Maier Martin 120Der deutsche Jesuit Martin Maier, er ist als Befreiungstheologe immer wieder in El Salvator beschreibt die Morde an den  Märtyrern unsrer Tage, die nunmehr 30 Jahre ungestraft und ungesühnt sind.  ER kennt wie wenige die Situationi in dem Mittelamerikanischen Land und die Ereignissee rund um die Tat.

 

Im November 1989 wurden in El Salvador sechs Jesuiten-Professoren der zentralamerikanischen Universität UCA und zwei Mitarbeiterinnen ermordet. 30 Jahre später sind die Morde weiter ungeklärt und ungesühnt.
Martin Maier
Manche Verbrechen haben eine geschichtliche Dimension. Das trifft für die Ermordung von sechs Jesuiten und zwei Frauen am 16. November 1989 in San Salvador gleich in mehrfacher Hinsicht zu. Wenige Tage zuvor war in Berlin die Mauer gefallen – der Anfang vom Ende des Kalten Krieges. Doch in El Salvador wurde der 1980 ausgebrochene Bürgerkrieg noch einmal richtig heiß. Er war auch ein Stellvertreterkrieg im Ost-West-Konflikt. Die linksgerichtete Guerilla führte seit dem 11. November eine landesweite Militäroffensive und hielt ein Drittel der Hauptstadt San Salvador besetzt. Die Armee fühlte sich mit dem Rücken zur Wand und bombardierte rücksichtslos ganze Stadtviertel.
Am Abend des 15. November versammelte sich die gesamte Armeeführung und beschloss, sich die angeblichen „Köpfe“ der Aufständischen vorzunehmen.
Ein Spezial­kommando wurde in die Zentralamerikanische Universität José Simeón Cañas (UCA) der Jesuiten geschickt. Die Soldaten zerrten die Patres aus ihrer Wohnung, zwangen sie, mit dem Gesicht nach unten ins Gras zu liegen, und erschossen sie aus nächster Nähe. Neben Ignacio Ellacuría, dem Rektor der Universität, waren es Segundo Montes, Ignacio Martín-Baró, Amando López, Juan Ramón Moreno und Joaquín López y López. Die Köchin Elba Ramos und ihre Tochter Celina mussten sterben, weil den Soldaten befohlen worden war, keine Zeugen des Massakers übrig zu lassen.
Die aus den Schädeln gequollene Hirnmasse der Universitätsprofessoren wurde zu einem makabren Symbol: Hier sollte Geist getötet werden.

Die aus den Schädeln gequollene Hirnmasse der Universitätsprofessoren wurde zum makabren Symbol: Hier sollte Geist getötet werden. Hier glaubten die Täter und ihre Hintermänner einmal mehr, mit Personen auch deren missliebigen Ideen aus der Welt schaffen zu können.
Warum wurden die sechs Jesuiten und die beiden Frauen umgebracht? Die kürzeste Antwort darauf ist auf der Grabplatte in der Universitätskapelle zu lesen. Hier wird der wichtigste Auftrag des Jesuitenordens in der heutigen Zeit beschrieben, wie ihn die 32. Generalkongregation 1975 formuliert hat: „Was heißt heute Jesuit, Gefährte Jesu sein? Sich unter dem Kreuz im entscheidenden Kampf unserer Zeit einzusetzen: im Kampf für den Glauben, der den Kampf für die Gerechtigkeit mit einschließt.“
Mit dieser Grundentscheidung wollten die Jesuiten auf die weltweite Ungerechtigkeit als drängendster Herausforderung der Gegenwart antworten. Prophetisch hatte die Ordensversammlung aber auch vorausgesagt: „Wir werden nicht für die Gerechtigkeit arbeiten, ohne einen Preis dafür zu bezahlen.“ Dieser Satz ist ebenfalls in die Grabplatte eingraviert.
Als Universitätsprofessoren wollten sich diese Jesuiten in den Dienst der Armen stellen. Ignacio Ellacuría forderte als Rektor der Universität, dass sie zur Stimme derjenigen wird, die keine Stimme haben. Segundo Montes befasste sich als Soziologe und Direktor des Menschenrechtsinstituts der Universität besonders mit dem Schicksal der Flüchtlinge des Bürgerkriegs. Ignacio Martín-Baró setzte sich als Sozialpsychologe mit den Folgen des Kriegs für die Kinder auseinander. Amando López und Juan Ramón Moreno unterrichteten Theo­logie in der Linie der Theologie der Befreiung und standen in einer intensiven Verbindung mit kirchlichen Basisgemeinden. Joaquín López y López gehörte zu den Gründern der Universität und war zum Zeitpunkt seiner Ermordung Direktor des sozialen Schulwerks „Fe y Alegría“.
Ein Politikum erster Ordnung
Der Fall der Jesuitenmorde wurde zu einem Politikum erster Ordnung. Zuerst versuchten Armee und Regierung, das Verbrechen der Guerilla in die Schuhe zu schieben. Doch dieses Lügengebäude fiel schnell in sich zusammen. Zum ersten Mal befand sich die Armee in der Defensive. Ein besonderer Skandal war, dass auch die US-Botschaft in die Vertuschungsmanöver verwickelt war und ein US-Militärberater sogar im Voraus von dem geplanten Verbrechen gewusst hatte, ohne etwas zu unternehmen. Ein salvadorianischer Offizier sagte einmal, nichts habe der Armee in den Jahren des Krieges gegen die Guerilla so geschadet wie diese von ihr selbst angeordneten Morde. Nicht zuletzt war es die moralische Empörung über das Verbrechen in der öffentlichen Meinung der USA, die schließlich zu einer Änderung der Salvador-Politik der US-Regierung beitrug.
Im September 1991 kam es zu einem Prozess in San Salvador, bei dem zum ersten Mal in der Geschichte des Landes acht Soldaten und Offiziere auf der Anklagebank saßen. Allerdings wurden nur zwei von ihnen verurteilt, und diese ließ man im Zug einer Generalamnestie im Frühjahr 1993 wieder frei. Obwohl inzwischen feststeht, dass die gesamte Armeespitze in die Planung des Massakers verwickelt war, ist das Verbrechen bis heute noch nicht aufgeklärt und juristisch geahndet.
Zumindest in einem Fall kam es zu einer Gerichtsverhandlung – in Spanien. 2017 wurde Inocente Orlando Montano, der frühere Vizeminister für öffentliche Sicherheit in El Salvador, von den USA an die spanische Justiz ausgeliefert. In einem Prozess, der noch im Gang ist, forderte die Staatsanwaltschaft im Mai 2019 150 Jahre Gefängnis für den nachweislich am Auftrag zu den Morden beteiligten früheren Oberst der salvadorianischen Armee.
Das salvadorianische Volk hat seine eigenen Formen von Erinnerung und Wiedergutmachung. Wiederansiedlungen von Flüchtlingen nach dem Bürgerkrieg wurden nach den ermordeten Jesuiten benannt. Ihre Bilder finden sich in vielen Kirchen und Hütten. An der Stelle, wo sie ermordet wurden, blühen heute Rosen. Ihr Grab in der Universitätskirche wurde ebenso wie dieser Rosengarten zu einer Wallfahrtsstätte. Jedes Jahr versammeln sich in der Nacht vom 15. auf den 16. November Tausende auf dem Campus der Universität. Sie singen, beten und feiern ihre Märtyrer. Das war auch zum 30. Jahrestag wieder der Fall.
El Salvador heute
Wie sieht es heute in El Salvador aus? Das kleinste Land Lateinamerikas kommt in Europas Medien nur dann vor, wenn sich dort Naturkatastrophen ereignen oder wenn außergewöhnliche Verbrechen geschehen wie etwa die Ermordung der Jesuiten und der beiden Frauen. Auch 27 Jahre nach Unterzeichnung des Friedensvertrags befindet sich El Salvador immer noch in einem schwierigen und zerbrechlichen Übergangsprozess vom Bürgerkrieg zum wirklichen Frieden, von den jahrzehntelangen Militärdiktaturen zur Demokratie, von extremen sozialen Polarisierungen zu einer nationalen Versöhnung.
Beängstigend ist vor allem das Ausmaß der Gewalt. So werden heute mindestens ebenso viele Menschen Opfer von Mord und Totschlag wie in den Jahren des Bürgerkriegs. Im Jahr 2018 wurden 3340 Menschen getötet. Das ist eine der höchsten Mordraten in ganz Lateinamerika. Hinter diesen Zahlen steht das Problem der Jugendbanden, der Maras, auf deren Konto zwei Drittel aller Morde gehen. Die bisherigen Regierungen versuchten, dem Problem der Gewalt mit „harter Hand“, dann mit „superharter Hand“ zu begegnen. Die tieferliegenden Gründe sind aber nach wie vor die extremen sozialen Gegensätze und die feh­lenden Perspektiven für junge Menschen.
Wie ausweglos viele die Situation in El Salvador erleben, zeigt die Migration in Richtung USA. Täglich sollen es Hunderte sein, die den teuren und gefährlichen Weg in Richtung Norden antreten. Schlaglichtartig rückten die damit verbundenen Tragödien mit einem Foto im Juni 2019 vor die Augen der Weltöffentlichkeit: Es zeigte eng umschlungen die toten Körper von Oscar Martínez und seiner zweijährigen Tochter Valeria, die im Grenzfluss Rio Bravo ertrunken waren. 2,5 Millionen Salvadorianer leben legal oder illegal in den Vereinigten Staaten. Sie überwiesen im Jahr 2018 5,4 Milliarden Dollar an ihre Familien. Das entspricht 21,3 Prozent des Brutto­inlandsprodukts. Damit hätte die von der Trump-Regierung angedrohte Ausweisung von einer Million Salvadorianern für das Land wirtschaftlich katastrophale Folgen.
Am 2. Februar 2019 wurde der 37-jährige Nayib Bukele zum Präsidenten El Salvadors gewählt. Er ist der Spross einer aus Palästina stammenden, sehr reichen Familie. Die Wahlen gewann er haushoch mit 53 Prozent im ersten Wahlgang. Mit Bukele übernimmt erstmals seit 30 Jahren ein Politiker das Präsidentenamt, der nicht den beiden traditionellen großen Parteien angehört. Die rechte Arena-Partei regierte das mittelamerikanische Land von 1989 bis 2009, danach übernahm die linke FMLN die Präsidentschaft. Seine Wahlversprechen: die Korruption beenden, die Gewalt der Jugendbanden überwinden, Arbeitsplätze schaffen. Wie er das erreichen will, hat er jedoch nie deutlich gemacht. Im Parlament ist er auf Koalitionen angewiesen. Sein Regierungsstil ist autoritär. Zur Bekämpfung der Jugendbanden holte er die Armee aus den Kasernen und möchte auch militärische Hilfe aus den USA in Anspruch nehmen. Das weckt düstere Erinnerungen an die Vergangenheit. Geschickt setzt er die sozialen Medien ein. Doch die Hoffnungen, dass es unter Bukele zu wirklichen politischen und sozialen Veränderungen kommen wird, sind sehr verhalten.
Der Autor ist Mitarbeiter im Jesuit European Social Centre in Brüssel und Gastdozent an der Jesuitenuniversität UCA in San Salvador.