krizan peter 1 klSpiner D 120Am 22. Oktober 2013 hielt Peter Križan (Bratislava) gemeinsam mit Dušan Špiner (Olmütz) und Peter Žaloudek (Wien) in Wien einen sehr interessanten und detailreichen Vortrag über die Ziele und das Leben der Verborgenen Kirche in der ehemaligen Tschechoslowakei.

Der Geheim-Bischof Dušan Špiner veröffentlichte 35 Jahre nach seiner Bischofsweihe durch Bischof Felix Maria Davidek nachstehenden Apostolischen Brief. Beides sind sehr wichtige und intreressante Dokumente der Kirchengeschichte auf die wir hinweisen wollen. Hier ist der Brief in slowakischer Sprache.

 

Geliebte Schwestern und Brüder,
alle die es betrifft,
alle die sich angesprochen fühlen,
empfangen Sie meinen Apostolischen Brief und meinen Jubiläumssegen!

Am 6. Oktober 1979, vor 35 Jahren also, hat mich Bischof Felix Maria Davídek (1921-1988) zum Bischof geweiht. Ich übernahm den apostolischen Dienst im Rahmen der Verborgenen Kirche in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR). Der Bischof von Rom, Papst Pius XII., hatte ja bereits in den 50er Jahren den Auftrag erteilt, im Untergrund seelsorgliche Strukturen aufzubauen, damit sich die Freiheit im Sinn der biblischen Botschaft auch unter antichristlichen und antikirchlichen Mächten entfalten könne. Aufgrund dieser „Mexikanischen Vollmachten“ bildeten sich Gruppen und Gemeinschaften, in denen wir bischöfliche und priesterliche Vollmachten empfangen und weitergeben durften. Bischof Davídek weihte aus seelsorglichen Gründen auch verheiratete Männer nicht nur zu Priestern, sondern auch zu Bischöfen, sowie – nach Gebet, langen und sorgfältigen Überlegungen und Beratungen - Frauen zu Priesterinnen. Dieser davídeksche Zweig der Geheimkirche umfasste gegen 25 Bischöfe, 250 Priester und Priesterinnen und hunderttausende von Laien. Diese christliche Freiheit, die wir erworben hatten, war freilich mit Angst und lebensbedrohlicher Verfolgung verbunden. Einige bezahlten ihren Einsatz für die christliche Freiheit gar mit dem Tod. Bischof Davídek selbst hat vierzehn Jahre, von 1950 bis 1964, im Gefängnis verbracht.

Vor 25 Jahren erlebte die Tschechoslowakei eine politische Wende. Dies führte zu einer neuen politischen und kulturellen Situation. Es stellte sich die Frage, wie die Religionsgemeinschaften darauf eingehen sollten. Auch die katholische Kirche sah sich herausgefordert. Vom davídekschen Zweig der Verborgenen Kirche her schlugen wir der Kirchenleitung vor, unsere Erfahrungen aus der Zeit der Verfolgung in die Neuorientierung einzubringen. Aber die Kirchenleitung lehnte dies ab. Sie wollte nicht in kreativer Weise auf die neue Situation eingehen, sondern knüpfte an die vorkonziliare Kirche der 40er Jahre an. Aus diesem Geist heraus versuchte sie, die Nachfolgegruppen der Verborgenen Kirche, die auf der Linie von Bischof Davídek weiterdachten, zu ersticken. Nach einer langen Zeit kommunistischer Unterdrückung erfuhr die Verborgene Kirche nun eine amtskirchliche Unterdrückung.

Vor fünf Jahren schrieb ich in meinem Apostolischen Brief zum dreißigjährigen Jubiläum meiner Bischofsweihe: „Ich muss den Tatsachen nüchtern ins Auge sehen und demütig feststellen, dass die Amtskirche erfolgreich das Programm der biologischen Liquidation der totgeschwiegenen Kirche fortsetzt, indem sie uns am Rand des gesellschaftlichen Geschehens aussterben lässt. Besonders in der Slowakei setzt die Amtskirche ihre Politik mühelos und mit Unterstützung der meisten Gläubigen fort.“ Sollte dies das Schicksal der Prophetinnen und Propheten sein?

Inzwischen hat sich eine neue „Wende“ ergeben, in der wir das Wirken des Heiligen Geistes erkennen. Die „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“ machte international auf diese Tragik aufmerksam, als sie am 2. April 2011 in Wien dem davídekschen Zweig der Untergrundkirche ostentativ den „Preis für Freiheit in der Kirche“ verlieh. Ludmila Javorová, die erste Priesterin und langjährige Generalvikarin von Bischof Davídek, sowie ich selbst nahmen den Preis entgegen.

Die Stiftung zeichnete zugleich den Bibelwissenschaftler Prof. Walter Kirchschläger aus. Sie würdigte die Offenheit und Weite, in der er heiße Eisen der Kirche anpacke, im Blick zurück auf die Bibel kritische Anfragen an die gegenwärtige Praxis kirchlicher Ämter stelle und Perspektiven für die Zukunft der Kirche entfalte. Kirchschläger reflektierte in seiner Festrede das Kirchenbild und die Kirchenpraxis der Verborgenen Kirche und nannte das Handeln der Verborgenen Kirche prophetisch – angesichts der Tatsache, dass die neutestamentliche Zeit im Kontext der christlichen Verkündigung keine „Priester“ kannte und dass Dienste nicht aufgrund von Geschlecht und Lebensstand übertragen wurden.

Zur Preisverleihung veröffentlichte die Stiftung für Freiheit in der Kirche das Buch „Die verratene Prophetie. Die tschechoslowakische Untergrundkirche zwischen Vatikan und Kommunismus“. An die zwanzig Autorinnen und Autoren zeigen darin auf, wie sich die Verborgene Kirche den Herausforderungen ihrer Zeit gestellt hat und so heute als Vision für die gesamte katholische Kirche wirken kann. Aber es sei dennoch eine „verratene Prophetie“, verraten nicht durch ein politisches Regime, sondern durch die eigene Kirchenleitung.

Dieses internationale Echo ist für uns eine außerordentliche Ermutigung auf dem Weg in die Zukunft. Dabei möchten wir, dass vor allem eines nicht vergessen wird: Die Freiheit, die wir kraft der „Mexikanischen Vollmachten“ hatten, war nicht ein Geschenk, sondern ein Auftrag des Bischofs von Rom. Er wurde dem Petrusdienst gerecht und „ermutigte seine Brüder“, unter schwierigen Umständen in eigener Verantwortung kirchliche Gemeinschaft zu leben und weiterzugeben. Es war kein „Erteilen“ einer Freiheit, sondern ein „Anerkennen“ der Freiheit, die vom Evangelium her gegeben ist.

Soll nur vorübergehend gelten, was vom Evangelium her möglich ist? Diese Freiheit ist uns auch heute apostolischer Auftrag, dies in einer neuen politisch-kulturellen Situation, in der sich das Scheitern des pastoralen Weges zeigt, den unsere Kirchenleitung nach der politischen Wende vor 25 Jahren eingeschlagen hat. Wir lassen nicht zu, dass uns diese Freiheit weggenommen wird. Wir lassen uns nicht einreden, sie sei uns nur als besondere Gunst verliehen worden. Sind wir etwa Häretiker, die den Glauben verraten haben, oder Verbrecher, die um eine Amnestie bitten müssten? Darf das Horchen auf Gottes Stimme in einer schwierigen historischen Situation mit dem Gehorsam gegenüber einer kirchlichen Obrigkeit auf gleiche Stufe gesetzt werden? Kann irgendeine Autorität der Welt die prophetische Entdeckung der Verborgenen Kirche zurückdrehen und vergessen machen?

Geliebte Schwestern und Brüder, diese Fragen bewegen mich in diesen Tagen, da ich in Dankbarkeit und Zuversicht das 35-jährige Jubiläum meiner Bischofweihe feiere. Ich bitte Sie, auf dem Weg zu bleiben, den wir gemeinsam gegangen sind. Wir wollen in den nächsten Jahren gemeinsam vertiefen, was uns der „Preis für Freiheit in der Kirche“ und das damit verbundene internationale Echo neu bewusst macht. Wie können wir die prophetischen Visionen der Verborgenen Kirche für die Kirche des 21. Jahrhunderts weiter entfalten? Was bedeutet die Erneuerung des kirchlichen Leitungsdienstes? Welchen Sinn hat die Ordination in der apostolischen Nachfolge? Was bedeutet es, dass sich die Argumentationen der Kirchenleitungen gegen die Frauenordination als Ideologien erweisen, die theologisch überholt sind? Wie können wir ein biblischeres Verständnis von Ordination und apostolischer Sukzession fördern, das in einer weltweiten Bewegung spürbar wird und sich durchsetzen kann?

Aber wir wollen diese Fragen nicht nur theoretisch beraten, sondern in Gruppen und Gemeinschaften synodale Wege gehen, getreu dem prophetischen Geist von Bischof Felix Maria Davídek. Wir vertrauen darauf, dass der Bischof von Rom weiterhin den Petrusdienst leistet und „seine Schwestern und Brüder ermutigt“. Auch wir wollen ihn dazu ermutigen. Der allgemeine Petrusdienst ist Teil des Gemeinsamen Priesteramtes aller Getauften.

Geliebte, ich ermuntere Sie, einander im Sinn dieses allgemeinen Petrusdienstes zu segnen. Bitte segnen Sie auch mich und empfangen Sie meinen Apostolischen Jubiläumssegen!

Euer
+ Dušan
Unterschrift Faksimile

Olmütz, am 20. September 2014


Beilage
Erwin Koller, Hans Küng und Peter Križan (Hg.) Die verratene Prophetie. Die tschechoslowakische Untergrundkirche zwischen Vatikan und Kommunismus. Genossenschaft Edition Exodus, Luzern 2011

In diesem Buch zeigen an die zwanzig Autorinnen und Autoren auf, wie sich die Verborgene Kirche mutig den Herausforderungen ihrer Zeit gestellt hat und so heute als Vision für die gesamte katholische Kirche dienen kann. Hier Hinweise auf einige Beiträge:
Erwin Koller, Theologe, Fernseh-Journalist und heute Präsident der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“, gibt einen umsichtigen Überblick über die Verborgene Kirche. Gemeinsam mit Peter Križan ermutigt er im Vorwort die Mitglieder der Verborgenen Kirche, „die prophetischen Visionen, die sie in dramatischen Stunden ihrer Geschichte entwickelt haben, für die Kirche des 21. Jahrhunderts weiter zu entfalten. Und möge sich die Weltkirche von der kontextuellen Seelsorge, wie sie die Verborgene Kirche exemplarisch praktiziert hat, herausfordern lassen.

Walter Kirchschläger, emeritierter Professor für die Auslegung des Neuen Testamentes an der Universität Luzern, reflektiert Kirchenbild und Kirchenpraxis der Verborgenen Kirche und bedenkt die darin enthaltene prophetische Dimension der Verborgenen Kirche – angesichts der Tatsache, dass die neutestamentliche Zeit im Kontext der christlichen Verkündigung keine „Priester“ kannte, und dass Dienste nicht aufgrund von Geschlecht und Lebensstand übertragen wurden.

Hans Jorissen, emeritierter Professor für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Universität Bonn, stellt Persönlichkeit und Wirken von Felix Maria Davídek dar. Er gehöre „unzweifelhaft zu den eindrucksvollsten Gestalten der Verborgenen Kirche“ und müsse rehabilitiert werden. Ludmila Javorová erzählt, wie sie Bischof Davídek erlebt hat und welche Beratungen zum Entschluss geführt haben, kirchliche Ämter auch Frauen zu übertragen. Sie schließt mit den Worten: „Die Erlösung ist bereits unter uns. Wir haben die Verantwortung dafür, dass sie sich fortlaufend entwickelt und alle Freude daran haben. Gott ist anders als die Menschen. Gott eröffnet uns neue Möglichkeiten. Gott ist sowohl Mann als auch Frau.“

Hermann Häring, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Nijmegen, entlarvt die Argumentationen der katholischen Kirchenleitungen gegen die Frauenordination als theologisch überholte Ideologien und begrüßt die weltweite Bewegung in diesem Bereich. Dabei breche ein biblischeres Verständnis von Ordination und apostolischer Sukzession durch.

Hans Küng, früherer Präsident der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“, emeritierter Professor für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und mit seinem Konzept „Weltethos“ einer der universalen Denker unserer Zeit, erwägt den Wandel des kirchlichen Leitungsdienstes und den „Sinn der Ordination“ in der apostolischen Nachfolge.

Dušan Spiridion Špiner, ThMgr., PhD., Českobratrská 50, 779 00 Olomouc, 20.09.2014