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Beitrag für Journal 21 von Erwin Koller – 13. Oktober 2018
Das Ausmass der sexuellen Missbräuche durch Geistliche sprengt jede Vorstellung. Mög-
lich wurde es in einer abgeschotteten, die Moderne verteufelnden Kirche.


Die katholische Kirche kann man sich ohne Konflikte kaum vorstellen. Ein starr-hierarchi-
sches System reibt sich permanent an Forderungen der liberalen Moderne. Doch im Ver-
gleich etwa zu den Auseinandersetzungen mit kritischen Theologen, mit aufmüpfigen Kir-
chenvolksbewegungen oder mit der Führungsriege im Bistum Chur ist das, was gegen-
wärtig an die Grundfesten dieser Kirche brandet, ein Tsunami, dessen Ende nicht abseh-
bar ist. Was ist neu am gegenwärtigen Sturm?

Geschwür der Leibfeindlichkeit

Es sind verschiedene Verwerfungen und Konfliktlinien, die sich überlagern. Der sexuelle
Missbrauch von Unmündigen vor allem durch Priester empört die Öffentlichkeit seit zwei
Jahrzehnten. Doch neuere Untersuchungen in verschiedenen Ländern haben ein Ausmass
zutage gefördert, das unvorstellbar ist. Es hat dem kirchlichen Kader, das mit Sexualmoral
nie gegeizt hat, unermesslichen Schaden zugefügt.
Wenn Bischof Felix Gmür kürzlich in einer Fernsehsendung forderte, dass man Miss-
brauch, Zölibat und Sexualmoral sorgfältig auseinanderhalten müsse, ist das theologisch
zwar nachvollziehbar. Dennoch ist beizufügen, dass alle drei auf dem gleichen Misthaufen
gewachsen sind. Und wer an einem Ort ausmisten will, muss alle drei anpacken.
Katastrophenmeldungen schwappen normalerweise auf und werden wieder vergessen.
Doch in diesem Fall handelt es sich um ein Geschwür, das Jahrhunderte alt ist, ja das Chris-
tentum fast seit Beginn begleitet. Es ist die Abwertung der Leiblichkeit des Menschen.
Beim Kirchenvater Augustinus gipfelt sie in der Behauptung, jeder Mensch habe eine Erb-
sünde, allein aufgrund der Tatsache, dass er durch einen sexuellen Akt gezeugt wurde.
Diese Theorie – später sogar dogmatisiert – hat unsägliches Leid angerichtet, nicht nur di-
rekt in einem verqueren Verständnis der eigenen Sexualität und einer entpersonalisierten
Sexualpraxis, sondern auch indirekt in der Abwertung der Frauen und in der Überbewer-
tung des Zölibats. Wer meint, diese Geschichte lasse sich durch kurzfristige Massnahmen
und eine Null-Toleranz-Politik aus der Welt schaffen, ist naiv. Hier haben die Kirchen noch
Jahrzehnte der Aufarbeitung vor sich.

Geschichtlichkeit der Wahrheit geleugnet

Die zweite Konfliktlinie hat ihre Wurzeln in einer nicht weniger langen Geschichte. Es ist
der Streit um den wahren Glauben, um dogmatische Rechtgläubigkeit, um eine absolut
gesetzte Tradition, welche die Geschichtlichkeit jeder Wahrheit leugnet. Den Fundamen-
talismus haben Christen in Nordamerika erfunden. Inzwischen ist er ein Krebsübel aller
Religionen.
1Zugespitzt hat sich der Streit in der katholischen Kirche im Kontext der Seelsorge für Ge-
schiedene und Wiederverheiratete. Hier hat sich das fundamentalistische Wahrheitsver-
ständnis regelrecht in eine Sackgasse verrannt. Papst Franziskus hat in einer Fussnote
zum ausführlichen Lehrschreiben einen kleinen Türspalt geöffnet. Und schon wird ihm
Verrat an der tradierten Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe vorgeworfen. Jene, die
sich lange brüsteten, katholisch und also päpstlich zu sein, haben, indem sie den Papst
der Häresie anklagten, ihre Scheinheiligkeit offenbart. Sie sind genauso lange päpstlich,
als der Papst ihre Meinung vertritt. Wer einen vergleichbaren Vorgang festmachen
möchte, muss weit in die Geschichte zurückgehen.

Höhepunkt der Abschottung

Man kann in guten Treuen behaupten, dass die christliche Kirche am Vorabend der Refor-
mation allen Mängeln zum Trotz als aufgeschlossene und moderne Institution wahrge-
nommen wurde. Mit seinem Kampf gegen die reformatorischen Vorstösse hat sich jedoch
der Katholizismus zunehmend eingekapselt. Und das Trauma, das die Religionskritik der
Aufklärung hinterliess, ist bis heute nicht überwunden. Die Dogmatisierung des Papst-
tums im Ersten Vatikanischen Konzil war ein Höhepunkt abgeschotteter Selbstgenügsam-
keit.
Den Dialog mit den anderen Kirchen und Religionen und mit der modernen Welt hat erst
das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) wieder ermöglicht. Doch die Chance wurde
vielerorts vertan. Zwei Päpste sind während eines Drittel-Jahrhunderts rückwärts geru-
dert: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Heute befinden wir uns in der absurden Situa-
tion, dass konservative Rechthaber um Erzbischof Carlo Maria Vigano den dogmatisch
nicht weniger konservativen Papst zum Rücktritt auffordern – nur weil er versucht, dog-
matische Starre durch pastorale Klugheit und Empathie zu mildern. Und weil er die Ab-
schottung rigoros bekämpft: „Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt
zu sein (...) Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die
Strassen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die sich bequem an ihre eigene Sicher-
heit klammert und darum krank ist.“

Kampf innerhalb der Hierarchie

Damit sind wir bei der dritten Konfliktlinie. Der fatale moralische Abgrund, den die Sexual-
verbrechen sichtbar machen und für den rechtgläubige Hierarchen nicht weniger Verant-
wortung tragen, wird instrumentalisiert, um Papst Franziskus zu desavouieren. Das Vertu-
schen dieser Verbrechen und die Schonung der Täter war lange Zeit eine so gängige Pra-
xis in der Hierarchie, dass es an ein Wunder grenzen würde, wenn Erzbischof Jorge Mario
Bergoglio in Argentinien konsequent einen anderen Weg beschritten hätte. Dass er auch
noch als Papst ein Auge zugedrückt hat, ist ein Vorwurf, der bis jetzt leider nicht aus der
Welt geschafft wurde und wie bei anderen Entscheidungen ein ambivalentes Bild des
Papstes hinterlässt.

Um solche Beschuldigungen tobt der gegenwärtige Kampf im Vatikan und ausserhalb sei-
ner Mauern. Man kommt um die Vermutung nicht herum, dass die Ankläger durch dogma-
tische Manöver von eigenen Verfehlungen ablenken wollen. Der Streit zwischen
2Bischöfen, Kardinälen und Päpsten ist für Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gewöh-
nungsbedürftig, nachdem sie über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, nur eine ge-
schlossene Phalanx der höheren Hierarchie kennengelernt haben. Der Streit lähmt die
ganze Kirche, und es gibt keine Gewähr, dass die Kirche aus ihrer selbstverschuldeten Mi-
sere herauskommt. Die „Pforten der Hölle“ sind Mächte in ihrem Innern.

Rückschlag in den Beziehungen zu Juden

Eine vierte Konfliktlinie muss erwähnt werden, auch wenn sie einen innertheologischen
Disput berührt. Auf Betreiben von Kardinal Kurt Koch hat sich Alt-Papst Benedikt XVI. zu
einer Fehde hinreissen lassen. Entgegen der neuen Sicht auf das Judentum, die das
Zweite Vatikanische Konzil geöffnet hat, relativiert er die Verheissungen des Alten Testa-
mentes an das Judentum und stellt damit die katholische Kirche über das Judentum.
Als ob nicht schon Paulus im ersten Korintherbrief klar festgelegt hätte: „Nicht über das
hinaus, was [im Alten Testament] geschrieben steht“ (1 Kor 4,6). Da ist Paulus sehr konse-
quent, auch wenn er sonst mit seinen jüdischen Glaubensbrüdern nicht zimperlich um-
ging. Benedikt XVI. hintertreibt mit seiner Position im interreligiösen Dialog die offene
Haltung des Franziskus. Die Verstörung im Judentum und im jüdisch-christlichen Dialog ist
erheblich, und recht besehen beschädigt diese Position jeden Dialog auf Augenhöhe.

Beschädigte Glaubwürdigkeit

Die Verwerfungen in der katholischen Kirche haben manch weitere Dimension. Die aufge-
zeigten Linien machen aber klar, dass wir vor einer Kirche stehen, deren Vertreter vom
hohen Thron heruntersteigen müssen. Sie kommen nicht umhin, in Fragen der Dogmatik
und Sexualmoral neue Wege zu beschreiten, soll die Kirche insgesamt wieder glaubwür-
dig werden. Die genannten Postulate zielen auf die Strukturen der Kirche.
Theologinnen und Theologen haben die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils meist
als ein Problem der Lehre betrachtet. Inwiefern kann man aufgrund des Neuen Testa-
ments behaupten, der Papst sei unfehlbar und alle Bischöfe hätten ihm Gehorsam zu leis-
ten? Spätestens im Jahr 2018 wissen wir, dass die Nebenfolgen dieser Dogmen noch viel
verheerender sind als der römische Zentralismus selber: Die Absolutsetzung der kirchli-
chen Autorität verhindert Kontrolle, Korrektur und Ausgleich. Das ist der tiefste Grund,
warum Kinderschänder so lange ihr Unwesen treiben konnten.
Uster, 13. Okt. 2018 / EK


 

Zum Autor:

Erwin Koller ist Präsident der Herbert Haag stiftung, die für für Freiheit in der Kirche eintritt, Er ist mit Brigitte verheiratet und Vater von vier Kindern