Kranemann Benedik 120LOGO herder korrespondenz 120Benedikt Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, beschreibt in der Herder Korrespondenz 2019, Heft 5, S. 13-16, wie die katholische Litugie dem Priester eine übersteigerte Rolle zuweist, die zur Selbstüberschätzung auch jenseits der Kirchenmauern führen kann.

Angesichts der weitreichenden Bedeutung dieses Phänomens weist das Netzwerk: zeitgemäs glauben auf diesen Beitrag hin.

Was die Liturgie mit der Kirchenkrise zu tun hat

Probleme hinter Weihrauchschwaden

Im Angesicht der Missbrauchskrise muss die Kirche alles hinterfragen ‒ auch die Art und Weise, wie sie Gottesdienst feiert. Die katholische Liturgie weist dem Priester eine übersteigerte Rolle zu, die zur Selbstüberschätzung auch jenseits der Kirchenmauern führen kann ‒ und so der Gefahr des Klerikalismus Vorschub leistet.

Die katholische Kirche wird derzeit von Krisen erschüttert, die manchen an die Zeit der Reformation erinnern. Solche historischen Vergleiche hinken immer, doch die Wucht der Umbrüche, vor denen die Kirche steht, ist immens groß. Die zweifellos mit Blick auf die Betroffenen schlimmste Krise ist durch Jahrzehnte währende Missbrauchsverbrechen verursacht, deren sich kirchliche Mitarbeiter, vor allem Priester, schuldig gemacht und deren Verfolgung sie erschwert haben. Sie hat der Kirche nach innen wie nach außen nicht nur massiv geschadet und der Institution nicht nur jeden öffentlichen Kredit genommen, wie die Dogmatikerin Julia Knop jüngst der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vorgehalten hat. Gerade der Missbrauchsskandal führt dazu, dass mehr und mehr Menschen bis hin zu denen, die im Zentrum der Kirche stehen, sich abwenden.

Zugleich gibt es eine tiefgreifende Krise des kirchlichen Amtes, und zwar mit Blick auf seine theologischen Inhalte wie die Akzeptanz seiner jetzigen Gestalt innerhalb der Kirche. Auch hier: Der Kredit ist verspielt, und die Konsequenz: Menschen gehen auf Distanz zur Kirche, darunter viele, für die das bislang undenkbar gewesen wäre. Das gilt ebenso für die Krise des Selbstverständnisses der Kirche. Die Ekklesiologie steht letztendlich in der Diskussion. In einer Zeit des Priestermangels, sich verändernder Seelsorgestrukturen und immer größerer pastoraler Räume treibt viele die Frage um, was Kirche im Letzten ausmacht. Wie kommt das „Volk Gottes“ zu Wort? Es geht um Rollen in der Kirche, um Mitspracherechte, Mitwirkung bei Entscheidungen. Es geht um Macht, darum, wer sie warum hat und wie er sie einsetzt.

Habitualisierte Selbstüberschätzung

Viele Ursachen für diese Krisen werden genannt, die Liturgie spielt dabei selten eine Rolle. Weder die kirchlich Verantwortlichen noch die Fachwissenschaft haben bislang öffentlich gefragt, ob in einer Kirche, für die der Gottesdienst so zentral und für ihre Identität tragend ist, die Art und Weise, wie Liturgien begangen werden, krisenfördernd sein könnte. Der Eindruck ist, dass es in der Liturgie so weitergeht wie bisher. Dass Liturgie mit diesen Krisen und mit der Selbstzerstörung der Kirche zu tun haben könnte, wird nicht oder kaum reflektiert. Doch diese Fragen müssen gestellt werden.

Der Krisenmodus der Kirche verändert die Optik. Man sieht plötzlich Fragwürdiges, das man vorher so nicht wahrgenommen hat. Darunter sind die problematischen Aspekte des Gottesdienstes der Kirche, die Menschen und ihren Glauben beschädigen können. Liturgie schreibt Menschen, zumal Priestern, bestimmte Amts- und Rollenverständnisse ein und lässt sie diese immer wieder ausüben. Wie trägt sie, die im Leben der Kirche permanent präsent ist, dazu bei, dass Menschen anderen gegenüber Machtvorstellungen entwickeln, die im Gottesdienst nichts zu suchen haben? Kann das nicht zu einer Habitualisierung von Selbstüberschätzung über den Gottesdienst hinaus beitragen? Das ist bislang für Geschichte wie Gegenwart viel zu wenig reflektiert worden.

Vielleicht hat man sich bei denen, die Verantwortung für die Liturgie tragen, zu lange damit vertröstet, in der Spur des Zweiten Vatikanums sei für diesen Kernbereich der katholischen Kirche schon alles bestens gerichtet. Aber das Konzil liegt über ein halbes Jahrhundert zurück. Viele Fragen müssen heute anders und mit anderer Dringlichkeit vorgetragen werden. Dass auch in den Konzilstexten Probleme angelegt sein könnten, hat jüngst der Bonner evangelische Theologe Michael Meyer-Blanck bei einem Vortrag in Leipzig verdeutlicht. Er hat für die katholische Kirche von der „amtstheologischen Überhöhung des Priesters als ‚in persona Christi‘ handelnd“ gesprochen und auf „Sacrosanctum Concilium“, also die Liturgieerklärung des Konzils, hingewiesen. SC 33 wird in der Ausgabe der Konzilsdokumente von Karl Rahner und Herbert Vorgrimler so übersetzt: „Überdies werden die Gebete, die der Priester, in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend, an Gott richtet, im Namen des ganzen heiligen Volks und aller Umstehenden gesprochen.“ Das kann man theologisch angemessen interpretieren. Aber der Zusammenhang von sozialer Rolle, kirchlichem Amt und sakralisiertem Handeln kann zu entsetzlichen Missverständnissen führen. Die Liturgie stellt ein Bild von Kirche dar und übt Rollen ein, die problematisch sein können. Um all dem seitens des Priesters gerecht werden zu können, ist eine Bildung notwendig, auf die der Pastoraltheologe Hermann Stenger schon 1988 hingewiesen hat: „Eine angemessene Identitätsbildung ist wesentliche Voraussetzung für die Zuweisung liturgisch-kommunikativer Kompetenz.“

Die kritisierte Überhöhung steht in Widerspruch zur Volk-Gottes-Ekklesiologie, wie sie das Konzil ebenfalls vertreten hat. Diese jetzt hinterfragte Amtstheologie wird liturgisch-rituell durch Gestik, Sprache, Raum und so weiter inszeniert und verstärkt. Das ist ein Grundübel einer Liturgie, die – vielleicht auch deswegen – immer weniger Menschen anspricht. Zugleich geht es um das Selbstverständnis von Kirche. Die Ekklesiologie steht in der Diskussion.

Liturgie feiert in Wort und Sakrament die Zuwendung Gottes zum Menschen. Hören und Antworten, Heiligung des Menschen und Verherrlichung Gottes sind Grundgegebenheiten der Liturgie. Menschen sollen durch die Feier des Glaubens gestärkt werden. Selbstprofilierungen und Selbstüberhöhung im Gottesdienst durch welche Rollen- und Amtsträger auch immer stehen dem entgegen und gehen auf Kosten des christlichen Zeugnisses, das heute in der Gesellschaft so notwendig wäre.

Das ist nicht neu. Es wäre interessant, sich intensiver mit Blick auf Liturgie und Macht mit der Liturgiegeschichte zu befassen. Man würde dann schnell erkennen, wie bestimmte Muster der Abgrenzung von Priester und Gemeinde im Raum, im Ritus, in den Worten der Gebete, aber ebenso der Predigten zum Tragen kamen. Eine klerikal formierte Kirche erlebte diese Prägung nicht nur immer wieder neu in der Liturgie, sondern stärkte dadurch dieses Modell von Kirche permanent. Im Zentrum stand der geweihte Kleriker, von dem der Gottesdienst und sein Gelingen abhingen, egal ob es um Taufe, Bußsakrament oder Messfeier ging.

Es gab Raumzonen, die für „Laien“ und insbesondere für Frauen nicht zugänglich waren. In der Anordnung der Sitzplätze im Kirchengestühl spiegelte sich nicht nur das Gegenüber von Ordinierten und Nichtordinierten, sondern zum Teil zugleich die Sozialstruktur der Gesellschaft. Die Ausstaffierung des Klerus mit Gewändern und Insignien, die Art und Weise, wie beispielsweise letztere verliehen wurden, repräsentierte Hierarchie. Das Lateinische als Liturgiesprache förderte ebenso Rangunterschiede wie die Zuschreibung der liturgischen Handlungskompetenz allein an die Geweihten. Die seit dem Hochmittelalter nur für den Klerus konzipierten liturgischen Bücher, welche alle Texte und Gesänge der Liturgie enthielten, darunter die, die vormals die Gemeinde gesprochen oder gesungen hatte, sind ebenso Teil der Problemgeschichte.

Auf solche Repräsentationen von Amtshabitus und Macht lässt sich Liturgie natürlich nicht reduzieren, aber sie sind eben doch Teil der Liturgie. Hier galt (und gilt) dann, was der Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff jüngst so formuliert hat: „Was das Allerheiligste förmlich repräsentiert, zieht eine Macht und eine sakrale Aura an, die Vertrauen ermöglicht und ihren Missbrauch umso leichter und durchschlagender macht.“ Die Distanz zwischen Klerus und anderen Gläubigen war im Gottesdienst immer präsent – und sie war gewollt.

Wir waren schon viel weiter!

Die liturgische Reformbewegung des 20. Jahrhunderts hat damit zu brechen versucht. Durch Begriffe wie „Volksliturgie“ (Pius Parsch) wurde ein Paradigmenwechsel angekündigt. Mehr Muttersprache im Gottesdienst beispielsweise sollte, in welcher Form auch immer, die Gläubigen einbeziehen. Gleiches gilt für die Gemeinschaftsmesse und ebenso für die Intensivierung der liturgischen Bildung. Aber mit historischem Abstand muss man fragen: Können sich die Gläubigen wirklich als Subjekte der Feier verstehen oder partizipieren sie nicht doch mehr oder weniger immer noch an der Liturgie des Klerus? Ist die Klerikerliturgie wirklich so deutlich überwunden, dass man generell von Gemeindeliturgie sprechen kann? War man vielleicht nach dem Konzil schon weiter? Hat in den letzten Pontifikaten ein Rollback eingesetzt?

Aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt theologischen, muss es in der Krise der Kirche mehr denn je um eine Liturgie gehen, die wirklich Sache der Gemeinde ist. Hier wirft die derzeitige Situation der Kirche weitreichende Fragen auf. Es können nur einige Schlaglichter geworfen werden. Liturgie braucht, da Gemeinschaftsgeschehen, in der Regel eine Leitung. Damit ist aber noch nicht geklärt, wer leiten muss und darf. Notwendig ist heute eine inhaltliche wie ästhetische Neuformatierung der Leitungsrolle. Leitung muss konsequent durchgeführt und auch auf der Zeichenebene umgesetzt werden.

Warum beispielsweise dürfen die Vorsteherin oder der Vorsteher der Wort-Gottes-Feier nicht den Vorstehersitz benutzen und warum kommen ihnen Segenswort und Segensgestus angeblich nicht zu, die ordinierte Vorsteher verwenden? Es geht um das Wer und das Wie von Leitung, das viel über gemeinschaftlich gefeierte Liturgie anzeigt. Wenn man sich Gottesdienste wie das Bonner Mittagsgebet anschaut – ein öffentlich angebotener Wortgottesdienst inmitten der Bonner Altstadt (vgl. Achim Budde, Gemeinsame Tagzeiten. Motivation – Organisation – Gestaltung, Stuttgart 2013), findet man natürlich eine Leitung durch eine Frau oder einen Mann, die aber sehr zurückhaltend wahrgenommen wird. Eine Person, die fortwährend dominiert, redet und handelt, ist hier nicht denkbar. Mehr noch: Es wird deutlich, dass alle, die dieses Mittagsgebet feiern, Hörende und Empfangende sind. Es ist eine Gemeindeliturgie, in der nicht eine Person den Anschein erweckt, den anderen gegenüber in der Rolle des Kommunikators, Instruktors oder Belehrenden zu agieren. Die leitende Person nimmt sich im Sinne von gemeinschaftlichem Handeln zurück und vertraut auf die Kompetenz der anderen.

Sowohl auf der Ebene der Ars celebrandi wie des Ordo celebrandi sind Änderungen notwendig. Eine andere Ars celebrandi und eine bessere Selbstwahrnehmung würden weiterhelfen. Auch das gehört in das Feld von Liturgie und Macht. Letztlich werden immer wieder Differenzmarkierungen zwischen Klerus und Laien in die Liturgie eingetragen, die einer Gemeindeliturgie im Wege stehen, anstatt das Miteinander der feiernden Gemeinschaft zu betonen. Warum müssen beispielsweise Priester und Gemeinde separat bei der Vorbereitung der Eucharistie inzensiert werden? Hat das inhaltliche Gründe? Liegen die Motive vielleicht allein in der Genese des Ritus? Ein deutliches Zeichen, dass hier eine Gemeinschaft feiert, wäre, wenn Gemeinde und Priester gemeinsam inzensiert würden. Einmal in Gebrauch, sind solche Unwuchten aber nur schwer wieder zu beseitigen. Sie sind fortwährend präsent, was sich mancher Verantwortliche vielleicht nicht richtig bewusst macht.

Es geht um die Gemeinschaft

Notwendig ist eine stärkere Profilierung des gemeinsamen Gebets und des Zusammenspiels von Individuum und Gemeinschaft im Gebet. Die Liturgie sieht immer wieder das gemeinsame Gebet in den verschiedenen Liturgien vor. Insbesondere bei der Messfeier, die für viele die Liturgie ist, der sie kontinuierlich begegnen, bleibt das aber oftmals ein Lippenbekenntnis. So sieht das Messbuch vor, dass beim Tagesgebet nach der Gebetseinladung durch den Priester eine Gebetsstille gehalten wird. In der Praxis begegnet einem das äußerst selten. Dabei ist das in der Architektur dieser Liturgie ein wichtiger Moment: Alle haben die Möglichkeit, schon in der Eröffnung ihre Anliegen vor Gott zu bringen. Dafür braucht es die Stille an dieser Stelle, bevor der Priester mit dem Tagesgebet die Gebetseinheit abschließt. Das könnte und sollte sich beim Schlussgebet übrigens wiederholen. Diese kleine rituelle Sequenz zeigt noch etwas Weiteres: Der Priester ist wirklich Leiter des Gottesdienstes, aber nicht in dem Sinne, dass er alles ausfüllt, was bedeuten kann: alle anderen beiseite drängt. Und ein Drittes wird deutlich: Von Beginn dieser Liturgie an und bis zu ihrem Ende sind die Gläubigen Träger des Gottesdienstes. Das wird jedoch nur dann sichtbar, wenn sie das für sich erleben können. Gegen eine klerikalistisch verengte Liturgie setzt das Messbuch an dieser Stelle einen deutlichen Akzent. Die Dogmatikerin Eva-Maria Faber hat in einem zu wenig beachteten Aufsatz darauf hingewiesen, dass es „das objektive Paschamysterium (...) nicht ohne die subjektiven Brechungen“ gebe, „in denen es einst und heute das Leben von Menschen verwandelt und ihnen ein neues Verstehen ihrer selbst, der Welt und Gottes ermöglicht“ (Persönliches in Gemeinschaft. Liturgisches Beten in der Spannung von Intimität und öffentlich-sozialer Handlung, in: Ulrich Dalferth, Simon Peng-Keller [Hg.], Beten als verleiblichtes Verstehen. Neue Zugänge zu einer Hermeneutik des Gebets, Freiburg 2016, 197–229, 216). Damit ist eine Ekklesiologie verbunden, die auf Communio setzt und diese wirklich für die gesamte Gemeinde realisiert. Das Tagesgebet ist ein Geschehen, in dem das möglich ist.

An anderer Stelle unterbleibt das. Für den Ordo celebrandi ist unter anderem Folgendes festzuhalten: Nach theologischem Ideal ist das Eucharistische Hochgebet ein Gebet, das der Priester für die Gemeinde spricht. Das gemeinsame Singen des Sanctus, die Gemeindeakklamation und die Ratifikation des Gebets seitens der Gemeinde durch das „Amen“ am Ende sollen das zum Ausdruck bringen. Das ist aber für ein langes Gemeindegebet nicht sehr viel. Man könnte die Möglichkeit eröffnen, die Schlussdoxologie des Hochgebets gemeinsam zu singen oder zu sprechen. Deutlicher als durch das „Amen“ würde das Gebet des Priesters in das Beten der Gemeinde münden. Solche und ähnliche Veränderungen würden helfen, ein Modell von Liturgie und seinen Code zu durchbrechen helfen, das von einer Person dominiert werden kann. Positiv formuliert: Sie würden eine Liturgie ermöglichen, die Sache aller Getauften ist, und darum geht es. Während derzeit viel vom Können oder Wollen des Priesters abhängt, wäre eine Liturgie denkbar, die von Beginn an anders ausgerichtet ist.

Lasst die Laien ans Mikrofon!

Eine vielfältige Aufnahme innerkirchlicher Deutungs- und Auslegungskompetenz ist notwendig. Ein Thema, das immer wieder die Gemüter bewegt, ist die Laienpredigt. In der Messfeier ist sie untersagt, die tatsächliche Praxis variiert in Deutschland und den Nachbarländern. Die Gründe gegen die Laienpredigt überzeugen schon lange nicht mehr, denn außerhalb der Messfeier dürfen Nichtordinierte ja durchaus eine Homilie halten. Welche Formen – mit und ohne Beauftragung – denkbar sind, zeigt die Einleitung in die Wort-Gottes-Feier (Nr. 21): Predigt, Lesepredigt, Dialogpredigt, Glaubenszeugnisse, Geistlicher Impuls. Das ist mehr, als man Sonntag für Sonntag in der Messfeier erlebt. Es wäre ein deutliches Zeichen, wenn gerade in einem Moment, der sicherlich nicht zu den Hochzeiten der Predigtkultur zu rechnen ist, Männer und Frauen in der Messfeier predigen würden, die aufgrund theologischen Könnens oder Lebenserfahrung die Bibel auslegen. Die Gemeinde als ganze, also einschließlich des Priesters, würde ihnen zuhören. Kirche würde sich anders präsentieren als heute. Deutungsmacht in der Kirche würde geteilt, Kompetenz würde entscheiden. Keine Frage, dass das Konkurrenz bedeuten würde. Aber sie belebt bekanntermaßen das Geschäft. Hermann Stengerhat sich vor 30 (!) Jahren für eine „Verringerung des Kompetenzbewusstseinsgefälles“ zwischen, wie er es nannte, „amtspriesterlicher“ und „allgemeinpriesterlicher“ Kompetenz ausgesprochen. Die Überwindung dieses Gefälles ist nicht nur immer noch aktuell, sondern dringend angezeigt.

Viele Probleme wirft der liturgische Raum auf, und von Theologen wie Klemens Richter oder Albert Gerhards werden sie seit Jahren immer wieder vorgetragen. Ein Auffangen problematischer Raumkonzepte ist notwendig, ihnen muss gegengesteuert werden. Schon die offenbar nicht zu überwindende Rede vom Altarraum und vom Gemeinderaum wirft ein bezeichnendes Licht auf die Räumlichkeiten. Zu selten wird über den „Priestersitz“ nachgedacht. Schon der Begriff ist merkwürdig; die „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ der Deutschen Bischofskonferenz sprechen sachgerecht vom „Ort des Vorsitzes“ (so in der Überschrift zu 4.2; im Text wird von „Priestersitzt“ gesprochen). Es ist der Platz dessen, der den Gottesdienst leitet. Das kann, muss aber nicht ein Ordinierter sein. Dabei muss man sich vergegenwärtigen: Dieser Sitz ist ein relativ junges Möbel im liturgischen Raum, denn über Jahrhunderte kannte man ihn nicht. Heute stößt man immer wieder auf Sitze, die an die Kathedra des Bischofs oder einen Thron erinnern. Sie stehen penetrant so der Gemeinde gegenüber, dass Fragen nach der Rolle dessen, der hier sitzt, gar nicht erst gestellt werden müssen. Theologisch übersteigerte Deutungen wollen in diesem Sitz sogar einen Symbolort für die Selbstmitteilung Gottes an die Gemeinde erkennen (Josef Keplinger, „Gott ruft sein Volk zusammen …“. Zur [oft verkannten] symboltheologischen Zeichenstruktur des Vorstehersitzes, in: Stefan Kopp und Joachim Werz [Hg.], „Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeiten“. Liturgische Orte und ihre künstlerische Gestaltung, Regensburg 2019, 35–43, 38). Ist es eigentlich undenkbar, dass der Priester bei der Gemeinde sitzt und zu den Aufgaben, die er an Ambo, Altar und einem weiteren Sprechort übernimmt, an die entsprechende Stelle tritt? Es würde verdeutlichen, dass er als Teil der Gemeinde und nicht als ihr Gegenüber handelt. Klarer als derzeit stünde er bei den Lesungen aus Altem und Neuem Testament und gegebenenfalls auch beim Evangelium als Hörer mit den anderen unter dem Wort. Und es würde deutlich signalisiert, dass er für bestimmte Handlungen als Vorsteher in Aktion tritt, sich ansonsten aber inmitten der Gemeinde aufhält.

Tiefgreifender als Denkfiguren wirken Rituale

Was hat das alles mit „Kirchenkrise“ und „Missbrauchskrise“ zu tun? Geht es nicht um Nebenschauplätze? Keineswegs! Dass es in der Kirche „theologische Denkfiguren“ gibt, wie der Fundamentaltheologe Magnus Striet formuliert hat, die beides befördert haben und weiter fördern werden, wenn nicht Einschneidendes geschieht, ist bei kritischen Köpfen unbestritten (Sexueller Missbrauch im Raum der Katholischen Kirche. Versuch einer Ursachenforschung, in: Striet und Rita Werden, Unheilige Theologie! Analysen angesichts sexueller Gewalt gegen Minderjährige durch Priester, Freiburg 2019, 15–40). Aber viel tiefgreifender als Denkfiguren wirken Rituale. Sie schreiben sich, zumal wenn sie immer wieder neu vollzogen werden, in das Gedächtnis von Menschen und ihr Verhalten ein. Man wird ernsthaft diskutieren müssen, ob Rituale nicht viel systemstabilisierender wirken als Worte, wenn man ernsthaft über Macht und missbrauchte Macht in der Kirche diskutieren möchte. Liturgische Riten erzeugen ein System mit und helfen es zu erhalten.

An einer kleinen Szene lässt sich das diskutieren. In einem Pontifikalamt ziehen eine Ministrantin und ein Ministrant mit Weihrauch und Weihrauchfass zum Vorsteher der Feier und müssen vor dem Bischof oder Erzbischof niederknien, damit er im Sitzen Weihrauch einlegen kann. Was immer der Hintergrund sein mag: Hier wird ein hochproblematisches Bild erzeugt, das eine Unterordnung zeigt – Knien bedeutet letztlich, sich klein und niedrig zu machen, es ist ein Gestus der Anbetung –, zugleich ein Systemproblem erneut in eine Bildsprache bringt. All das findet nicht im Kopf statt, sondern ist leiblich erfahrbar. Es würde sich lohnen, die Liturgie auf solche Riten hin durchzusehen, die Hierarchien zum Ausdruck bringen, die historisch vielleicht ableitbar sind, aber heute zum Problemhaushalt der Kirche gehören.

Kirche in der Krise – die Liturgie bleibt nicht außen vor. Es sind viele, leider allzu viele Beispiele, die genannt werden müssten. Die Krise der Kirche ist nicht zu überwinden, wenn nicht auch in der Liturgie als einem Kernhandeln der Kirche ein Wandel von Mentalität und Feierkultur, einzelnen Riten und Normen stattfindet. Liturgie stellt Kirche und damit ein ganz bestimmtes normiertes Kirchenbild dar. Papst Franziskus hat im August 2018 von der Gefahr gesprochen, „das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen oder auf kleine Eliten zu reduzieren”. Er nennt das Klerikalismus, der einem auch in der Liturgie begegnet. Dieser Mentalität und ihrer Praxis ist entgegenzutreten: um der Kirche willen. Die Liturgie ist ein höchst sensibles Geschehen, umso mehr ist sie kritisch zu sichten. Die Chancen auf eine Transformation des Gottesdienstes stehen gut. Die Kirche und insbesondere die Kirchenleitung müssten nur mit ihrer Umsetzung endlich anfangen.


Quelle: Herder Korrespondenz 2019, Heft 5, S. 13-16


Zum Autor:

Benedikt Kranemann wurde 1959 geboren. Er ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Außerdem leitet er das Theologische Forschungskolleg der Universität Erfurt.

Kranemann studierte katholische Theologie, Germanistik und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Von 1988 bis 1994 war er wissenschaftlicher Assistent bei Professor Klemens Richter und Hochschuldozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, wo er 1989 im Fach Liturgiewissenschaft promovierte. Seine Habilitation erfolgte 1994.

Von 1994 bis 1998 war er Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster und zugleich von 1995 bis 1998 Leiter der wissenschaftlichen Bibliothek des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier. Ebenso übte er eine Lehrtätigkeit an den Katholisch-Theologischen Fakultäten in Trier und Fribourg aus. Seit 1998 ist er Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt. Von 2003 bis 2008 war er Dekan der Fakultät. Dem Hochschulrat der Universität gehörte er von 2008 bis 2016 an. Seit dem 23. Oktober 2017 ist er Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Erfurt. Er leitet das Theologische Forschungskolleg an der Universität Erfurt und ist Sprecher des Research Centre Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart.

Benedikt Kranemann ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Liturgiewissenschaftler/-innen im deutschen Sprachgebiet und Sprecher des Universitären Schwerpunkts Religion der Universität Erfurt. Seit 1999 ist er Mitglied im Vorstand des Deutschen Liturgischen Institutes. Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der theologischen Disziplinen (bis Oktober 2017) war er häufiger Leiter der „Mainzer Gespräche“. Seit 2012 ist er Mitglied im Fachkollegium 107 (Theologien) der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Er ist Berater verschiedener Kommissionen der Deutschen Bischofskonferenz.