kolb anton klSpaemann Robert 120Der Deutsche Philosoph Robert Spaemann kritisierte das nachsynodale Papstschreiben "Amoris laetitia" am 28. April 2016 in einem Interview mit Anian Christoph Wimmer von der amerikanischen internationalen Catholic News Agency (CNA Deutsche Ausgabe) schwer. Darin wirft er Franziskus vor, mit "Amoris laetitia" einen Bruch in die Lehre der Kirche gebracht zu haben, der korrigiert werden müsse. "Amoris laetitia" wurde am 8. April 2016 von Kardinal Christoph Schönborn und dem Sekretär der Bischofssynode Lorenzo Baldisseri in Rom veröffentlicht.

Auf dieses Interview antwortet der Grazer Theologe und Philosoph Anton Kolb deutlich und scharf in einem Brief, den er Spaemann geschrieben hat.

Beide Äußerungen können Sie nachstehend lesen. Auch das Netzwerk: zeitgemäß glauben hat zu "Amoris laetitia" eine Stellungnahme veröffentlicht.

Kritik am Interview von Robert Spaemann mit CNA Deutsch am 28.04.2016

Sehr geehrter Herr Kollege Spaemann!

Sie behaupten im genannten Interview, dass es sich beim Päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus gegenüber der bisherigen Lehre der Kirche „um einen Bruch handelt“. Das sei „zweifellos für jeden denkenden Menschen“. Wer das nicht meint, denkt also nicht. Ich gehöre dazu. Sie müssen also mit mir als einem nicht denkenden Menschen vorlieb nehmen. Dann kann ich Sie also auch gar nicht kränken. Das ist auch nicht meine Absicht. Wohl aber kann ich auf diese Weise pointierter argumentieren und nachhaltige Kritik an Ihren Behauptungen üben, die zum Großteil den Tatsachen widersprechen. Meine gründlichen Vorwürfe Ihnen gegenüber sollten Sie dennoch bedenken und berücksichtigen.

Sie vertreten den grundsätzlichen und verheerenden Irrtum, dass die Lehre der katholischen Kirche, der Päpste, des Lehramtes immer irrtumsfrei, unverändert und kontinuierlich tradiert worden sei, dass es, um mit den Worten von Papst Benedikt XVI. zu sprechen, eine „absolute Tradition“ gäbe. Was ist dann mit der Gewissens- und Religionsfreiheit, mit den Menschenrechten, mit der Demokratie, mit der Aufklärung, die von Päpsten verurteilt und verboten worden sind? Was mit den Hexenverbrennungen, mit Galilei, Giordano Bruno, Darwin, Teilhard de Chardin? Ich gehe davon aus, dass Sie darüber selbstverständlich sehr genau Bescheid wissen. Alles andere wäre eine Schande. Dann aber ist es die gleiche Schande, dass Sie nicht die Wahrheit sagen, diese verleugnen, vertuschen und von der vollständigen Irrtumsfreiheit ausgehen, z. B. insbesondere Johannes Paul II. betreffend. Sie attestieren dem Jetzigen Papst einen „Bruch“ in der Lehre. Damit ist Ihr Prinzip von der Irrtumsfreiheit der Lehre widerlegt.

Pius IX. hat behauptet, „die Entwicklung“ sei der zentrale Begriff aller Irrtümer in der Kirche. Genau das Gegenteil trifft zu. Das Leugnen der Entwicklung ist die zentrale Ursache aller Fehler in der Kirche, auch Ihrer. Derselbe Papst hat behauptet: „Ich, ich bin die Tradition, ich, ich bin die Kirche.“ Das II. Vaticanum hat diesen Irrtum eindeutig richtiggestellt: Das Volk Gottes ist die Kirche. Das ist ein Bruch. Es gibt mehrere solcher Brüche durch dieses Konzil. Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, hat die Aussagen, dass es sich beim letzten Konzil gegenüber der früheren Lehre um einen „Bruch“ handle, als „Häresie“ bezeichnet, hat auch jeden Wandel in der Lehre von Benedikt XVI. geleugnet, genauso wie der Papst selbst. Die Aussage eines solchen Wandels bezeichnete Müller als „abwegig“. Er scheint nicht zu wissen, was eine Schisma ist, unter welchen Umständen ein solches in der Kirchengeschichte stattgefunden hat. Mit unwahren Aussagen kann man aber die Lehre nicht retten. Sie treten mit Ihren Behauptungen eindeutig gegen das Konzil auf. Das taten mit Erfolg auch Ihre beiden geliebten Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., z. B. durch ihr Verhalten der Piusbruderschaft gegenüber, die wesentliche Dokumente des Konzils ablehnt.

Sie und Ihresgleichen widersprechen der „creatio continua“, der Evolution (mit der sich z. B. Papst Benedikt immer noch schwer tut), der Geschichtlichkeit, dem Werden, der Dynamik, der Veränderung, den „Zeichen der Zeit“; dies alles in Bezug auf die Kirche und ihre Lehre.

Die Lehre von Johannes Paul II. in Art. 84 seines Schreibens „Familiaris consortio“, den Sie erwähnen und verteidigen, „dass wiederverheiratete Geschiedene auf Sexualität verzichten müssen, wenn sie zur Kommunion gehen wollen“ wurde völlig zu Recht gerade auch von kirchlicher und theologischer Seite immer wieder heftig kritisiert. Es ist erfreulich, dass Franziskus Art. 84 nicht ohne weiteres zustimmt. Es mag typisch sein für Ihr theologisches Verständnis – richtiger natürlich Missverständnis –, dass Sie nach wie vor diese Ansicht vertreten, die Sie möglicherweise seinerzeit dem Papst eingeflüstert haben. Jetzt scheinen Sie fast persönlich gekränkt zu sein, weil der jetzige Papst Sie nicht braucht, verständlicherweise ignoriert.

Der katastrophale Kindesmissbrauch in der Kirche ist nicht nur ein sexuelles, sondern ein gesamtmenschliches Verbrechen, das offengelegt und gebührend bestraft werden muss. Warum haben Sie in Ihrer Sorge um die Sexualität in Ihrem Interview dazu nichts zu sagen? Dagegen wirkt Ihre Verteidigung des genannten Art. 84 lächerlich. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben übrigens bei der Aufdeckung und Bekämpfung des genannten Missbrauchs weitgehend versagt. Was ist mit dem weitaus überdimensioniert vielen Homosexuellen unter den Geistlichen?

Es erscheint mir völlig unverständlich, wie Sie im Zusammenhang mit den wiederverheirateten Geschiedenen im Zusammenhang mit deren Zulassung zur Kommunion einen „Bruch mit der wesentlichen anthropologischen und theologischen Lehre über die menschliche Ehe und Sexualität“ sehen können. Weder „wesentlich“ noch „anthropologisch“ noch „theologisch“ stimmt. Die vielen, guten, theologischen, biblischen Aussagen der neuen Theologie – gerade auch in Deutschland – scheinen an Ihnen spurlos vorübergegangen zu sein. Sie vertreten und verteidigen damit eine der unverständlichsten und eindeutig abzulehnenden Aussagen von Johannes Paul II. Wenn schon, dann hätten Sie eventuell andere Aussagen dieses Papstes verteidigen können. Franziskus geht in seinem Schreiben im Prinzip nicht über die Bischofssynode hinaus. Sie hätten also die gesamte Synode kritisieren müssen.

Sie behaupten: „Die Tür ist hier verschlossen.“ Es handelt sich hier wohl nur um Ihre eigene Tür. Sonst wird immer wieder völlig zu Recht die Öffnung der einschlägigen Türen und Fenster der Kirche verlangt. Genauso ist für Sie die Tür für das „Frauenpriestertum“ verschlossen, wie Sie sagen. Auch hier beten Sie Johannes Paul II. nach. Nach ihm habe die Kirche keine Vollmacht zur Freigabe. Das ist eine reine Behauptung, durch Bibel und Theologie keineswegs beweisbar. Was der Papst als „definitiv“ bezeichnet, ist definitiv falsch. Auch an das diesbezügliche Diskussionsverbot von Johannes Paul II. hält sich erfreulicherweise niemand.

Würde man alle Lehren aller Enzykliken im Verlauf der Kirchengeschichte einhalten, wäre man nicht lebensfähig, hätte man den Glauben längst verloren, wäre man schizophren geworden. Inzwischen treten erfreulicherweise auch schon Bischöfe für die Diakonats- und Priesterweihe der Frauen ein. Franziskus lässt jetzt wenigstes über das Frauendiakonat diskutieren. Damit weicht er erfreulicherweise auch von Johannes Paul II. ab. Schade, dass sich die Bischofskonferenzen und fast alle Bischöfe nicht getrauen, dem Wunsch des jetzigen Papstes zu folgen und ihm mutige Vorschläge machen. Christoph Kardinal Schönborn z.B. hat es vor kurzem abgelehnt, sich auf Ersuchen von Reformbewegungen in Österreich beim Papst für viri probati einzusetzen. Karl Kardinal Lehmann, der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, spricht sich für viri probati aus.

Nach Ihrer Überzeugung würden die orthodoxe, die evangelische, die anglikanische Kirche mit ihrer Frauenordination Irrlehren vertreten und der Bibel widersprechen. Oder sind das alles keine Kirchen? Letzteres behauptet Benedikt XVI. in Bezug auf die evangelische Kirche. Auch hier wäre ein besseres theologisches Denken Ihrerseits gefragt. Sie beklagen in Ihrem Interview, dass Franziskus zugleich mit Johannes Paul II. auch Johannes XXIII. heiliggesprochen hat. Letzterer habe damit die Bedeutung von Johannes Paul II. relativieren wollen. So habe ich es auch gesehen und mich darüber gefreut. Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. hat die Kurie die längste Zeit zu verhindern versucht, insbesondere mit dem Hinweis darauf, dass er das Konzil einberufen hat. Franziskus hat genau mit dieser Begründung bei Johannes XXIII. auf das zweite Wunder verzichtet. Warum sagen Sie dazu nichts?

Johannes Paul II. hätte meinem Verständnis nach nie heiliggesprochen werden dürfen. Erstens wegen seiner Lehre in einigen Punkten, die er fast unfehlbar und definitiv vorgestellt hat, obwohl sie es nicht sind. Wegen der Abweichung von der offiziellen Lehre wurden TheologInnen oft hart und ungerecht verurteilt und bestraft. Johannes Paul II. ist vom Konzil abgewichen und wurde trotzdem heiliggesprochen. Zweitens wegen seiner Härte und seiner Unbarmherzigkeit gegenüber kirchenkritischen Personen. Leider stimmt es überhaupt nicht, was Sie behaupten, dass er „sein Pontifikat unter das Thema der göttlichen Barmherzigkeit gestellt hat“. Seine konkrete Politik beweist weitgehend das Gegenteil. Drittens wegen der weit übertriebenen Anzahl von Heilig- und Seligsprechungen (482 bzw. 1338), insbesondere aber von Personen, die es keineswegs waren, z. B. Josémaria Escriva de Balaguer, Gründer des erzkonservativen Opus Dei, die das letzte Konzil gründlich ablehnt, der auch sonst überhaupt kein Vorbild ist. Das persönliche Leben von Johannes Paul II. kann und will ich nicht beurteilen. Die Heilig- oder Seligsprechungen von so vielen Päpsten soll wohl primär der Aufstockung der Autorität der Päpste dienen, um damit Politik machen zu können, Macht auszuüben, von eigenen Problemen abzulenken. Dies alles hat dann natürlich nichts mit „Heiligkeit“ zu tun. Der Titel „Heiligkeit“ garantiert bei den Päpsten keine Heiligkeit.

Sie scheinen noch immer dem alten, lang gehegten und vertretenen Irrtum der katholischen Kirche anzuhangen, als ob das sechste Gebot das wichtigste, ja beinahe das einzige der zehn Gebote Gottes wäre. Die einseitige Sexualmoral und die Leibfeindlichkeit der Kirche haben wahrlich einen gewaltigen Schaden angerichtet und Millionen aus der Kirche vertrieben. Sie sollten in diesem Zusammenhang insbesondere an die Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. denken. Sie verteidigen die Sakramente. Das finde ich an und für sich gut. Aber bitte nicht so einseitig, als ob es fast nur um das Sakrament der Ehe ginge, und das noch dazu so einseitig.
Sie sind mit Ihrem Interview ein typischer Vertreter der (erz-)konservativen Garnitur in der Kirche, die ansonsten immer für Gehorsam, vor allem dem Papst gegenüber, eintritt. Das gilt für Sie natürlich insbesondere Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gegenüber, weil diese Ihre Meinung vertreten. Aus welchen Gründen verweigern Sie Franziskus den Gehorsam? Sie verlangen vom jetzigen Papst, „Korrekturen vorzunehmen“. Warum dieser Papst? Warum nicht viel eher, richtiger und wichtiger seine zwei Vorgänger, oder Päpste der früheren Zeit? Viele haben die Kirche mit der Pflicht zum Gehorsam regiert und damit degradiert. Sie verwickeln sich mit Ihren Behauptungen in arge Widersprüche. Sie tappen nicht nur in die „Vergewaltigungsfalle“, sondern auch in die Synodenfalle.

Benedikt XVI. vertritt die „Hermeneutik der Kontinuität“, Franziskus die „Hermeneutik der Kontinuität und der Diskontinuität“. Wer hat Recht? Für mich eindeutig Franziskus, weil seine Auffassung der Realität, der Kirchengeschichte, der Entwicklung der Lehre entspricht. Wo bleibt hier die Kontinuität? „Amoris laetitia“ bringt nur eine partielle Diskontinuität gegenüber der früheren Lehre. Das Prinzip der Unterscheidung, das zuvor schon in „Familiaris consortio“ eingeführt wurde, aber ohne Konsequenzen blieb, hat nun Franziskus angewendet. Er hat in diesem Punkt also nur die Konsequenzen gezogen, der Inkonsequenz Johannes Paul II. gegenüber. Wollen Sie mit Ihrer starren Statik, mit Ihrer konstruierten Kontinuität, die vielen Diskontinuitäten Ihres Lebens und Ihrer Aussagen kompensieren und sanieren? Schade, dass Sie von Ihrer früheren Vernunft nun zur Unvernunft gewechselt sind. Sie beschädigen mit Ihrem Interview sich selbst und so manche Ihrer früheren Aussagen.

Für Sie sind irgendwann festgeschriebene Bestimmungen schon gleich „bestehende Grenzen“, die nicht überschritten werden dürfen. Sie unterscheiden nicht einmal zwischen einem ordentlichen und einem außerordentlichen Lehramt. Nach Ihnen würde der jetzige Papst „sexuelle Verhältnisse“ genehmigen, „die objektiv der christlichen Lehrordnung widersprechen“. Was Sie als „objektiv“ und „christlich“ bezeichnen, ist höchst subjektiv und in vielerlei Hinsicht unchristlich. Das Haus, das Sie konstruieren, ist für niemanden bewohnbar, nicht einmal durch Sie und für Sie. Sie scheinen dies nicht einmal zu merken oder geben es einfach nicht zu. Die freie Gewissensentscheidung darf nicht nur theoretisch zugestanden, sondern muss endlich auch konkret ernst genommen werden. Also sind die Konsequenzen einer Norm nicht immer dieselben, was Sie behaupten. Franziskus bemüht sich, der Rolle des Gewissens gerecht zu werden, insbesondere der Norm gegenüber.

Wir sollten doch froh sein, dass der jetzige Papst eine „pastorale Wende“ herbeiführt, endlich auf die Menschen zugeht. Ihre Auffassungen vertreten genau das Gegenteil, vertreiben die Menschen, die Gläubigen. Warum sollte es sich bei der Kirche nicht um eine „pädagogische Veranstaltung, bei der man sich auf die Ehe als einem Ideal zubewegt“, handeln dürfen? Bei Ihnen ist allerdings von Pädagogik nichts zu merken. Nicht durch „Amoris laetitia“, sondern genau durch Ihre Auffassungen und Behauptungen ist die Möglichkeit „zunichte gemacht worden …, um freien Herzens auf die Menschen zugehen zu können.“ Außerdem befürchten Sie durch „Amoris laetitia“ einen „Säkularisierungsschub“ – einen solchen könnte die Kirche dringend brauchen – und einen „weiteren Rückgang der Priesterzahlen in weiten Teilen der Welt.“ Wieder eine Ihrer vielen und unglaubwürdigen Aussagen, die Sie nie beweisen könnten. Würde man Ihre diesbezügliche Behauptung ernst nehmen, dann gäbe es bereits seit Jahrhunderten keine Priester mehr, weil sich lehramtliche Aussagen immer wieder geändert haben. Sie scheinen von den wahren Ursachen dieses Rückganges keine Ahnung zu haben, bzw. geben Sie diese nicht zu. Hier spielt natürlich auch der Pflichtzölibat eine wichtige Rolle. Dieses Gebot widerspricht den 10 Geboten Gottes und hat in nicht wenigen Fällen unzähliges Leid verursacht. Um dieses Verbot kümmern Sie sich auch nicht, obwohl es sexuell relevant ist und Menschenrechte verletzt. Sie scheinen Pauschalisierungen, Diffamierungen, Immunisierungen und Behauptungen zu lieben und darauf noch stolz zu sein.

Den eindeutigen Tiefpunkt Ihrer Behauptungen haben Sie mit Ihrer Aussage erreicht, dass Papst Franziskus „die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt“. Ihre ungeheuerliche Unterstellung dem Papst gegenüber: „Das Chaos wurde mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben“, trifft einzig und allein auf Ihr eigenes Chaos zu. Damit widersprechen Sie eindeutig Ihrem Wissen, unter welchen Umständen und wann in der Kirchengeschichte ein Schisma aufgetreten ist. Sicher nicht aus einem so nichtigen bzw. aus gar keinem Grund. Nicht der jetzige Papst hat „Korrekturen vorzunehmen“, sondern eindeutig und raschest Sie selbst, um sich nicht aus der Kirche des Evangeliums und aus der Diskussion auszuschließen. Sie sind es, der einen Bruch betreibt. Ihre Glaubwürdigkeit ist in diesem Fall auf den Nullpunkt gesunken.

Wenn die Gefahr einer Spaltung oder eines Schismas besteht, dann eben durch Sie und Ihre Gesinnungsgenossen. Aber nicht einmal das wird diesen gelingen. „Verunsicherung und Verwirrung“ erzeugt nicht das besagte Schreiben des Papstes, wie Sie behaupten, sondern genau Sie und die erzkonservative Phalanx. Ich wäre froh, wenn Sie in einem positiven Sinn verunsichert worden wären, durch mein Schreiben nachdenklicher und vorsichtiger würden.

Nach meiner Sicht der Dinge handelt es sich beim genannten Päpstlichen Schreiben leider um keinen Bruch, sondern nur um minimale Veränderungen, denen Sie maximale Gefahren zuordnen. Sie behaupten, „Amoris laetitia“ enthalte „entscheidende Sätze, die die Lehre der Kirche verändern“. Dies trifft leider nicht zu. Es wäre höchst an der Zeit gewesen, zumindest endlich den theologischen Fortschritt des letzten Konzils in die Thematik von Ehe und Familie zu übernehmen. Darüber hinaus hätte es zumindest in einigen wesentlichen Punkten einer dringenden Änderung der Lehre bedurft. Manche TheologInnen sind fast krankhaft darum bemüht, nur eine Kontinuität der Lehre zu sehen, bzw. nur eine solche zuzulassen, anstatt einen Fortschritt zu fordern und diesen auch zu argumentieren. Nähere Argumente für diese meine Ansicht wollen Sie bitte den Texten entnehmen, die ich Ihnen übermittle, sowie aus der angeschlossenen Literaturliste.

Ich finde es völlig unberechtigt und unverständlich, dass Sie für Ihre Ansichten 1 Kor 14,8 in Anspruch nehmen, wo es heißt: „Und wenn die Trompete unklare Töne hervorbringt, wer wird dann zu den Waffen greifen?“ Sie schreiben… „zu den Waffen (des Heiligen Geistes)“. Im Originaltext der Bibel ist an dieser Stelle vom Heiligen Geist nicht die Rede. Sie verfälschen also diesen Text. Am schlimmsten aber finde ich, dass Sie auf diese Weise zumindest indirekt den Heiligen Geist für Ihre Position in Anspruch nehmen, und sich in dessen Dienst als tapferer Waffenträger wähnen, der allerdings die Sache nicht trifft. Das tun völlig zu Unrecht insbesondere die (Erz-)Konservativen. Wie leider auch viel zu oft und unbegründet aufgeschlossene Bischöfe. Für mein Verständnis weit übertrieben. Auch die letzte Bischofssynode. Hier sind die Sünden wider den Heiligen Geist beheimatet, die bekanntermaßen nicht vergeben werden können. Für geistlose Aussagen darf niemand den Heiligen Geist in Anspruch nehmen. Man kann und darf doch nicht für zwei divergierende, ja zum Teil sich widersprechende Aussagen den Heiligen Geist beanspruchen. Ich habe für meine Sicht der Dinge selbstverständlich nie den Heiligen Geist beansprucht. Das sollte übrigens niemand tun, wohl ihn aber ständig um seinen Beistand bitten.

Mit kollegialen Grüßen

Anton Kolb

Graz, am 16.06.2016


Beilagen:
1. Stellungnahme zum Abschlussbericht der XIV. Generalversammlung der Bischofssynode vom 04.-25.10.2015. Brief an Papst Franziskus.
2. Bischofssynode. Instrumentum laboris. Ehelose beurteilen die Ehe.
3. Bischofssynode vom 05.-19. Oktober 2014 in Rom. 10 Gebote für die Sitzung 2015.
4. Schreiben an Papst Franziskus, 3 Kardinäle, 5 Bischöfe in der Causa „Bischofssynode“.
5. Literaturliste Anton Kolb


Anton Kolb ist 1931 in Haus im Ennstal / Steiermark geboren, studierte Theologie in Graz und Philosophie an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Während seines Studiums in Rom war Kolb auch Konzilsstenograph und kennt von da her auch die handelnden Personen sowie die Arbeitsweise der Kirchenversammlung. 1956 wurde Kolb zum Priester geweiht und war ab 1970 Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Graz.


Hier das Interview mit Robert Spaemann aus CNA Deutsche Ausgabe:

EXKLUSIV: "Ein Bruch mit der Lehrtradition" – Robert Spaemann über Amoris Laetitia

Von Anian Christoph Wimmer

ROM/STUTTGART , 28 April, 2016 / 9:05 AM (CNA Deutsch).-

Der heilige Johannes Paul II. schätzte ihn als Berater, Benedikt XVI. schätzt ihn als Freund, und er gilt als der wichtigste katholische deutsche Philosoph der letzten Jahrzehnte: Robert Spaemann. Im exklusiven Interview mit CNA Deutsch äußert der emeritierte Philosophie-Professor eine deutlich kritische Lesart von Amoris Laetitia, dem fast 300 Seiten umfassenden nachsynodalen Schreiben von Papst Franziskus, das am 8. April vorgestellt wurde.

Professor Spaemann, Sie haben die Pontifikate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI mit Ihrer Philosophie begleitet. Viele Gläubige diskutieren nun, wie Amoris Laetitia von Papst Franziskus in Kontinuität mit der Lehre der Kirche und dieser Päpste zu lesen ist. Wie sehen Sie das?

Zum größten Teil ist das möglich, wenngleich die Richtung Folgerungen zulässt, die mit der Lehre der Kirche nicht kompatibel gemacht werden können. Der Artikel 305 zusammen mit der Anmerkung 351 allerdings, in dem festgestellt wird, dass Gläubige "mitten in einer objektiven Situation der Sünde", "auf Grund mildernder Faktoren" zu den Sakramenten zugelassen werden können, widerspricht direkt dem Artikel 84 des Schreibens Familiaris Consortio von Johannes Paul II.

Worum ging es Papst Johannes Paul II. denn?

Johannes Paul II. erklärt die menschliche Sexualität als "Realsymbol für die Hingabe der ganzen Person" und zwar "ohne jede zeitliche oder sonstige Begrenzung". Er formuliert daher in Artikel 84 ganz klar, dass wiederverheiratete Geschiedene auf Sexualität verzichten müssen, wenn sie zur Kommunion gehen wollen. Eine Änderung in der Praxis der Sakramentenspendung wäre daher keine "Weiterentwicklung von Familiaris Consortio", wie dies Kardinal Kasper meint, sondern ein Bruch mit ihrer wesentlichen anthropologischen und theologischen Lehre über die menschliche Ehe und Sexualität. Die Kirche hat keine Vollmacht, ohne vorherige Umkehr, ungeordnete sexuelle Beziehungen durch die Spendung von Sakramenten positiv zu sanktionieren und damit der Barmherzigkeit Gottes vorzugreifen. Ganz gleich wie diese Situationen menschlich und moralisch zu beurteilen sind. Die Tür ist hier — wie beim Frauenpriestertum — verschlossen.

Könnte man nicht einwenden, dass die von Ihnen genannten anthropologischen und theologischen Überlegungen zwar richtig sind, Gottes Barmherzigkeit aber nicht an solche Grenzen gebunden ist, sondern an die konkrete Situation jedes einzelnen Menschen anknüpft?

Die Barmherzigkeit Gottes betrifft den Kern des christlichen Glaubens an die Menschwerdung und Erlösung. Natürlich hat Gott jeden einzelnen Menschen in seiner konkreten Situation im Blick. Er kennt ihn besser, als dieser sich selber kennt. Das christliche Leben ist aber nicht eine pädagogische Veranstaltung, bei der man sich auf die Ehe als einem Ideal zubewegt, wie das Amoris Laetitia an vielen Stellen nahezulegen scheint. Der ganze Bereich der Beziehungen, insbesondere der Sexualität betrifft die Würde des Menschen, seine Personalität und Freiheit. Er hat etwas mit dem Leib als einem "Tempel Gottes" zu tun (1 Kor 6,19). Jede Verletzung dieses Bereichs, mag sie noch so oft vorkommen, ist daher auch eine Verletzung der Beziehung zu Gott, zu der die Christen sich berufen wissen, eine Sünde gegen seine Heiligkeit, und bedarf immer wieder der Reinigung und Umkehr.

Gottes Barmherzigkeit besteht gerade darin, diese Umkehr immer neu zu ermöglichen. Natürlich ist sie nicht an bestimmte Grenzen gebunden, aber die Kirche ihrerseits ist der Verkündigung der Umkehr verpflichtet und hat nicht die Vollmacht durch die Spendung von Sakramenten bestehende Grenzen zu überschreiten und der Barmherzigkeit Gottes Gewalt anzutun. Das wäre vermessen. Klerikern, die sich an die bestehende Ordnung halten, verurteilen deshalb niemanden, sondern berücksichtigen und verkünden diese Grenze zur Heiligkeit Gottes. Eine heilsame Verkündigung. Ihnen zu unterstellen, sie würden "sich hinter der Lehre der Kirche verstecken" und "sich auf den Stuhl des Moses setzen", um "Felsblöcke … auf das Leben von Menschen" zu werfen (Artikel 305) will ich nicht weiter kommentieren. Es sei nur angemerkt, dass hier missverständlich auf die entsprechende Stelle im Evangelium angespielt wird. Jesus sagt zwar, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten auf dem Stuhl des Moses sitzen, betont aber ausdrücklich, dass sich die Jünger an das halten sollen, was sie sagen. Sie sollen nur nicht so leben wie sie (Matt 23,2).

Papst Franziskus hat freilich betont, dass man sich nicht auf einzelne Sätze seines Lehrschreibens fokussieren soll, sondern das Ganze im Auge behält.

Die Konzentration auf die genannten Textstellen ist in meinen Augen völlig berechtigt. Man kann bei einem päpstlichen Lehrschreiben nicht erwarten, dass sich die Menschen an einem schönen Text erfreuen und über entscheidende Sätze, die die Lehre der Kirche verändern, hinwegsehen. Es gibt hier tatsächlich nur eine klare Ja-Nein-Entscheidung. Kommunion geben oder nicht geben, dazwischen gibt es kein Mittleres.

Der Heilige Vater unterstreicht in seinem Schreiben wiederholt, dass niemand auf ewig verurteilt werden darf.

Es fällt mir schwer zu verstehen, was er damit meint. Dass die Kirche niemanden persönlich verurteilen darf, schon gar nicht ewig, was sie ja Gott sei Dank auch gar nicht kann, ist ja klar. Wenn es aber um sexuelle Verhältnisse geht, die objektiv der christlichen Lebensordnung widersprechen, so würde ich gerne vom Papst wissen, nach welcher Zeit und unter welchen Umständen sich eine objektiv sündhafte, in eine gottgefällige Verhaltensweise verwandelt.

Handelt es sich hier also tatsächlich aus Ihrer Sicht um einen Bruch mit der kirchlichen Lehrtradition?

Dass es sich um einen Bruch handelt ergibt sich zweifellos für jeden denkenden Menschen, der die entsprechenden Texte kennt.

Unabhängig davon, ob man nun zustimmt: Stellt sich die Frage, wie es dazu gekommen ist.

Dass Franziskus seinem Vorgänger Johannes Paul II. mit kritischer Distanz gegenübersteht, zeichnete sich schon ab, als er ihn zusammen mit Johannes XXIII. heiliggesprochen hat, für den er eigens das, für Heiligsprechungen erforderliche, zweite Wunder fallen ließ. Dies wurde von vielen zurecht als manipulativ empfunden. Es hatte den Anschein, als wollte der Papst die Bedeutung von Johannes Paul II. relativieren.

Das eigentliche Problem aber ist eine seit vielen Jahren, schon bei den Jesuiten im 17. Jahrhundert zu findende, einflussreiche Strömung in der Moraltheologie, die eine reine Situationsethik vertritt. Die vom Papst in Amoris Laetitia angeführten Zitate von Thomas von Aquin scheinen diese Richtung zu stützen. Hier wird aber übersehen, dass Thomas objektiv sündhafte Handlungen kennt, für die es keine situativen Ausnahmen gibt. Zu ihnen gehören auch alle sexuell ungeordneten Verhaltensweisen. Wie zuvor schon Karl Rahner in den 1950-iger Jahren in einem Aufsatz, der alle wesentlichen, noch heute gültigen Argumente enthält, hat Johannes Paul II. die Situationsethik abgelehnt und in seiner Enzyklika Veritatis Splendor verurteilt. Auch mit diesem Lehrschreiben bricht Amoris Laetitia. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es Johannes Paul II. war, der sein Pontifikat unter das Thema der göttlichen Barmherzigkeit gestellt hat, ihr seine zweite Enzyklika widmete, in Krakau das Tagebuch der Schwester Faustyna entdeckte und sie später heiligsprach. Er ist ihr authentischer Interpret.

Welche Folgen sehen Sie für die Kirche?

Die Folgen sind jetzt schon abzusehen: Verunsicherung und Verwirrung von den Bischofskonferenzen bis zum kleinen Pfarrer im Urwald. Vor wenigen Tagen drückte mir gegenüber ein Priester aus dem Kongo seine Ratlosigkeit angesichts dieses Lehrschreibens und des Fehlens klarer Vorgaben aus. Nach den entsprechenden Textstellen von Amoris Laetitia können bei nicht weiter definierten "mildernden Umständen" nicht nur die Wiederverheiratet Geschiedenen, sondern alle, die in irgendeiner "irregulären Situation" leben, ohne das Bemühen ihre sexuellen Verhaltensweisen hinter sich zu lassen, das heißt ohne Beichte und Umkehr, zur Beichte andrer Sünden und zur Kommunion zugelassen werden. Jeder Priester, der sich an die bisher geltende Sakramentenordnung hält, kann von Gläubigen gemobbt und von seinem Bischof unter Druck gesetzt werden. Rom kann nun die Vorgabe machen, dass nur noch "barmherzige" Bischöfe ernannt werden, die bereit sind, die bestehende Ordnung aufzuweichen. Das Chaos wurde mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben. Der Papst hätte wissen müssen, dass er mit einem solchen Schritt die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt. Ein Schisma, das nicht an der Peripherie sondern im Herzen der Kirche angesiedelt wäre. Gott möge das verhüten.

Eines scheint mir jedoch sicher: Das Anliegen dieses Pontifikats, dass die Kirche ihre Selbstbezogenheit überwinden soll, um freien Herzens auf die Menschen zugehen zu können, ist durch dieses Lehrschreiben auf unabsehbare Zeit zunichte gemacht worden. Ein Säkularisierungsschub und ein weiterer Rückgang der Priesterzahlen in weiten Teilen der Welt sind auch zu erwarten. Es ist ja schon seit längerem zu beobachten, dass Bischöfe und Diözesen mit eindeutiger Haltung in Sachen Glaube und Moral den größten Priesternachwuchs haben. Man wird an die Worte des heiligen Paulus im Korintherbrief erinnert "wenn die Trompete keinen deutlichen Klang gibt, wer wird dann zu den Waffen (des Heiligen Geistes) greifen?" (1 Kor. 14,8).

Wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Jeder einzelne Kardinal, aber auch jeder Bischof und Priester ist aufgefordert, in seinem Zuständigkeitsbereich die katholische Sakramentenordnung aufrecht zu erhalten und sich öffentlich zu ihr zu bekennen. Falls der Papst nicht dazu breit ist, Korrekturen vorzunehmen, bleibt es einem späteren Pontifikat vorbehalten, die Dinge offiziell wieder ins Lot zu bringen.


Robert Spaemann ist Deutscher Philosoph und wurde 1927 in Berlin geboren. Er studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik an den Universitäten Münster, München, Fibourg und Paris und promovierte 1952 in Münster. 1962 habilitierte er sich an der Universität Münster zum Professor für Philosophie und Pädagogik mit einer Arbeit über Francois Fénlon. Gemeinsam mit Hermann Lübbe, Odo Marquard, Günter Rohrmoser und Ernst-Wolfgang Böckenförde gehörte er der sogenannten "Ritter-Schule" an.

1966 kritisierte Spaemann in einem Aufsatz das Projekt Weltethos des Konzilstheologen und Tübinger Dogmatikprofessors Hans Küng scharf. In seinen Reden und Veröffentlichungen setzt sich Spaemann für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein.

Spaemann war zudem Berater von Johannes Paul II und Benedikt XVI., mit dem auch freundschaftlich verbunden ist.