gender 150Mitte Juni 2019 veröffentlichte der Vatikan unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ ein Dokument zur Gender-Thematik. Es erntete viel Kritik, obwohl es als Dialogangebot angepriesen wurde.

Nachstehend finden Sie drei kritische Stellungnahmen: Paul M. Zulehner auf seiner Internet-Seite, Mathias Rüb in der Franzfurter Allgemeinen Zeitung und der Wiener Moraltheologe Gerhard Marschütz in der Wochenschrift DIE FURCHE nehmen dazu kritisch Stellung.

Lesen Sie mehr darüber nachstehend:

Zulehner  Paul M 120Der em. Pastoraltheologe, Paul M. Zulehner schreibt, dass dieses Dokument kein „lehramtliche Gewicht“ habe, auch wenn es noch so viele päpstliche Zitate enthält. Es ist auch „für das Alltagsleben von 80% oder auch mehr unserer Bevölkerungen ein belangloses Dokument“. Es werde „zwar ein Dialog über gesellschaftspolitisch gewichtige Fragen angekündigt“, der aber letztlich unterbleibt. „Es ist mehr ein angestrengtes Selbstgespräch“, stellt Zulehner nach Studium der englischen Fassung fest.

In seiner Kritik wird Zulehner dann deutlich: „Es wird im Dokument ein „Gegner“ aufgebaut, der dann scharf verurteilt wird. Der Wolf der „Genderideologie“ hat zwar den Schafspelz der „Gendertheorie“ angezogen. Aber mit diesem vermeintlich semantischen Trick ist das Kernproblem nicht behoben: Das Dokument ist nämlich ebenso ideologisch wie der fingierte Gegner, den es bekämpft.“ Es stehe im Vorhinein fest, was am Ende herauskommen soll.

Zulehner beklagt, was schon alles mit der Schöpfungsgeschichte angestellt wurde und fragt, ob sich die Gottesebenbildlichkeit unbedingt auf das Geschlecht beziehen müsse oder vielleicht nicht auch die schöpferische Kraft sein könne. Und er nennt gleich einBeispiel: „Die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern, mit der zusätzlichen Nachwirkung, dass, wenn ein Kind geboren wird und jemand die Berufsarbeit unterbrechen muss, es zumeist die geringer verdienende Person ist, also die Mutter. Und dieser wird (was ja auch das Dokument macht) ohne mit einer semantischen Wimper zu zucken, gleich die Sorge um die Kinder zugeteilt, und zwar wegen jener Eigenschaften, welche den Frauen nicht nur für die Familie, sondern die Wirtschaft oder auch die Weltpolitik zugeschrieben werden (und daher den Männern angeblich fehlen!). All das hat mit biologischem Sex wirklich nicht viel zu tun.“

Unter der Überschrift „Vorfindbar – erfindbar“ spricht er einen entscheidenden Punkt an: „Eine der wichtigsten und letztlich nicht gelösten Fragen der modernen Geschlechteranthropologie sind die Fragen: Was ist (biologisch) vorfindbar und was ist (kulturell) erfindbar?“ In entsprechend später eingefügten Passagen des Dokuments „wird zugegeben, dass im Zuge der psychosexuellen Entwicklung eines Individuums kulturelle Einflüsse eine Rolle spielen. Sex und Gender, Biologie und Sozialwissenschaft lassen sich nicht trennen – wobei die letzte im Dokument immer nur als Gefahr vorkommt“, stellt der langjährige Akteur der Männer- und Frauenforschung fest.

„Eine gute Exegese hätte sich nicht nur auf die Genesis berufen, sondern vielleicht auch Abraham in den Blick genommen. Dann wären die Angriffe auf die „polyamourösen Modelle“ zurückhaltender ausgefallen oder gar unterblieben“, meint der Pastoraltheologe. Dabei verweist er auf „polyamourösen Modelle“ in der Bibel, wobei heute viele eine „konsekutive Polygamie“ leben, die wir neben Jesus oder Paulus vorfinden. Schwerpunkt ist eine „verlässliche und dauerhafte Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich sehen lassen kann. Das Dokument sieht aber in der Vielfalt nur Verfall und Bedrohung, und entdeckt keinen Hauch vom Reichtum der Liebe und ihrer kulturellen Ausgestaltung“, soweit Zulehner.



In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betrachtet Mathias Rüb aus Rom das Dokument kritisch.


Marschütz Gerhard 120In der Wochenschrift DIE FURCHE Nr. 25 vom 19. Juni 2019 nimmt der Wiener Moraltheologe Gerhard Marschütz zu dem 57 Punkte umfassenden vatikanischen Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ in einem Gastkommendar kritisch Stellung.

„Dialog“ steht drauf, aber ist nicht drinnen

GASTKOMMENTAR. Anmerkungen zur vatikanischen Genderkritik im Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“.

Von Gerhard Marschütz

Bereits im März 2018 hatte der Sekretär der vatikanischen „Kongregation für das katholische Bildungswesen“, Erzbischof Angelo Zani, angekündigt, dass „demnächst“ eine kritische Stellungnahme zur Gendertheorie publiziert werden soll. Erst 15 Monate später war es dann so weit: Am Pfingstmontag wurde „Als Mann und Frau schuf er sie“, ein dreiteilig gegliedertes Dokument, veröffentlicht, das dem Untertitel zufolge ein „Weg des Dialogs bei der Genderfrage im Bereich der Bildung“ sein möchte.

Dieser Dialog umfasse, so der Präfekt der Bildungskongregation, Kardinal Giuseppe Versaldi, drei Schritte: „Nämlich erstens die Argumente der anderen anzuhören, dann die eigenen Überzeugungen mit rationalen Argumenten zu begründen und drittens Lösungen vorzuschlagen für die Probleme, die es gibt.“ Zugleich betont Versaldi, dass dieser Text auch „insgesamt eine Positionierung
des Vatikans zur Genderfrage“ sein wolle.

Positionierung, nicht Dialog

Dialog oder Positionierung? Schon beim Lesen der ersten Seiten wird klar: Primär geht es um Positionierung und speziell darum, den Widerspruch zwischen Gen­dertheorie und christlicher Anthropologie aufzuzeigen. Damit wird schon der erste Dia­logschritt nur behauptet, nicht aber eingelöst. Gendertheoretische „Argumente der anderen“, also jener, die Gender Studies betreiben, bleiben ungehört. Ausführlich zitiert werden dagegen die von den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus entwickelten Argumente gegen „die verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gendertheorie genannt“ wird.

Ideologisch sei diese Theorie, weil sie den natürlichen Unterschied von Mann und Frau leugnet. Die „radikale Trennung“ der sozialen Dimension des Geschlechts (= gen­der) vom biologischen Geschlecht (= sex) und der darin implizierte Vorrang von gen­der besagten letzten Endes, dass menschliche Identität nicht in einer vorgegebenen Natur als Mann und Frau gründe, sondern „einer individualistischen Wahlfreiheit ausgeliefert“ werde. „Was zählt, ist die absolut freie Selbstbestimmung jedes Einzelnen.“

„Theologische Publikationen der letzten Jahre verdeutlichen freilich, dass das in der katholischen Genderkritik vorausgesetzte Verständnis von ‚gender‘ wissenschaftlich unhaltbar ist.“

Gender sei eine „Abkehr von der Natur“, basierend auf einer „dualistischen Anthropologie“, in der ein sich absolut setzender menschlicher Wille meine, den auf eine leblose Materie reduzierten Körper „nach Belieben manipulieren“ zu können. Dieser „radikale Bruch“ mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit entspringe einem „konfusen Freiheitskonzept“, das „echte Freiheit mit der Vorstellung verwechsle, dass jeder urteilen mag, wie er meint“.

„Genderideologie“ – eine Schimäre?

Offen bleibt die Frage, wer eine solche Gen­der­ideologie wie und wo vertritt. Das Dokument zitiert hierfür keine Quellen, meint aber, zwischen einer sich als „einzige Denkweise“ aufdrängenden Genderideologie, die eine Auflösung der natürlichen Geschlechterkomplementarität zugunsten einer freien Wahl des Geschlechts anzielt, und einer Gen­derforschung, die sich mit dem Geschlechterverhältnis in den unterschiedlichen
Kulturen befasst, unterscheiden zu können.

Theologische Publikationen der letzten Jahre verdeutlichen freilich, dass das in der katholischen Genderkritik vorausgesetzte Verständnis von gender wissenschaftlich unhaltbar ist. Das gilt speziell auch im Blick auf die Philosophin Judith Butler, die, auch wenn sie ungenannt bleibt, vielen als zentrale Figur der Leugnung bio­logischer Geschlechterunterschiede gilt. Doch geht es ihr nicht um solche Leugnung, sondern darum, dass in erkenntnistheoretischer Hinsicht diese Unterschiede nur in kultureller Interpretation zugänglich sind und somit sex immer schon gender gewesen ist. Die Frage nach der Geschlechterdifferenz kann, so Butler, darum nie nur eine biologische sein, sondern „eine Frage in Bezug auf das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen“. Geschlechterdifferenz ist somit „weder gänzlich gegeben noch gänzlich konstruiert, sondern beides zu Teilen“. Das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen ist aber bereits vom Biologischen her vielschichtiger und uneindeutiger, als es die „Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit“ (Carol Hagemann‑White) suggeriert. Die bekannte Aussage des Biologen Milton Diamond: „Nature loves variety. Unfortunately, society hates it“, verdeutlicht sich sozialphilosophisch bei Pierre Bourdieu derart, dass die „Sprache der Natur, die das Verborgenste und Wahrste zugleich verraten soll, in Wirklichkeit eine Sprache der sozialen Identität“ ist. Folglich ist ihm die (nicht nur katholischerseits) normativ begriffene Natürlichkeit von Heterosexualität „eine naturalisierte gesellschaftliche Konstruktion“, die andere Formen sexuellen Begehrens (Homosexualität) oder geschlechtlicher Identität (Intergeschlechtlichkeit, Transidentität) aus dem Bereich des normativ Denkbaren ausschließt.

Festgefahrene Positionen korrigieren

Auf das Thema Homosexualität geht das vatikanische Dokument nicht ein. In Bezug auf Transidentität spricht es von einer „Wahl des Geschlechts, das nicht seinem oder ihrem biologischen Geschlecht entspricht“. Unerwähnt bleiben hier neurobiologische Einsichten, die den Begriff der „Wahl“ als unpassend erweisen und zudem dazu führten, dass Transsexualität in der Neuauflage der International Classification of Diseases (ICD‑11) nicht mehr als psychische Störung begriffen wird. Krasser sind aber die Aussagen zur Intergeschlechtlichkeit, sofern biologische Uneindeutigkeit durch „therapeutische Intervention“ seitens der Medizin vereindeutigt werden soll, „auf der Basis von objektiven Parametern und mit dem Blick darauf, die konstitutive Identität der Person herzustellen“. Damit wird das Recht auf körperliche Unversehrtheit zugunsten einer binären Geschlechterordnung aufgegeben. Müsste hier das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen nicht zur Infragestellung der Ausschließlichkeit des binären Gendersystems führen?

Die katholische Genderkritik wird weder dialogisch noch wissenschaftlich entfaltet. Sie verkörpert ein Nicht‑Verstehen‑Wollen zentraler Anliegen der Gender Studies, wonach auch jenen Menschen Anerkennung gebührt, die außerhalb der heteronormativen Geschlechterbinarität leben. Die Familie wird derart weder zerstört noch ihrer anthropologischen Grundlagen beraubt. In Verteidigung der Familie ist aber die katholische Kirche meist einer naturrechtlichen Denklogik verhaftet, welche die Vielgestaltigkeit des Lebens nicht positiv zu integrieren vermag. Daher seien, so nochmals der schon eingangs zitierte Kardinal Versaldi, auch von der Kirche die „wechselseitigen Beziehungen zwischen Natur und Kultur vertieft zu beleuchten“. Dabei müsse sie „vielleicht einige allzu festgefahrene Positionen zur Natur (des Menschen) korrigieren, die die kulturellen Aspekte völlig außer Acht lassen“. Dem ist nichts hinzuzufügen - außer dass Kardinal Versaldis „vielleicht“ ersatzlos gestrichen werden sollte, damit ein fruchtbarer Dialog mit den Gender Studies rasch in Gang gebracht werden kann.


Zum Autor:

Gerhard Marschütz ist 1956 in Wien geboren, römisch-katholischer Theologe, Soziologe und außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien.

Marschütz studierte katholische Theologie in Wien und Tübingen (Magister 1981) und war danach im Bereich Schulwesen der Erzdiözese Wien sowie als Pastoralassistent und Sekretär bei Weihbischof Helmut Krätzl tätig. 1989 wechselte er als Universitätsassistent an die Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, Institut für Moraltheologie und promovierte 1991 mit der Dissertation „Die verlorene Ehrfurcht“ zum Dr. theol. Für die Katholische Aktion Wien war er mit seiner Frau Maria lange in der Ehevorbereitung tätig.

Nach der Habilitation 1999 über Familie „humanökologisch - Theologisch-ethische Perspektiven“ wurde er außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien.

Seine Hauptarbeitsgebiete sind Ehe- und Familienforschung, Geschlechterforschung, ethische Probleme am Beginn menschlichen Lebens und Tierethik.