Baatz Ursula 120Ursula Baatz berichtet im SPECTRUM der Zeitschrift „Die Presse“ am 28. Oktober 2018 wie die Kirchenleitung gewachsene und bewährte Strukturen gegen den Willen der Menschen zerstört. In diesem Beitrag beschreibt die erfahrene ORF-Journalistin konkret, was in einer Wiener Pfarre passiert ist. Ein gut funktionierender und von den Eltern gerne in Anspruch genommener Kindergarten wird in der „Pfarre NEU“ zugesperrt und ein lösungsorientierter Dialog systematisch abgewürgt. Eine Skandalgeschichte.

Das Netzwerk: zeitgemäß glauben dokumentiert nachstehend den Beitrag.

 Sanfte Worte sind zu wenig

Ein geschlossener Kindergarten, 1000 Unterschriften und keine Kommunikation. Wenn aus drei Pfarren eine Pfarre wird: Anmerkungen zur Strukturreform der römisch - katholischen Kirche – an einem Fallbeispiel aus Wien.

Von Ursula Baatz

Die Presse, SPECTRUM, 13. 10. 2018

Die römisch-katholische Kirche steckt in der Krise, nicht nur wegen der Missbrauchsskandale. Die Strukturkrise manifestiert sich konträr zu den sanften Worten der Kirchenoberen. Kardinal Schönborn mahnte bei der jüngsten Diözesanversammlung, die Kirche möge wachsam für die Nöte der Menschen sein. Das Gegenteil geschieht, wie die abrupte Schließung des Pfarrkindergartens in der Klosterneuburger Straße im 20. Wiener Gemeindebezirk zeigt.

80 Kinder aus 25 Nationen und deren Familien haben Ende August mit dem Kindergarten ihren Ort der Gemeinschaft und Geborgenheit verloren, weiters zwölf Frauen ihre Arbeitsplätze. Mehr als 1000 Protestunterschriften der Kirchenbasis sind seit Ende Juli bei der Leitung der Erzdiözese Wien eingelangt. Gefordert wird die Bewahrung des Kindergartens und die Selbstständigkeit der Pfarre „Muttergottes im Augarten“, die den Kindergarten seit fast 70 Jahren betreibt. Der Hintergrund: Durch die „Strukturreform“ in der Erzdiözese wurde die Pfarre Teil einer Großraumpfarre im 20. Bezirk. Ihre Finanzhoheit musste sie an diese „Pfarre neu“ abtreten. Das betrifft auch den Kindergarten, den die neuen Zuständigen mit Billigung der Erzdiözese zusperrten. Eine Konfliktgeschichte – und Ausläufer eines Königsmordes vor mehr als 200 Jahren.

Als am 21. Jänner 1793 der Kopf König Ludwigs XVI. in den Korb der Guillotine fiel, rief niemand: Der König ist tot – es lebe der König. Denn tot war nicht nur der König aus Fleisch und Blut, sondern auch des Königs „doppelter Körper“, sein spirituell und juristisch relevanter Doppelgänger. Seit dem Mittelalter galt, dass dieser zweite, sozusagen „mystische“ Körper die Kontinuität des Königtums garantierte. Ein halbes Jahr nach Ludwigs Enthauptung wurde im März 1794 in der Kathedrale von Notre - Dame das Fest der Göttin der Vernunft gefeiert. Selbst unter Revolutionären stieß dieser Kult auf Widerstand. 1801 setzte Napoleon mit dem Konkordat die römisch - katholische Kirche wieder in ihre Rechte ein. Trotzdem: Die „doppelte Welt“, in der die hierarchische Ordnung des feudalen Staates vom Göttlichen überwölbt wurde, war zerbrochen. Der Anfang vom Ende des Staatskirchentums hatte begonnen.

Monarchien gibt es heute in Europa nur noch wenige, und deren Monarchen sind politisch bedeutungslos. Die feudalen gesellschaftlichen Strukturen haben sich in eine – vom Anspruch her – demokratische und egalitäre Gesellschaft gewandelt. Der Prozess der Auflösung traditioneller religiöser Strukturen ist noch keineswegs am Ende. Dieser Prozess der Säkularisierung wird von kirchlichen Institutionen als Religionsverlust und Abfall vom Glauben wahrgenommen, von anderen als Befreiung und Fortschritt, denn in Europa ist „Religion kein Schicksal mehr“ (Peter L. Berger). Folgt man der historischen Analyse des Philosophen Charles Taylor, handelt es sich um einen Wandel des Selbstverständnisses der europäischen Gesellschaft. Säkularisierung bedeutet auch, dass – anders als noch vor 50, 60 Jahren – Glaube heute eine Option unter mehreren ist, und die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche eine unter verschiedenen möglichen Religionszugehörigkeiten.

Die Doppelwelt, auf die sich die römisch - katholische Amtstheologie gründet, ist für viele nicht mehr nachvollziehbar. Die Legitimation, die Kirche und Klerus daraus zog, wird von vielen nicht mehr angenommen. Der Priester gilt nicht länger als eine durch Amt und Weihe jenseitig - heilige Figur. Die Selbstverständlichkeit dieser platonisierenden Doppelwelt, die die Grundlage der Volkskirche darstellte, ist vorbei. Damit ist auch das Ersatzprojekt für das alte Staatskirchentum zu Ende. Im vormals durchwegs römisch - katholischen Österreich ist der Anteil der Katholiken auf 57 Prozent gesunken, in der Großstadt Wien liegt der Anteil etwas über 40 Prozent. Die Missbrauchsskandale, aber auch die ganz normale Entfremdung der Amtskirche vom Alltag der Menschen haben zudem die Glaubwürdigkeit der Kirche sehr beschädigt.

Der Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung dokumentiert sich in der sinkenden Zahl der Gläubigen und im Mangel an Priestern – wenngleich hier auch andere Faktoren wie der Pflichtzölibat eine Rolle spielen. Der Priestermangel führt zu einem Dilemma für die römisch - katholische Kirche: Das Zentrum jeder Gemeinde ist der gemeinsame Gottesdienst, die Eucharistiefeier, der nur ein Priester vorstehen darf. Wiewohl in Österreich nur noch rund eine halbe Million Menschen am Sonntag zur Messe geht, gibt es trotzdem zu wenige Priester. Altersdurchschnitt: Mitte 60.

Ein derzeit modernes „Rezept“ zur Behebung des Problems sieht die Erzdiözese Wien in der Schaffung von Großraumpfarren, der sogenannten „Pfarre neu“, wobei mehrere Pfarren zusammengefasst werden. Ein Pfarrgemeinderat, dem der Pfarrer vorsteht, sowie ein vom Pfarrgemeinderat ernannter Vermögensverwaltungsrat, dem Pfarrangehörige mit entsprechendem Fachwissen angehören sollen, und ein Pfarrleitungsteam sollen die neue Großstruktur verwalten. Den Teilgemeinden bleibt wenig Handlungsspielraum.

Der Vorwurf, dass lokale gewachsene Strukturen durch den Eingriff von oben zerstört werden, wiegt schwer. „Amtskirche zerstört Volkskirche“, so die Diagnose des Humangeografen Gerhard Henkel und des Kirchenhistorikers Johannes Meier vor einigen Jahren. Zu ergänzen: Mit der Zerstörung gewachsener kirchlicher Strukturen werden auch Arbeitsplätze gefährdet und individuelle Biografien zerstört.

Die Pfarre „Muttergottes im Augarten“ am Gaußplatz hat Gerhard Bauer vor 23 Jahren übernommen. Die Pfarre, die damals knapp vor der Schließung stand, ist heute ein spirituelles, kommunikatives und kulturelles Zentrum im Stadtteil. Doch im November 2015 begann die Strukturreform in der Erzdiözese Wien. Angekündigt war ein langsamer Prozess des Zusammenwachsens. Geschehen ist in diesem Fall das Gegenteil. Nach einer Handvoll Treffen der Verantwortlichen der Pfarren „Muttergottes im Augarten“, „Allerheiligen“ und „Zum Göttlichen Erlöser“, die zusammengelegt werden sollten, musste per 1. September 2017 die Fusion abgeschlossen sein. Zwar verlangte die Erzdiözese eine Abstimmung des Pfarrgemeinderats, jedoch gab es keine reale Alternative zur Fusionierung. Mit anderen Worten: Alle Voraussetzungen für einen Konflikt waren gegeben.

Am 4. September 2017 trafen sich die neue Pfarrleitung unter Pfarrer Alexander Brenner mit den diözesanen Verantwortlichen zum Gespräch über die Zukunft des Kindergartens. Zufällig hörte Gerhard Bauer davon: „Ich setzte mich samt der Leiterin dazu“, denn eingeladen hatte man weder ihn noch die Leiterin des Kindergartens. Rasch hieß es in der „Pfarre neu“, die MA 11 verlange die Schließung des Kindergartens, was nach Auskunft der MA 11 nicht zutrifft. Bei einer Sitzung des Vermögensverwaltungsrates wurden die Kosten notwendiger Umbauten mit 150.000 Euro beziffert, berichtet Gerhard Dangel, Mitglied desselben. Im Zivilberuf ist er Vorstand der Autobank AG, einer der führenden Banken für Pkw - Finanzierungen in Österreich und Deutschland.

Die Professionisten unter den Kindergarteneltern boten an, die nötigen Arbeiten gratis über den Sommer zu erledigen. Dieses Angebot wurde vonseiten der neuen Pfarrverantwortlichen abgelehnt. In einer weiteren Sitzung hieß es, eine Sanierung des Kindergartens würde rund eine halbe Million Euro kosten und sei daher wirtschaftlich nicht tragbar. Gerhard Dangel fragte nach einem schriftlichen Kostenvoranschlag, doch es gab keinen. Von – gesetzlich vorgesehenen – Verhandlungen mit der MA 11 oder Kooperationen mit anderen kirchlichen Trägern war keine Rede. Das Eigenkapital des Kindergartens von mehr als 100.000 Euro hatte dem Vermögensverwaltungsrat der „Pfarre neu“ übergeben werden müssen und ist bis jetzt nicht auffindbar, erklärt Gerhard Dangel.

Mitte Juni beschloss der Pfarrgemeinderat, den Kindergarten samt angeschlossenem Lernhort per Ende August ersatzlos zuzusperren, wovon als Kettenreaktion auch die Volksschule in der Treustraße betroffen war. Viele Eltern mussten ihre Kinder wegen des fehlenden Lernhorts von dieser Schule abmelden. Bei all diesen Vorgängen war Gerhard Bauer, nunmehr Pfarrvikar der betroffenen Teilgemeinde, nicht einbezogen worden. Über das Motiv zur Schließung eines erfolgreichen Integrationsprojektes kann man nur spekulieren. Vielleicht war den neuen Verantwortlichen die interreligiöse Atmosphäre des Kindergartens ein Dorn im Auge. „Die meisten von Ihnen zahlen ja keinen Kirchenbeitrag“, hatte der zuständige Pfarrgemeinderat den Kindergarteneltern erklärt.

Eine Initiative aus Pfarrangehörigen und Ehrenamtlichen sammelte Unterschriften für eine Petition an die Erzdiözese. Bischofsvikar Schutzki und Generalvikar Krasa erklärten per Mail die Schließung für notwendig und korrekt, sich und die Erzdiözese für nicht zuständig. Die Initiative solle mit Pfarrer Brenner und dem Pfarrgemeinderat ins Gespräch kommen. Nach zähen Verhandlungen konnte ein Datum für einen informellen runden Tisch der drei Teilgemeinden vereinbart werden. Vier Tage davor kam die Absage. Alle weiteren Einladungen der Initiative wurden von den Verantwortlichen der „Pfarre neu“ und der Erzdiözese Wien abgewiesen. Angesichts dieser Kommunikationsverweigerung stellte Ende Juli der Gemeindeausschuss „Muttergottes im Augarten“ den Antrag, aus der „Pfarre neu – Zu allen Heiligen“ auszutreten, um mit den Augartenpfarren zu kooperieren. Dieses Ansuchen wurde von Kardinal Schönborn abgelehnt.

Am 10. Oktober fand ein Gespräch der Vertreter der drei Teilgemeinden der „Pfarre neu – Zu allen Heiligen“ und Vertretern der Erzdiözese statt. Ergebnis: Bischofsvikar Schutzki und Generalvikar Krasa empfahlen, man solle miteinander kommunizieren und sich in Teamwork üben, wie Kardinal Schönborn bei der Diözesantagung empfohlen hatte. Genau das, was bisher von ihnen als Vertretern der Diözese sowie von den Zuständigen der „Pfarre neu“ verweigert wurde.

Es scheint,dass für die Leitung der Erzdiözese Wien die mehr als 1000 Unterschriften der Kirchenbasis nicht mehr als Makulaturpapier sind. In den höheren Kreisen der österreichischen Kirche sehen manche die Zukunft der Kirche sowieso nicht in den Pfarren, sondern in den „Movimenti“, neuen geistlichen Bewegungen, in denen „Begeisterung“ als wichtiger denn Selbstständigkeit oder Eigenverantwortung gilt. Gerne gesehen sind auch große Events mit vielen Jugendlichen, die gemeinsam singen und beten. Vermutlich erzeugt dies die Illusion einer neuen Volkskirche. Soziologen haben gezeigt, dass derartige Veranstaltungen zwar gut für die mediale Präsenz sind, aber keine nachhaltigen Lebenshaltungen unterstützen. Mit singenden Jugendlichen und sanften Worten wird die Kirche nicht weiterkommen. Die Hierarchie muss lernen, wahrhaft und wahrhaftig mit den Menschen, die hier leben – und nicht nur mit den Katholiken – zu kommunizieren.


Zur Autorin:

Ursula Baatz, Geboren 1951 in Wien. Studium der Philosophie. Dr. phil. Mitbegründerin und Redakteurin von „Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren“. 2001 bis 2011 Ö1-Redakteurin in der Abteilung Religion und Wissenschaft. Bücher: zuletzt „Spiritualität, Religion, Weltanschauung. Landkarten für systemisches Arbeiten“ (Vandenhoek & Ruprecht)