Haller Reinhard 120Der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller tritt für deutliche Reformschritte im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Übergriffe im kirchlichen Bereich gegenüber Kindern und Frauen ein, meldet kathpress. Haller ist auch Mitglied in der unabhängigen Opferschutzkommission (Klasnic-Kommission) und kennt von dieser Seite eine große Zahl dieser grauenhaften Vorfälle.

Er hinterfragt die Sinnhaftigkeit des Pflichtzölibats und stellt fest, dass Kleriker "keinerlei Rüstzeug für den Umgang mit der Sexualität" haben. Dem jüngsten Antimissbrauchs-Gipfel fehlt es an konkreten Ergebnissen, meint Haller. Leider habe die Kirche ihre klaren Vorgaben "selbst nicht gelebt". Am Beispiel Jesu gemessen ist es "durch nichts gerechtfertigt", Frauen vom Weiheamt auszuschließen, so Haller.

Experte: Priester brauchen Kompetenz im Umgang mit Sexualität Priesterweihe

Psychiater Haller, Berater der Bischofskonferenz bei Umgang mit Missbrauch, hinterfragt in "Vorarlberger Nachrichten" Sinnhaftigkeit des Pflichtzölibats - Antimissbrauchs-Gipfel im Vatikan: "Über Jahrhunderte angestaute Probleme nicht in vier Tagen zu lösen"


Feldkirch, 11.03.2019 (KAP) Defizite beim Umgang mit dem Thema Sexualität - auch mit ihrer eigenen - ortet der renommierten Gerichtspsychiater Reinhard Haller bei vielen Priestern. Dem müsste nach seiner Überzeugung schon in der Ausbildung der Kleriker entsprechend Rechnung getragen werden, "denn sie haben keinerlei Rüstzeug für den Umgang mit der Sexualität". Er habe einmal einen Priester behandelt, der aufgrund eines massiven sexuellen Missbrauchs zu einer mehrjährigen Haft verurteilt wurde, erzählte Haller in der Wochenendausgabe der "Vorarlberger Nachrichten". Dieser habe gesagt, während seiner gesamten Ausbildung nichts über Sexualität gehört zu haben.

In diesem Zusammenhang hinterfragte der Psychiater und Suchtexperte, der im Februar von der Österreichischen Bischofskonferenz für einen mit unabhängigen Experten zusammengesetzten Beirat zum Thema Missbrauchsprävention und Opferschutz gewonnen wurde, auch die geltenden Zulassungsbestimmungen zum Priesteramt: "Ob man dieses zwingende Zölibat angesichts der Ereignisse tatsächlich aufrechterhalten kann", ist für Haller "mehr als fraglich".

Dass das Zölibat an sich pädophil macht, glaube er nicht. Aber die Kirche habe das "Problem, dass Menschen, die pädophile Neigungen haben, und das sind gar nicht so wenige, kindernahe Berufe und Tätigkeiten suchen". Dem müsse man durch eine bessere Auswahl und eine "Enttabuisierung der Sexualität" ebenfalls entsprechen.

Antimissbrauchs-Gipfel: Konkretes fehlt noch

Den jüngsten Antimissbrauchs-Gipfel im Vatikan bewertete der Fachmann differenziert. Er gehe davon aus, dass bisher fehlende konkrete Ergebnisse im Anschluss an die Bischofsversammlung nachgereicht werden. "Man kann natürlich nicht in vier Tagen diese über Jahrhunderte angestauten Probleme lösen, und der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass es dahingehend Aktivitäten gibt." Haller verwies auf die Missbrauchs-Aufarbeitung durch die Klasnic-Kommission - der er auch selbst angehört - und bereits geleistete hohe Hilfszahlungen.

An der Missbrauchskonferenz missfielen ihm jedoch fehlende Novellierungen im Kirchenrecht. Es sei zwar über gesetzliche Dinge viel gesprochen worden, diese wurden "aber nicht angegangen". Haller: "Es sollte doch klar sein, dass ein Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, nicht weiter sein Amt ausüben darf." Seiner Überzeugung nach wäre es "höchst an der Zeit, dass sich die Kirche ihrer Haltung gegenüber der Sexualität stellt und sich neu darauf besinnt".

Der Kirche werde gar nichts anderes übrigbleiben, als sich der Sache zu stellen, betonte Haller weiter. Freilich sei sexueller Kindesmissbrauch, "da hat der Papst recht", ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Kirche habe dazu immer eine klare Haltung bezogen, diese "aber selbst nicht gelebt". Dazu verwies der Psychiater relativierend auf Berechnungen, "wonach von den sexuellen Missbrauchsfällen nur wenige Promille auf kirchliche Institutionen und Personen zurückzuführen sind". Die absolut notwendige Diskussion darüber solle also "nicht nur bei der römisch-katholischen Kirche hängenbleiben", es brauche eine gesamtgesellschaftliche Sicht. Haller wörtlich: "Wir leben in einer hypersexualisierten Welt. Da ist es bequem, einen Sündenbock zu haben, auf den man alles abladen kann. Die Kirche drängt sich hier natürlich auf."

Man müsse ungeachtet des Ernstnehmens der Opferschicksale bedenken: "30 Prozent der Anzeigen sind Fehlanzeigen, weil es unter anderem zu falschen Erinnerungen kommen kann." Dennoch bleibt es laut Haller das Allerwichtigste, dass sich die Opfer trauen, mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen und man sie ernst nimmt.

Frauenfrage endlich angehen

Großen Reformbedarf sieht der Psychiater auch in Bezug auf das Thema Frau in der Kirche. Dass die Kirche "auf alles verzichtet, was Frauen zu bieten haben, indem sie sie nicht zum Priesteramt zulässt, ist durch nichts gerechtfertigt". Jesus selbst habe gegenüber Frauen eine ganz andere Haltung eingenommen. "Wenn man heute sieht, was alles mit dem freiwilligem Einsatz von Frauen in der Kirche geschieht, kann man überhaupt nicht verstehen, warum sich die Kirche nicht traut, sich dieser Frage anzunähern", kritisierte Haller. Er vermute dahinter eine tief verwurzelte Angst vor der Frau. Aber: "Ich glaube, dass die Zukunft der Kirche ganz entscheidend davon abhängen wird, ob es ihr gelingt, die Frauen besser und gleichwertig zu integrieren."


 Zur Person Reinhard Haller:

Reinhard Haller wurde 1951 in Mellau, Bregenzerwald, geboren und ist ein renommierter österreichischer Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Suchtforschung.

Haller ist außerdem als psychiatrischer Gerichtsgutachter bekannt und kam durch mehrere Fälle an die Öffentlichkeit. Er verfasste unter anderem Gutachten in den Fällen zu Jack Unterweger, Franz Fuchs, Amoklauf von Winnenden und den NS-Arzt und späteren Gerichtssachverständigen Heinrich Gross.

Von 1971 bis 1976 studierte Haller Medizin und von 1977 bis 1983 absolvierte er die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. 1994 folgte die Habilitation an der Universität Innsbruck zum Thema „Psychische Störung und Kriminalität“.

1983 wurde Haller Chefarzt in der Sonderanstalt Stiftung Maria Ebene in Frastanz und Leiter des zugehörigen Krankenhauses Maria Ebene (dem Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke). Seine entwickelten Therapiekonzepte betrachten Süchtigkeit nicht als isolierte Störung, sondern als Symptom zugrunde liegender biopsychosozialer Probleme und verfolgen einen integrativen Therapieansatz.

Seit 1983 ist Haller Gerichtssachverständiger an verschiedenen österreichischen und nichtösterreichischen Gerichtshöfen.

Seit 1990 ist Haller der Drogenbeauftragte der Vorarlberger Landesregierung. Er entwickelte mehrere Drogenkonzepte für das Land. So fungiert er als Sachverständiger für Fragen der Suchtprävention, -behandlung und -rehabilitation im Schwerpunktbereich der illegalen Drogen. Haller organisierte Aufbau und Weiterentwicklung des umfassenden Suchtbetreuungsnetzes in Vorarlberg.

Von 1990 bis 2007 leitete Haller das Universitätsinstitut für Suchtforschung der Psychiatrischen Universitätsklinik Innsbruck. Dort lehrt er bis heute. Haller hatte eine Gastprofessur an der Universität Klagenfurt.

1990 gründete Haller mit der Werkstatt für Suchtprophylaxe („Supro“) die erste Suchtpräventionsstelle Österreichs. Kampagnen wie „Kinder stark machen“ oder „Mehr Spaß mit Maß“ gehen auf Haller zurück. In den letzten Jahren, in denen Haller bei der „Supro“ war, schuf er ambulante und stationäre Behandlungskonzepte für Spielsüchtige, Internetsüchtige, Kaufsüchtige und Nikotinabhängige.

Haller ist verantwortlich für die postpromotionelle Zusatzausbildung „Forensische Psychiatrie“ der Österreichischen Ärztekammer. Sie hat das Ziel, die Qualität von forensisch-psychiatrischen Gutachten zu erhöhen sowie geltende Standards zu vereinheitlichen, insbesondere im Bereich der Prognostik.

Seit 2006 war Reinhard Haller Präsident der Neuen Kriminologischen Gesellschaft. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des im Dezember 2010 gegründeten oberösterreichischen Think Tanks Academia Superior.

Haller ist Mitglied der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft („Klasnic-Kommission“), die Entschädigungen für Missbrauchsopfer kirchlicher und staatlicher Institutionen regelt.

Haller wirkt im Landesgremium (Bruderschaftsrat) der Bruderschaft St. Christoph am Arlberg mit, welche unverschuldet in Not geratene Familien und Personen unterstützt. Außerdem engagiert sich Haller in mehreren Wohltätigkeitsorganisationen, unter anderem als Obmann des Fördervereins zum Bildungshaus Batschuns.