2018 03 22 P. Helm u. Christian Schicklgruber 150Während einst die Gewinnung neuer Kirchenmitglieder im Vordergrund stand, sei die wichtigste Motivation heute der Einsatz für geglücktes Leben. Es geht um "eine bessere Welt - theologisch ausgedrückt für das Reich Gottes". Dies stellte der Steyler Missionar Franz Helm in einem Gespräch mit dem Weltmuseum Wien-Direktor Christian Schicklgruber zu den Veränderungen im Missionsbegriff fest.

Dieses Verständnis von Mission hat aber auch Auswirkungen auf alle Aktivitäten der Kirche im eigenen Land. Es geht eben primär nicht darum, die Zahl der Sakramente oder die Teilnahme an Eucharistiefeiern zu erhöhen oder die Zahl der Kirchenaustritte zu verringern, sondern um eine "bessere Welt". Das ist eine gerechtere Welt, eine in der die Würde aller Menschen beachtet wird und in der Chancengleichheit für alle besteht.

Das betrifft die Aufnahme von zu uns geflüchteten Menschen unabhängig von ihrer Religion, die vollständige Akzeptanz von homosexuell geprägten Menschen oder die Hilfe gegenüber AIDS erkrankten genauso wie die gleichberechtigte Rolle von Frauen in der Kirche, die volle Mitbestimmung der Gläubigen oder die selbstverständliche Akzeptanz von in Partnerschaften lebenden Priestern.


Dazu ein Leserbrief von Helmut Rohner:

Die Ziele der Mission

Vor kurzem erklärte der Steyler Missionar Franz Helm in einem Gespräch, wie sich die Ziele der christlichen Mission in den letzten 100 Jahren gewandelt haben. Früher ging es darum, die Kirchenmitglieder zu vermehren und die Einzelnen durch Taufe und Bekehrung zum christlichen Glauben vor der ewigen Verderbnis, der Hölle zu bewahren. Heute geht es den Missionaren und Missionarinnen um folgende zwei Ziele: 1. Die Einzelnen sollen eine tatkräftige Hilfe bekommen, damit ihr Leben glücken kann und sie in ihrem Leben einen tiefen, gottgewollten Sinn entdecken. 2. Die ganze Menschheit bzw. die ganze Welt soll dadurch besser, gerechter, würdevoller, friedlicher und heiler werden. Diese zwei Ziele nennen die Theologen „Reich Gottes“. In der Vergangenheit wurde das „Reich Gottes“, das Jesus ankündigte, zu sehr mit der Kirche verknüpft gesehen oder gar mit dieser gleichgesetzt. „Reich Gottes“ gibt es - das haben wir, Gott sei Dank, heute klarer erkannt - in und außerhalb der christlichen Kirchen und auch in und außerhalb der anderen Religionen.


kathpress berichtete:

Steyler Missionar: Mehr Kirchenmitglieder nicht Ziel von Mission

Während einst die Gewinnung neuer Kirchenmitglieder im Vordergrund gestanden habe, sei die wichtigste Motivation heute der Einsatz für geglücktes Leben und "eine bessere Welt, theologisch ausgedrückt für das Reich Gottes",


Wien, 22.03.2018 (KAP) Das Verständnis der katholischen Kirche von Mission hat sich nach den Worten des Steyler Missionars P. Franz Helm in den vergangenen 100 Jahren deutlich gewandelt. Während einst die Gewinnung neuer Kirchenmitglieder im Vordergrund stand, sei die wichtigste Motivation heute der Einsatz für geglücktes Leben und "eine bessere Welt - theologisch ausgedrückt für das Reich Gottes", so der Ordensmann. P. Helm äußerte sich in einem Gespräch mit dem Direktor des Wiener Weltmuseums, Christian Schicklgruber, über historische Verbindungen der Einrichtung mit dem Steylerorden, geht aus einer Aussendung vom Donnerstag hervor.

Missionare hätten anderen ihren Glauben aufgedrängt und fremde Kulturen zerstört: So laute heute ein heute weit verbreitetes Urteil über die früheren kirchlichen Missionsaktivitäten in anderen Kontinenten, sagte P. Helm. Der genauere Blick zeige jedoch, dass Missionare wie etwa Steyler-Gründer Arnold Hanssen ihre Erfahrungen auch der Wissenschaft und für die Volksbildung zur Verfügung stellten. Ziel sei gewesen, den Menschen in Europa "aus fremden Kulturen bekannte Kulturen zu machen" und die Wertschätzung für letztere zu steigern.

Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil seien kirchliche Missionare vor allem von der Überzeugung geprägt gewesen, eine Erlösung sei nur durch das Evangelium möglich. "Die Taufe galt als Rettung vor der Hölle. Es war also ein Einsatz der Nächstenliebe, wenn Missionare alle Gefahren des Reisens auf sich nahmen, um 'Unerlöste' zu erlösen und ihnen das ewige Heil zu bringen", erklärte Helm.

Heute sei die Veränderung, die der Missionar bezwecken wolle, anderer Natur: Es gehe nicht mehr um die Bekehrung, sondern um die "Mithilfe, dass das Leben glückt". Missionare sähen sich als "Mitarbeiter unter anderen, die sich dafür einsetzen, dass das Leben in dieser Welt gerechter, würdevoller und friedlicher wird, dass Beziehungen heilen, dass Menschen einen Sinn finden und ihr Leben heiler wird, man könnte dazu auch sagen: heiliger", so der Missionswissenschaftler. Bei Begegnungen mit Menschen anderen Glaubens versuche er darüber zu reden, was jedem Gesprächspartner heilig sei.

Europa sah sich als Nabel der Welt

Sowohl Ethnologen als auch Missionare seien vom Interesse an den Menschen in anderen Erdteilen beseelt, waren sich Helm und sein Gesprächspartner Schicklgruber einig. Freilich treffe auch zu, dass beide Berufsgruppen noch im frühen 20. Jahrhundert Europäer als Spitze der Entwicklung und andere Kulturen als weniger entwickelt gesehen hätten. Noch heute sei diese Einstellung kaum überwunden, befand der Weltmuseums-Direktor; als Reiseleiter höre er oft gut gemeinte Kommentare von Reisenden, die ein "implizit überlegenes Selbstbild gegenüber der Gastgeberkultur" zeigten.

Viel Verbindendes haben die Kulturanthropologie sowie das Missionswesen jedoch auch aufgrund ihrer Geschichte, besonders in Österreich: Jene vier Steyler Missionare, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts die sogenannte "Wiener Schule" der Ethnologie gegründet hatten - dies waren P. Wilhelm Schmidt (1868-1954), P. Wilhelm Koppers (1886-1961), P. Martin Gusinde (1886-1969) und P. Paul Schebesta (1887-1967) - hätten zur Entwicklung des Faches Bedeutendes beigetragen, hob Schicklgruber hervor.

Dabei gebe es laut dem Kulturanthropologen sowohl Licht wie auch Schattenseiten: P. Gusinde habe sich etwa einst dagegen eingesetzt, dass eingewanderte Schafzüchtern die Ureinwohner der Feuerland-Inseln töteten. Hingegen habe P. Schmidt teils Beobachtungen seiner Mitbrüder ignoriert, wenn diese seiner These, Monotheismus und Monogamie gehörten zur Urkultur des Menschen, widersprachen. Dennoch sei der Beitrag der "Wiener Schule" zur Ethnologie kaum zu überschätzen, weshalb ihr das im Oktober 2017 neu eröffnete Weltmuseum Wien einen seiner 14 Räume widmet. (www.weltmuseumwien.at)