kraeutler foto 120Bischof Erwin Kräutler blickt differenzierter als in europäischen Medien mitunter zu lesen auf die politischen Ereignisse in Brasilien. In einem Interview mit Gudrun Doringer in den Salzburger Nachrichten vom 28. April 2016 nennt er offen Informationen, die in unseren Medien nicht im Detail vorkommen.

Kräutler lebt seit 51 Jahren in Brasilien und ist kein Fan von Präsidentin Dilma Rousseff. Doch wie jetzt mit ihr umgesprungen wird, macht ihn wütend.

„Wäre Dilma Rousseff ein Mann...“

Bischof Erwin Kräutler, der seit 51 Jahren in Brasilien lebt, ist kein Fan von Präsidentin Dilma Rousseff. Doch wie jetzt mit ihr umgesprungen wird, macht ihn wütend.

GUDRUN DORINGER

Erwin Kräutler saß vor seinem Computer in Vorarlberg, als in der Abgeordnetenkammer in Brasilien am 17. April ein Parlamentarier nach dem anderen vortrat und begründete, warum er für ein Amtsenthebungsverfahren von Präsidentin Dilma Rousseff sei. Viele Gründe seien vorgebracht worden, nur kein triftiger, sagt Kräutler. Sein Computer lief heiß, er auch.

SN: Dilma Rousseff gilt vielen als jene Frau, die Brasilien ruiniert. Sie selbst sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Was stimmt?

Kräutler: Man kann ihr nicht allein in die Schuhe schieben, dass sie das Land ruiniert hat. Das ist eine maßlose Übertreibung. Ich möchte vorausschicken: Ich bin kein Fan von Dilma Rousseff. Aus verschiedenen Gründen. Punkt 1: Sie war maßgeblich mitbeteiligt am Bau des Staudamms Belo Monte. Der wäre ohne sie nicht zustande gekommen. Das hat Luiz Inácio Lula da Silva natürlich angefangen, aber Dilma Rousseff hat es weiter geführt. Punkt 2: Im Zusammenhang mit den indigenen Völkern war sie stets indifferent. Das war für sie kein Anliegen. Ich weiß nicht, wie viele Prozesse auf ihrem Tisch gelegen sind, die sie nur hätte unterschreiben müssen, um indigene Gebiete abzugrenzen. In diesem Zusammenhang sind wir immer auf die Barrikaden gegangen. Doch jetzt kommt das große Aber: Dass sie allein das Land ruiniert hat, ist kompletter Unsinn.

SN: 300 jener 367 Parlamentarier, die gegen Rousseff gestimmt haben, haben selbst ein Korruptionsverfahren am Hals. Was sind das für Leute?

Kräutler: Was da am 17. April passiert ist, ist die Demonstration einer maßlosen Scheinheiligkeit. Ich habe in all den 51 Jahren, die ich jetzt drüben bin, noch nie so etwas erlebt. Mir lief es kalt über den Rücken, weil ich gewusst habe, was das für Typen sind. Der Präsident der Abgeordnetenkammer Eduardo Cunha hat ich weiß nicht wie viele Prozesse am Hals. Von ihm ist alles ausgegangen – aus Hass auf Dilma Rousseff. Und aus Rachsucht. Eduardo Cunha ist in seiner Funktion immun. Aber dass er mit so viel Dreck am Stecken an Rousseff rüttelt, das ist die Spitze der Scheinheiligkeit. Dann die Abgeordneten: Von 514 Abgeordneten haben 367 für die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gestimmt. Ich habe mir das angesehen, zu später Nachtstunde hier, wegen der Zeitverschiebung. Ich habe zugehört, bis mein Computer heiß gelaufen ist und die Lüftung angefangen hat. Ich konnte nicht glauben, was ich da gesehen habe. Von diesen 367 haben 60 Prozent einen Prozess wegen Korruption am Hals. Sie sind nur immun, weil sie da drin hocken. Sonst säßen die im Kittchen.

SN: Es kommt also nichts Besseres nach. Was sagen die Brasilianer dazu?

Kräutler: Einige wissen davon, viele wissen nichts davon. Man kann in Brasilien nur wenigen Medien trauen. Die größten haben sich gegen Dilma Rousseff verschworen. Ich möchte noch einmal betonen, ich bin kein Fan von ihr, aber so geht man mit ihr nicht um. „Im Namen Gottes“ wurde da gesagt, bei der Abstimmung. Das war eine Lästerung, das war Blasphemie. „Meiner Familie zuliebe“, „meiner Großmutter zuliebe“, „den Versicherungsbeamten zuliebe“, „der Freimaurerei“ zuliebe. Diese Gründe haben die Parlamentarier angegeben, um Rousseff aus dem Amt zu hebeln. Nicht: „Ich bin dafür, weil ich weiß, Dilma ist dieses oder jenes.“ Nein. Der Grausamste war überhaupt der Abgeordnete Jair Bolsonaro. Der hat gesagt: „Im Andenken an den Coronel Carlos Alberto Brilhante Ustra, den Schrecken von Dilma Rousseff.“ Der Coronel war einer der übelsten Folterknechte der Militärdiktatur. (Anm. d. Redaktion: Rousseff, die in ihrer Jugend Widerstandskämpferin war, saß einst in den Gefängnissen dieser Diktatur und wurde brutal gefoltert.) Er hat sich gesonnt, wenn er die Frauen dort getroffen hat, wo sie am demütigendsten getroffen werden können. Das geht zu weit. Da kann ich nicht mehr mit. Da ist absolut nichts Menschliches mehr. Ich hab mich geschämt.

SN: Es ist also ein Putsch?

Kräutler: Das Wort Konspiration oder Verschwörung ist vielleicht übertrieben, aber so etwas Ähnliches ist im Gange.

SN: Wenn Korrupte an die Macht kommen, wird Korruptionsbekämpfung eingestellt. Ist das ein Motiv?

Kräutler: Das ist die Frage. Sergio Moro ist ein Richter, der schon viele Politiker hinter Schloss und Riegel gebracht hat – auf den sind sie wahnsinnig sauer. Ganz Brasilien schaut auf diesen Mann. Und den wird man auch schwer stoppen können. Die Leute sind ja wirklich aufgebracht. Ich meine, es ist ein großer Vorteil für Brasilien, dass wir so einen Richter haben.

SN: Da ist eine Frau . . .

Kräutler: Entschuldigung, wenn ich unterbreche, aber weil Sie Frau sagen: Das ist für mich auch ein Riesenschock gewesen. Ich bin hundertprozentig überzeugt: Wenn Dilma Rousseff ein Mann wäre, wären die nicht so mit ihr umgegangen. Da ist aus dem tiefsten Keller wieder dieser Machismo aufgekommen. Sie kann Fehler gemacht haben und das hat sie auch, aber sie ist ein Mensch, sie ist eine Frau, sie ist eine Mutter. Und so kann ich mit einer Frau nicht umgehen. Alle diese Herren, die da stehen und was sein wollen, haben eine Schwester oder zumindest eine Mutter, sonst wären sie nicht auf der Welt. Und so geht man mit Frauen nicht um. Wir sind im 21.Jahrhundert, zum Kuckuck! Haben wir denn nichts gelernt? Das ist für mich etwas, was angeprangert werden muss. Psychologisch muss man sich das einmal überlegen. 367 Mal kriegst du eine auf den Deckel. Aus allen möglichen Gründen, nur nicht aus Gründen, die eigentlich zu einer Amtsenthebung führen könnten. Es hat keiner gesagt: „Ich klage sie an, weil sie korrupt ist.“ Keiner.

SN: Hat sie jetzt noch Möglichkeiten, sich zu halten?

Kräutler: Der Zug ist abgefahren. Das Gefährliche ist: Ihr Nachfolger Michel Temer ist eine unmögliche Figur. Da gehen wir vom Regen in die Traufe.

SN: Wenn der Senat in den kommenden Wochen gegen Rousseff entscheidet, könnte Temer bis 2018 regieren. Wie könnte das aussehen?

Kräutler: Wenn ich etwas sagen dürfte, würde ich sagen: Rufen wir Neuwahlen aus. Und dann fällt mir ein: Was haben wir denn für Möglichkeiten? Weil im Moment, ich bin ja auch brasilianischer Staatsbürger, wüsste ich nicht, wen ich wählen sollte. Wir haben einfach niemanden, auf den wir setzen könnten.

SN: In etwa 100 Tagen beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele. 10.500 Athleten werden erwartet und 450.000 Touristen. In Brasilien herrschen statt Vorfreude Zika-Virus, Rezession und politisches Chaos. Was werden das für Spiele?

Kräutler: Das kann man nicht mehr rückgängig machen. Was passiert, weiß ich nicht. Die Touristen werden keine Probleme haben. Für jeden Touristen sind sicher zwei Polizisten vorhanden. Aber die anderen, die kommen nicht ran. Unsere Armen oder Leute aus dem Mittelstand kommen nicht an Olympia ran. Das ist ein Fest für die Touristen und für die Höhergestellten. Einer wird die Eröffnung machen, wenn nicht Dilma Rousseff, dann Michel Temer. Die Leute werden das ausnutzen, schließlich schaut die Weltöffentlichkeit auf Brasilien. Sie werden zeigen, dass sie mit den Neuen nicht einverstanden sind. Sie werden demonstrieren und von der Polizei niedergeknebelt werden, das Militär wird einschreiten. Das kommt sicher. Zur Zeit von Lula und Dilma, das kann man ja nicht abstreiten, sind viele Arme konsumfähiger geworden. Für mich ist das absolut keine Entwicklung, weil man den Leuten einfach mehr Geld gegeben hat. Aber das Erziehungswesen, das Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit oder das Transportwesen liegen nach wie vor im Argen. Man hat den Leuten ein bisschen mehr gegeben, damit sie mehr kaufen können. Das ist für mich keine Lösung. Diese Leute, denen es ein bisschen besser gegangen ist, die werden auf die Barrikaden steigen. Ich hoffe zu Gott, dass kein Bürgerkrieg ausbricht, aber Straßenschlachten – die kann es ohne Weiteres geben.


Erwin Kräutler war von 1981 bis 2015 Bischof am Xingu-Fluss. Dann nahm Papst Franziskus seinen altersbedingten Rücktrittswunsch an. Das hält den 76-jährigen Kräutler aber nicht davon ab, sich vor allem für die indigenen Völker in Brasilien zu engagieren. Er war am Mittwoch auf Einladung der Katholischen Männerbewegung „Sei so frei“ in Salzburg.