« verschrieben sich ihre Teilnehmer einer befreienden Theologie und Kirche, die weit über ihre kontinentalen und konfessionellen Grenzen hinaus bis heute unzählige Christ*innen in ihrem Glauben und gesellschaftspolitischen Engagement zu inspirieren vermag. Wegbereiter der bahnbrechenden Konferenz von Medellín waren die kirchlichen Reformen des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65) sowie die Sozialenzyklika »Populorum progressio« (1967) von Papst Paul VI., in der er die Überwindung der wirtschaftlichen Gegensätze zwischen armen und reichen Ländern als Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden herausarbeitete. Paul VI. war es dann auch, der die 2. Generalversammlung des CELAM am 24. August 1968 in Medellín eröffnete und damit die Umsetzung des 2. Vatikanischen Konzils auf dem lateinamerikanischen Kontinent anstoßen wollte. Er ahnte nicht, dass die 247 Teilnehmer der Konferenz – größtenteils Bischöfe, aber auch Ordensleute, Laiendelegierte und elf nichtkatholische Beobachter – in einigen Punkten deutlich darüber hinausgehen würden.

Geburtsstunde der Befreiungstheologie

Mit dem Abschlussdokument von Medellín »Präsenz der Kirche in der gegenwärtigen Umwandlung Lateinamerikas im Lichte des II. Vatikanischen Konzils« legte der CELAM einen wichtigen Grundstein für die Theologie der Befreiung – eine ganz neue Art des theologischen Denkens und Handelns, das den christlichen Glauben in existenzieller Weise mit politisch wie gesellschaftlich notwendigen Veränderungsprozessen zu verbinden verstand und mit ihrer entschiedenen Parteinahme für die Armen neuen Wind in die katholische Kirche brachte.

Zwar ist es ein Irrtum zu glauben, diese »Option für die Armen« habe die Kraft besessen, die herkömmlichen Strukturen der Amtskirche wirklich radikal, also von ihren Wurzeln her zu verändern und Mehrheiten für sich zu gewinnen. Dafür war der Blick der römischen Entscheidungsträger viel zu eng und die Sorge vor einem strukturellen Machtverlust unterm Strich doch zu groß. Dennoch ist es unzähligen vermeintlich unscheinbaren Initiativen, Basisgemeinden, Ordensleuten und Laien gelungen, sich ihre befreiende Art zu glauben und zu leben nicht mehr nehmen zu lassen – trotz des eisigen Gegenwindes während der langen Ära Ratzinger-Wojtyla, der bereits 1978 mit der Wahl von Papst Johannes Paul II. einsetzte.

Es entstanden viele kirchliche und theologische Nischen, aber auch christliche Gewerkschaften, Bauernverbände und Studentenbewegungen, die sich der Forderung Medellíns nach einer neuen, prophetischen, sich und die Gesellschaft transformierenden Kirche anschlossen. Diese Opposition bildet bis in die Gegenwart hinein eine kostbare Minderheit in der mehrheitlich konservativen, klerikal und hierarchisch geprägten katholischen Kirche.

Eine neutrale Theologie gibt es nicht

Im Fokus der Befreiungstheologie stehen bis heute die Armen, die Armgemachten, die Ausgegrenzten, die sich aus paternalistischen Abhängigkeitsbeziehungen gelöst und zu Subjekten ihrer eigenen Befreiung entwickelt haben.

Ein Beispiel, wie eine befreiende Theologie aussehen kann, bietet das Centro Afro im kolumbianischen Tumaco. Hier sind die Jugendlichen die Protagonist*innen und setzen sich von ihrer afrokolumbianischen Spiritualität her, wenn auch ohne Unterstützung des Ortsbischofs, kritisch mit der extremen Gewalt, mit Prostitution, Drogenhandel, fehlenden Bildungsmöglichkeiten und der großen Armut in ihrer Region auseinandersetzen. Ihre Überzeugungen vertreten sie gewaltfrei durch Theaterstücke, Akrobatik und selbst getexteten HipHop. Darin stellen sie dem Präsidenten Kolumbiens die Systemfrage und fordern einen Strukturwandel mit einer echten Option für die Jugend, für die systematisch vernachlässigte afrokolumbianische Pazifikküste und für die Frauen. Forderungen, an denen die Jugendlichen die Glaubwürdigkeit der Regierung, aber auch ihrer Kirche messen.

Dieses Verlangen nach einer authentischen und gesellschaftsrelevanten Kirche, die sich eindeutig auf der Seite der Benachteiligten positioniert, teilen die Jugendlichen heute mit den Bischöfen von 1968. Theologisch gesprochen sind die Armen in der Theologie der Befreiung zum Obersten Gerichtshof des Reiches Gottes geworden. Eine gesellschaftlich neutrale Kirche und Theologie ist somit unmöglich. Vielmehr ist unser Verhalten gegenüber den Ausgegrenzten, den Opfern von Krieg, Vertreibung und wirtschaftlicher Ausbeutung unumkehrbar zur Messlatte christlichen Handelns geworden. Der CELAM rief bereits 1968 dazu auf, »die Rechte der Armen und Unterdrückten zu verteidigen, indem wir unsere Regierungen und Führungsschichten drängen, alles zu entfernen, was den sozialen Frieden zerstört (...) und energisch die Missbräuche und die ungerechten Konsequenzen der übermäßigen Ungleichheiten zwischen Reichen und Armen, Mächtigen und Schwachen anzuklagen.«

In Kolumbien, Gastgeberland der Bischofsversammlung von 1968 und im lateinamerikanischen Vergleich Spitzenreiter der sozialen Ungleichheit, stößt die Option für die Armen beim Klerus jedoch bis heute auf taube Ohren. Die Mehrheit der Bischöfe ist auch 50 Jahre nach Medellín nicht bereit, den Status Quo der Kirche in Frage zu stellen und stärkt damit politisch das rechtskonservative Lager. Nicht einmal im Vorfeld der Volksabstimmung über den Friedensprozess im Oktober 2016 bezog die kolumbianische Bischofskonferenz klar Stellung für den Frieden, sondern propagierte eine sehr fragwürdige Neutralität. Doch eine neutrale Theologie gibt es nicht.

Das weiß auch Papst Franziskus, der das Land im vergangenen Jahr besuchte. In seiner Begegnung mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen am 9. September 2017 ausgerechnet in Medellín fand er sehr deutliche Worte und warnte die Geistlichen vor einem selbstverschuldeten Ausverkauf, »wenn sie getrieben sind von der Suche nach persönlicher Annehmlichkeit und sozialem Aufstieg, wenn die Motivation darin liegt, eine Klasse aufzusteigen und sich an materielle Interessen zu klammern, was bis zur plumpen Gewinnsucht reicht.«

Eine Orientierung für den Glauben und das Handeln

Das Centro Afro ist für die Jugendlichen in Tumaco ein Ort, an dem ambitionierte Zukunftsträume nicht nur willkommen sind, sondern auch immer öfter in Erfüllung gehen werden. Mehr als ein Dutzend von ihnen studiert inzwischen an der Universität, obwohl sonst nur zwei Prozent der lokalen Bevölkerung ein Hochschulstudium absolviert hat. Sie wollen ihr Land verändern, in dem sie als Psycholog*innen die Opfer des bewaffneten Konflikts begleiten, als Pädagog*innen Jugendliche ausbilden oder als Sozialarbeiter*innen zu einem Frieden mit sozialer Gerechtigkeit beitragen.

Ihre Arbeitsweise im Centro Afro haben sie sich von der Befreiungstheologie abgeschaut, die wie auch im Dokument des CELAM von 1968 auf den methodischen Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln der katholischen Arbeiterjugend zurückgeht. Ausgangspunkt ist demnach nie der Glaube selbst, sondern die Lebenswirklichkeit der Menschen, die im Lichte ihrer Spiritualität analysiert wird und uns so konkrete Handlungsoptionen eröffnet. Orthodoxie (dt. richtiger Glaube) und Orthopraxie (dt. richtiges Handeln) sind zwei Seiten derselben Medaille und nicht länger ohne einander denkbar. Das betonten bereits die ersten Zeilen des Dokuments von Medellín: »Die Trennung von Glaube und Leben muss ein Ende haben. (...) Die Stunde des Wortes hat noch nicht aufgehört, aber sie hat sich mit dramatischer Dringlichkeit zur Stunde des Handelns gewandelt.«

So sind auch die Jugendlichen des Centro Afro davon überzeugt, dass sich ihr Glaube und ihr Wissen um Armut, Korruption und Gewalt in konkreten Aktionen wiederspiegeln müssen. Sie gehen auf die Straße, nehmen in ihren Liedern aktuelle Menschenrechtsverletzungen auf und überwinden auf kreative Weise die von den bewaffneten Gruppen aufoktroyierten »unsichtbaren Grenzen« zwischen benachbarten Stadtvierteln.

Die Aussagen von Medellín haben also auch nach einem halben Jahrhundert keineswegs an Gültigkeit verloren. Sie sind deutlich mehr als nur ein Dokument aus einer vergangenen Zeit. Sie spiegeln eine Lebenshaltung wieder, eine ganzheitliche Form der Spiritualität, ein alternatives Gesellschaftsmodell, das auch in Tumaco jeden Tag aufs Neue von den Jugendlichen auf die realen Herausforderungen ihrer Zeit hin befragt, aktualisiert und ergänzt wird.

Neben der offiziellen Veranstaltung des CELAM widmen sich in diesem Jubiläumsjahr etliche (auch ökumenische) Seminare, Podiumsdiskussionen und Konferenzen dieser Würdigung und Aktualisierung von Medellín. Die Jugendlichen des Centro Afro rücken im ersten Arbeitsschritt des »Sehens« neue Themen wie Migration, Landflucht, Technologie, Drogenhandel, Interkulturalität und Ökologie in den Blick. Auch die Partizipation der Frau hat 1968 noch eine untergeordnete Rolle gespielt und ist heute aus Kirche und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Das »Urteilen« darf sich im 21. Jahrhundert nicht mehr allein auf christliche oder gar katholische Kategorien beschränken, sondern muss gerade hier in Lateinamerika in einen ehrlichen und offenen Dialog mit indigenen und afroamerikanischen Kulturen treten.

Und schließlich inspiriert und verpflichtet uns Medellín bis heute auch in unserem »Handeln«, denn die von der Befreiungstheologie geforderten strukturellen Veränderungen ist auch unsere Generation den Armen, Ausgegrenzten und Verfolgten bisher schuldig geblieben.


 Zur Autorin:

Ulrike Purrer Guardado ist evangelische Theologin aus Deutschland und seit 2012 Fachperson von Comundo (www.comundo.org) und Koordinatorin des Centro Afro in Tumaco (Kolumbien)


Ulrike Purrer Guardado, wurde 1976 in Rostock geboren und siedelte mit ihrer Familie 1989 ins bayerische Königsbrunn. Nach ihrem Abitur absolvierte sie von 1997-1999 Freiwilligenarbeit mit Straßenkindern in Tijuana, Mexiko.

Von 1999-2002 studierte Purrer Guardado evang. Theologie und Hispanistik an der Universität Rostock. Ihr Studium gepaart mit Gemeindearbeit setzte sie von 2002-2004 in San Salvador, El Salvador fort. Nach 2004 setzte sie ihr Studium der evang. Theologie und Hispanistik an der Universität Leipzig fort und absolvierte eine Magisterarbeit zum Thema: Jugendbanden in El Salvador. Eine kritische Bestandsaufnahme. 2006 schloss sie auch ihr Hispanistik-Studium mit einer Masterarbeit ab. Ihre Doktorarbeit absolvierte sie zum Thema: „Die Rolle der Katholischen Kirche und des Erzbischofs Arturo Rivera y Damas im Friedensprozess in El Salvador (1980-1992)“. Daraus ist das Buch „Pastorale Diplomatie“ entstanden. Es ist im Harrassowitz Verlag erschienen.

Bücher von Purrer Guardado: „Jugendbanden in El Salvator“ und „Pastorale Diplomatie“

Pastorale Diplomatie - Eine Kurzbeschreibung

Die Rolle der Katholischen Kirche und des Erzbischofs Arturo Rivera y Damas im Friedensprozess in El Salvador (1980-1992)
Im Januar 1992 ging in El Salvador einer der blutigsten Bürgerkriege Lateinamerikas zu Ende. Die Vereinten Nationen hatten während der letzten zwei Jahre vermittelnd in den bewaffneten Konflikt eingegriffen und massgeblich zur Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Regierung und Guerilla beitragen können. Bisher fast unbeachtet blieb jedoch das vielschichtige Friedensengagement der Katholischen Kirche. Ulrike Purrer Guardado beschreibt, wie die pastorale Diplomatie des Erzbischofs Arturo Rivera y Damas und seiner Mitstreiter von Beginn des Bürgerkriegs an den Weg für Gesprächsfähigkeit und Verhandlungsbereitschaft beider Konfliktparteien in entscheidender Weise ebnete. Die Predigten und Pastoralbriefe des Erzbischofs, seine persönlichen Gespräche und Pendelmissionen zwischen den Kriegsparteien, die Organisation von Gefangenenaustauschen und humanitärer Flüchtlings- und Versehrtenhilfe, die Moderation mehrerer Dialogrunden sowie die Einbeziehung der Zivilgesellschaft zeigen, dass Rivera y Damas' oberstes Ziel das Erreichen des Friedens war. Purrer Guardados Untersuchung stellt erstmals umfassend seinen Beitrag zur Überwindung des bewaffneten Konflikts in El Salvador dar und füllt damit einen blinden Fleck in Forschung und Erinnerungskultur, dessen Aufarbeitung längst überfällig war.

Die Doktorarbeit von Ulrike Purrer Guardado leistet einen grossen Beitrag, indem sie die Rolle der Kirche und Monseñor Rivera y Damas¿ aufzeigt und unserem Land und der Welt auf diese Weise eine Wahrheit vorlegt, die die Machthabenden in El Salvador mit allen Kräften zu verschweigen und seit 20 Jahren zu leugnen versuchen (Gregorio Rosa Chávez, Weihbischof von San Salvador)