Haering Hermann1 120In der Zeitschrift Publik-Forum Nr. 21/2018 veröffentlichte Hermann Häring einen Beitrag, der die Situation vieler Gemeinden treffend beschreibt. Darin sieht er die Sekularisierung als Chance und stellt fest: „Alltag und Sonntag bedingen einander. Gotteserfahrung erhält nur durch Welterfahrung Aussagekraft“.

Diese Sichtweise könnte mancher Gemeinde bei der Erstellung ihre Pastoralpläne behilflich sein.

Wie kommt Gott ins Stadtquartier?

Austrittswelle, Wut und Desinteresse: Es ist höchste Zeit, dass Pfarreien Visionen entwickeln. Dazu müssen sie mündig sein.

Von Hermann Häring

Im Jahr 2016 haben in Deutschland insgesamt 660 000 Christinnen und Christen ihre Kirche verlassen. Weder Papst Franziskus noch das Reformationsjubiläum konnten die Abwärtsspirale stoppen. Doch trotz dieser erschreckenden Zahlen und dem damit einhergehenden Relevanzverlust des Christentums geht kein Ruck durch die Pfarrgemeinden. Viele haben keine Visionen, ziehen sich aus der Welt zurück, verstehen die Säkularisierung falsch oder schrecken vor ihrer Mündigkeit zurück.

Es scheint, als wären die Gemeinden mit sich im Reinen. Sie renovieren ihre Kirchen und beschäftigen sich in kleinen Grüppchen mit ihrem Glauben, wollen Christus und den Menschen nahe sein. Doch was das konkret bedeutet, wissen sie kaum zu sagen. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich das Profil eines vor Ort präsenten, sozial und politisch profilierten Katholizismus nahezu aufgelöst. Aber niemand will diesen Verlust genau definieren. Nicht als ob die Christen vor Ort keine Ideale mehr hätten, aber mir scheint, sie können sie kaum mehr nach außen vermitteln. Sie träumen davon, an einem Strang zu ziehen, sagen aber nicht, an welchem. Oder wissen sie es nicht?

Gewiss, wir leben in einer postfaktischen Zeit.Hoffnungen haben sich in ungreifbare Nebel aufgelöst. Für eine christliche Gemeinschaft ist diese Entwicklung eine Katastrophe, denn sie lebt aus einer Vision. Man vergegenwärtige sich den vorkirchlichen Jesus mit seiner prophetischen Botschaft. Für ihn beginnt „Gottes Reich“, das heißt eine in Frieden und Gerechtigkeit versöhnte Menschheit, jetzt! Er spricht von einer Gemeinschaft der Befreiten, in der Orientierungslose wieder sehen, Enttäuschte lachen, Verzweifelte sich freuen und die Alten wieder träumen können.

Wir sprechen oft von der Nachfolge Jesu, aber kaum von seinem visionären Geist. Wir sprechen viel vom Kreuz, aber wenig von den Feuerzungen der Pfingsterfahrung. Die Auferstehung von den Toten reduzieren wir auf ein mysteriös übernatürliches Geschehen, statt in ihr die Ankündigung eines neuen Lebens zu entdecken. Der Geist der Resignation, der aus den Mitgliederstatistiken spricht, spiegelt genau diesen Geist der Verunsicherung wider. Von römischen Prunkveranstaltungen, dem organisierten Triumph der Papstreisen und der Weltjugendtage wird sie nur spärlich übertüncht.

Der Grund für diesen Rückgang liegt im Rückzug der Gemeinden aus Welt und Gesellschaft. Die Seelsorge vor Ort ist weitgehend zusammengebrochen, die klassischen Verbände schrumpften zu Schatten ihrer selbst. So wurden die Zielsetzungen der Gemeinden immer abstrakter. Übrig blieben zu Klischees verblasste Wörter wie Umbruch, Aufbruch, Freiheit, Mündigkeit oder Erneuerung. Meine Pfarrei etwa weiß sich „auf dem Weg zu einer offenen beziehungsreichen katholischen Gemeinde. Sie vertraut darauf, dass es ihr gelingt, in einer nach innen und außen gelebten Spiritualität zuwachsen". Für Außenstehende sind das nichtssagende Worte, auch wenn man sie marketingtechnisch aufbläht. Zum einen redet diese Gemeinde nur von sich selbst, Impulse nach außen spielen keine Rolle. Zum andern bleibt völlig unbestimmt, was mit Spiritualität gemeint sein soll. Natürlich weiß man sich in „Gottes befreiender Botschaft“ verwurzelt, aber das wirkt wie eine inhaltsleere Pflichtübung.

Die Entkoppelung des Glaubens von Welt und Gesellschaft schreitet nun schon Jahrzehnte voran. Man sucht sein Alleinstellungsmerkmal, filtert aber nur den jenseitigen Aspekt heraus. Dabei sind Gemeinden gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie mit konkreten Sozialräumen verkoppelt sind, dem Dorf, der Kleinstadt oder einem bestimmten Stadtteil mit höchst konkreten, alle Mitglieder verbindenden Situationen. Zu fragen wäre also: Wie kann das Reich Gottes in genau diesem Sozialraum Gestalt gewinnen? Wo ist es vielleicht schon gegenwärtig? Wo und wie begegnen wir in ihnen Gott? Konkrete Antwort kann nur eine Gemeinde finden' die den Frust und die Sehnsüchte ihrer Umgebung kennt.

Säkularisierung als Chance

Unsere von der Jesu' Prophetie getragenen Visionen sollten konkret sein. Kämpft eine Gemeinde gegen soziale Ungerechtigkeit, für armutsgefährdete Frauen und Mütter, für Asylsuchende, für Kinder in Armut oder ein verträgliches politisches Klima? Hat sie sich entschieden, wird es ein Leichtes, diese Nahziele globaler einzuordnen: soziale Gerechtigkeit, Überwindung von Gewalt, Weltfrieden, interreligiöse Begegnung ... Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Gerhard Wegner (Publik-Forum 19/2016) setzt uns mit dem Programm der „Sozialkirche“ auf die richtige Spur.

Natürlich läuten jetzt alle Alarmglocken. Ersetzt hier nicht Selbsterlösung den unaufgebbaren Gottesglauben? Kaschieren solche Programme nicht die allgemeine Gotteskrise, die wir nicht verdrängen sollten? Diese Warnungen stimmen nur zur Hälfte, denn nicht der Unglaube der Menschen, sondern der Solidaritätsverlust der Glaubenden hat die Gotteskrise hervorgerufen. Sie haben die tiefe Metamorphose des Gottesglaubens nicht erkannt, sondern hochmütig als Unglauben interpretiert.

Viele Pfarreipläne erklären die Gottesdienstfeier zur Mitte der Gemeinde' Das scheint mir biblisch und anthropologisch falsch, denn christliche Gemeinden leben nicht einfach aus einem Mittelpunkt, der zu einem geschlossenen Kreis zusammenfrigt. Sie leben im doppeiten Brennpunkt einer Ellipse. Alltag und Sonntag bedingen einander; unsere Gotteserfahrung erhält nur durch Welterfahrung Kontur und Aussagekraft. Die Welt ist kein Ort der Pflichterfüllung, sondern der Raum unserer religiösen Leidenschaft. Nur in den Menschen begegnen wir Gott. Nur wenn ihre Erfahrungen gegenwärtig sind, blühen die Gottesdienste wieder auf.

Wer Gott erfahren und gemeinsam feiern will, muss es mit den Menschen und ihren Abgründen aufnehmen.Wer ihnen vermitteln will, dass die christliche Botschaft mit den Hoffnungen des Gottesreiches zu tun hat, muss für Menschenfreundlichkeit eintreten. Nur so bringen wir Gottes Botschaft wieder öffentlich zur Geltung.

Wie können wir das schaffen? Zunächst sollten wir unsere selbstverliebten Fragen nach Kirchlichkeit und Identität vergessen, stattdessen die Nöte und Hoffnungen vor Ort kennenlernen, in unseren Gemeinden darüber nachdenken, konkrete Visionen entwickeln und Entscheidungen treffen, in Stadtgebieten vielleicht auch die Aufgaben mit anderen Gemeinden aufteilen. Erst dann lässt sich die Gottesfrage wirklichkeitsnah stellen, die an der unsagbaren Hoffnung und Verzweiflung der Leute arbeitet. Von diesem doppelten, miteinander verkoppelten Brennpunkt kann der Pastoralplan berichten, ohne in peinliche Marktstrategie zu verfallen.

Gegen das Gerede von Identität

Unter den gegebenen Voraussetzungen ist das kaum möglich. Einerseits leiden die Gemeinden unter Milieuverengung und Überalterung, andererseits sind sie zu eng mit dem Bistum und einem trägen Kirchenapparat verquickt. Das verschleißt Kräfte. Wer möchte schon für eine Institution arbeiten, wenn deren Machtstrukturen ebenso wie die offenkundigen Sexualneurosen, die Frauen- und Homophobie oder die Missbrauchsskandale täglich negative Schlagzeilen produzieren? Wer möchte sich einer solchen Gemeinde anschließen?

Hauptbedingung für ein visionäres und überzeugendes Gemeindeleben ist deshalb die eigene Mündigkeit. So zynisch es auch klingen mag, der Zusammenbruch der klassischen Seelsorge, den wir derzeit erleben, kann zum Glücksfall für die Gemeinden werden.

Niemand will die Ämter von Bischöfen und Papst abschaffen, aber ihre Vollmachten sind auf ein vernünftiges Maß der Aufsicht, Koordination und Kommunikation zu beschränken. Nicht die römische Kirche ist christliche Lebensmitte, auch nicht die steinreichen Diözesen, sondern die einfache Gemeinde auf dem Land oder in einem vernachlässigten Stadtviertel. An ihrem Ort muss sie zur selbstverantwortlichen Vertreterin eines neuen Lebens werden. Problemlos werden dann auch evangelische und katholische Gemeinden zu kooperierenden Einheiten zusammenwachsen.


Zum Autor:

Hermann Häring ist 1937 geboren, verheiratet und hat mit seiner Frau drei erwachsene Kinder. Er lehrte katholische Theologie in Nijmegen, weil Bischöfe seine Berufung an eine deutsche Universität verhinderten. Er ist wissenschaftlicher Berater beim Projekt Weltethos und lebt in Tubingen.

Grund für seine Ablehnungenan Deutschen Universitäten war seine zwischen 1970–1980 ausgeübte Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für ökumenische Forschung in Tübingen bei Hans Küng. Ab 1980 bis 2005 lehrte er trotzdem Systematische Theologie und Wissenschaftstheorie an der Universität Nijmegen und baute das interdisziplinäre Institut für Theologie, Wissenschaft und Kultur auf.

Heute lebt er wieder in Tübingen und forscht zu Themen des ökumenischen und interreligiösen Dialogs und er analysiert Themen der katholischen Kirche.

 

Nr. 21 | 2018 Publik-Forum