Weißenböck FJ 120Franz Josef Weißenböck hat für die Nummer 2018/2 von „pfarre>aktuell“, dem Pfarrblatt des Seelsorgeraums Feistritztal, nachstehenden Beitrag verfasst.

Darin befasst er sich mit der Frage, wie Glaube und Politik zusammen passen. Der Journalist  steigt mit der Ansage ein: "Kein mündiger Mensch kann „unpolitisch“ sein" und verweist im Anschluss als Theologe auf Jahwe, der das Leid seines Volkes sieht, Mitleid zeigt und aktiv wird. Ebenso verweist er auf die politischen Kampf-Ansagen, in denen die Christen den auferweckten Jesus als ihren Herrn bezeichneten und nicht den Kaiser oder Kardinal Theodor Innitzer im Gegenlicht des politischen Führers Adolf Hitler Christus als den einzigen Führer bezeichnete. Und auch heute sind Statements und Handlungen der Christen gefragt, um gegen den unmenschlichen Zeitgeist Alternativen der Menschlichkeit zu stellen.

Glaube und Politik

Es geht nicht ohne Politik. Kein mündiger Mensch kann „unpolitisch“ sein. Aber der Reihe nach: Was ist überhaupt „Politik“?

Das Wort kommt, wie so vieles andere auch, z.B. das Wort „Arzt“, aus dem alten Griechenland. Eine Polis war eine Stadt, wenn auch oft eine recht kleine, und die Angelegenheiten, die die Stadt betrafen, waren Politik. In manchen dieser Staaten wurde die Politik in der Volksversammlung gemacht, wobei der Name irreführend ist: Es waren nur freie, erwachsene Männer; weder Frauen noch Sklaven, weder Kinder noch „Fremde“ hatten das Recht, bei der Politik mitzumischen. Die waren allerdings, wie auch heute, von der Politik unmittelbar betroffen, die von anderen gemacht wurde.

Wer von seinem Recht, an der Volksversammlung teilzunehmen und damit die Politik mitzugestalten, nicht Gebrauch machte, kann als „unpolitisch“ bezeichnet werden. Gleichwohl hatte sein Verhalten politische Folgen – genau wie heute; denn nicht zur Wahl gehen hat zur Folge, dass die Stärkeren weiter gestärkt werden.

Ein „politischer“ Gott

Man kann es sogar so sagen: Gott selbst ist eminent politisch, jedenfalls jener Gott, an den Juden und Christen glauben. „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid. Ich bin herabgestiegen, um es aus der Hand der Ägypter zu entreißen“, sagt Jahwe zu Mose aus dem brennenden Dornbusch (Ex 3, 7f). Jahwe erweist sich als ein Gott, der (1) das menschliche Elend wahrnimmt, der (2) Mitleid hat und der darob (3) aktiv wird. An diesen Gott zu glauben, kann kein weltabgewandter, tatenloser Glaube sein, keine folgenlose scheinbare „Frömmigkeit“, sondern erfordert Einmischung. Das ist auch die Existenzgrundlage der Caritas.

Wie politisch der jüdisch-christliche Glaube ist, kann selbst an Stellen vorgefunden werden, die auf den ersten Blick, aber auch durch eine lange missverständliche Tradition als absolut unpolitisch gesehen werden. Nehmen wir als Beispiel den 23. Psalm, der mit den allgemein bekannten Worten beginnt „Der Herr ist mein Hirt“.

Was soll daran politisch sein? In alter Zeit haben die Herrscher der Völker sich gern als „Hirten“ ihrer Völker bezeichnet. Nur allzu oft waren es Gewaltherrscher, die ihr Volk eher auf die Schlachtbank als auf die Weide geführt haben. Der „Hirt seines Volkes“ hatte in jedem Fall Macht über Leben und Tod seiner Herde. Wenn nun aber der Psalmist singt: Mein Hirt ist Jahwe, spricht er allein dadurch dem irdischen Herrscher die letzte Verfügungsgewalt über ihn ab. Wir dürfen auch Jesu Wort „Ich bin der gute Hirt“ in diesem Zusammenhang verstehen, etwa so: Ich bin der gute Hirt – nicht jene, die sich zu Hirten ihrer Völker erklären. Oder auch so: Ich bin der gute Hirt – ich bin nicht wie jene, deren Geschäft die Unterdrückung ihrer Völker ist und die oft genug ihren Schafen das Leben nehmen. Ich gebe mein Leben für meine Schafe… Da ist nichts von Hirten-Romantik, da geht es um Leben und Tod.

Vor 80 Jahren haben die österreichischen Bischöfe sich für den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ausgesprochen, und der Wiener Kardinal Innitzer hat dem Aufruf handschriftlich „Heil Hitler“ hinzugefügt. Das hat ihn nicht davor geschützt, dass sein Palais im Herbst von der Hitlerjugend und SA-Männern gestürmt und teilweise verwüstet wurde. Ein Priester wurde aus dem Fenster gestoßen und schwer verletzt. Anlass dafür war Innitzers Predigt vor tausenden katholischen Jugendlichen, in der er bekannte: Unser Führer ist Christus!

„Mein Herr und mein Gott“ als politische Kampfansage

Die römischen Kaiser pflegten sich selbst als Götter zu bezeichnen. In der Person des Kaisers war die Idee des römischen Imperiums und der römischen Weltherrschaft verkörpert, daher wurde dem Kaiser auch geopfert. Das waren große Feste – man könnte sie als gewaltige Grillfeste bezeichnen, denn das Fleisch der geopferten Tiere wurde verzehrt. Für die Armen waren das oft die einzigen Gelegenheiten für eine Fleischmahlzeit. Die Mitglieder der kleinen jüdischen Sekte, die sich zur Gemeinschaft der Christen entwickelte, nahmen an diesen Festen nicht teil. Sie opferten dem Kaiser nicht und sie aßen auch nicht vom Götzenopferfleisch, denn für sie galt: Mein Herr und mein Gott ist nicht der Kaiser, sondern der auferstandene Jesus – wie der „ungläubige“ Thomas gläubig bekennt.

Genau deshalb wurden die Christen bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts immer wieder verfolgt. Der staatlichen Autorität galten sie als hochverräterische Staatsfeinde und Aufrührer, ja als „Feinde des Menschengeschlechts“.

Das änderte sich, als die Kaiser selbst zu Christen wurden. Oft genug wurden damit aus Verfolgten nun Verfolger – aber das ist eine andere Geschichte, allenfalls eine zum Thema, dass Macht korrumpiert.

Politik in der Spur des guten Hirten

In diesem Jahr werden viele runde Jahrestage gefeiert. Es wurde u.a. auch daran erinnert, dass vor 200 Jahren Karl Marx geboren wurde. Er war ein Kritiker des Kapitalismus, aber auch ein Kritiker der Religion, die sich von ihrem ursprünglichen Auftrag entfernt hatte. In einem seiner Werke fordert er, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Man fühlt sich bei diesen Worten an Jahwe erinnert, der das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen hat, der Mitleid empfand und der aktiv wurde.

Menschen, die sich auf diesen Gott berufen und auf Jesus, den „guten Hirten“, können eigentlich gar nicht „unpolitisch“ sein. Sie haben den Auftrag, (1) das Elend der Armen wahrzunehmen: Das Leid der Schwachen, Machtlosen, Ausgenützten, der „Erniedrigten und Beleidigten“ dieser Welt wie der Bezieher der Mindestsicherung, der Fremden, der Flüchtlinge. Sie sollen (2) Mitleid mit ihnen haben, sie sollen aber (3) auch aktiv werden, das heißt: sich politisch einmischen. Für sie allerdings ist die Beteiligung an einer Politik undenkbar, die Ausgrenzung zum Ziel hat und die Niedertracht gegenüber Schwachen zum Programm erhebt. Dagegen müssen sie Widerstand leisten, wenn sie bekennen: Mein Hirt ist der Herr! So gehen sie in der Spur jenes Mannes, der sein Leben hingab für seine Schafe.