Bogner Daniel bunt 120Der Theologe Daniel Bogner fordert eine Reform der kirchlichen Verfassung. Ere stellt fest: "Der Kirchenkörper ist krank – So kann die Heilung gelingen!"

„Die Lage der katholischen Kirche ist dramatisch.“ Das meint der in der Schweizer Universitätsstadt Fribourg lehrende Deutsche Theologe Daniel Bogner in einem Beitrag auf der Internet-Seite katholisch.de . Das liegt auch an ihren bizarren institutionellen Formen, sagt der Moraltheologe. Dabei ist die eigentliche Botschaft der Kirche hoch aktuell und besitzt Sprengkraft. Doch zur Entfaltung braucht es eine Reform der kirchlichen Verfassung.

Von Daniel Bogner | Freiburg im Üechtland - 17.06.2019

 Mögen Sie mir bei einem Gedankenexperiment folgen? Stellen wir uns für einen Moment vor,…

…wir lebten in einem Land, das von einer absolutistischen Regierung gelenkt wird. Es gibt in diesem Land kein Parlament und keine demokratischen Wahlen, keine wirklich verbindlichen Wege der Mitbestimmung. Die Kämpfe um Menschenrechte und politische Teilhabe haben zwar stattgefunden, waren aber erfolglos.

Trotz aller Enttäuschung müht sich die Bevölkerung redlich darum, das Gemeinwesen irgendwie mitzugestalten. Mit viel Energie und Kreativität werden immer neue Eingaben an die Obrigkeit ersonnen, "Dialogprozesse" mit der verantwortlichen Führung initiiert und auf die Öffnung des Ämterzugangs für zumindest einige erfahrene Männer aus dem Volk gehofft. Letztlich sind die Aussichten für all das aber ungewiss und es bleibt nichts als auf die Einsicht der verantwortlichen Führung zu setzen. Hier und da geht es der Bevölkerung gar nicht schlecht – etwa dort, wo einzelne lokale Machthaber persönlich angenehme Menschen und integre Persönlichkeiten sind. An diesen Orten gelingt mitunter ein wahrhaft gleichwertiges Zusammenleben.

Die Freude über solche Momente gelingender Gemeinschaft weilt aber kurz. Denn über den Momenten des Gelingens schwebt das Schwert des Willkürlichen: Nichts garantiert solche Beteiligung und Teilhabe! Von heute auf morgen können sich die Verhältnisse ändern. Mit einem neuen Amtswalter weht schnell ein anderer Wind, alle Handlungsräume werden neu verteilt, gewährte Zuständigkeiten wieder zurückgezogen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine gute Regierung, die die Anliegen der Bevölkerung ernst nimmt. Eine Garantie dafür gibt es nicht …

Soweit das Gedankenexperiment. Es hilft dabei, den Ernst der Lage zu erkennen, in der sich die Kirche befindet. In der Kirche ist Standard, was wir für unsere politische Existenz niemals akzeptieren würden: die beinahe vollständige Abhängigkeit der Kirchenmitglieder von Entscheidungen, die andere Personen in Ämtern treffen, zu denen viele per se – etwa kraft "falschen Geschlechts" – keinen Zugang haben und deren Handeln wir in keiner Weise verbindlich kontrollieren oder mitbestimmen können. Verfasst nach dem Modell einer absolutistischen Monarchie, inszeniert nach den Gepflogenheiten einer ständischen Gesellschaft und geschmückt mit Zutaten aus dem bunten Kosmos des höfischen Rituals tritt die Kirche heute auf wie aus einer anderen Zeitrechnung.

Eine Rede mit gespaltener Zunge: Menschenwürde

Im Bereich des Staates hat das Kriterium der Menschenwürde eine rechtlich festgeschriebene Verbindlichkeit: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." (Grundgesetz, Artikel 1). Und in der Kirche? Da bleibt es ein Thema für Predigten und Ermahnungen an andere. Eine paradoxe Situation: Der Staat macht mit einem Anliegen des christlichen Glaubens ernst, die Kirche aber mag diesen Weg nicht mitgehen. Im kirchlichen Recht sind es andere Werte, die den verbindlichen Maßstab abgeben: das Heil der Seelen und die Sorge darum, mit dem institutionellen Handeln Sorge zu tragen für dieses Heil und dessen möglichst sichere und verlustfreie Übermittlung.

Dass diese Kirche mit ihren bizarren institutionellen Formen zugleich eine Botschaft vertritt, die hoch aktuell ist und mitten in unserer Welt von heute Sprengkraft entfaltet, ist der eigenartige Widerspruch des Katholischen. Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, die Verheißung eines ewigen Lebens in Gott, sein guter Schöpferwille für diese Welt, die daraus hervorgehende menschliche Würde und die unableitbare Verantwortung jedes und jeder Einzelnen – all das sind die starken Botschaften des christlichen Glaubens, von denen viele Menschen angezogen sind.

Ohne eine gute Kirchenverfassung aber wird alles Arbeiten an Thema und Botschaft des Glaubens zur Sisyphusarbeit. Ständiges Mühen an den immer gleichen Baustellen, das Zittern um nachhaltige Wirkung angesichts institutioneller Einbahnstraßen, Investition in ein Werk, das andere verwalten. Was am Ende bleibt? Die Hoffnung auf den "aufgeklärten Monarchen", der es gut und richtig meint. Wie absurd, eine Kirchenordnung, die das Handeln der Kirchenmitglieder in solchen Bahnen festhält! Vom letzten Konzil und der begleitenden Theologie dazu eingeladen, "geschwisterliche Kirche" zu sein, muss man ernüchtert feststellen, dass den ausgelösten Dynamiken eine statisch verbliebene Kirchenordnung entgegensteht, die viel Bewegung zum Stillstand kommen lässt. Es ist dies die institutionelle Schizophrenie, welche die katholische Kirche heute gefangen nimmt.

Missbrauch als Augenöffner

Viele haben erkannt: Die Missbrauchskrise fordert uns dazu auf, anders mit der Macht in der Kirche umzugehen. Kaum ein Bischof, der nicht von der notwendigen Begrenzung von Macht spricht. Und es ist richtig: Im Blick auf den Personenstatus ihrer Mitglieder ist die Kirche geprägt von einer Kultur der Rechtlosigkeit. Eine verbindliche Gewaltenteilung, das Recht auf rechtliches Gehör, die Rechtsunterworfenheit des Souveräns, der Schutz unveräußerlicher Grundrechte innerhalb der Institution – all das kennt die Kirche nicht. Dass von einer solchen Kultur eine implizite Einladung zum Verstoß gegen die zwar ethisch-moralisch eingeforderten, aber eben rechtlich nicht garantierten Normen ausgeht, liegt auf der Hand. Im Bereich der bürgerlichen Gesellschaft ist mittlerweile Sensibilität gewachsen für das Unerhörte des sexuellen Missbrauchs. Deswegen lässt das Thema nun auch die Kirche nicht länger ruhig, und so wird endlich auch hier über die Themen Macht und Machtkontrolle gesprochen. Es ist beschämend, dass es dieses Anlasses bedurfte.

Viele, die Gewalt und schweres Unrecht erleben, äußern anschließend: Das Wichtigste, was geschehen sollte, ist, dass die Kontexte und Strukturen bearbeitet werden, die dazu führen können. Die Bischöfe haben deshalb gesagt: Wir müssen die systemischen Ursachen für Missbrauch anschauen.

Möge dieser Blick gründlich und ehrlich sein! Dann wird man erkennen, dass die Zusammenhänge, welche die Kirche zu einem Biotop für Missbrauch gemacht haben, Wurzelgrund für viele ihrer Blockaden in der Moderne sind. Wenn Gott Menschen nicht als Marionetten geschaffen hat, sondern als Wesen, die zu Freiheit und Verantwortung fähig sind, dann genügt es nicht, ihnen Gewissensfreiheit einzuräumen. Schon damit tat und tut sich die Kirche schwer. Es bedeutet auch, sie in der Organisation Kirche nicht wie gehorsamsschuldige Kinder, sondern wie teilhabende Erwachsene zu behandeln. Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, der Teilung von Gewalten, der verbindlichen Kontrolle und auch der Herrschaftslegitimation von der Basis der Kirchenmitglieder her sind die Konsequenzen daraus.

Lassen wir uns nicht länger sagen, das seien glaubensfremde Kriterien, die der Kirche übergestülpt werden!
Zitat: Daniel Bogner

Lassen wir uns nicht länger sagen, das seien glaubensfremde Kriterien, die der Kirche übergestülpt werden! Ein Glaube, der von der "Geistbegabung" aller Getauften (vgl. 2 Kor 1,21), vom "gemeinsamen Priestertum" aller Gläubigen (vgl. LG, Nr. 10) ausgeht und allen Kirchenmitgliedern die "wahre Gleichheit in ihrer Würde und ihrer Tätigkeit" (CIC, Can. 208) zuerkennt, verrät sich selbst, wenn er in einer Kirche aufgeht, die aus personalen Statusunterschieden ihr zentrales Strukturmerkmal macht. Ein Glaube, der an einen zur Freiheit berufenen und in gleicher Würde geschaffenen Menschen gerichtet ist, kann nicht in einer Kirche gelebt werden, die Ungleichheit und Gehorsamspflicht zum heimlichen Markenkern erhoben hat.

Der Kirchenkörper ist krank…

Er windet sich in den Verdrehungen, die diese Widersprüchlichkeiten allen abverlangen. Priester, die ihrer Berufung zur Nachfolge entsprechen wollen, spüren immer wieder, dass sie auch Amtswalter einer absolutistischen Monarchie sind. Sie müssen Kirchenordnung und Recht ignorieren oder brechen, wollen sie ihrer Berufung treu bleiben und pastoral sinnvoll handeln. Bischöfe, die erneuern wollen und sich den Problemen stellen, wirken wie durchtrainierte Athleten, die, bevor sie in den Wettkampf ziehen, erst in eine mittelalterliche Ritterrüstung steigen müssen, die ihren Willen sogleich lähmt. Und die Kirchenmitglieder? Sie werden "verrechnet" zwischen den ehrlichen Absichten und dem guten Willen von Kirchenoberen und Seelsorgern auf der einen Seite – und einem Kirchenrecht, das für die Institution denkt und dem die Position des religiösen Individuums innerlich fremd bleibt, da es über Jahrhunderte hinweg alle Entwicklungen in Theologie, Spiritualität und Seelsorge kaum mitvollzogen hat.

Alle leiden darunter, auf unterschiedliche Weise. Die einen protestieren, die anderen verdrängen, weil sie keine Kraft mehr haben für den Protest, die dritten resignieren oder emigrieren. Und die Leitung? Sie macht Ausweichschritte hierhin und dorthin ("mehr Frauen in Führungspositionen", "vielleicht viri probati"), sie ist gelähmt durch ein überhöhtes Verständnis von gesamtkirchlicher "Einheit", und sie tastet sich langsam, vielleicht zu langsam an eine Haltung des Mutes heran.

Die Frage nach der Verfassung der Kirche lässt sich nicht nonchalant von der theologischen Entwicklung abkoppeln, wie es eine römische Kurientheologie vorgab, sagt, Moraltheologe Daniel Bogner.

Was wir glauben und wie wir diesen Glauben leben, hat innerlich miteinander zu tun. "Kirche" ist das Prinzip, den Glauben zu leben. Die Frage nach der Verfassung der Kirche ist deshalb weder – wie viele Reformkatholiken lange dachten – "ein rein rechtlich Ding", noch lässt sie sich derart nonchalant von der theologischen Entwicklung abkoppeln, wie es eine römische Kurientheologie und Amtspraxis vorgab. Sakrament des Heils in dieser Welt sollte die Kirche sein, nicht sich selbst in ihren Formen, Rollen und Verfahren soll sie als "heilig" verehren lassen. Wenn sie in Welt und Geschichte das Wort Gottes lebendig machen will, dann darf sie es wagen, den Menschen auch als Kirchenmitgliedern jene Freiheit und Gleichwertigkeit einzuräumen, die ihre Botschaft verheißt. Wie sollte man ihr diese Botschaft sonst abnehmen? Diese Diagnose ruft ins Handeln, denn als geschichtliche Wesen sind wir niemals ohne Handlungsmöglichkeiten. Das gilt für alle Rollen und Akteure.

An die Bischöfe, Gläubigen und Theologen

Bischöfe, eröffnet eine kirchliche Verfassungsdiskussion! Lasst es zu, beteiligt Euch selbst daran, seid diskursiv miteinander. Erarbeitet den Entwurf einer Kirchenordnung, die mit der geschöpflichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen verbindlich ernst macht. Stellt diesen Entwurf weltkirchlich zur Debatte und streitet für ihn, anstelle den Einwand "Weltkirche" aus dem Ärmel zu ziehen, bevor die Debatte überhaupt begonnen hat.

Gläubige, erhebt Euch! Hört auf, die braven Schäfchen zu sein, die vor allem gehorchen sollen. Stellt Fragen und fordert Antworten ein. Akzeptiert keine Vertröstungen und frommen Bilder, die es vermeiden, konkret zu werden. Zeigt allen: Kirche gibt es, weil Menschen vom Wort Gottes getroffen sind und darauf antworten möchten, auch heute, in unserer Zeit. Geht wie Maria 2.0 vor die Kirchentüren und macht allen sichtbar, dass Spaltung schon längst stattgefunden hat – von oben her, und gegenüber der einen Hälfte der Menschheit. Lasst Euch nicht sagen, ihr wäret diejenigen, die spalten, wenn ihr darauf hinweist. Es ist ganz anders: Ihr arbeitet am Sakrament der Einheit!

Kolleginnen und Kollegen aus der Theologie! Beteiligt Euch, bringt Euch ein, meidet nicht die kirchlichen Niederungen, denn sie sind der Ort, an dem Menschen das Wort Gottes suchen, über das ihr forscht. Wir haben als Theologie einen Auftrag für die Kirche, ohne den diese arm dasteht. Auch wenn unsere Stimmen oft genug überhört wurden und einige unter uns Schlimmes zu ertragen hatten für das, was sie dachten und sagten – wenn wir uns jetzt, im Angesicht schlimmster Verbrechen in der Kirche nicht laut und unabweisbar einschalten, haben wir unseren Auftrag verwirkt, davon bin ich überzeugt.


Zum Autor:

Daniel Bogner wurde 1972 in Deutschland geboren, ist aufgewachsen in Neumarkt in der Oberpfalz und ein römisch-katholischer Theologe.

Bogner studierte Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Münster und Freiburg im Üechtland, abgeschlossen mit einem theologischen Lizentiat zu Carl Schmitt bei Johann Baptist Metz. Nach dem Promotionsstudium zu Michel de Certeau in Paris und der Habilitation in christlicher Sozialethik an der Universität Münster war er Kollegiat am Max-Weber-Kolleg in Erfurt und am Exzellenzcluster Religion und Politik in Münster. Er war Menschenrechtsreferent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Seit 2014 lehrt er als Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Menschenrechte, Rechtsethik und Begründung einer theologisch motivierten Ethik.