paul vi kleinVor 50 Jahren wurde die Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlicht. Paul VI. ist damals in seinem Lehrschreiben „Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens“ der extremen Minderheitenmeinung in den Arbeitsgruppen gefolgt und hat sich der restriktiven Meinung der ehemaligen konservativen Moraltheologen und Kardinal von Krakau, Karol Józef Wojtyła, angeschlossen.

Diese seine Entscheidung hat keine Akzeptanz unter den Gläubigen gefunden. Mehr als 95 % lehnen ein Verbot der Empfängnisverhütung ab. Mehr als 35 Bischofskonferenzen haben damals mit eignen Erklärungen versucht, Auswege aufzuzeigen. In Österreich verwies die „Maria Troster Erklärung“ vom August 1968 auf die Bindung an das eigene Gewissen der Eheleute.

Dieses Lehrschreiben zeigte wie weit auseinander Lehrinhalte der Kirchenhierarchie und Glaubenskern der Gläubigen liegen. Dabei geht es nicht nur darum, die beiden Positionen anzunähern, sondern auch um die Glaubwürdigkeit und den Realitätssinn der Kirche.

Schönborn facebook 120Vor 10 Jahren bewertete Kardinal Christoph Schönborn bei einem europäischen Bischofstreffen am 27. März 2008 im Jerusalemer Abendmahlsaal diese Erklärungen negativ und sprach von „Sünden“ der damaligen Bischöfe. Er stehe auf dem Standpunkt, es hätte niemals ein Nein zu "Humanae vitae" gesagt werden dürfen. Diese seine Aussagen wurden deutlich und scharf kritisiert.

Lintner Martin 120Was Franziskus dazu denkt? Darüber wird spekuliert. Einen Beitrag aus dem Tagesspiegel vom Februar 2018 haben wir ebenfalls angeschlossen. Erst kürzlich meinte der Südtiroler Moraltheologe Martin Lintner, es sei „denkbar und wünschenswert“, die Enzyklika "Humanae vitae" von Papst Paul VI. im Horizont von „Amoris laetitia“ weiterzuentwickeln und die dortige Festlegung auf natürliche Familienplanung aufzugeben.

Wie schnell es gehen wird, die deutliche Diskrepanz zwischen der Lehrmeinung kirchlicher Würdenträger und der großen Zahl der Gläubigen zu schließen bleibt abzuwarten. Bereits heute entscheiden verantwortliche Christinnen und Christen nach ihrem Gewissen. Das entspricht guter – auch katholischer – Tradition.

Nachstehend finden Sie Pressestimmen zu „Humanae vitae“ von 1968 aus der Sicht der Kathpress, eine Stellungnahme der „Aktion Leben“ sowie einen Beitrag zur weiteren Diskussion.


 LOGO kathpress 120    kramte im Archiv:

Enzyklika "Humanae vitae" im Spiegel der "Kathpress"

Am 25. Juli 1968 wurde die Enzyklika 'Humanae vitae' veröffentlicht

Die inner- wie auch außerkirchlich starke Resonanz auf das Lehrschreiben Pauls VI. über Ehe, Sexualität und Empfängnisverhütung spiegelt sich wider in der damals von Chefredakteur Richard Barta geleiteten Nachrichtenagentur - Hintergrundbericht von Robert Mitscha-Eibl


Wien, 23.07.2018 (KAP) Mitten im Sommer 1968 bewegten die Weltöffentlichkeit nicht nur die französischen Atomwaffentests auf dem polynesischen Mururoa-Atoll, in deren Folge eine radioaktive Wolke das nördliche Chile überquerte - auch im Vatikan ging eine "Bombe" hoch: Am 25. Juli wurde mit "Humanae vitae" (Hv) die wohl meistdiskutierte päpstliche Enzyklika der neueren Kirchengeschichte veröffentlicht. Die inner- wie auch außerkirchlich starke Resonanz auf dieses Lehrschreiben über Ehe, Sexualität und Empfängnisverhütung spiegelt sich wider in der damals von Chefredakteur Richard Barta, dem geistigen Vater der "Mariazeller Erklärung" von 1952 ("freie Kirche in einer freien Gesellschaft"), geleiteten Nachrichtenagentur "Kathpress". Im Folgenden einige Schlaglichter aus deren Archiv:

Noch am Donnerstag, dem 25. Juli 1968, wurde in einem "Kathpress"-Kommentar "über den wahrscheinlichen Inhalt" der Enzyklika spekuliert, deren Veröffentlichung "noch in diesem Jahr" erwartet wurde. Als "am wahrscheinlichsten" wurde ein "vorläufiger Charakter" des Dokuments erachtet. D.h. Papst Paul VI. werde "einstweilen" die bisherige Linie des kirchlichen Lehramtes hinsichtlich der sittlich gerechtfertigten Familienplanung bestätigen, sich aber angesichts der medizinischen Fortschritte bei der Geburtenkontrolle die Möglichkeit einer Weiterentwicklung offenlassen.

Es kam anders. Am Montag, 29. Juli, informierte "Kathpress" ausführlich über die Kernaussagen in Hv (siehe Artikel "Was in 'Humanae vitae' drinsteht"). Paul VI. legte sich fest - und er entschied anders als die noch von Papst Johannes XXIII. eingesetzte Studienkommission und eine von ihm selbst formierte Bischofskommission, die mehrheitlich zur Auffassung kamen, empfängnisverhütende Mittel seien an sich nicht verwerflich und die Wahl der Familienplanungs-Methode sei den Eheleuten selbst zuüberlassen. Wer sich über die "untrennbare Verbindung" von Liebe und Offenheit für Fortpflanzung beim ehelichen Akt hinwegsetzt, "stelle sich in einen Widerspruch zur inneren Wesensstruktur der Ehe und zum Willen des Urhebers der Schöpfung", fasste "Kathpress" zusammen.

"Keine unfehlbare Äußerung des Lehramtes"

Ein "Kathpress"-Interview am 29. Juli mit dem deutschen Theologen Prof. Johannes B. Hirschmann SJ (1908-1981) stellt die Frage nach der Verbindlichkeit von Hv für die Gläubigen. In seiner Antwort wies der Jesuit zunächst darauf hin, dass Hv "keine unfehlbare Äußerung des päpstlichen Lehramtes" sei, trotz der hohen Verbindlichkeit für das Gewissen. "Wie bei anderen Äußerungen des authentischen Lehramtes ist nicht jede weitere Frage und Diskussion ausgeschlossen", wird Hirschmann zitiert.

Und die Diskussion war bereits in vollem Gange. Am 30. Juli publizierte "Kathpress" katholische Reaktionen aus dem Ausland sowie österreichische Pressestimmen. Die Deutsche Bischofskonferenz kündigte "geeignete Hilfen" für Seelsorger und Gemeinden bei der Vermittlung der Lehrinhalte von Hv an, die niederländischen Bischöfe zeigten sich "betroffen" über die "Geburtenregelungsenzyklika". Über einen Schweizer Moraltheologen - Anton Meinrad Meier aus dem Priesterseminar Solothurn - berichtete "Kathpress", die päpstlichen Direktiven widersprächen seiner bisherigen Lehrtätigkeit; deshalb lege er sein Mandat als Dozent zurück.

Als Verteidiger des Papstes und dessen "großen Mutes" trat in derselben "Kathpress"-Ausgabe der italienische Moraltheologe Ferdinando Lambruschini auf, der Hv in einer Pressekonferenz am 29. Juli präsentiert hatte. Paul VI. habe sich "dem Drängen nach einer die Mühe scheuenden Öffnung die rigorose Bekräftigung des traditionellen Lehramtes gegenübergestellt", wohl wissend, dass dies "nicht von allen leicht angenommen werden würde".

Das erscheint geradezu als Euphemismus angesichts des Raschelns im österreichischen Blätterwald, das "Kathpress" am 30. Juli auf drei Seiten zusammenfasste. Verständnisvolle Worte für das "Sich-Durchringen" des Papstes zu einer absehbar unpopulären Wegweisung äußerte Pia Maria Plechl in der "Presse"; von einem "Sieg der Weltfremdheit, der nicht dem Leben dient", schreibt Paul Blau in der "Arbeiter Zeitung", und Kritik äußerte angesichts der globalen Bevölkerungszunahme auch "Cato" (Hans Dichand) in der "Kronenzeitung". Und die kirchennahe "Kleine Zeitung" bedauerte, dass in der Kirche nach ihrer geachteten Rolle im Kalten Krieg nun wieder "Abfall und Irrglaube" gewittert werde. In den "Salzburger Nachrichten" bekundete Hubert Feichtlbauer Unverständnis darüber, dass Geburtenregelung mit Kalender und Thermometer anders zu beurteilen sein soll als mit Antikonzeptiva; schließlich gebe es auch mit Brillen und Prothesen technische Ergänzungen der Natur.

König Franz 120Kardinal König meldet sich aus dem Urlaub zu Wort

Am 31. Juli meldete sich Kardinal Franz König - eine prägende Persönlichkeit des II. Vatikanums - aus dem Urlaub zu Wort. "Die (kritische, Anm.) Reaktion der Weltöffentlichkeit auf diese Enzyklika ist zwar verständlich, wird aber dem Fragenkomplex meiner Meinung nach nicht ganz gerecht", schrieb der Wiener Erzbischof in einer Stellungnahme an "Kathpress". Besonders wichtig scheine ihm der Hinweis in Hv auf "weitere Ergebnisse der medizinischen Forschung" zu sein, "von denen zu hoffen ist, dass sie eine richtige Handhabe für die Geburtenregelung geben werden". Für das einzelne Ehepaar wird - so König - neben der Ausrichtung nach den Grundsätzen des kirchlichen Lehramtes auch "eine Reihe anderer Überlegungen maßgebend sein".

An erster Stelle nannte der Kardinal hier das persönliche Gewissen, weiters "die spezielle Situation" und eben die "Errungenschaften der Medizin". Und der folgende Satz Königs könnte auch 50 Jahre später von Papst Franziskus stammen: "Der Seelsorger hat hier nicht unbarmherziger Richter zu sein, sondern in erster Linie Helfer seiner Mitmenschen." König gab damit eine Leitlinie vor, die er und die anderen Bischöfe mit der "Mariatroster Erklärung" am 1. Oktober 1968 aufgriffen. Darin wollten sie - ähnlich wie andere Bischofskonferenzen - den Gläubigen einen Zugang zu "Humanae vitae" erschließen.

Am 1. August berichtete "Kathpress" über eine am Vorabend vom späteren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk geleitete ORF-TV-Diskussion. Der damalige Theologie-Dozent und Wiener Kaplan Adolf Holl berichtete dabei über Gespräche mit Priesterkollegen und Gläubigen, in denen über die Enzyklika viel Enttäuschung, Schmerz und Trauer zum Ausdruck gekommen sei. Er selbst könne die Lehre in Hv aus Gewissensgründen nicht akzeptieren. Helmut Erharter, vierfacher Vater, Pastoratheologe und verantwortlich für die Zeitschrift "Der Seelsorger", meinte, "auch gute Katholiken" fänden in Hv keine Lösung ihrer Probleme im Zusammenhang mit der Familienplanung. Er sehe nicht ein, warum die "Kalender-Methode" natürlicher sein solle als andere Methoden. "Kathpress" lobte in einem Kommentar die hohe Qualität der vom damaligen Fernsehdirektor Zilk persönlich geleitete Sendung. Nachsatz: "Wer weiß, wie schwierig es ist, Stellungnahmen zur Frage der Enzyklika zu erhalten (und die Kathpress weiß es), muss auch das Bemühen des Fernsehens anerkennen, hier weitgehend zuständige Leute zu Wort kommen zu lassen."

Zahlreiche weitere kritische Stellungnahmen von Fachleuten und Medien aus dem In- und Ausland dokumentieren, dass inhaltliche Differenzen Ende der 1960er Jahre in der "Kathpress", dem "offiziösen" Nachrichtenorgan der katholischen Kirche Österreichs, nicht unter den Teppich gekehrt wurden. In einer Erklärung der Katholischen Aktion (KAÖ) am 2. August wird ungeschminkt darauf hingewiesen, dass die öffentliche Meinung "und eine große Zahl von Katholiken in diesem Land und in aller Welt" die Lehrentscheidung von Papst Paul VI. "bedauern". Die KAÖ wünschte sich ein weiteres kirchliches Wort, "das die konkrete Situation der Eheleute und ihre Gewissensnot berücksichtigt".

Diesem mehrfach geäußerten Wunsch entsprachen die österreichischen Bischöfe mit ihrer "Mariatroster Erklärung". Ihren inhaltlichen Kern bildet die Position: Wenn jemand aus seiner Gewissensentscheidung heraus glaubt, auch gegen den Papst stehen zu müssen, so hat die Kirche dies zu akzeptieren. Diese Möglichkeit, zur persönlichen Gewissensentscheidung zu stehen, aber trotzdem in der Kirche bleiben und sich ihr zugehörig fühlen zu können, ist in den fünf Jahrzehnten seit "Humanae vitae" von vielen wahrgenommen worden.

Weitere Meldungen und Hintergrundberichte zur vor 50 Jahren veröffentlichten Enzyklika "Humanae vitae" im Kathpress-Themenpaket unter www.kathpress.at/humanae-vitae


Kronthaler Martina 120"Aktion Leben" zu Familienplanung: Methode nicht entscheidend

In Schwangerenberatung tätige Organisation: Vom Papst in "Humanae vitae" als verbindlich erklärte natürliche Empfängnisregelung nicht für jede Frau geeignet - "Wer Abtreibungen vermeiden will, muss auch über alle Methoden der Empfängnisregelung und Verhütung informieren"

Wien, 12.07.2018 (KAP) Den in der Enzyklika "Humanae vitae" formulierten Anspruch, bei der Familienplanung "auf das körperliche Wohl oder seelische Gleichgewicht" der Frau Bedacht zu nehmen, teilt die "Aktion Leben" mit dem Verfasser Papst Paul VI. Für nicht entscheidend hält Martina Kronthaler, die Generalsekretärin des u.a. in der Schwangerenberatung engagierten parteiunabhängigen, überkonfessionellen Vereins jedoch, welche Methode angewendet wird, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Die vom päpstlichen Lehramt empfohlene natürliche Empfängnisregelung sei nicht für jede Frau geeignet, und Rücksicht auf die Partnerin bzw. auf den eigenen Körper hänge nicht von der gewählten Methode ab, gab Kronthaler im Interview mit "Kathpress" zu verstehen.

Die "natürlichen Methoden", bei denen es den weiblichen Monatszyklus sorgsam und diszipliniert zu beachten gilt, seien nach Erfahrung der "Aktion Leben" für selbstbewusste Frauen interessant, die ihren Körper und ihren Zyklus gut kennen, und die in Einklang mit ihrem Körper und auch mit Partnern leben, die diese Haltung teilen. Das Interesse daran sei durchaus nicht immer religiös motiviert, sondern werde auch durch Bewegungen geschürt, die sich mit Ökologie und Achtsamkeit befassen.

Kronthaler: "In unserer Beratung sehen wir immer wieder Frauen, denen die Männer Verhütung verbieten, die Buben zur Welt bringen sollen und die physisch und psychisch am Ende sind." Viele Frauen hätten auch nie erfahren, dass sie gut mit sich umgehen oder ihren Männern Grenzen setzen dürfen. In deren Familien habe es kein Vorbild für liebevolle Partnerschaften oder für das Reden über Familienplanung gegeben. Umgekehrt treffe die "Aktion Leben" aber auch auf Paare, "die in gemeinsamer Verantwortung die für ihre aktuelle Situation passende hormonelle oder andere Methode der Verhütung wählen und dadurch aufeinander Rücksicht nehmen".

De facto spiele etwa die symptothermale Methode, die Rückschlüsse auf fruchtbare Tage durch penible Körperbeobachtung zulässt, in der Beratung eine geringe Rolle, teilte Kronthaler mit. Viele der Ratsuchenden lebten in Beziehungen, "in denen die Voraussetzungen dafür völlig fehlen". Das Thema Familienplanung anzusprechen, sei den "Aktion Leben"-Fachfrauen aber sehr wichtig: "Denn können sie nicht verhüten, geraten sie bald wieder in eine krisenhafte Schwangerschaft, die vielleicht zu einem Abbruch führt", gab die Generalsekretärin zu bedenken. Ihre Überzeugung: "Wer Abtreibungen vermeiden will, muss auch über alle Methoden der Empfängnisregelung und Verhütung informieren - wobei ein Abbruch für uns keine Verhütungsmethode ist."

In der Bildungsarbeit lege die "Aktion Leben" großen Wert darauf, dass der weibliche Zyklus und die männliche Fruchtbarkeit verstanden werden. Diese Kenntnisse seien grundlegend dafür, um die einzelnen Methoden der Verhütung zu verstehen. "Außerdem geben unsere Workshops Impulse dafür, sich selbst gut spüren und wahrnehmen zu lernen, sich in Beziehungen respektvoll zu verhalten." Grundlegend sei eine positive, achtsame Sprache, das Ernstnehmen des Gegenübers, "was in der Sexualpädagogik ganz besonders wichtig ist".

"Keine Verhütung zu 100 Prozent sicher"

In puncto "Sicherheit" der verschiedenen Methoden verwies Kronthaler auf den "Pearl-Index", der angibt, wie viele von 100 Frauen schwanger werden, wenn sie eine bestimmte Form der Verhütung ein Jahr lang praktizieren. Bei der Pille liegt der Index je nach Zusammensetzung bei 0,1 bis 0,4 Prozent, bei der Hormonspirale bei 0,16 Prozent, beim Kondom liegt die Bandbreite zwischen 2 und 12 Prozent. Die symptothermale Methode mit dem Markennamen "Sensiplan" liegt laut Kronthaler bei einer Schwangerschaftsrate von 1,8 von 100 Frauen - Anwendungsfehler mit eingerechnet.

Solche Fehler passieren freilich auch bei Pille und Kondom, schränkte Kronthaler ein. Grundsätzlich sei keine Verhütung zu 100 Prozent sicher, es kann bei jeder Methode zu ungeplanten Schwangerschaften kommen. "Wir informieren auch, welche Produkte eine Einnistung des Embryos verhindern", ging die "Aktion Leben"-Vertreterin auf eine weitere kirchlicherseits abgelehnte, weil frühabtreibende Methode ein. Diese werde jedoch ständig weiterentwickelt und die Wirkweisen veränderten sich dadurch. "So wie in der Beratung raten wir weder ab noch zu, sondern versetzen die Menschen in die Lage, informierte Entscheidungen zu treffen. Die ärztliche Beratung empfehlen wir hingegen immer."

Bleibender Wert von "Humanae vitae"

Befürworter der vor 50 Jahren veröffentlichten Enzyklika "Humanae vitae" sprechen oft von einem "prophetischen Wort" des Papstes. Und auch die wegen ihrer Methoden-Offenheit von manchen Kirchenvertretern kritisch beäugte "Aktion Leben" attestiert dem umstrittenen Lehrschreiben einen bleibenden Wert. Kronthaler würdigte, dass Paul VI. Sexualität als Ausdruck gegenseitiger Liebe und Achtung und als etwas Schöpferisches gesehen habe. Das werde dem Menschen in seiner Sehnsucht nach einer Gesamtwahrnehmung seiner selbst gerecht. "Niemand möchte nur ein Objekt der Befriedigung für jemand anderen sein", betonte Kronthaler, und da stelle die Enzyklika klar, "dass Sexualität viel mehr bedeutet". Paul VI. hat weiters in seiner Sorge vor der Instrumentalisierung des Menschen die Gefahr der Pornografie vorausgesehen, die heute für Jugendliche oft der erste Einstieg in die Auseinandersetzung mit Sexualität ist, wie die Generalsekretärin weiß. Zu dieser Warnung passe aktuell auch die Verzweckung der Frau z.B. durch Leihmutterschaft. Was von "Humanae vitae" bleibt, hat laut Kronthaler Papst Franziskus in "Amoris laetitia" (Nr. 82) wie folgt zusammengefasst: "Bei der moralischen Bewertung der Methoden muss die Würde der Person respektiert werden."

Sexualität ist ihrer Überzeugung nach eine positive Kraft für uns Menschen. "Sie so in unser Leben zu integrieren, dass wir ohne Angst vor Folgen in der Liebe bleiben können oder bei ungeplanten Schwangerschaften von unseren Partnern aufgefangen werden, halte ich für ein menschenfreundliches Ziel", erklärte Kronthaler. Die Realität hinke leider oft hinterher "und sich um Verhütung zu kümmern, wird meist immer noch allein den Frauen überlassen - oder ihnen verboten".

Weitere Meldungen und Hintergrundberichte zur vor 50 Jahren veröffentlichten Enzyklika "Humanae vitae" im Kathpress-Themenpaket unter www.kathpress.at/humanae-vitae gg


Der Tagesspiegel vom 1. Februar 2018 veröffentlichte einen KNA Bericht. Nachstehend können Sie ihn lesen.

Schafft Franziskus das Verbot der "Pille" ab?

Es gibt Hinweise darauf, dass die Enzyklika "Humanae vitae" ausgehöhlt werden könnte. Aber die Vorgänge sind undurchsichtig.

Wird die Enzyklika "Humanae vitae" in Frage gestellt? Die Haltung von Papst Franziskus ist unklar.

„Bergoglio erlaubt die Pille“. „Jetzt schafft er 'Humanae vitae' ab“. Seit Tagen schon schlagen konservative katholische Blogs und Twitterer Alarm. Der Journalist Sandro Magister, eine Galionsfigur der Franziskus-Kritiker, betitelte seinen Beitrag: „'Humanae vitae' adieu. Franziskus liberalisiert die Pille“. Anlässe der Aufregung: ein Vortrag an der Päpstlichen Universität Gregoriana, Artikel in der Tageszeitung der Italienischen Bischöfe sowie päpstliche Recherchen im Archiv der Glaubenskongregation.

„Humanae vitae“, mit dem Papst Paul VI. (1963-1978) künstliche Verhütungsmethoden als moralisch verwerflich verbot, ist für liberale Katholiken seit 50 Jahren ein Rotes Tuch. „Amoris laetitia“, in dem Franziskus einen nachsichtigen Umgang mit Katholiken in zweiter Ehe nahelegt, ist das Hassbild der Konservativen.

Entsprechend tönt es von konservativer Seite: Das Lehrschreiben „Humanae vitae“ von 1968, das künstliche Verhütung anprangerte, weil durch sie der sexuelle Akt bewusst von der Fortpflanzung getrennt und zudem sexuelle Freizügigkeit gefördert werde, könnte künftig stärker seelsorglich interpretiert werden - ganz im Geist von „Amoris laetitia“. Was das konkret heißt, wird stets vom Einzelfall abhängen. Aber ein pauschales „Verbot“ scheint nicht mehr ins neue Denken unter Franziskus zu passen.

Ob aus dem Vatikan tatsächlich bald eine Neuauslegung der „Pillen - Enzyklika“ kommt, ist ungewiss. Dass eine Kommission im Auftrag des Papstes die Entstehungsgeschichte von „Humanae vitae“ untersucht, hat der Leiter des Archivs der Glaubenskongregation, Alejandro Cifres, unlängst der Katholischen Nachrichten - Agentur (KNA) bestätigt. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte der Vortrag des italienischen Moraltheologen Maurizio Chiodi, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Dieser hatte zunächst den Zusammenhang zwischen allgemeinen Normen, individueller Lebenslage, Gewissen und praktischem Handeln analysiert.

Was wird Papst Franziskus tun?

Weitere Überlegungen zum Grundanliegen von „Humanae vitae“, der „'unlösbaren' Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung“, führen Chiodi zu der Frage, ob „natürliche Methoden (der Verhütung) die einzige Form verantworteter Elternschaft sein könnten/müssten“. Er verwendet beide Wörter so mit Schrägstrich. Chiodi betont den Wert verantwortlicher Elternschaft und Sorge für die Nachkommenschaft. Für diese aber könnten in je unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Mittel gewählt werden. Dass „Humanae vitae“ auf natürlichen Verhütungsmethoden bestehe, könne nicht als Norm um ihrer selbst willen verstanden werden.

Chiodis Vortrag von Mitte Dezember hat mehr Gewicht als viele andere Diskussionsbeiträge zu der seit Jahrzehnten umstrittenen Frage. Er hielt ihn an der Päpstlichen Universität Gregoriana, und „Avvenire“, die Tageszeitung der italienischen Bischöfe, berichtete wohlwollend darüber: Chiodis Vorschlag, „Humanae vitae“ von „Amoris laetitia“ aus neu zu lesen, sei zu verstehen als ein „Vorschlag, der die Entwicklung kirchlicher Tradition darstellen“ wolle; diese dürfe „nicht zu einem Fossil werden“.

Was Papst Franziskus zu dem heiklen Thema denkt, ist noch nicht klar. Sein in vielen Medien verkürzt wiedergegebenes „Katholiken sind keine Karnickel“ - Zitat zur Frage verantworteter Elternschaft gibt darüber keine verbindliche Auskunft. Zudem hat er die Enzyklika Pauls VI. mehrfach gewürdigt. Bei seinem Rückflug von den Philippinen im Januar 2015 nannte er sie ein „prophetisches Dokument“. Prophetisch auch deshalb, weil sie der Ideologie einer zwangsweisen Geburtenkontrolle in der Dritten Welt entgegentrete, wie sie einst von „Welt - Bevölkerungsexperten“ gepredigt wurde.

Auch in „Amoris laetitia“ zitiert Franziskus den Text aus dem Jahr 1968 mehrfach - und er deutet an, wie er sie versteht. „Es gilt, die Botschaft der Enzyklika (...) wiederzuentdecken, die hervorhebt, dass bei der moralischen Bewertung der Methoden der Geburtenregelung die Würde der Person respektiert werden muss“, heißt es an einer Stelle.

Für seine konservativen Kritiker wäre es ein weiterer moraltheologischer Umfaller, wenn der Papst aus Argentinien die Erlaubtheit von Pille und Kondom vom Einzelfall abhängig machen würde. Letztlich würde Rom damit - wie schon beim Thema der wiederverheirateten Geschiedenen - mit Verzögerung auf eine Linie einschwenken, die deutsche Bischöfe schon Jahrzehnte zuvor aufgezeigt haben.
(KNA)