Holztrattner Magdalena 120Zum Thema "Christlich – sozial und politisch?/" schrieb in der Wochenschrift DIE FURCHE 8/2019, vom 21. Februar 2019, die Leiterin der Katholischen Sozialakademie, Magdalena Holztrattner, nachstehenden, lesenswerten Beitrag.

Darin geht Holztrattner dem Zusammenhang nach, wieso ist die Frage des Christlichen untrennbar mit jener des Sozialen verbunden und gibt sozialethische Orientierungslinien.

Christlich – sozial und politisch

Von Magdalena Holztrattner

Gastkommentar. Wieso hängt die Frage des Christlichen untrennbar mit jener des Sozialen zusammen? Über sozialethische Orientierungslinien.

Inwieweit ist das Denken, Entscheiden und Handeln einer bestimmten politischen Partei oder – allgemeiner gesprochen - Politisch engagierter Menschen christlich-sozial geprägt? Woran kann sich das zeigen? Diese Fragen bewegen aktuell viele Menschen.

Als Eckstein - und damit auch als Stein des Anstoßes - soll festgehalten werden: Nicht jede, die sich sozial engagiert, muss auch christlich motiviert handeln. Aber jeder, der sich christlich nennt, wird sich sozial, also für das gute Zusammenleben in einer Gemeinschaft zu engagieren haben. Christlicher Glaube und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit, das Engagement für das gute Leben aller - besonders der Armen - und das Gebet, Gottesliebe und Nächstenliebe gehören untrennbar zusammen. Engagement für das Gemeinwohl, für gesellschaftsstärkende Strukturen und gerechte Verfahrensweisen, also politisches Denken, Entscheiden und Handeln sind aus dem christlichen Glauben heraus notwendig. Es geht, theologisch gesprochen, um den Heilswillen Gottes an allen Menschen, der die tatkräftige Unterstützung durch menschliches - und politisches - Handeln braucht. Die biblisch verbriefte barmherzige Liebe Gottes in rein individuelle Akte der Nächstenliebe zu übersetzen ist wichtig. Aber zu wenig. Politik ist, so Hannah Arendt, die nachhaltigere Form von Nächstenliebe. Wenn und insofern die gemeinsame Suche nach dem guten Leben für alle Menschen - lokal wie global' aktuell wie zukünftig gedacht - in Gesetze' Ordnungen und Strukturen übersetzt wird.

Wieso hängt die Frage des Christlichen unweigerlich mit der Frage des Sozialen zusammen? Was heißt es, sich in der Politik an biblisch-christlichen Haltungen und Prinzipien der Soziallehre der Kirche zu orientieren?

Solidarische Antworten

Dass Soziallehre keine Philosophie ist, versteht sich von selbst, wenn der Blick auf den Ursprung geworfen wird: auf Basis des jüdisch-christlichen Gottes- und Menschenbildes wird im Rahmen der christlichen Religionsgemeinschaft die Frage beantwortet, welche Kriterien für eine Gesellschaft gelten können, wie eine Gesellschaft aussehen kann, in der soziale Fragen solidarisch beantwortet werden.

Ein Blick in die Bibel sowie in die Tradition der Soziallehre der Kirche geben Orientierung. Die Frage nach dem friedlichen Zusammenleben aller Menschen in einer Gesellschaft, die von sozialer Gerechtigkeit geprägt ist, ist DER rote Faden iüdisch-christlicher Tradition. Etwas salopp formuliert: Die Heilszusage Gottes an alle Menschen gilt es schon im Hier und Jetzt zu verwirklichen. Wenigstens ansatzweise. Das „Leben in Fülle" der jesuanischen Verheißung (Joh, 10,10) wurzelt in sozialer Gerechtigkeit (Amos 5,24). Prüfkriterien für ein Leben aus dem Glauben an den Gott Jesu Christi sind der Umgang mit den Benachteiligten und Ausgeschlossenen (Jes 58, 6f ), mit denen sich Jesus identifiziert (Mt 25,10).

Übersetzt auf den politischen Alltag heißt das: Ein grundlegendes Prüfkriterium für politische Entscheidungen und Maßnahmen ist die Frage, inwieweit sie besonders den Armen dienen, um ein selbstbestimmtes, gesellschaftlich integriertes Leben führen zu können. Ohne die „vorrangige Option für die Armen" ist christlich inspirierten Politik nicht denkbar. Der Blick durch die Brille der Bedrängten ist der - im christlichen Sinne – entscheidende Blick auf die Frage, ob Politik auch christlich-sozial ist.

Wenn von Armut Betroffene aber durch politisches Handeln entmündigt werden, wennt sie im öffentlichen Diskurs abgewertet werden, wenn sie durch staatliche Institutionen systematisch diskriminiert und herablassend behandelt werden – in wie weit kann diese Politik als christlich-sozial bezeichnet werden?

Kein Kochrezept

Jede Politik, die sich an der Soziallehre der Kirche orientiert, muss dem Gemeinwohl dienen. Mit dem Ziel eine sozial- und ökologisch – gerechte Gesellschaftsordnung zu erreichen. Mit dem Ziel, allen Menschen – unabhängig von den individuellen Ausgangsbedingen – Freiheit zu eröffnen und Möglichkeiten anzubieten, um ihre Talente und Fähigkeiten entwickeln und zum Wohl der Gemeinschaft einbringen zu können. Die Soziallehre der Kirche bietet mit ihren Prinzipien keine Kochrezepte oder technischen Gebrauchsanweisungen für die Tagespolitik. Die Soziallehre der Kirche ist wie ein Kompass, der zur Orientierung dienen kann, wie christlich-soziale Politik aussehen kann:
Eigenverantwortung und Eigenengagement der Bürgerinnen und Bürger? Ja. Aber der Staat als übergeordnete Einheit hat subsidiär, also unterstützend zur Seite zustehen, um diese Eigenverantwortung zu ermöglichen, wenn die Kräfte der kleineren Einheit nicht reichen.

Solidarischen Handeln mit Bekannten und Nahestehenden? Ja. Aber christlich motivierte Solidarität endet nicht im Gruppenegoismus oder Nationalismus, sondern erstreckt sich global auf alle Menschengeschwister.

Gerechtigkeit, die nach erbrachter Leistung beurteilt wird? Ja. Aber sozialethisch deklinierte Gerechtigkeit führt zur Frage, welche Leistungen in Betracht gezogen werden (Stichwort Pflege alter Angehöriger), ob gleiche Leistungen auch gleich entlohnt werden (Stichwort gender-pay-gap), ob dafür gesorgt wird, dass auch jene Menschen sozial integriert werden, die nicht
erwerbstätig sein können (Stichwort Teilhabegerechtigkeit), ob Kranke oder Menschen mit besonderen Bedürfnisse von der Solidargemeinschaft getragen werden (Stichwort Sozialstaat), ob jene, die eine,,andere" Muttersprache, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung haben, gleiche Chancen in der Gesellschaft bekommen (Stichwort Beteiligungsgerechtigkeit), ob Prozesse in der Justiz fair und transparent gestaltet sind (Stichwort Verfahrensgerechtigkeit), ob wirtschaftliche Vereinbarungen fair und auf Augenhöhe gestaltet sind (Stichwort Tauschgerechtigkeit) usw. Sozialethisch deklinierte Gerechtigkeit fragt danach, ob in allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozessen der Mensch Träger, Ausgangspunkt und Ziel ist (Sozialprinzip Personalität und nicht zum Beispiel vorrangig die Vermehrung und Konzentration von Finanzkapital).

Frage der Haltung

Die Soziallehre der Kirche wird auch Gesellschafts-Ethik oder Struktur-Ethik genannt. Es geht ihr immer um die Frage, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen kann. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Personalität: Jeder Mensch ist, weil von Gott geschaffen, mit Würde begabt. Diese Menschenwürde kann - so das unverrückbare Fundament der Soziallehre - weder erworben noch verkauft, weder verhandelt noch zugesprochen werden. Darin wurzeln alle andern sozialethischen Prinzipien. Der Mensch als Person und Subjekt ist in seiner bedingungslosen Würde also auch Mittelpunkt und Ziel einer Politik, die sich christlich-sozial nennt.

Die Frage nach dem Chrisilich-Sozialen in der Politik ist eine Frage der Haltung. Haltungen prägen das Verhalten von Menschen und damit gesellschaftliche Verhältnisse, Strukturen, Institutionen und Organisationen. Welches Menschenbild - mit allem Gelingen und Scheitern – und welches Gesellschaftsbild spiegelt sich in politischen Aussagen wie in konkreten politischen Maßnahmen? ,,Sich in die Politik einzubringen, ist für einen Christen ein Muss" wird Papst Franziskus zitiert. Politik ist die nachhaltigste Form, Nächsten-Liebe über rechtlich und damit gesellschaftlich gesicherte Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und der vorrangigen Option für die Armen strukturell zu verankern. Eine ,,Politik der Liebe" - als christliche Haltung - zeigt sich in Form solidarischer und subsidiärer, nachhaltiger und gemeinwohlorientierter Antworten auf die sozialen Fragen der Zeit.


Zur Autorin:

Magdalena Holztrattner wurde 1975 in Salzburg geboren, ist Theologin, Armutsforscherin und Religionspädagogin und seit2013 Leiterin der Katholischen Sozialakademie Österreichs.

Sie studierte an der Universität Salzburg und San Salvador Theologie und Religionspädagogik und war anschließend in interdisziplinären Forschungsprojekten zu Armut und Gerechtigkeit u. a. in Lateinamerika engagiert.

An der Universität Kassel erwarb sie Kenntnisse in den Bereichen Organisationsentwicklung, Supervision und Coaching und absolvierte die Moderationausbildung.

An der Universität Salzburg und am Religionspädagogischen Institut in Salzburg fungierte sie als Erwachsenenbildnerin. 2013 wurde sie von der Österreichischen Bischofskonferenz zur Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs ernannt.