Heimbach Steins Marianne 120Das Thema Migration ist nicht nur in den Medien, sondern auch im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn oder wo sonst Menschen miteinander ins Gespräch kommen alltäglich geworden. Oft fehlen dabei Fakten und viel wird aus dem Boulevard zitiert und in gehörten Geschichten als Angst verpackt weiter gegeben.

In der im September 2018 erschienen HERDER KORRESPONDENZ SPEZIAL hat die am Institut für christliche Sozialwissenschaften lehrende Professorin Marianne Heimbach-Steins nachstehenden Beitrag veröffentlicht, der sich mit der ethischen Frage und der notwendigen umfassenden Betrachtung auseinandersetzt.

Streit um den migrationsethischen Horizont

Umfassende Reflexion der Wirkungen

Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wurde auch yon den Kirchen unterstützt. Kritiker haben diese Politik als ,,Gesinnungsethik" kritisiert. sie werfen deren Vertretern vor, verantwortungslos weil nicht folgenorientiert zu denken. Diese Wahrnehmung verkürzt jedoch die ethische Herausforderung auf das MaJ3 da aktuell politisch Mach- und Durchsetzbaren.

Von Marianne Heimbach-Steins

Der Umgang mit beziehungsweise die Abwehr von Geflüchteten, Asylbewerbern und Asylbewerberinnen sowie Migranten und Migrantinnen ist in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern zum öffentlichen Streitthema Nummer eins geworden.

Die aktuelle Situation ist paradox: Auf der einen Seite gelangten im Jahr 2018 deutlich weniger Zuwandernde aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika nach Europa als in den Vorjahren. Den Angaben der ,,International Organization for Migration“ (IOM) zufolge kamen bis zum Stichtag 19. September 2018 insgesamt 96 527 Menschen als Geflüchtete und Migranten nach Europa (80 Prozent davon auf dem Seeweg).

Zum Vergleich: 2017 kamen insgesamt IB6 768,2016 waren es 390 432 Personen. Jedoch kommen auf der Mittelmeerpassage nach wie vor die meisten Migrantinnen und Migranten weltweit zu Tode. Die Zahl der Toten und Vermissten ist prozentual deutlich weniger rückläufig als diejenige der in Europa Ankommenden: 2018 waren es bis zum Stichtag 1730 Personen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 wurden 3116 und 5143 Todesopfer im Jahr 2016 registriert (vgl. http://migration.iom.int/europe).

Die stark rückläufigen Ankunftszahlen spiegeln weniger einen Rückgang der Fluchtursachen als die faktische Schließung der Hauptrouten. Nach der Balkanroute ist inzwischen auch die Route von Libyen über das Mittelmeer weitgehend dicht. Im August 2018 strebten afrikanische Migranten zunehmend über die Maghreb-Staaten und die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla nach Spanien.

Rhetorik der Ausschließung

Auf der anderen Seite ist – ungeachtet dieser jüngeren Entwicklungen – die Zuwanderung immer mehr zum politischen (Wahl-)Kampfthema geworden. Forderungen nach nationaler Abschottung und nach Ausgrenzung alles Fremden, die im rechten politischen Spektrum der europäischen Parteienlandschaft programmatisch vertreten werden, wirken (nicht nur subkutan) bis weit ins bürgerliche politische Lager hinein.

Identitätspolitische Fragen drängen an die Oberfläche des politischen Streits und beeinflussen auch in Deutschland den Umgang mit Zuflucht Suchenden und neu Zuwandernden sowie mit Menschen, die seit Jahren im Land leben und trotz meist eingeschränkter Rechte oft ein hohes Maß an sozialer Integration durch Schulbildung, Berufsausbildung und reguläre Erwerbstätigkeit erreicht haben. Abschiebungen selbst gut integrierter Menschen mit Schulabschluss, Berufsausbildung und regulärer Erwerbstätigkeit sorgen immer wieder für Unruhe. Unternehmerinnen und Unternehmer melden sich zugunsten ihrer von Abschiebung bedrohten oder abgeschobenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu Wort. Immer wieder werden Menschen in unsichere Herkunftsländer, etwa nach Afghanistan, abgeschoben und Familien getrennt.

Die Verschärfung der deutschen Asyl- und Migrationspolitik entspricht der an Schroffheit zunehmenden Abwehrhaltung vieler europäischer Staaten: Mit der Verweigerung von Seenotrettung und Rücksendung von Flüchtlingen nach Libyen ohne Prüfung von Asylansprüchen durch die italienische Regierung wurden in den Sommerwochen des Jahres 2018 neue Tiefpunkte erreicht.

Der politische Umgang mit dem Thema erweckt den Eindruck, es gehe kaum noch um die Menschen, die - unabhängig von der Frage, ob ihnen eine Bleibeperspektive gewährt werden kann oder nicht - Anspruch auf Achtung ihrer grundlegenden Menschenrechte haben. Oft scheint es vor allem um staatliche Machtdemonstration und um Abschreckung, Verhinderung der Einreise beziehungsweise Abschiebung jener Menschen, die nicht unter die strengen Regeln des Flüchtlingsschutzes fallen, zu gehen. Auf dem Altar der sogenannten ,,Versicherheitlichung" werden all zu oft Standards der Humanität geopfert.

Diese Tendenz spiegelt sich nicht zuletzt in einer Rhetorik der Abschottung und Ausschließung. Das Thema Flucht und Migration dient interessierten Kräften als Probierstein für immer neue Vergröberungen und Rohheiten der Sprache: Auszuprobieren, wie weit man im Gebrauch dehumanisierender Sprache gehen und welche Tabus man brechen kann, ohne dass öffentlicher Widerspruch in Ablehnung der Protagonisten umschlägt, ist eine nicht nur in Deutschland zu beobachtende populistische Strategie.

Politiker der CSU haben sich bei entsprechenden Experimenten im Vorwahlkampf gründlich verkalkuliert, indem sie nicht nur die bayerische Öffentlichkeit, sondern auch die bundespolitische Arena mit üblen Misstönen erfüllten. So verzerrt das zynische Wort „Asyltourismus" (Markus Söder) gezielt die Not der meisten Asylsuchenden zu einem Sightseeing- oder Vergnügungsunternehmen, während die Vokabel „Anti-Abschiebe-Industrie" (Alexander Dobrindt) suggeriert, in Deutschland behindere ein ökonomisch-institutioneller Komplex die Exekutive bei der Umsetzung von Abschiebungen.

Problematische Instrumentalisierung christlicher Symbolik

Scheinbar unbekümmert feierte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hohe Abschiebungszahlen in ein Bürgerkriegsland als Quasi-Geburtstagsüberraschung (,,Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden“). Solche Töne verstärken den Chor fremdenfeindlicher und nationalistischer europäischer Stimmen. Eine Politik, die sich so präsentiert, ruft in der Öffentlichkeit, nicht zuletzt unter Christinnen und Christen und bei den Repräsentanten der Kirchen, Widerspruch hervor. Mit christlichen Werten hat sie kaum noch etwas gemein - entgegen manchen identitätspolitischen Manövern, die mit der Instrumentalisierung christlicher Symbolik den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versuchen.

In den letzten Monaten hat die Dissoziation zwischen den Kirchen und den C-Parteien ein bisher ungekanntes Maß erreicht. Zwar ist die über Jahrzehnte scheinbar „natürliche" Allianz zwischen katholischer Kirche und C-Parteien seit Langem brüchig. Jetzt aber zeigen sich zunehmend offene Konflikte zwischen den christlichen Kirchen und jenen politischen Kräften, die das Christliche in der Politik zu repräsentieren beanspruchen; sie entzünden sich nicht ausschließlich, aber doch in besonderem Maße an Differenzen in der Migrationsfrage sowie an divergierenden Einschätzungen der sozialstaatlichen Herausforderungen, die durch den gestiegenen Migrationsdruck aus dem Schattendasein der vergangenen zwei Jahrzehnte wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt sind.

Viele Christinnen und Christen sind in der Flüchtlingshilfe engagiert, setzen sich für eine offene Gesellschaft ein, die Ankommenden freundlich begegnet. Kirchliche Bildungsarbeit greift unter anderem die Auseinandersetzung mit populistisch-nationalistischen Strömungen kritisch auf. Die obersten Repräsentanten der christlichen Kirchen in Deutschland äußern sich deutlich gegen Strategien der Abschottung und für eine humane Flüchtlings-, Asyl- und Migrationspolitik. Alle diese Ansätze wissen Papst Franziskus uneingeschränkt an ihrer Seite. Das Beispiel und die energischen Worte des Papstes markieren eine klare Position der Kirche bei den Herausforderungen von Flucht und Migration.

Allerdings bleiben sie nicht unwidersprochen - weder im Episkopat (schon gar nicht, wenn der Blick auf die europäische Kirchenlandschaft ausgeweitet wird) noch unter Theologen. Zwar vertritt die große Mehrheit etwa katholischer Sozialethikerinnen und Sozialethiker differenzierte Positionen einer menschenrechtlich und kosmopolitisch aus gerichteten Migrationsethik, zugleich wird aber von einigen theologischen - sowohl katholischen wie protestantischen - Stimmen teils harsche Kritik an einem Kurs laut, der mit biblischen und sozialethischen Argumenten zugunsten einer offenen, nationale Grenzen überwindenden, die Rechte der Menschen unterwegs achtenden und aufnahmebereiten Herangehensweise argumentiert. Zuweilen wird der Vorwurf einer ,,Politisierung des Christentums" erhoben (vgl. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik, in: Stimmen der Zeit, 143.5 [2018] 329). Parteipolitische und identitätspolitische Vereinnahmungen christlicher Bekenntnisgehalte zu kritisieren, ist richtig und wichtig. Problematisch erscheint jedoch die Erwartung einer apolitischen Theologie, wie sie dem Autor vorzuschweben scheint - allerdings um den Preis einer gewissen Blindheit: Denn der Vorwurf richtet sich offenbar nur gegen nicht geteilte (politische und ethische) migrationsethische Positionen, während das Schweigen zu politischen Vorgängen mit erheblicher ethischer Tragweite oder die Zustimmung zu restriktiven migrationspolitischen Positionen offensichtlich nicht als „politisch“ identifiziert wird.

Gesinnung und Verantwortung in der Migrationsethik

Häufiger als der Vorwurf der ,,Politisierung" ist der Rückgriff auf Max Webers Unterscheidung von (prinzipienbasierter) Gesinnungs- und (folgenorientierter) Verantwortungsethik. Sie wird vielfach in einer verkürzenden Weise rezipiert, die weder Webers ursprünglichem Ansatz gerecht wird noch die Komplexität der aktuellen Herausforderungen angemessen aufgreift. Mit seinem Vortrag ,,Politik als Beruf" (1919) hatte Weber das Begriffspaar in die politisch und intellektuell aufgeheizte Debatte um die Kriegsschuldfrage nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt und gegen die revolutionären Bestrebungen Position bezogen.

Zwei wichtige Aspekte von Webers Ansatz werden von den selbst ernannten Verantwortungsethikern heute meistens ignoriert: Weber spricht erstens über das Berufsethos des Politikers, nicht des Wissenschaftlers. In der aktuellen Debatte kritisieren Wissenschaftler die Positionen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gesellschaftlich eine andere Funktion innehaben als Berufspolitiker. Weber geht zweitens von einer konstruktiven Zuordnung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik aus, erklärt sich aber als Soziologe unzuständig für die Art dieser Zuordnung und damit für die Frage, auf welcher Orientierungsgrundlage eine Verantwortungsethik aufbauen kann. An dieser Leerstelle, die in der aktuellen Auseinandersetzung in der Regel unterschlagen wird, können und müssen philosophische wie theologische Ethik ansetzen, wenn sie die Antwort auf die von Weber aufgeworfene Frage nicht schuldig bleiben wollen.

„Der Vorwurf, ,Gesinnungsethiker' zu sein, ist längst eine Allzweckwaffe im politischen und öffentlichen Diskurs geworden, die denjenigen der Naivität bezichtigt, der nicht zuerst und ausschließlich in Kategorien politischer Machbarkeit denkt, wobei Machbarkeit eng geführt wird auf das, was als Weg des geringsten Widerstands oder nicht selten als Festhalten am Status quo erscheint" (vgl. Michelle Becka, Verantwortung übernehmen. Christliche Sozialethik und Migration, in: Stimmen der Zeit 143.5 [2018] 343). Das Begriffspaar als Kampfformel zur Desavouierung der Gegenpositionen zu benutzen, greift deutlich zu kurz. Nicht selten scheint der Rückgriff auf Webers Unterscheidung einem spezifischen politischen Interesse zu entspringen.

So plädierte etwa der deutsche Historiker Heinrich August Winkler in einem Interview im Deutschlandfunk kürzlich dafür, Deutschland möge in seiner Asyl- und Einwanderungspolitik mehr ,,Nüchternheit" walten lassen, so wie andere europäische Nationen dies schon lange täten. Unter dem Vorzeichen der ,,Verantwortungsethik" argumentierte er,,,auf deutschem Boden“ könnten unmöglich Menschenrechte für die ganze Welt verwirklicht werden, und „[d]ie Rettung von Menschenleben verpflichte nicht dazu, Menschen in die EU einwandern zu lassen". Die Aussage, die zeitlich mit dem Streit um die (verweigerte) Seenotrettung zusammenfiel, legt die Annahme nahe, die Geretteten könnten keinesfalls einen Anspruch auf Aufnahme in Europa geltend machen (was ja immerhin zunächst zu prüfen wäre).

Da aber die europäische Wertegemeinschaft nicht (mehr) funktioniere und etliche EU-Länder humanitäre Maßstäbe zurückgestuft hätten, sei es an Deutschland, die eigenen humanitären Standards ebenfalls herunterzuschrauben, um einer gefährlichen Rechts drift zu wehren, so Winkler. Dieses Argumentationsmuster hat - einschließlich der Beanspruchung von (vermeintlich guter, weil,,nüchterner") Verantwortungsethik versus (vermeintlich schlechter, weil ,,idealistischer") Gesinnungsethik - in der gegenwärtigen öffentlichen Debatte Konjunktur. Nach Art einer self-fulfilling prophecy behauptet es, abzuwehren, was es selbst herbeiruft oder zumindest verstärkt. Jene, die sich selbst als Verantwortungsethiker positionieren - beispielsweise der Philosoph Konrad Ott (2016), der evangelische Sozialethiker Ulrich Körtner (2017) oder eben der katholische Bibelwissenschaftler Schwienhorst-Schönberger (2018), um nur einige Stimmen zu nennen -, unterstützen typischerweise restriktive Positionen in der Migrationsdebatte. Wenn sie Vertreterinnen und Vertreter kosmopolitischer Gegenpositionen als,,Gesinnungsethiker" kritisieren, werfen sie ihnen vor, verantwortungslos, weil nicht folgenorientiert zu denken. Diese Wahrnehmung verkürzt die ethische Herausforderung auf das Maß des aktuell politisch Mach- und Durchsetzbaren. Der Anspruch der Ethik wird damit gründlich verfehlt; das Machbare ist nicht per se das ethisch Richtige (vgl. Becka, 345).

Folgenorientierung ist zentral

Verantwortungsethik kann nicht bedeuten, das ethische Denken auf das aktuell politisch Durchsetzbare zu beschränken (vgl. auch Christof Mandry, Gesinnung oder Verantwortung. Zu einer irreführenden Alternative in der Migrationsethik, in: Cordula Brand u.a. [Hg.], Ethik in den Kulturen – Kulturen in der Ethik, Tübingen 2017, 85-94). Es kommt vielmehr darauf an, die Reichweite der ethischen Herausforderung zu ermessen und auf dieser Grundlage nach Ansätzen, Gründen und Perspektiven für ethisch vertretbare Problemlösungen zu fragen.

Die Herausforderungen der Migration als ein Phänomen der global vernetzten, interdependenten Weltgesellschaft können nicht allein im Rahmen nationalstaatlicher Muster bearbeitet werden. Der Staat ist und bleibt als politischer Akteur unverzichtbar, um nicht nur innenpolitisch, sondern auch in zwischen- und suprastaatlichen Konstellationen politische Maßnahmen zu etablieren, aber er definiert nicht die Grenzen ethischen Denkens.

Folgenorientierung ist notwendig (und wird auch von den als „Gesinnungsethik“ verunglimpften Positionen berücksichtigt), aber nicht hinreichend für die ethische Auseinandersetzung mit einer komplexen Herausforderung wie der Zuwanderung. Die sogenannten Verantwortungsethiker blenden offensichtlich die ethische Aufgabe aus, erwartbare beziehungsweise mögliche Folgen zu bewerten und abzuwägen. Dazu bedarf es eines Maßstabs, den die Forderung, die Handlungsfolgen zu berücksichtigen, als solche nicht liefert. Es muss geklärt werden, nach welchen Kriterien absehbare oder vermutete Folgen unterschiedlicher Handlungsoptionen gegeneinander abgewogen werden sollen.

Ein weiteres Problem betrifft die Frage der,,Brennweite". Welches Szenario kommt in den Blick ethischer Abwägung, wenn Folgen abgeschätzt werden? In den Texten selbst ernannter Verantwortungsethiker wird der Blick unter dem Vorzeichen der Folgenorientierung häufig auf vermutete negative Wirkungen der Zuwanderung ausschließlich in der Zielgesellschaft enggeführt (das kann, wie bei Winkler, die Gestalt der self-fulfilling prophecy annehmen). Weder mögliche positive Folgen im Zuwanderungsland noch absehbare negative Folgen einer Abschottungspolitik für alle Beteiligten werden auch nur erwogen. Ethisches Denken im Paradigma der Verantwortung verlangt aber eine möglichst umfassende Reflexion der Wirkungen von Handlungsalternativen.

Notwendig ist ein ethischer Kompass

Auf die politisch wie ethisch komplexen Fragen und Herausforderungen der Migrationspolitik gibt es keine einfachen Antworten. Die Suche nach Ansätzen zur konstruktiven Bearbeitung braucht Augenmaß, eine gewisse Pragmatik - und einen genau geeichten ethischen Kompass. Sie wird dem ethischen Anspruch nur dann annähernd genügen können, wenn sie die berechtigten Ansprüche der Mitglieder einer Aufnahmegesellschaft mit den ebenfalls berechtigten Ansprüchen der Zuwandernden fair vermittelt.

Formal kann das Kriterium der Universalisierbarkeit von Handlungsnormen im Sinne von Immanuel Kants Kategorischem Imperativ oder der Goldenen Regel Orientierung geben. Inhaltlich bildet das Normensystem der Menschenrechte - aufbauend auf dem Axiom der unantastbaren Menschenwürde – einen Prüfstein für migrationspolitische Handlungsoptionen. Im Kontext der christlichen Botschaft steht das Liebesgebot, das biblisch nicht nur die nahen ,,Nächsten" der eigenen Gemeinschaft, sondern auch die Fremden (vgl. Lev 1934) umfasst (und damit die Grenzen eines nachbarschaftlichen ,,Wir" sprengt), am Ausgangspunkt einer Migrationsethik, die Rechte und Interessen aller Beteiligten und Betroffenen berücksichtigt und miteinander zu korrelieren versucht (vgl. Marianne Heimbach- Steins, Grenzverläufe gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Migration - Zugehörigkeit – Beteiligung, Paderborn 2016).

In einem solchen (gesinnungs-)ethischen Horizont sind politische Abwägungsprozesse nach ethisch ausweisbaren Maßstäben zu erarbeiten. Erst das gesinnungsethische Fundament stellt sicher, dass Folgenabwägung mehr ist als die Durchsetzung kurzfristiger politischer Opportunitäten und Machbarkeitserwägungen. Unter Berücksichtigung der berechtigten Anliegen der Mitglieder der aufnehmenden Gesellschaften, der Menschen unterwegs und - nicht zuletzt - der Herkunftsgesellschaften wird nach gangbaren Wegen gesucht und werden auch längerfristige Folgeszenarien in den Blick genommen.

Im Koordinatensystem katholischer Sozialethik fungiert dabei der moralische Status als Person, der den Anspruch auf Achtung und auf Schutz umfasst, als erster Grundsatz für den Umgang mit Geflüchteten, Asylsuchenden und Migrantinnen und Migranten wie mit den von Veränderungen betroffenen und unter Umständen verunsicherten Mitgliedern einer aufnehmenden Gesellschaft.

Das ist kein Plädoyer für einen „normative[n] Individualismus" (so Schwienhorst-Schönberger, 330f. ), sondern die Anwendung des Grundprinzips der katholischen Soziallehre in einer modernen Migrationsethik (vgl. Becka, 348). Dieser Grundsatz schließt den Anspruch ein, alle politischen Handlungsoptionen unter dem Gesichtspunkt zu prüfen, was sie für die Betroffenen (sowohl die Zuwandernden als auch die Mitglieder der aufnehmenden Gesellschaft) bewirken, und im Zweifelsfall anwaltlich für die Anliegen der am schlechtesten Gestellten einzutreten (Option für die Armen), um deren personale Würde zu sichern. Zudem führt die Ausrichtung am Vorrang der Person zu der Frage, an welcher Vorstellung von einem humanen Miteinander sich die Gesellschaft auf ihrem Weg in die Zukunft orientiert. Sensibilität für humane Formen des Umgangs, Achtung des jeweiligen Anderen und persongerechte Repräsentation der Belange der Fremden sind verantwortungsethisch geboten, um nicht sehenden Auges einem gesellschaftlichen Verlust an Humanität Vorschub zu leisten, über dessen katastrophale Folgen die jüngere deutsche Geschichte hinreichend deutlich Auskunft gibt.

Vor diesem Hintergrund ist für eine christliche Migrationsethik abschließend ein weiterer Aspekt stark zu machen, auf den Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ (2015) besonderen Wert legt: das humane Potenzial zur Veränderung, zur Überwindung der Krise durch Umdenken und Umkehr: ,,Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen“ (LS 13). Diese Überzeugung gilt auch für die durch Migrationsprozesse evozierte politische Krise, die eine Dimension der globalen sozial-ökologischen Krise darstellt. Franziskus plädiert entschieden für die Wiedergewinnung eines christlich-utopischen Bewusstseins, das nach vorne denkt und sich den epochalen Herausforderungen stellt. Lösungsansätze für die neuartigen Probleme einer global interdependenten Menschheit werden nicht in Modellen der Vergangenheit zu finden sein.

Die Zeitgenossen sind herausgefordert, sich der Kluft zu stellen,,zwischen dem, was getan werden muss und dem, was getan werden kann" (vgl. Zygmunt Bauman, Retrotopia, Berlin 2017, 194). Diese Kluft zu schließen, verlangt den einengenden Maßstab vergangener Gesellschaftsformen zu überwinden. Die unter anderem in der Migrationswirklichkeit erfahrbar werdenden, faktisch „kosmopolitischen Verhältnisse" ( 187f.; mit Bezug auf Ulrich Beck) fordern den Mut zur Utopie.

Als Kronzeugen für diesen Mut ruft Bauman Papst Franziskus mit seinem eindringlichen Plädoyer für eine Kultur des Dialogs und der Verständigung auf (vgl. 200f.; mit Bezug auf die Karlspreisrede des Papstes [2016]). Darin entdeckt er den Weg zur Entwicklung eines ,,kosmopolitischen Bewusstseins", das sich durch ,,weit geöffnete Türen und eine ständige Einladung zur Vereinigung" auszeichnet; es stellt sich der Herausforderung, „zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit Integration ohne vorherige Separation zu ermöglichen“(195f.).


 Zur Autorin:

Marianne Heimbach-Steins wurde 1959 geboren und ist Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster und Mitglied des dortigen Exzellenzclusters „Religion und Politik". Sie gibt das ,,Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften" heraus (www.jcsw.de).


 LITERATUR

Michelle Becka: Verantwortung übernehmen. Christliche Sozialethik und Migration, in: Stimmen der Zeit, r43.5 (2018) 343-352

Marianne Heimbach-Steins: Grenzverläufe gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Migration - Zugehörigkeit - Beteiligung Paderborn 2016

Christof Mandry: Gesinnung oder Verantwortung. Zu einer irreführenden Alternative in der Migrationsethik, in: Cordula Brand unter anderem (Hg.): Ethik in den Kulturen - Kulturen in der Ethik, Tübingen 2017, 85-94 Konrad Ott: Zuwanderung und Moral, Stuttgart 2016.

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik, in: Stimmen der Zeit, 143.5 (2018),329-342

,,Rettung verpflichtet nicht, Menschen einwandern zu lassen". Heinrich August Winkler im Gespräch mit Benedikt Schulz, Deutschlandfunk 15. Juli 2018